Als ob

So tun, als ob. Eine Simulation und das Trugbild (Simulacrum), d.h. die Simulation für die Wahrheit nehmen. Hikikomori. Flugsimulator. Simulation City. Zeitungssimulation (Blick am Abend). Expertensimulation (Wikipedia: Die Autorität der Enzyklopäden der Aufklärung ist längst verschwunden.). Und die Zuspitzung: Lebenssimulation (Second Life). – Und der Einwand: Tun wir also nicht immer (manchmal deutlicher, manchmal weniger deutlich) so, als ob wir etwas könnten, wovon wir wenig Ahnung haben? Imitieren wir nicht ein Original, das wir nicht kennen? – Genau wie es die ersten Enzyklopäden nicht mehr gibt, so ist auch die Kritik alt geworden. Mit ergrauten Haaren an den Schläfen. – Dann ginge es aber um den Modus, wenn Wikipedia auch eine Enzyklopädie ist. Und sie ist eine Enzyklopädie. So stark, dass die herkömmlichen gedruckten Nachschlagewerke reihenweise eingehen. – Wenn nicht Hikikomori, dann also Hinwendung und das Brauchen der Sprache. Wir müssen reden. Die Art und Weise also und was es gibt:

Es gibt Kritiken, die starkt von ihrem Jargon leben. Sie folgen den akademischen Gepflogenheiten und spielen das Glasperlenspiel. Mit ihrer Ausdrucksweise könnten sie sich für Fachzeitschriften bewerben oder Stipendien gewinnen. Sie sind etwas für Eingeweihte und nehmen den Text zum Anlass, sich ihrer selbst statt des Lebens im Text zu vergewissern oder das Wissen zu illustrieren, indem sie im äussersten Fall mit hochgestellten Zahlen den Ort des Wissens markieren: „Mag der Tod auch ihr Fluchtpunkt darstellen, so beinhaltet Kritik doch unabwendbar – dies die nur prima facie paradoxe Pointe der Benjaminschen Spezifikation des Mortifizierens als «Ansiedlung des Wissens, in ihnen, den abgestorbenen»5 – eine Bejahung der Werke – nicht in ihrer organischen Einheit vielleicht, aber ihre «disiecta membra»6 neu ins Spiel und zum Tranzen bringend – als lebendige.“

Es gibt Kritiken, die von der Überzeugung ausgehen, ihrem Text nicht gerecht werden zu können. Und ihm deshalb auch nicht gerecht werden zu sollen. Sie heben sich über den Text und müssen an sich selbst gemessen werden. Sie erheben denselben Anspruch wie ein literarischer Text, weniger Ausdruck einer Textgattung als Ausdruck ihrer selbst zu sein. Sie sind dann gut, wenn sie gern und leicht gelesen werden. Sie sind schnodrig und direkt: „Der vorliegende Text ist in der Überzeugung geschrieben worden, dass solche Sätze als Anwort auf eine Kritik unmöglich sind.“

Es gibt Kritiken, die versuchen ihrem Text zu folgen. Sie warten an Haltstellen. Sie fahren Bus oder spazieren durch Strassenzüge. Sie gehen den Zeilen entlang, in der Hoffnung, sich am Ende Rechenschaft über den zurückgelegten Weg geben zu können: „Auf narrativer sowie struktureller Ebene vollziert der Text eine Öffnung hin auf eine myse en abyme und mündet so am Ende in seine eigene Unendlichkeit.“

Es gibt Kritiken, die den Text in einen Bezug zur Gegenwart setzen. Sie sehen Literatur als Ausdruck einer Zeit und versuchen diese Zeit zu fassen. Es geht darum zu sagen, wie die Welt ist, und die Abhängigkeit der Literatur von ihren Umständen aufzuzeigen. Sie behalten aber auch die Geschichte im Blick, um nicht Gefahr zu laufen, unreflektiert der Gegenwart zu verfallen: „Auf der einen Seite arbeitet Rainer Maria Rilke […] Auf der anderen Seite hingegen versucht Marcel Proust.“

Es gibt Kritiken, die sich ihrer selbst nicht gewiss sind und die sich also mit einer langen Einleitung der Möglichkeit berauben, sofort im Text aufzugehen und die Lust am Lesen weiterzugeben. Statt zu improvisieren und zu experimentieren, reden sie abstrakt um den heissen Brei herum: „Ein Experiment zeichnet sich dadurch aus, dass es seine Rahmenbedingungen selbst erschafft – auch wenn die Parameter hin und wieder angepasst werden müssen, damit etwas passiert.“

Es gibt Kritiken…

Es braucht den Mut, Antworten zu geben. Wenn die Kritik die zweite Instanz eines Gesprächs ist, dann versteht sie sich als Gesprächspartnerin, die Antwort auf aufgeworfene Fragen gibt, um selbst wieder einer Antwort ausgesetzt oder in Frage gestellt zu werden. Es braucht den Mut, statt Ausgefallenes auch einmal Selbstverständliches zu sagen. Es braucht auch den Mut, sich auszutoben und das zu tun, was man immer schon einmal tun wollte, statt sich von den Vorgaben vereinnahmen zu lassen. Die Art und Weise bleibt aber immer noch unklar: Aphorismus, Feuilleton, Abhandlung, Kopie, Montage, Gegenrede, Predigt, Liebesbrief, Essay, Gratiszeitung, Facebook-Kommentar, Blog-Post, SMS, Liste…

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