Die Besserwisser I (delirium N°03)

A: Na, wenn du darauf bestehst, formuliere ich es knackig: Ich lege meinen Finger gleich mal auf diese Metapher im Vorwort des letzten Magazins, das delirium als Haus. Ich glaube nämlich, dass diese Formulierung, so schön sie zum Lesen ist, gerade etwas verschleiert. Meine Frage ist: Was für ein Haus ist das delirum?

F: Ich bestehe eigentlich überhaupt nicht auf der Binnenperspektive. Sie ist eher ein Problem, das ich nicht los werde. Und so passt auch ein Zitat aus der Populärkultur zu diesem Thema:

„Dieses Haus ist voller Stimmen, die kein Sterblicher versteht, dieses Haus ist voller Seufzer, wenn der Nachtwind es umweht. Dieses Haus hat viele Türen, doch nicht eine führt hinaus, denn wer drin ist, der bleibt drin in diesem Haus.“

Es wäre natürlich zu hoffen, dass delirium wie das alte Haus von Rocky Docky ist. Eigentlich trifft das ganz gut auf Sprache – und vielleicht auch auf die Literatur zu. Wer sich einmal hinein begibt in dieses Haus, findet keinen Weg mehr hinaus. Ein solches Haus fände ich doch recht in Ordnung. Aber das ist dir wohl zu ästhetisierend. Aber ganz im Sinne des alten Hauses von Rock Docky möchte ich für delirium in Anspruch nehmen, dass die Türen offen stehen. A: Ja, ein bisschen empfinde ich das als ästhetisierende Haltung. Und genau da sehe ich einen Widerspruch zu den Ansprüchen, denn war der Anspruch nicht eben genau jener, dass hier nicht geschrieben werden soll um des Schreibens willen? Verstehe mich nicht falsch, ich sehe das Problem, und ich plädiere auch nicht für eine Haltung um der Haltung willen. Aber sich gegen einen Ästhetizismus zu stellen mit einer Metapher, die den eigenen Ästethizismus verschleiert…

F: Noch vor der Haltung kommt doch die Leidenschaft. Was nützt Haltung, wenn am Schluss die Überzeugungskraft fehlt? Das gibt dann die allseits beliebten Cüpli-Sozialisten. Also ist der erste Schritt, Leute zu gewinnen, die diese Leidenschaft mitbringen. Leute, die es tatsächlich wissen wollen. Insofern trifft die Metapher mit dem Haus von Rocky Docky doch zu. Hineingehen, aber nicht gleich wieder hinausgehen. Man könnte das ganze Lied als Metapher für die Literatur verstehen. Das allgegenwärtige Lamento beispielsweise, dass nichts Relevantes mehr geschieht in der Literatur, drückt sich prächtig in der Zeile aus: „Dieses Haus ist alt und häßlich, dieses Haus ist kahl und leer, denn seit mehr als 50 Jahren, da bewohnt es keiner mehr.“ Nur, wie macht man dieses Haus wieder bewohnbar?

A: Ich muss grinsen: Erst war die Hausmetapher nur auf das delirium bezogen, jetzt reden wir von der Literatur als Haus. Wir müssen aufpassen, dass wir da nichts vermischen. Du sagst, es geht darum, Leute mit Leidenschaft in dieses Haus zu holen, die dieses Haus bewohnen. Welches Haus? Das delirium oder die Literatur?

F: Es geht ja nicht um einen Gemischtwarenladen, da bin ich völlig einverstanden. Wenn Literatur relevant sein soll, dann brauchen ihre Texte eine Öffentlichkeit, die über das Amazon-Rating hinausgeht, egal wie gering die Reichweite ist. Da treffen sich „die Literatur“ und delirium. – Meinetwegen: delirium ist die Keimzelle des zukünftigen Odeons in Zürich. So, und nun können wir über den Anstrich des Hauses diskutieren – einige mögen es lieber dezent beige bis grau, andere ziehen rot vor. Dann steht natürlich die Frage im Raum, ob ein roter Einband schon ein gutes Buch ausmacht – ohne zu sagen, dies sei bei einem schwarzen Einband der Fall.

A: Ich glaube, da kommen wir jetzt zu einem interessanten Punkt, zwischen der Suche nach Öffentlichkeit und dem, was du den Anstrich des Hauses nennst. Worum soll es gehen? Soll mit neuem Anstrich nur einmal mehr ein Versuch gemacht werden, die bürgerliche Öffentlichkeit wiederzubeleben? Literarische Öffentlichkeit heisst immer auch bürgerliche Öffentlichkeit, ausser es handelt sich um Gegenöffentlichkeit. Und deswegen ist meine Frage, was ist die Haltung: Nicht nur von delirium, sondern auch der Autorinnen heute. Denn wenn die die Haltung sich bloss im Anstrich zeigt, wird sie zur Farce: Sie bleibt Fassade, sie blättert schnell ab, und sie kann je nach Lage umgetüncht werden. Ich glaube gerade dieses Lamento gegenüber der Literatur ist der Ausdruck einer Problemstellung, bei der die Kunst noch der alten bürgerlichen Öffentlichkeit hinterher hechelt, obwohl diese nicht mehr existiert. Hier wäre eine mutige Haltung angebracht, die über die Literatur hinaus blickt. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten nicht Literatur-Häuser entwickeln wie Projektmanager und diese hübsch und konsumentenfreundlich ausrichten, sondern die Häuser besetzen und zu revolutionären Keimzellen machen, um es jetzt platt entlang dieser Hausmetapher auszudrücken.

F: Das Problem: Es gibt nur konservative Politik heute – hüben wie drüben, links wie rechts. Und wenn Literatur einmal politisch war, so hat sie sich heute genau deshalb in die reine Ästhetik geflüchtet. Politik taugt heute wenig. Was also tun? Es geht doch nicht um bürgerliche Öffentlichkeit. Es geht um Öffentlichkeit überhaupt. Mein Problem: Ich sehe diese ganze Geschichte mit dem Bürgertum zu wenig deutlich. Aber mit Keimzellen kann ich mich auf jeden Fall anfreunden. Insofern hat delirium durchaus sein Potenzial, auch wenn mir die Revolution zumindest in unseren Breitengraden und in unserer Zeit suspekt ist. Es geht um … Scheisse mir fehlt das Adjektiv, nicht klandestin, aber so ähnlich…  Räume – ich will ja auch nicht bei der erstbesten Gelegenheit weit über Zürich hinaus expandieren. Die internationale Facebook-Realität ödet mich an. Aber wo ist jetzt die Literatur?

A: Ich weiss, ich wiederhole mich: Aber die Frage ist nicht, wo ist Literatur? – den Begriff können wir hinter uns lassen. Die Frage ist, was ist das delirium für ein „Haus“? Der Begriff „Literatur“ zaubert eine Vorstellung her, die eine bürgerliche Öffentlichkeit voraussetzt. Alles kann Literatur sein, wir leben in postmodernen Zeiten und müssen das anerkennen. Was uns aber bleibt, ist uns zu fragen, was für eine Haltung wir einnehmen. Nicht Politik, Achtung – sondern Haltung. Nochmals: Was für ein Haus wird hier mit dem delirium aufgebaut, wie wird es belebt, in was für einer Nachbarschaft befindet es sich, wie verhält es sich. Denn darum geht es: Um die gesellschaftlichen Verhältnisse und wie man sich in ihnen positioniert. Delirium hat hier meiner Meinung nach einen tollen Ansatz, nämlich den der Kritik, die mit gedacht wird und mit enthalten ist. Aber es exponiert sich auch einer Gefahr, nämlich bloss ein weiteres belangloses Magazin zu werden für angehende Autoren, die nichts weiter wollen, als Erfolg und eine Publikationsmöglichkeit hier sehen. Selbst Scheisshaussprüche können mit viel Witz und Sprengkraft formuliert sein, aber ohne Verständnis um die Verhältnisse und ohne eine Haltung kann selbst die talentierteste Autorin keinen Scheisshausspruch hinkriegen. Die Frage also: Was will die Literatur hier in diesem Magazin?

F: Natürlich lassen wir die Frage hinter uns, die war auch eher rhetorischer Art. – Nach meinen neusten Studien ist delirium ein urdemokratisches Konstrukt, d.h. es steckt insofern eine demokratische Haltung hinter dem Haus: Die Türen sind offen. Wer etwas zu sagen hat, der sage etwas: Etwas. Wozu das führen wird, weiss ich nicht. Das ist ja gerade das Demokratische. Ich bin kein kommunistischer Fünfjahresplaner, der sagen kann, wohin die Reise geht. Ganz im Sinne des Films „La haine“: Wir nähern uns dem dritten Stockwerk – Jusqu’ici tout va bien. Selbstzitate nur in diesem Kontext: „delirium ist ein Experiment – nirgends wurde das deutlicher als in den Teilnahmebedingungen, die von literarischen Autorinnen und Autoren neben ihren eigentlich Texten zusätzlich Essays verlangten. Kaum ein Essay traf ein. Aus redaktioneller Sicht also ein glorios gescheitertes Experiment – ansonsten hochinteressant. Die Parameter müssen angepasst werden. Ein Experiment muss schliesslich irgendwie funktionieren. Wie es funktioniert und was dabei herauskommt: eine legitime Frage.“ (2. Ausgabe delirium) – So, Karten auf den Tisch, Albi: Worauf willst du hinaus, du sokratischer Geburtshelfer?

A: Hehe, „sokratischer Geburtshelfer“ gefällt mir. Worauf ich hinaus will? Dass die Autoren streiten. Dass es um etwas geht. Dass es um mehr als bloss Literatur geht. Ich glaube das ist nicht zu viel verlangt. Was meinst du?

F: Ganz deiner Meinung. Aber da liegen verschiedene Stolpersteine auf dem Weg. Eine Rezeptur: 1. Probleme müssen sich ergeben – besonders in einem Land der vollen Bäuche; 2. Eine Kultur des Streitens muss etabliert werden, sofern sie verlernt wurde – besonders in einem Land der vollen Bäuche; 3. Um die nötige Leidenschaft zu entwickeln, ohne sich gleich metaphorisch oder nicht die Köpfe einzuschlagen, braucht es das nötige Vertrauen ineinander – besonders in einem Land der vollen Bäuche. – Auch wenn ich den literarischen Fettwanst der Nation, Friedrich Dürrenmatt, sehr schätze, schaffen wir den Weg zurück in die Kronenhalle und zu den Disputen zwischen ihm und Frisch wohl nicht. Ganz abgesehen ist das auch nicht wünschenswert. Hinweg mit aller Nostalgie: „Tut dies fort, schafft dies hinweg!“

A: Da gebe ich dir nur auf halbem Wege recht. Wenn wir Dürrenmatt anschauen, dann erweist es sich ja eben: Noch der fetteste, vollste Bauch hindert nicht daran, streitlustig zu sein. Ich würde es nicht auf die gesellschaftlichen Umstände umwälzen, wenn die Leute sich um eine Haltung drücken und nicht streiten möchten. Es ist ihre eigene Saftlosigkeit, ihre Mutlosigkeit. Es ist nicht ihre Sattheit, es ist Feigheit, jung zu sein und sich mit der Welt, wie sie ist, zufrieden zu geben.

F: Da bin ich voll d’accord. Aber wenn die Ziele eben klar sind, geht es um die Wahl der richtigen Mittel. Ich langweile mich zu Tode, wenn immer nur lamentiert wird. Geduld, Geduld – ich bin gerade dabei, einen Rosengarten anzulegen.

A: Dann sind wir einer Meinung, wunderbar! Literatur muss streiten, muss ins Leben eingreifen wollen, sonst ist sie feige. Wie siehst du das denn in den Beiträgen im delirium, ist das vorhanden?

F: Nun sind wir wieder am Anfang, d.h. bei der Binnenperspektive. Sag du es mir, dann kann ich immerhin davon ausgehen, dass du die ersten beiden Ausgaben wirklich gelesen hast 😉

A: Interessanterweise sehe ich es nicht in den Beiträgen, auch nicht in den Kritiken. Aber dein Essay am Ende des ersten Magazins und das Vorwort in demselben haben Antworten provoziert. Diesen Effekt würde man sich doch auch als Autorin wünschen, etwa nicht? Und aus dem heraus würde ich die Frage ableiten: Warum sind junge, talentierte Autorinnen nicht fähig, Texte zu schreiben, die zu Diskussionen führen? Aber unabhängig von der Wirkung gab es in deinem Essay zur Lyrik eine Passage, wo du nach den Massstäben und Produktionsbedingungen der Autoren fragst. Und DAS ist der springende Punkt, nicht der Inhalt, nicht die Form, sondern nach den Verhältnissen zu fragen. Zugegeben, das ist hier nur auf die Lyrikproduktion bezogen gewesen und nur en passant, aber das ist die Ebene, die ich durchs Band vermisse: Die gesellschaftlichen Umstände.

F: Das ist natürlich den Essay gegen den Strich gebürstet – schliesslich ist dort nur von immanenten Massstäben und Produktionsbedingungen die Rede. Dir geht es aber um die äusseren Bedingungen – eben die „gesellschaftlichen Umstände“. Wohlan. Dazu ist zu sagen: 1. Mit dem Wissen des Insiders kann ich sagen, dass wir uns in der dritten Ausgabe immer mehr einer Diskussion der Umstände nähern (Gerade dafür braucht es die Kritik.); 2. Explizite Aussagen in essayistischen Texten sind einfacher anzugreifen, als implizite Aussagen in literarischen Texten; 3. Haltungen und Standpunkte müssen zuerst gefunden werden, bevor über sie gestritten werden kann; 4. Das habe ich jetzt vergessen; 5. Abwarten und weitermachen. – Zuletzt: Die Kunst bedarf nicht nur des Holzhammers, dafür haben wir eben die Kritik. Und das unterscheidet delirium von einer ganzen Sammlung mehr oder weniger lustiger Literaturproduktionen in unserem gesegneten Garten Eden.

A: Das stimmt natürlich, das sind wir uns gewohnt: Der Essay oder ein Artikel werden eher auf ihre Aussagen überprüft als Gedichte oder Kurzgeschichten. Aber gerade an dem Punkt könnten die Kritiken eigentlich ansetzen, und der eingesandten Literatur die Leviten lesen und hinterfragen und wirkliche Kritik üben. Warum sollten wir Gedichte „bloss“ geniessen und bloss Essays zum Anreiz nehmen, über gewisse Dinge nachzudenken? Denn der unterschiedliche Massstab, der angewandt wird, wiederholt ansonsten die unterschiedliche Form und festigt das Verhältnis, sowohl für den Leser wie auch die Autorin. Und hier, finde ich, kann die Kritik selbst wieder kreativ und vielleicht zur Kunst werden: Indem sie stärker einen streitbaren Massstab anlegt, als sich in objektiver Wertfreiheit zu üben. Hebeln wir die eingefahrenen Formen und Inhalte aus, indem wir – Form und Inhalt ergänzend – mit einer einfachen, banalen Frage an die Texte herantreten: Wozu?

F: Aus Angst, mich zu wiederholen, antworte ich vorderhand nicht. Hingegen muss ich zugeben, dass die „banale“ Frage „Wozu?“ mich doch ein wenig in Verlegenheit bringt. Ein Erklärungsversuch für diese Verlegenheit würde wieder zurück zum Unterschied zwischen Demokratie und Fünfjahresplan führen. Meine Haltung diesbezüglich ist hinlänglich bekannt. – Bei genauerem Nachdenken müsste ich mir wohl auch Technikgläubigkeit vorwerfen lassen. Schliesslich beurteile ich Kunst bzw. Literatur vor allem hinsichtlich ihrer technischen Finesse. Ich sage dann, Kunst sei gut, wenn sie gut ausgeführt ist. Das führt zu einem funktionalistisch-immanenten Kunstverständnis – ähnlich, wobei weniger immanent, dem Handwerk. Ein Stuhl ist gut, wenn er dienlich ist und seine Funktion erfüllt. Allzu oft begegnet einem heute der Ausdruck: Dieses oder jenes funktioniert – so eben auch Kunst. Das beantwortet die Frage „Wozu“ jedoch überhaupt nicht. Wozu tust du, was du tust?

A: Meinst du mich mit dieser Frage, oder ist sie an die mitlesenden Autorinnen gestellt?

F: Sollten sich alle anderen Frösche des Universums auch angesprochen fühlen: Umso besser. Da ich mich jedoch gerade in einer angeregten Diskussion mit dir befinde, war die Frage natürlich an dich gerichtet.

A: Hehe, da müsste ich ja zuerst einmal sagen, was ich tue, bevor ich erkläre, wozu ich es tue. Aber da fängt es bereits an, sich zu fragen, was man eigentlich warum macht: Wozu schreibe ich, wenn ich schreibe? Wozu stehe ich am Morgen auf, wenn ich zur Arbeit gehe? Es geht wohl darum, das Selbstverständliche zu benennen, damit es seine Selbstverständlichkeit verliert…

F: Eine löblich kurze Antwort – passend für das Formt, für den Laien jedoch unverständlich. Bitte um nähere Erläuterung dieser Selbstverständlichkeitstheorie. (Ganz nebenbei muss ich bemerken: Endlich kommen wir von der Literatur weg und nähern uns der Philosophie. Da wird mir gleich viel wohler.)

A: Ich würde es nicht gleich eine Theorie nennen, das wäre übertrieben…

F: Ich höre.

A: Ein Beispiel also. Lass mich überlegen… Das Recht ist für alle gleich, nicht wahr? Wir haben Rechtsgleichheit.

F: Soweit bin ich bereit zu folgen, oh Sokrates. Ich stimme dir wenigstens in der Theorie zu, falls ich dann, sollte das Argument schiefgehen bzw. zu unerwünschten Konklusionen führen, meine Einwände noch vorbringen dürfte.

A: Aber sicher doch, gegen Einwände habe ich nichts einzuwenden. Ich gebe auch zu, dass dies ein frei abgewandeltes Zitat von Anatole France ist: Die Rechtsgleichheit ist herrlich, sie verbietet sowohl dem Obdachlosen wie auch dem Millionär, unter der Brücke zu schlafen, und sie schützt sowohl das Wohneigentum des Obdachlosen wie auch das des Millionärs – Ich bringe dieses Beispiel jetzt zwar zur Verdeutlichung dessen, was wir zuvor als das Durchdringen des Selbstverständlichen bezeichnet hatten, aber ich würde präzisieren, dass es darum geht, das Widersprüchliche aufzudecken. In diesem Fall, die Ungleichheit des Rechtes in seiner Gleichheit.

F: Fabelhaft, einfach fabelhaft. Ich melde mich sofort um. Neue Adresse: Quaibrücke 1. – Ansonsten bin ich ganz einverstanden. Da steckt tatsächlich ein Holzwurm im Apfel. Das wäre also die Aufgabe der Literatur: das Aufdecken lebensweltlicher Paradoxien bzw. Unanständigkeiten. Oder?

A: Nein, sage ich jetzt, aber ohne widersprechen zu wollen: Diese Widersprüche aufzudecken, die ganz klassische Widersprüche des Kapitalismus nebenbei sind, das ist nicht die Hauptaufgabe der Literatur. Hier muss ich wieder anmerken, dass ich dem Begriff „Literatur“ so wie er sich spezifisch für den sich als professionell verstehenden Autoren und dem entsprechenden Publikum anbietet nicht viel abgewinnen kann. „Literatur“ ist nur eine Form wie Gesellschaft das Schreiben organisiert. Auch der Essay kann sich solcher Paradoxien bedienen, die Reportage kann sie veranschaulichen, die Kritik kann sie ergründen, der Klohausspruch kann sie veralbern. Lyrik, Epik und Dramatik könnten sich dieser Aufgabe zwar glühend verschreiben, dann würden sie wohl wieder zu einer littérature engagée werden. Aber das würde wohl heissen, von Autorinnen etwas zu verlangen, zu dem sie nicht fähig sind. Was wir aber erwarten können, ist, dass sie diese lebensweltlichen Paradoxien mitdenken: Nicht bloss als Schreibende, sondern auch als Schreibende. Das wirkt jetzt auch bloss wie eine geringfügige Verschiebung der Perspektive, gebe ich zu.

F: Also Mitdenken, das finde ich gut, Mitdenken. Da bin ich dafür. Und sonst? Es ist natürlich schwierig von einer Hauptaufgabe zu sprechen, wenn die Literatur, d.h. das Schreiben überhaupt, grösstenteils im Haupt passiert. Insofern wäre das Schreiben selbst eine Hauptaufgabe, nicht? Aber was machen wir dann mit den Armen und Beinen, den Händen und Füssen? Die Sache muss doch auch Hand und Fuss haben, meine ich.

A: Hehe, ich würde ja für intellektuelle Faustschläge und Arschtritte plädieren…

F: Ich bitte aus dokumentarischen Gründen um eine detaillierte Beschreibung.

A: Du meinst, wie man solche geistigen Schlägereien anzettelt, damit sie auch erfolgreich sind? Das wüsste ich auch gerne… vielleicht bräuchten wir doch mal einen unter uns, der erfolgreich wird, damit der seine Entourage mitbringen kann.

F: Das ist ja eben der Seich, erfolgreich… erfolgreich… Wohl war. Es ist halt schon nicht lustig, immer nur vor fünf Leuten, die ohnehin der gleichen Meinung sind, eine Röhre zu haben.

A: Ach was, es ist lustig, vor denselben Leuten zu stehen. Und derselben Meinung sind wir übrigens nie, obwohl wir vor denselben Problemen stehen. Ist doch eigentlich auch viel interessanter, hier unseren geistigen Sparringspartner zu haben, als dort draussen z.B. einen der alten Säcke in eine Hintergasse des Pfauen zu zerren. Aber ich habe so das Gefühl, wir werden gerade albern…

F: Passend zum Namen. Der alberne Albi. Gut, das war jetzt wirklich albern. Wer sich im Zähringer herumtreibt, trifft den Marchetto Hans. Zum Thema: Einerseits stimmt, was du sagst. Vielleicht entwickelt sich die Bevölkerungsstruktur tatsächlich hin zu kleinen Blasen der immer-selben Leute. Andererseits ist das auch bedauerlich, wobei diese Haltung vielleicht allzu nostalgisch ist.

A: Möchtest du denn lieber einen vollen Saal haben, bei dem du so gut wie Niemanden kennst? Alle still und kontemplativ, versunken ins Zuhören, angestrengt um etwas zu erhalten für das Geld, das sie für den Eintritt bezahlt haben?

F: Das gerade nicht, selbst wenn meine ganz persönliche Eitelkeit solchen Fantasien durchaus nicht abgeneigt ist. Aber der Austausch ist auf jeden Fall wichtig, wenn wir nicht zu total abgeschotteten Insulanern werden wollen, wie sie Sloterdijk in seiner Sphären-Trilogie beschreibt. Die Fluktuation wäre vielleicht eine Möglichkeit, den Austausch zu ermöglichen, ohne dass einzelne Gruppen bis zur Unkenntlichkeit anschwellen und zu Wasserköpfen werden.

A: Fluktuation? Also, dass man möglichst häufig möglichst viele Kunst- oder Literaturgruppen durchläuft, oder wie? F: Naja, vielleicht ist Fluktuation das falsche Wort. Allerdings liesse sich da natürlich ein interessantes Gedankenexperiment anstellen, das letztlich zu nichts führt… Nun: Auf alle Fälle ist Bewegung wichtig. Ich würde es nicht in der Ausschliesslichkeit formieren, möglichst viele Gruppen zu durchlaufen. Aber wenn das Betätigungsfeld jeder einzelnen Person grösser wird, steigt der Vernetzungsgrad. Das würde, glaube ich, durchaus dem Netzwerkgedanken entsprechen. Diesbezüglich ist in Zürich (und Umgebung) noch viel, sehr viel möglich.

A: Das würde ich aber dahingehend präzisieren, dass die Art der Gruppen unterschiedlich sein sollte. Ich wage zu behaupten, dass die besseren Autorinnen entstehen, wenn man sich eben nicht als Autorin versteht. Sondern eben, wenn man sich als Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose, oder von mir aus auch als Chüngelizüchter, Freejazzer oder Kampfjodler organisiert.

F: Immer diese Arbeiter, die haben ja doch nur schmutzige Hände… Meiner Meinung nach genügt es, zwei offene Augen zu haben und hin und wieder das Ohr zu spitzen. – Alles andere ergibt sich von selbst: Wer rumhört, kommt rum. Ob virtuell oder real. Ach und: War da nicht etwas von einer klassenlosen Gesellschaft?

A: Man muss nicht Dreck unter den Nägeln haben, um als Arbeiter durchzugehen – und die meisten, die sich die Finger schmutzig machen, sind alles andere als Arbeiter… Aber ich sehe schon, dieses einzelne Wort provoziert mehr Widerstand bei dir, als wenn ich Autorinnen als unfähig zum Widerstand bezeichne.

F: Saubere Finger, schwarze Seele. – Mich stört eben der Krampf in der ganzen Geschichte und den Klassenkampf habe ich persönlich auch noch nie kennengelernt. Ein bisschen mehr Eleganz, ein verschmitztes Lachen in der Literatur finde ich immer noch sinnvoller als das Dreschen von Phrasen und das Wiederholen von Parolen.

A: Jetzt wirst du aber sehr ernst, wie du den Humor hier ins Feld führst, hehe…

F: Der Grund, warum die Russen mit dem Kommunismus gescheitert sind, die Chinesen vorderhand jedoch noch nicht, ist dieses vermaledeite asiatische Lächeln.

A: Das ist der Punkt, wo mir die Diskussion dann eben nicht humorvoll geführt scheint, sondern wo es wirklich nur noch albern wird, und zudem auch sehr unhistorisch für eine, die entlang der Geschichte geführt werden sollte. Aber lass uns doch lieber zum Schreiben, zu den Literatur- und Kunstgruppen zurückkehren. Da bleiben wir so schön vage und unverfänglich und Niemand muss eine Haltung einnehmen.

F: Da wehre ich mich! Mit Albernheit hat das nichts zu tun, wenn ich dieselbe Botschaft einfach unterschiedlich verpacke. Das asiatische Lächeln ist wie das Anlegen eines Rosengartens. Es geht um die langfristigen Perspektiven. Das Stänkern allein langweilt mich. Zudem: Der Einzelne ist ob alles Grossen nicht zu vergessen. Und ohne das Grosse hin und wieder ins Lächerliche zu ziehen gehst du zugrunde – wirst vom Grossen erdrückt. Ob das etwas hilft? Wie wäre also vorzugehen, in einem konkreteren Sinn:

  1. Die Vernetzung der einzelnen Gruppen ist, auch überregional, voranzutreiben. Ein neuer Anlauf entsteht im Zentrum Karl der Grosse. Geplant sind sowohl Gesprächsrunden als auch Börsen zur Vorstellung unterschiedlicher Publikationen.
  2. Die Synergien sind zu bündeln. treppentexte und „Sag es, wie du willst“ müssen zusammengeführt werden. Das sieht so auch, dass bis Ende Jahr im Café Zähringer die geplanten Veranstaltungen stattfinden. Im Februar lassen wir es in grösserem Rahmen selbst krachen – die Planung ist jedoch noch in den Kinderschuhen.
  3. Es geht auch immer wieder um Gelegenheiten, die erkannt und gepackt werden müssen… Dazu kann ich vorderhand noch nichts sagen, weil auch immer wieder auf die Gelegenheiten warte.

P.S. Vielleicht wären Jurek Beckers Frankfurter Poetikvorlesungen von 1989 etwas für dich. Mir jedenfalls haben sie gefallen. Ein schmales Bändchen, zügig zu lesen.

A: Das klingt gut: Vernetzung, Synergien, Gelegenheiten ergreifen. Das sind konkrete Schritte. Aber lass mich des Teufels Advokat spielen: Sollten wir nicht gleichzeitig uns darüber unterhalten, was für ein Schreiben wir denn wollen, was wir zu sagen haben, was nicht schon gesagt wurde, oder was nicht andere sowieso bereits sagen? Ich weiss, dass wir uns nicht einig sind, wie der Standpunkt dessen, was Literatur genannt wird, sich ausformuliert. Weder als Ansatz und Kritik von aussen, noch aus dem Schreiben heraus, wie es dort in Form oder Inhalt gestaltet wird. Es geht mir nicht um Ideologie, das würde das, was ich meine, verkürzen. Es geht mir um Haltung, um Standpunkte, um einen grösseren Sinn. Im Moment erschöpft er sich mir doch noch darin, dass es wohl um nicht mehr geht, als einfach darum, Literatur zu produzieren. Aber wozu? Wozu? Auf dieser Frage muss ich beharren…

F: Abgesehen davon, dass du zum vermutlich zweitausendsiebenhunderteinundfünfzigsten Mal das Wort „Haltung“ erwähnst, bin ich immer noch im Ungewissen, welche Haltung du denn meinst – eine allgemeine im Sinne einer normativen Forderung oder deine eigene? Überhaupt: Was sähe wie aus?Vielleicht verkennst du tatsächlich, mea culpa der Pädagoge brennt mit mir durch (hatten wir das nicht schon einmal in einer vertraulichen Diskussion, die hier sicher nicht abgedruckt, aber trotzdem am Rande erwähnt werden soll?), die gegenwärtige Situation. Wenn ich dem Glauben schenken soll, was sich hinter deinen Reden verbirgt (und auch hinter den Reden Jurek Beckers, mittlerweile ist die Sache wohl sogar schon 25 Jahre schlimmer), dann kann von Haltung gar nicht, und zwar im Sinne des „nicht mehr“ und dann des „noch nicht“, die Rede sein. Bring den Leuten erst einmal bei, dass sie die anatomische Möglichkeit haben, den Mund aufzureissen, selbst wenn es nur dazu ist, herzhaft in ein gutes Stück Fleisch hineinzubeissen, anstatt in einen pampigen McDonalds-Burger. Da hätten wir dann alles beisammen: die Bedingungen der Möglichkeit (das Aufreissen des Mauls) sowie die zu verhandelnden Haltungen bzw. Lebensentwürfe (ein gutes Stück Fleisch oder McDonalds).

A: Haltung würde ich dann wohl als das Einfachste überhaupt definieren: Seine eigene soziale Position in den Verhältnissen zu kennen. Das heisst, die Stellung im Produktionsprozess und die Geschichtlichkeit derselben zu suchen. Es geht nicht um Ideologie. Es geht darum, historisch zu denken, die Geschichte mit zu denken. Die Dinge sind nicht so, wie sie sind, weil sie so sind, wie sie sind, sondern sie sind so entstanden. Da lauert die Gefahr des Modischen, des Trends: Bloss weil scheinbar Niemand mehr sich um die Geschichtlichkeit schert, heisst das nicht, dass sie überflüssig geworden ist. Die Gefahr lauert zusätzlich, fatalistisch zu werden. Wenn du die Haltung einnehmen möchtest, dass eine bestimmte Haltung „nicht mehr“ und „noch nicht“ eingenommen werden kann, dann argumentierst du zeitlich, aber mit dem Ziel der Zeitlosigkeit. „Yolo“ auf Philosophieebene, sozusagen. Sich um die Geschichte, bzw. die historischen Verhältnisse zu drücken ist selbst ein Eingriff in die Geschichte als Erinnertes, als zu Vergegenwärtigendes. Und der Wandel der Geschichte drückt sich als ein Wandel auf der Produktionsebene aus. Wenn diese zwei Dinge als Grundlage eines möglichen Standpunktes zu betonen – also Geschichtlichkeit und gesellschaftliche Produktion – bereits den Verdacht hervor ruft, hier handle es sich um ein Getarntes, um Ideologie, die in die Geschichte eingreifen möchte, dann entlarvt sich dieser Verdacht nur selbst als ideologisch begründet. Ich bin abgeschweift, tut mir leid… du fragst nach der Haltung. Bloss das Maul aufzureissen, egal ob es darum geht, zu fressen oder andere anzuschnauzen, was sie fressen – das ist keine Haltung. Haltung heisst um die eigene Geschichtlichkeit, nicht der individuellen, sondern im sozialen Zusammenhang, Bescheid zu wissen, um die eigene Position innerhalb dieser Gesellschaft, und diese Position einzunehmen. Und ich weiss, du möchtest von mir ein flammendes Bekenntnis zum Marxismus oder sowas ähnliches hören, aber so funktioniert die Sache nicht, tut mir leid.

F: Um der Klarheit willen:

  1. Es gibt die Ebene der Theorie, die hilfreich dafür ist, Sachverhalte nicht nur zu verstehen, sondern überhaupt erst wahrzunehmen.
  2. Es gibt die Ebene der alltäglichen Begebenheiten, die einem doch sehr stark ans Herz legen, mit dem etwas anzufangen, was da ist.

Wenn es also der Fall ist, dass die Leute heutzutage ohne Haltung sind – und das beklagst du ja – dann stellt sich für mich vordringlich die Frage, wie man denn den Leuten wieder die Möglichkeit, eine Haltung einzunehmen, näherbringt. Insofern geht es überhaupt nicht um „Zeitlosigkeit“. Im Gegenteil: Was hilft mir profunde Kenntnis der gesamten Geschichte (abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht gegen Geschichtskenntnis bin), wenn ich am Ende doch nur ein Rufer in der Wüste bin, weil er nicht mit den Leuten neben ihm umzugehen weiss?

Den Marxisten kannst du im Übrigen kippen: Was ist DEINE Haltung? (Und falls dir diese zu instabil vorkommt, kannst du dich natürlich gerne an den Bart des Arbeiter-Propheten hängen.)

A: Es geht nicht darum, Historiker zu werden und die gesamte Geschichte zu kennen. Aber nehmen wir zum Beispiel Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ – der Blick auf die Geschichte ist ein ganz anders gearteter kritischer Blick: Er ist einer, der das Bewusstsein des eigenen gesellschaftlichen Standes reproduziert und zugleich sozusagen die Hosen dieser „Helden der Geschichte“ runterlässt. Aber um an diesen Punkt zu gelangen, muss man halt eben zuerst einmal seine eigene Funktion in dieser Gesellschaft verstanden haben. Das ist etwas, was jede Kassiererin, jeder Arbeitslose, jeder Anstreicher oder Klempner, jede Putzfrau usw. den Akademikern voraus hat. Die haben schon lange – auch ohne Theorie – begriffen, dass die Zeche immer die ganz unten bezahlen müssen. Auch wenn das manchmal bloss diffus hervor tritt. Die akademisch Ausgebildeten rennen da noch Vorstellungen ihrer eigenen Intellektualität hinterher, die schon ab den 60ern sich verabschiedet hatten. Drehen wir das wieder auf die Literatur um – oder auch ganz allgemein auf die Kunst: Wie häufig sind die Protagonisten in Romanen selber Schriftsteller? Wie häufig beschränkt sich eine Narration darauf, nur das zu beschreiben, was NEBEN der Lohnarbeit geschieht? Als hätte so ein angehender Schriftsteller nicht mit den Nöten des kreativen Prekariats zu kämpfen, als hätte er keine Rechnungen zu bezahlen… Versteh mich nicht falsch: Es interessiert mich nicht, zu lesen, wie solche langweiligen Typen sich durch ihren öden Alltag wursteln. Aber wo sie an die Grenze ihrer eigenen Gesellschaftlichkeit gelangen, da wird es spannend. Haltung ist etwas, was erst in der Auseinandersetzung kommt. Deswegen ist es auch falsch, danach zu suchen, wie „man“ „Leuten“ „hilft“, eine Haltung einzunehmen. Da bin ich strikt gegen jegliche Avantgarde-Konzepte, seien sie künstlerischer oder politischer Natur. Oder wie siehst du das? Bist du ’nur‘ Autor, ‚bloss‘ Autor, oder ‚auch‘ Autor?

F: Ich bin der zukünftige König der Welt und wenn ich dafür zuerst Autor sein muss, dann sei es so…

Vielleicht muss man den Leuten nicht helfen. Du hast völlig Recht. Diese Helferei ist so etwas Hegemonial-Patriarchales. Also bin ich ganz einverstanden, das über Bord zu werden und die Sache neu zu formulieren. Vielleicht geht es nämlich eher darum, Räume (sic!) zu eröffnen und Betätigungsmöglichkeiten zu kreieren. Und um Betätigung geht es doch, um Handlungsfähigkeit und das Handeln, nicht?

Die eigene Funktion kennen: Ja! Der intellektuelle heute? Den gibt es im Sinne der Sechziger tatsächlich nicht mehr. Der Intellektuelle hat heute nicht mehr der einsame Mahner in der Wüste zu sein, das Gewissen der Gesellschaft. Nein, der Intellektuelle hat eben das Problem, dass seine Funktion in der Gesellschaft unklar ist – gerade darin liegt die Stärke. Die Selbstreflexion der Akademiker würde es vielleicht ermöglichen, sukzessive neue Funktionen zu erfinden, neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Strukturierung zu finden. (Das Leben der Putzfrau kenne ich leider nicht, daher masse ich mir auch nicht an, in ihrem Namen zu sprechen… Aber über meine Rollen bzw. Funktion kann ich nachdenken und sprechen.)

A: Ich widerspreche: Die Unklarheit der Funktion des Intellektuellen ist eben Teil seiner Funktion für diese Gesellschaft. Wer sich noch intellektuell gebärden möchte UND davon auch ein Einkommen hat, ist gezwungen, Betätigungsfelder zu finden, die gleichermassen der Ökonomie bisher entzogen waren. Darin gleicht der sich kritisch und kreativ brüstende Student beinahe dem Konquistador: Abenteuerlich soll er in Welten vorstossen, die andere noch nicht betreten haben, und die Prinzipien einer Ökonomie in diese hineintragen, wie der Konquistador Religion und vermeintliche Ordnung in die noch nicht gezähmte neue Welt. Dieser äusseren Not, welcher der Student übrigens wie alle anderen auch unterliegt, kann er nicht entgehen. Er kann ihr fliehen und die Fiebrigkeit seiner Geistigkeit, sozusagen den Tripper der alten Welt, verbreiten. Es ist eben nicht diese spezifische Selbstreflexion der Akademiker, die ihm helfen könnte. Es ist die Einsicht, dass er Teil einer Ökonomie ist, die ihn ausgebildet hat, damit er arbeitet; derselbe Prozess, den jeder Lehrling erfährt. Der Lehrling weiss das instinktiv. Nur der Student verleugnet das. Und nur der Akademiker hat 1000 Formulierungen, dieses Problem zu umgehen. Erst wenn der Akademiker seine Funktion als Proletarier verstanden hat, hat er überhaupt wieder die Möglichkeit, intellektuell zu sein.

F: Genau. Ich möchte widersprechen: Vermutlich liegt mein persönliches Problem darin, dass ich mich weigere beständig Bestandesaufnahmen des Gegenwärtigen zu machen. Wenn ich nämlich die Akademie anschaue, dann interessiert mich, was ich mit den faktisch gegebenen Umständen und Bedingungen anstellen kann. Interessanterweise befinde ich mich also gerade in einer Situation, in der ich durch die Akademie ein vermutlich auf vier Jahre hinaus gesichertes Auskommen habe. Das ist im Vergleich zu anderen Positionen in der Akademie noch nicht viel. (Auf der Ebene der Professorinnen und Professoren kann man alles, was ich jetzt sage, noch zuspitzen.) Dennoch gibt mir diese finanzielle Situation einen Freiraum, weil ich innerhalb dieser vier Jahre kaum einer Kontrolle unterliege – im Gegensatz zum Lehrling im Lehrbetrieb, der jeden Abend rapportieren muss. Diesen Freiraum sehe ich als Chance. Die Frage ist nun, was lässt sich damit anstellen und bin ich, persönlich, in der Lage dazu, etwas damit anzustellen?

A: Damit bist du genau nicht mehr in jener erwähnten Situation, oder sagen wir: Vorübergehend bist du es nicht. Ich gehe mal davon aus, dass dies ein erleichterndes Gefühl ist, nicht wahr? Aber warum ist es erleichternd – von welchem Sachverhalt hat dich dieses Arrangement vorübergehend befreit? Eben dies meine ich. Jetzt wo du vorübergehend den Zwang nicht mehr am eigenen Leib spürst, lässt er sich erst recht begreifen. Ich glaube, es ist relativ unerheblich, was du mit der verfügbaren Zeit oder dem Geld anstellst, solange du dir vor Augen führst, was dir dieses Arrangement vor Augen führt: Nämlich deine eigene proletarische Existenz. F: Nun. Erleichterung würde ich immerhin zugeben. Wohl wahr, wohl wahr. Dass ich mir umgekehrt im Vergleich mit gewissen anderen eines akuten pekuniären Mangels bewusst bin, ist aber erst ein Anfang. Das mag vielleicht deiner Bestimmung von Haltung genügen. Nehmen Sie Haltung an: Rekrut Füller! Das blosse Wissen um einen krummen Rücken ist noch kein aufrechter Gang. Ermächtigend ist das blosse Wissen um die eigene Armseligkeit noch nicht (Sonst wären wir nun beim Christentum gelandet.). Und darum geht es mir eben: das Ausnutzen der vorhandenen Spielräume. Dabei masse ich mir jedoch nicht an, für den Lehrling zu sprechen.

A: Mir gefällt diese Metapher, die du hier anschlägst: Die des krummen Rückens und dem Ausnutzen des vorhandenen Spielraumes. Armselig sind wir nicht aufgrund unserer Natur, sondern weil man es uns sagt. Da verfährt das Christentum genau gleich wie die Bourgeoisie, und in der Kultur entdecken wir diese irrationale Zuschreibung von Befähigung oder Könnerschaft ebenso in dem Begriff des ‚Talent‘. Nein, den krummen Rücken haben wir, weil die Verhältnisse uns entsprechend formen. Wenn diese Verhältnisse bereits mit unserer Geburt bestehen, verfallen wir schnell dem Irrglauben, dass uns der krumme Rücken mit unserer Geburt bereits mitgegeben wurde. Das alleine befähigt uns – entsprechend deiner Metapher – natürlich nicht zu einem aufrechten Gang. Denn die Verhältnisse erlauben das ja auch nicht. Aber es erlaubt uns etwas anderes: Eben nicht natürlich, sondern: Gesellschaftliche Einsicht. Der proletarische Standpunkt ist ein verkrüppelter, das macht ihn auch so unbequem…

F: Der prolethargische Standpunkt ist natürlich valabel, auch wenn vielleicht der Einwand zugelassen werden muss, dass es diesen nur gibt, solange ihn noch Leute einnehmen. Kämpfst du also dafür? Möglicherweise ist die Welt aber heterogener geworden und hat zwar immer noch einige Eigenschaften jener Wirtschaftskämpfe im Nachhall der Industrialisierung, diese treten jedoch nicht mehr so klar hervor. Das könnte es doch für einige schwierig machen, überhaupt einen Standpunkt zu finden. Ob das mit Talent zu tun hat? Ich selbst bilde mir auf Talente wenig ein. Im Sport gibt es das ewige Talent. Sah immer gut aus und brachte es zu nichts. Ein Talent ist nur so gut wie die tatsächlichen Handlungen, die daraus entspringen. Der Konjunktiv zählt nicht: Können tut man nur, was man wirklich gemacht hat. Insofern ist es vielleicht eine Selbsttäuschung zu sagen: Einsicht sei der erste Schritt zur Besserung.

(Having said all that: Literatur ist vielleicht doch bisweilen ein schlechter Ratgeber. Bestenfalls kann sie wohl einfach einige Dinge beleuchten – je nach Standpunkt, den man einnimmt.)

A: Glaubst du, dass es so etwas wie ‚Talent‘ gibt?

F: Vermutlich gibt es das schon. Vielleicht hängt es auch ein wenig von der Wortwahl ab: Begabungen, Fähigkeiten (beispielsweise im Gegensatz zu Fertigkeiten, die eindeutig erlernt sind). Geschwister, zum Beispiel, können bei gleicher Ausbildung und gleichem sozialem Status sehr unterschiedliches Tun. Das hat vielleicht schon mit Veranlagung oder so etwas in dieser Art zu tun. Es ist aber schwer herauszufinden, was tatsächlich Veranlagung ist, wenn jemand nichts tut. Letztlich würde ich dann doch darauf beharren, dass nur gekonnt wird, was gemacht wurde.

A: Ich halte ‚Talent‘ für eine verschleiernde Formulierung. Sie ist so wenig fassbar wie sie hilfreich ist in der Erklärung dessen, in welchem Verhältnis Kunstschaffende, ihre Kunst und das Publikum stehen und wie dieses Verhältnis entsteht. Die sozialen Verhältnisse sind prägender hierbei als die Vorstellung von ‚Talent‘ das vom Himmel zu fallen scheint wie Manna und den ‚Begabten‘ als ‚Gabe‘ dargereicht wurde. Die Frage ist ja auch nicht, warum wird der Sohn eines Chirurgen Anwalt, während die Tochter des Chirurgen Autorin wird. Die Frage ist doch, warum der Sohn des Müllmanns aus seinen Verhältnissen heraus geringere Chance hat, Autor zu werden, als die anderen beiden. Attestieren wir hier Jemandem ‚Talent‘ oder auch dass eben dieses fehlt, ignorieren wir bewusst die Frage nach den sozialen Verhältnissen.

F: Damit bin ich völlig einverstanden. Dennoch kommt es stark drauf an, offenzulegen, auf welcher Ebene diskutiert wird. Wenn du also zwei Personen aus derselben Gesellschaftsschicht anschaust, dann spielt das ominöse Talent vielleicht eine Rolle. Ansonsten ist die Rede vom „Talent“ wohl eher verschleiernd. Hingegen frage ich mich, weshalb du dich so stark mit dem Müllmann identifizierst. Schliesslich kommst du, ehrlichweise, nicht aus dieser Schicht. Stört dich die Rhetorik der gleichen Chance für alle? Fühlst du dich dem Müllmann eher verbunden als dem Akademiker? Wie beurteilst du deine Rolle, zwar nicht Müllmann zu sein, jedoch für den Müllmann Partei zu ergreifen?

A: Ah, persönliche Fragen. Da mache ich es doch kurz, ich glaube das interessiert nicht sonderlich: Wenn ich den Müllmann als Beispiel nehme, dann nicht weil ich mich mit ihm identifiziere. Durchaus, ich stamme nicht aus seiner ‚Schicht‘, was ich auch wieder eine sehr absurde Vorstellung finde. Irgendwie, als ob es da draussen ein ominöses Müllmännerghetto gäbe, eine Parallelgesellschaft, die eine eigene Müllmännerkultur hat. Nein, in solchen Klischees wächst niemand auf. Aber wir gehören zur selben Klasse, und das ist eine Kategorie, die unabhängig davon existiert, ob er – dieser Müllmann – in seiner Freizeit Tuba bläst im Heimatverein und ich hingegen mich mit Studentengesocks wie dir rumbalge. Befriedigt das deine Neugier?

F: Natürlich nicht. Es ist davon auszugehen, dass sich seit der Entstehung der Klassentheorie der Provenienz Marx das eine oder andere verschoben hat. Die vielbeschworene Mittelschicht ist insbesondere in der Generation unserer Eltern gewachsen und stabiler geworden, auch wenn mittlerweile wieder eine berechtigte Angst um die Stabilität dieser Mittelschicht besteht. Diese Mittelschicht jedenfalls fährt Mittelklassewagen, was heissen will, dass sie sich einiges leisten kann. Sie hat ein gewisses Mass an Kapital auf der Seite und ist daher nicht auf Gedeih und Verderb auf ein Anstellungsverhältnis angewiesen. Dies, obwohl sie nicht zu den grossen Kapitalisten gehört. Mein Punkt: Wir sollten uns als Erben verstehen, nicht als Proletarier. Das ist der Unterschied zwischen dem Müllmann und uns beiden. Woher als deine Parteinahme, wenn sie nicht paternalistisch zu verstehen ist?

A: Ein bisschen Geld gespart zu haben und eine Reserve zu haben, heisst noch nicht, Kapital zu besitzen. Und nur weil man nicht mehr zum Bodensatz der Gesellschaft gehört, braucht man sich nicht gleich an der Spitze der Pyramide zu imaginieren. Man ist doch nicht Mittelschicht, bloss weil man ein Auto und/oder ein Smartphone hat – wer kommt auf so einen absurden Gedanken?! Zudem muss man auch die Situation unserer Elterngeneration historisch betrachten, dann sieht man sehr schnell, dass die Vorstellungen dieser Generation bloss einer kurzfristigen Episode innerhalb des Kapitalismus zu verdanken sind. Eine Episode, die vorbei ist und in deren Geist wir erzogen wurden. Heute spüren wir den Widerspruch zwischen diesen Vorstellungen und der ökonomischen Realität: Sie stimmen nicht überein. Das macht es so gut wie unmöglich, hier ‚geistig‘ anzuknüpfen, falls du diese Ebene mit dem ‚erben‘ gemeint hast.

F: Mit dem Erben habe ich ganz handfest Vermögens- und Eigentumswerte gemeint. Du bist Eigentümer von Land bzw. wirst es vermutlich einmal sein – genau wie ich. Das habe ich gemeint. Wie kurz die Phase des Prosperierens auch immer war, sie war doch zumindest für eine Generation Realität. Und wir sind die Erben dieser Realität. Geistig natürlich nicht, in bin mir dessen sehr bewusst und arbeite mich literarisch genau an diesem Problem ab. Aber mich deshalb schon in derselben Situation wie der Müllmann zu wähnen, finde ich paternalistisch. Denn nehmen wir dein jeweiliges Beispiel auf: Der Müllmann mit Migrationshintergrund kann sich bestenfalls ein Haus in seinem Herkunftsland bauen. Du hingegen kannst dich, sofern du das Haus deiner Eltern einmal verkaufen würdest, im Herkunftsland des Müllmanns in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Das ist der Unterschied und diesen zu negieren, finde ich doch auch ein wenig kokett. Mich amüsiert übrigens, wie beharrlich du dem Vorwurf des Paternalismus ausweichst.

A: Es ist so schön, wenn versucht wird, gesellschaftliche Widersprüche durch solche ahnungslose Behauptungen und krude Zukunftsprojektionen hinweg zu wischen. Das Lustige ist ja, dass der Müllmann ja nur eine abstrakte Figur sein sollte, aber ich neide ihm jetzt allmählich seine angenehmen Arbeitszeiten, seine Kaffeepausen und seinen geregelten und höheren Lohn. Aber lassen wir ihn, sonst werde ich noch neidisch. Warum ich so paternalistisch bin? Bin ich das? Muss es mir leidtun, wenn ich meine Haltung nicht sexy rüber bringe? Willst du, dass ich dir mehr Bein zeige?

F: Ich sage jetzt einfach einmal pauschal ja und schaue, was da kommen mag. (Deine Erwiderung verstehe ich im Übrigen nicht ganz. Was hast du an diesen Zukunftsprojektionen auszusetzen? Scheinen sie dir nicht zutreffend? Und warum nicht? Gegen die Gesellschaftlichen Widersprüche habe ich ja gar nichts. Mir ist schon bewusst, dass es diese gibt. Nur könnte es sein, dass es nicht mehr ganz dieselben sind wie im 19. Jahrhundert. Bzw. unsere Position – und damit meine ich deine und meine – passt vielleicht, das ist eben mein Verdacht, nicht ganz ins marxistische Schema.)

A: Sie sind aber nicht rasiert *zieht Hosenbein hoch*

F: Klar, ich rede ja auch mit der Person gegenüber – insofern: Ich neige dazu, die Dinge auf persönliche Art und Weise persönlich zu nehmen (nicht zu verwechseln mit „sich beleidigt fühlen“). Ich diskutiere ja nicht mit einer beliebigen Person, sondern mit dir. Also: Sollte ich tatsächlich mit meiner Zukunftsprojektion bzw. mit meiner konjunktivisch ausgedrückten Zukunftsvariante völlig Unrecht haben, täte ich alles zurücknehmen und das Gegenteil behaupten. Nur Antworten auf meine diversen Fragen habe ich noch nicht erhalten.

 A: Nun, ich kann eine Antwort geben, die kürzer und schneller als mein Beinhaar ausfällt, oder eine sehr, sehr lange – vielleicht sogar eine sehr, sehr, sehr lange Antwort.

F: Lieber Albi, das liegt bei dir. Auf die Gefahr hin, unser Format zu sprengen, bin ich natürlich ganz grundsätzlich an allem interessiert. Neben den allgemeinen Zusammenhängen dieser Welt geht es mir ja auch immer darum, die jeweils persönlichen Standpunkte zu verstehen – woher sie kommen und wohin sie gehen. Das habe ich jedenfalls mit „persönlich“ gemeint.

Ein Kommentar

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  1. Na, das ist doch was… benötigt ihr demfalls auch eine Publikationsplattform fürs Schnelle und Hastige, zum Haspeln und Raspeln?
    Kurze Anmerkung: Bitte beim Besserwisser Text die Klammerbemerkungen, die sogar als Klammerbemerkung sich selbst ausweisen und die eigene Veröffentlichung ablehnen streichen. Auch wenn das Format ein Schnellgeschossenes und Schnelllebendes ist, muss ja nicht so offenkundig auf die Verweigerung jeglicher zusätzlicher Arbeit hingewiesen werden. Solche Attitüden überlasst mal lieber uns 😛
    Grunz vom Konverter.

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