Einhaltestellen

Ne vous est-il jamais arrivé, lisant un livre, de vous arrêter sans cesse dans votre lecture, non par désintérêt, mais au contraire par afflux d’idées, d’excitations, d’ associations? En un mot, ne vous est-il pas arrivé de lire en levant la tête?

Roland Barthes, Écrire la lecture

Der Text ist nicht so bescheiden, wie die in ihm veranschlagte Alltagssprache es suggeriert. Nicht, dass ich damit sagen wollte, er nähme den Mund zu voll (obwohl das vor dem Hintergrunde des ersten Satzes sowie der mitschwingenden Dostojewski-Hommage auf den ersten Blick gar nicht so daneben wäre). Gewiss, er wäre hochstaplerisch, wenn er sich mit seinem rhetorisch eingesetzten, vorwurfsvoll wirkenden Masochismus, mit seiner mir zuvorkommenden und besserwisserischen Art begnügte. Doch das tut er nicht.

STEIGEN WIR EIN

«Liebe Leserinnen», heisst es am Anfang. Als Leserin büsse ich da ziemlich an Exklusivität ein und der kleine Rest an Geheimnissen, der mit den Worten «ich habe fast keine Geheimnisse» thematisiert wird, scheint verloren zu sein. Denn: Wer würde schon ein Geheimnis einem Heer potenzieller Leserinnen anvertrauen? Und auch wenn jemand oder etwas das täte, wäre die Kenntnis des Geheimnisses nicht mehr attraktiv (und Geheimnis Geheimnis wohl nur noch dem Namen nach ), wo zu viele Nebenbuhlerinnen ebenfalls darum wüssten. Die, unerhörte, Wahrheit ist, dass die Lektüre für den Lesenden nur scheinbar exklusiv ist. Bedingung der Möglichkeit jedweder Intimität zwischen Leserin und Text ist, dass sie von unzähligen, jedem anderen Lesenden auch erfahren werden kann. Vielleicht nicht gleich, aber doch ähnlich. Vielleicht nicht hier und jetzt, aber doch überall und zu jeder Zeit. «Bücher und Dirnen» ,vergleicht Benjamin – diese wie jene liebt man nie als Erster.

Sie müssen Geduld haben, der Anfang ist gemacht, das meiste ist getan, ihre Augen habe ich bereits, ihre Aufmerksamkeit folgt von alleine und darum schreibe ich doch überhaupt – weil ich will, dass sie mich lesen.

Wer gehorcht hier wessen Willen? Kein grosses I, kein grosses S… Mit mindestens einer weiteren imaginierten Mitleserin werde ich so zum Publikum gemacht, das den (s)ich schreibenden Text – denn vor uns, «vor Publikum», strenge er sich stärker an – zu Höchstleistungen anspornt. Ich unterbreche die Lektüre, hebe den Kopf – denke mir dann aber, dass das Ganze doch charmant sei. Irgendwie. Bereit, mich trotz der ersten Verstörung auf einen Flirt einzulassen, lese ich willig weiter, erdulde auch die Taktlosigkeit des Textes, mir stets zuvorkommen zu wollen, gleichsam Herr meiner Gedanken sein zu müssen. Unter anderem meint er zu wissen, was ich denke, glaubt auch, dass ich bei und vor ihm, vor und bei mir nicht sicher sei. Er wisse zu viel, das sei sein Problem. Aber er irrt sich, denke ich triumphal: Der Zufall will, dass ich Russisch beherrsche und der Dostojewski-Verweis mir nicht entgeht. Der Triumph ist indes von kurzer Dauer.

Hier wird nicht gedacht, nur Sie denken. Ich bin nicht dieser er, ich bin überhaupt kein ER. Aber Sie sehen, ich verwickle mich – ich komm’ nicht mehr von mir frei, ich ärgere mich, ob mir. So. Das ist mein Problem. […] Wenn Sie jetzt fragen wollen – und das tun sie bestimmt: «Wozu schreibt ER denn hier? Man tut sich noch was an damit!» Dann antworte ich: Wozu fragen Sie so Fragen? Ist es nicht hübsch und leicht zu lesen? Bin ich nicht ein interessanter Mensch? Ich stelle mich Ihnen gerne vor, ich erkläre mich gerne, ich mache Ihnen ein Beispiel – ich bin egozentrisch – ich gebe alles zu, gebe mich in Ihre Hände, schauen Sie zu, ich mache mich bekannt, für sie bin ich Lara, Lara Vögeli (mein Name hat nichts zu bedeuten, Sie denken zu viel).

Mit der Entwicklung des Textes steigt die Verwicklung der Erzählerin und mit ihr die Verwirrung der – kritischen – Leserin. Als Kritikerin spreche ich Russisch, nicht aber als ‹Leserin›. ‹Leserin› ist, wer liest. Die Leserin denkt, was sie liest und denkt sie etwas anderes, so liest sie nicht mehr und ist nicht länger – was sie ist. Durch die lesende Person erwacht der Text, und mit ihm die Leserin, zum Leben und verleitet – durch sein Tempo und seinen Impetus – die lesende Person dazu, ihm zu folgen, ihn nicht beiseitezulegen. Wort um Wort steuern dadurch Leserin und Text ihrem Ende entgegen. Mich als Leserin verwickelte er – der Text, der eben kein ER ist – zuerst in eine Art Machtkampf und lässt mich dann im zweiten Kapitel die Geschichte (m)einer Leseerfahrung lesen. Die Leserin wird im zweiten Kapitel nachträglich zu Lara (oder: Lara Vögeli?) werden.

FAHREN WIR FORT

Nach einem Machtkampf, der durch den im ersten Kapitel adressierten Gedankenstrom entsteht, wendet sich mit dem Beginn des nächsten Kapitels ( mein zweites Kapitel ) das Blatt. Was der Leserin im ersten Kapitel durch die Erzählerin geschah, geschieht nun Lara–Verdoppelungen setzen ein: Wie die Leserin dem Text gefolgt ist, folgt Lara nun dem Spielgeschehen. Und genauso wie die Leserin nichts über den Fortgang des Textes, der sich durch ihre Lektüre schreibt, wissen kann, weiss Lara nicht, wozu ihr Sitznachbar als Nächstes fähig ist. Der ‹Dialog› zwischen der Erzählerin und ihren Leserinnen wird im zweiten Kapitel fortgesetzt, doch nun wird nebst Laras «Innenwelt» auch über äusseres Geschehen, verbale und nonverbale Kommunikation gelesen: Die « Menschen », die Lara vor sich oder auf dem Display erblickt, bekommen wir, wenn wir lesen, durch sie vermittelt zu sehen. Wenn die Erzählerin über andere oder über sich als Mensch berichtet und nachsinnt, erscheint vor uns kein Mensch aus Fleisch und Blut. Unser inneres Auge mag sich zwar einen Menschen vorstellen, doch bleibt er fiktiv und in weiten Teilen unbestimmt. Lara sitzt im zweiten Kapitel also im Tram. Neben ihr ein Gamer, dessen «Telifon», von dem sie nicht wegschauen kann, Schauplatz fiktiver Gewalt wird. Das macht Lara ängstlich, wie sie uns wissen lässt. Er, der ihre Gedankenwelt nicht mitlesen kann, wittert ihre Angst und thematisiert sie. Die beiden kommen ins Gespräch. Er knöpft ihr eine Zigarette ab, bietet ihr dann « Gras » an, kommt ihr auf die Schliche, kommt ihr zuvor und entblösst sie damit. Gewissermassen. Und Lara teilt uns mit, dass sie sich «neben ihm […] ausgestellt, seltsam nackt […] minderwertig vor [ kommt ], von einem anderen, falschen Stern». Lange unterhalten sich die beiden ohnehin nicht: Ihr Dialog wird durch das – nicht mehr wegen des Spiels, sondern eines Anrufs – klingelnde Handy gestört. Laras Sitznachbar wird nun in einen neuen Dialog verwickelt (ich nehme an, dass er mit seiner Freundin spricht, aber vielleicht hat « Müüsli » nichts oder etwas anderes zu bedeuten; vielleicht denke ich zu viel…). Ebenso unverhofft wie das abrupte Ende Laras Interaktion mit dem Gamer endet auch unser Lesevergnügen. Die Erzählerin lässt uns, nach einer letzten Klammerbemerkung, sitzen und steigt damit, wie auch der im Telefongespräch verwickelte Gamer, aus. Der Fortgang wird, da er dem bereits Geschriebenen zu sehr ähneln und deswegen langweilen könnte – weggelassen. Ein drittes Kapitel erscheint als imaginiertes am Horizont, als Fiktion zweiten Grades, da uns der Text dafür keine konkreten Vorstellungseckpunkte gibt. Letzteres gilt auch für das vom Gamer gespielte Spiel sowie für dessen Freundin am anderen Ende der Telifonleitung. Es gilt auch für die Dritte im Bunde, die beim Lesen immer mit dabei ist: die (mindestens eine) andere Leserin – für die Lara nicht Lara, sondern Lara Vögeli ist (oder vice versa ). Der Text, Grundlage allen Geschehens, wird zum Display, das uns, sofern wir den Kopf nicht allzu sinnlos heben und zu Spielverderbern werden, animiert. Auf narrativer sowie struktureller Ebene vollzieht der gelesene Text eine Öffnung hin auf eine mise en abyme und mündet so am Ende in seine eigene Unendlichkeit.

Dragica Stojkovic

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