Liebe Leserinnen, ich fange mit der Wahrheit an. Das soll Sie nicht erstaunen, ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich bin sogar ein sehr ehrlicher Mensch, ich denke zum Beispiel immer, was ich sage – auch jetzt – und ich habe fast keine Geheimnisse, weil ich denke, sie sind schädlich oder gefährlich, wie nicht zum Dokter oder nicht zum Zahnarzt gehen. Man hat Angst, das verstehe ich gut, Sie verstehen sicherlich alles noch besser; es ist ein ganz schwieriges Thema und eigentlich eignet es sich überhaupt nicht als Anfang. Meine Ehrlichkeit erstaunt sie vielleicht nicht, das macht nichts, das macht gar nichts, wir stossen später noch darauf – es ist mir nur wichtig, gleich hier zu sagen, dass wir schon noch dazu kommen. Sie müssen Geduld haben, der Anfang ist gemacht, das meiste ist getan, ihre Augen habe ich bereits, ihre Aufmerksamkeit folgt von alleine und darum schreibe ich doch überhaupt – weil ich will, dass sie mich lesen. Sie sehen, ich bin ganz ehrlich, das macht mich nicht schlecht, nein, es macht mich nicht schlechter.

Natürlich muss ich niemandem etwas beweisen, auch Ihnen nicht, gerade Ihnen nicht, Sie hätten es ja sicher auch nicht nötig, das hier zu lesen. Aber ich schreibe trotzdem an Sie – als wären Sie hier, bei mir, denn ich schreibe so logischer, vor Publikum strenge ich mich an. Sie ahnen jetzt oder werden noch sehen: Bei mir sind Sie vor sich nicht sicher. Ich kenne sie, ich weiss, was sie denken, ich weiss zu viel – das ist mein Problem, voilà. Sie wollen Beispiele, bitteschön, ich spreche Russisch, sie sprechen kein Russisch – Запискииз подполя – ich verstehe das, sie nicht; und wenn Sie jetzt denken, da verstehe einer sein Problem – er denke –, liegen Sie falsch: Hier wird nicht gedacht, nur Sie denken. Ich bin nicht dieser er, ich bin überhaupt kein ER. Aber Sie sehen, ich verwickle mich – ich komm’ nicht mehr von mir frei, ich ärgere mich, ob mir. So. Das ist mein Problem. Da steht’s, sie lesen’s, bitteschön. Naja, vielleicht glauben sie mir noch nicht ganz, vielleicht sogar eigentlich gar nicht – «Wozu denn das jetzt? Meint er es ernst? Macht er nur Spass?», fragen Sie vielleicht; ich höre sie schon flüstern: «Das ist doch ein schlechter Scherz; ein müder Witz – ein trauriger Clown…» Sie würden natürlich einen Gedankenstrich setzen, wenn sie das flüstern – sie würden bestimmt flüstern! Aber ich ahne schon, was sie denken, Sie denken: «Der Mensch ist ein Theater! Eine Exhibition!» Sie meinen, ich meine, meine Hässlichkeit spiele keine Rolle, wenn ich nur gleich zugebe: «Ich komme unge- schminkt!» Aber nein, so würden Sie sich natürlich nie ausdrücken, das wäre bei Ihnen alles viel eleganter, schöner – und ich gebe zu, ich merke schon: Ich mache mich hier nicht beliebt. Sie sehen, ich schäme mich ein bisschen, ich bin eigentlich ein scheuer, schüchterner Mensch, vielleicht ist das gut so, vielleicht haben sie in der Sache recht, vielleicht lüge ich hier. Was weiss ich denn? Bin ich ein schlechter Mensch? Vielleicht bin ich eine schlechte Person, ganz verdorben! Aber sehen Sie, schon dieses «vielleicht haben Sie damit recht»! Schon dieses «vielleicht», das ich hier nur erfunden habe, weil ich mich bei ihnen beliebt machen will! Es zwickt und beisst, Sie verstehen, es sticht und reisst! Und lassen Sie mich erklären, ich will Ihnen erzählen, wie ich mich ab mir ärgere. (Sie haben doch hoffentlich nicht gedacht, Sie könnten dem entkommen? Na ja, ehrlich gesagt: Sie könnten. Aber bitte! Im Ernst: Bitte! Lesen Sie weiter, ich gebe mir auch Mühe.) Also, die ganze Wahrheit: Es sind zuerst meine Fehler, die ich mir immer wieder halb verzweifelt, halb schadenfreudig vorwerfe. Zweitens diese Gewohnheit – alles werfe ich mir vor, alles mache ich mir bewusst – es macht mich schlimm. Habe ich nicht höchste Erwartungen an mich? Erfülle ich nicht selten die niedrigsten meines Mitmenschen? Und der Nachgeschmack, wenn ich wieder klar denken kann: « Du kleines, mageres Fischchen! Du springst hier vergeblich aus deinem Ozean, schnappst nach Luft, meinst zu fliegen und merkst noch bald nichts! »

– Wenn Sie jetzt fragen wollen – und das tun sie bestimmt: «Wozu schreibt ER denn hier? Man tut sich noch was an damit!» Dann antworte ich: Wozu fragen Sie so Fragen? Ist es nicht hübsch und leicht zu lesen? Bin ich nicht ein interessanter Mensch? Ich stelle mich Ihnen gerne vor, ich erkläre mich gerne, ich mache Ihnen ein Beispiel – ich bin egozentrisch – ich gebe alles zu, gebe mich in Ihre Hände, schauen Sie zu, ich mache mich bekannt, für sie bin ich Lara, Lara Vögeli (mein Name hat nichts zu bedeuten, Sie denken zu viel).

MEIN ZWEITES KAPITEL

«TRRRRRRRRRag – zagzagzagzagzagzag – dram – dram – TRRR-RRRRRRR.»

Der Typ machte mir schon Angst, als er einstieg.

«TRRRRRRRRRag – zagzagzagzagzagzag – dram – dram – gchchchchchchhhm – TRRR-RRRRRRR.»

So tönte es, als er einstieg, als er hinten im Tram neben mich trat, gleich neben mich, genau hier. Es war kein grosser Mann – im Gegenteil – aber er hatte eine Kapuze auf, er war bärtig, er war nicht mehr jung, er hatte ein Telifon und diesen Krach!

«TRRRRRRRRRag – zagzagzagzagzagzag – dram – dram – dram.»

Maschinengewehre, es waren Maschinengewehre, es waren Menschen auf seinem Bildschirm, Menschen, er spielte Soldaten abschiessen auf seinem Telifon, gleich neben mir. Sie werden mir glauben, wenn ich sage: Ich hatte sofort Angst! Ich über- treibe nicht; so ein Vorstadtmensch, ein seltenes, ein gefährliches Mensch! Man weiss nicht, zu was er fähig ist, er weiss das wohl selbst nicht einmal, er weiss nicht, was er als Nächstes tun wird – das ist umso gefährlicher: Dass man’s nicht weiss! Neben ihm kam ich mir ausgestellt, seltsam nackt vor, so was ist gefährlich in der Situation – er war ja mit seiner Gefährlichkeit bewaffnet, sozusagen, und ich schlürfe an einem Strohhalm Saft aus Tetrapak und habe meinen teuren Mantel an. Ich habe Ängste, bitteschön, da haben sie’s, er fluchte «Tami-Tami–Tami-Tami- Tami!» mit seinen Opfern auf dem Telifon, ich wollte weg, ich finde das verständlich; man kann sich ruhig entfernen, wenn es einem ungemütlich wird, ich könnte doch fort von diesem Fremden, vorne im Tram hat es ja noch Platz, zu viel Platz, zuwenige Menschen hatte es, wir waren hier ja fast alleine, zu zweit nur im Tram, niemand würde mir helfen können und niemand würde auch nur etwas bemerken, wenn etwas wäre. Fortzugehen, dachte ich, das wäre jetzt gerade falsch, dachte ich (ich konnte nicht aufhören zu denken) – er würde es als Schwäche sehen, ich gebe mich als Opfer zu erkennen, ich gebe schon zu, ich hatte Angst, also musste ich unbedingt hier bleiben, ich muss mich auch gefährlich machen…! Glücklicherweise hatte ich Zigaretten mit, Sie werden mir glauben, wenn ich sage, ich rauche wenig, aber jetzt war ich doch heilfroh, ganz leichtsinnig sogar, ich hatte doch Zigaretten! Ich nahm sie – wegen der Situation ganz langsam – aus meinem Mantel, konzentriert, und hielt sie gut sichtbar vor meine Brust. Er würde sie sehen, er würde merken, die hat Zigaretten – es ist also eine solche, eine die’s wenig kümmert, aussen weich, innen hart; der Eindruck des Beerensafts würde im Kontrast die Zigaretten gefährlicher erscheinen lassen, ich schöpfte Hoffnung – er sagte aus dem Nichts:

«Häsch-mr eini…?!»

«Ja!», sagte ich. «Ja, secher. Kes Problem… So rouch ech weniger…!», sagte ich – als ob ich zu viele Zigaretten hätte, meine Güte. Als ob ich wirklich rauchen würde, Tschises – mein Päckchen war wirklich noch fast voll; mein Glück! Ich gab ihm also eine Zigarette, was hätte ich sonst tun sollen, er nahm die Zigi mit der einen Hand, spielte mit der anderen weiter am Telifon; ich nahm mir auch eine raus, einfach weil ich gerade dabei war, wusste dann aber nicht, wohin mit ihr, drehte sie unentschieden in der Hand, man hätte sie sich ins Haar stecken können, klar, oder schon zwischen die Lippen – das schien mir aber zu viel, so wäre die gespielte Gefährlichkeit aufgeflogen, wer macht das schon…

«Wottsch Gras?»

Er fragte, ohne mich anzuschauen, ohne von seinem Telifon aufzuschauen, mitten in die Schiesserei fragt er das. Sie glauben mir sicher, wenn ich jetzt sage: Ich erschrak. Das hätte ich nicht gedacht, dass er denkt, dass ich, dass ich, Sie verstehen, vielleicht Cannabis rauch’! Dass er mich so sieht, als hätte ich vielleicht Interesse – natürlich habe ich kein Interesse, aber ich bin auch kein Gegner der Sache, Sie verstehen, ich bin einfach auch nicht mehr fünfzehn – aber das konnte ich ihm nicht so sagen.

«Nei, danke…», sagte ich also. Und dachte dann sofort, ein ‹Ja› wäre besser gewesen; aber er war ja immer noch am Ballern… Er war mir unberechenbar, ein Rätsel, stumm wie ein Rätsel, nicht ganz normal, vielleicht Drogen, vielleicht so geboren, wer weiss es; ich kam mir neben ihm – ich dachte ja fürchterliche Sachen von ihm, wenn man jetzt zurückdenkt – minderwertig vor, von einem anderen, falschen Stern. Nicht, dass ich mich nicht versucht hätte zu beruhigen, was will man sonst tun; ich dachte daran auszusteigen, einfach an einer Haltestelle auszusteigen – eine Station vor ihm, nein, eine nach ihm, ein guter Plan – nur was, wenn er nicht aus- steigen will, was, wenn er bis zur Endhaltestelle hierbleibt…?

«Du häsch Angscht vormr, gäll?»

«Was? Sorry?», ich stottere, ich schüttle den Kopf, «nei, ech… nei, nei…! – «Wäisch, musch käi Angscht ha, oder, ich bin au e Mönsch, verschtahsch? Ich bi wie du, ich bi käs Monschter, verschtahsch? Du mäinsch – alli mäined – ich sig irgendwie krass oder so, wäisch – ich mäine, ich chans verschtah, oder – ich bin au uf en Art krass! Aber drum musch nöd voll Schiss ha; nur wili flueche, wili so gäime und so. Das macht doch jede oder, käs Problem. Gras rauched au alli, da mues käine irgendwie wele so uf suuber, uf Bünzli mache… Isch nöd nötig, verschtahsch, muess nöd si, verschtahsch – me chan eifacht säge, öbme wott oder nöd. Jede isch sin äigäne Chef oder, das isch bi miir alles neoliberal, hehe!» (Er grinst; ich weiss nicht, wie ich dreinschau…)

«Aso, was mäinsch, wottsch vilicht doch…?» (Sein Telifon schellt, mein Glück, es macht Musik – es machte ‹bäm-bäm-tschigg, bäm-bäm-tschigg›.) – «…shit, wartemal… (Er nimmt ab.)… Ja, hei, Mara! Sali ey! Was machsch Müüsli?!… Näi, bin grad im Tram… Näi, im Tram. Ja, isch guet – käs Problem, käs Problem… …Was? Sicher? Ohni Schäiss? Nääi!… Näi!… … …de Wixer, de verdammti! Wäni de verwütsch, ey, sones Arschloch, ächt ey! Soo-ne Wixer!… … …Oke, ja- ja, isch ja guet, oke, bis grad, Tschüss…»

Ohne ein weiteres Wort, ohne dass ich etwas hätte sagen können – das Tram traf auch gerade bei der nächsten Station ein – drückte er dreimal hektisch auf den Türknopf, steckte sich die Zigarette in den Mund und sprang aus dem Tram.

(Voilà, ich mache hier fertig, tut mir leid, ich will nicht weiter schreiben, sie sollen nicht mehr lesen müssen – ich denke aber, weil das dritte Kapitel wie das zweite tönt, können wir ebensogut hier aufhören.)

Manuel Müller

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