Die Akte oder Das Lesen der Anderen

Eine Kritik zu «Die Akte» von Laura Basso. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/03/die-akte/

Auch Dinge, die es gar nicht gibt, können eine Wirkung nach sich ziehen. Sie sind nicht da, die Dinge, sie existieren nicht. Aber ihre Folgen suchen uns dennoch heim. Wie Geister, wenn man an sie glaubt. Oder wie Geschichten und Erinnerungen, wenn man diesen Glauben bevorzugt: Ein undeutliches Gemunkel aus Gerüchten und Erzählungen, das in uns reist wie ein Parasit in seinem Wirt, uneingeladen und eigennützig, potenziell letal.

Geisterhaft gebärdet sich auch jene Akte, von der Laura Basso erzählt: «Die Akte, die es nie gab, in der all das über dich steht, was du nicht lesen wirst.» So lautet der erste Satz ihrer Geschichte über ein Dossier, das es nie gegeben hat. Der letzte Satz fasst dann die Wirkung dieses gespensterhaften Dokuments zusammen: «So erdrückt dich die Akte von innen, so schreibt sich dein Leben, während du vergehst.»

Trotzdem haben wir es nicht mit einer Spukgeschichte im herkömmlichen Sinn zu tun. Hier knarren keine suggestionsschweren Tritte oben im metaphysischen Gebälk, hier geht nichts Unsichtbares seufzend durch die solide Wand des Wissbaren. Stattdessen klingelt es ganz ordinär in der Sonnerie: «Es läutete an der Tür, er versuchte sich einzureden, dass er es nicht gehört hatte.» Wer da klingelt, erfahren wir nicht. Denn der namenlose Protagonist geht nicht zur Tür, er lässt das Klingeln ohne jede Reaktion verhallen. Etwas lähmt ihn, hält ihn zurück, lässt den Augenblick verstreichen: « Dann war das Klingeln vorbei und doch liess es nicht von ihm.» Das Unheimliche steht in diesem Fall nicht draussen vor der Tür, wie ein Vampir auf Einlass wartend. Es ist längst drinnen, in dieser Lähmung, in diesem stummen Bann. Das Spukhafte erscheint hier nicht als das ominöse Ding auf der Schwelle, das die Klingel betä- tigt, sondern vielmehr als der Nachhall, die unheimlich-lähmende Wirkung dieses Klingelns. Es gibt offenbar mehr zwischen Tür und Angel, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.

Hantologie – Gespensterkunde – hat Jacques Derrida die Beschäftigung mit solchen Phänomenen genannt: Beschreibung und Analyse dessen, was nicht anwesend ist, aber die Gegenwart trotzdem mit seiner Nicht-Präsenz heimsucht. Ein Klingeln, das längst aufgehört hat zu klingeln und trotzdem nicht von einem lässt. Eine Akte, die einen erdrückt, obwohl es sie nie gab. Und auch diese Akte ist nichts Äusseres, sie liegt nicht irgendwo jenseits von uns in einem alten Stasi-Archiv oder auf einem neuen NSA-Server, sondern übt ihre erdrückende Wirkung «von innen» aus. Wie geht das? Wie kommt ihre Wirkung in uns hinein, wenn es sie – die Akte, das Wirkende hinter der Wirkung – doch gar nicht gibt?

Die Antwort steht schon da, kurz und knapp, im dritten Satz von Bassos Geschichte: «Der Versuch, zu dieser Akte zu werden, alles an dir zu registrieren, was dir niemand sagen würde.» Die Lähmung ist also hausgemacht, das Netz der Überwachung selbstgeknüpft. Die Akte ist zwar noch nicht, sie wird erst noch. Aber in ihrem Werden beginnt sie bereits zu wirken, beginnt sie – das heisst, man selbst – bereits, das eigene Ich zu überschreiben. Was hier vor sich geht, klingt wie das Stenogramm einer wahrhaft dämonischen Verwandlung: Man mutiert zur Akte jener individuellen Lebendigkeit, welche im Prozess eben dieser Transformation erdrückt und damit buchstäblich ad acta gelegt wird.

Wir haben es also mit der Geschichte einer sich selbst protokollierenden Auslöschung zu tun. Zur einen Hälfte im intimen, tagebuchartigen Zwiegespräch mit einem schwindenden Du, zur anderen, nicht eingerückten Hälfte bereits in der Perspektive der inwendig wuchernden Akte über einen anonymen Er notiert. Beide Linien enden im Nichtsein: Das Er bleibt «ein Jemand, der nicht war», und das Du wird von der Akte erdrückt – «so schreibt sich dein Leben, während du vergehst».

Doch was ist das für ein Leben, das sich so bereitwillig selbst überschreibt? Und was ist das für ein Ich, das so nüchtern zu seiner eigenen Akte erstarrt? Offenbar ein Ich, das nicht Herr im eigenen Haus ist, wie es bei Sigmund Freud heisst. Und offensichtlich ein Leben, das primär als Schriftstück, als Text, als ein mit Metaphern des Schreibens und Lesens verbundener Prozess erzählt wird. Was hat es damit auf sich?

Zunächst zum Ich ohne Herrschaft über sein Haus. Freud behauptete bekanntlich, dass das Ich keineswegs die Kontrolle über das eigene Selbst ausübe, sondern seinerseits stark von unbewussten Kräften gesteuert sei. Nachdem Nikolaus Kopernikus die Erde aus der Mitte des Weltalls verbannt und Charles Darwin den einst götterebenbildlichen Menschen zum Tier unter anderen degradiert hatte, verstand Freud seine These als dritte grosse Kränkung der Menschheit. Von den zahllosen Versuchen der Moderne, mit dieser Kränkung literarisch umzugehen, sind hier vor allem zwei interessant.

Auf der einen Seite arbeitete Rainer Maria Rilke daran, all jene dunklen Kräfte, die nicht dem Ich unterstehen, in eine spirituelle Sphäre zu externalisieren. Das Resultat sind übersinnlich veranlagte Geistergeschichten wie Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910), in denen Gestorbene durchs Esszimmer wandeln, weisse Hände aus dem Dunkel unterm Tisch erscheinen und plötzliche Zuckungen aus den Körpern von Passanten herausbrechen. Da wachsen fremde Wesen aus dem eigenen Spiegelbild hervor und der Tod tritt als intensive Präsenz in den Raum des Lebens wie ein Engel in die blasse Materialität des bloss Vorhandenen.

Auf der anderen Seite hingegen versuchte Marcel Proust, dieselben ichfremden Kräfte vollständig in das unerschöpfliche Geheimnis der eigenen Existenz zu internalisieren. Daraus resultiert die eher weltlich orientierte Expeditionsgeschichte einer Suche nach der verlorenen Zeit (1913–1927 ), welche den mysteriösen Halleffekten im grossen, unüberschaubar verwinkelten Echoraum des eigenen Erlebens nachforscht. Es ist eine Suche nach den Intensitätskoordinaten von in Tee getunkten Madeleines und am Strassenrand vorbeiziehenden Baumgruppen, welche in der persönlichen Erfahrung genauso mysteriös und wesentlich erscheinen wie Rilkes unheimliche Begegnungen, ohne jedoch den Materialismus der Aufklärung zu widerrufen.

Auf welcher Seite dieser Gegenüberstellung wäre Bassos Text zu verorten? Die hantologischen Elemente schienen bisher eine Zugehörigkeit zur Rilke’ schen Erzähltradition anzudeuten.

Andererseits findet man bei Basso jedoch keinerlei Motivierung durch etwas Übersinnliches. Vielmehr ist es wie bei Proust eine profane Eifersucht, welche die Hauptfigur bestimmt. Während sich die Eifersucht von Prousts Erzähler aber vor allem auf seine Geliebten richtet, die er nie diktatorisch genug zu kontrollieren vermag, ist Bassos Protagonist hingegen von einer Eifersucht auf jene Person gezeichnet, die er selbst für die Erwartungen der anderen spielt:

Es war geradezu lächerlich einfach gewesen zu erahnen, was sie erwartete, und er spielte nur zu gern mit, er spielte nur zu gern diesen Menschen für sie, weil er sich so nicht entscheiden musste, was er von sich zeigen kann. Doch mit der Zeit merkte er, wie er auf diesen Menschen eifersüchtig wurde, der auf seiner Bühne stand.

In dieser Eifersucht ist das Drama vorgezeichnet, das sich nun im Protagonisten zuspitzt. Dieses Subjekt ohne Ich, das nur in Du- und Er-Form erscheint, das keine eigene Individualität ausbildet, weil es immer erst zu «erspüren» versucht, was die anderen in ihm sehen – dieses Subjekt ohne Selbst ist eifersüchtig auf das Selbst, das es haben könnte, das es sein könnte. Obwohl es sich längst mit seiner Selbstvernei- nung arrangiert hat, bleibt da dennoch ein Rest von Trauer, ein Rest von Traum: «All das, was du dadurch verleumdest.» – «Deine Stimme, die du verlierst.» – «Und doch träumte er mit der Zeit immer stärker davon, hervorzutreten.» Die erstarrende Akte ist eifersüchtig auf das Leben, das sie doch gerade eigenhändig vernichtet.

Es scheint sich hier um einen Konflikt von jenem Typ zu handeln, wie Alice Miller ihn in ihren Berichten und Analysen über Das Drama des begabten Kindes (1979) beschrieben hat. Man kann wohl davon ausgehen, dass auch unser Protagonist einmal eines dieser emotional begabten Kinder war, welche in ihrer Sensibilität schon früh lernen, die Gefühle und Erwartungen ihres Umfelds wahrzunehmen, während sie dazu gedrängt werden, diese fremden Gefühle als eigene anzunehmen und im Gegenzug ihre eigenen abzuspalten. Jedenfalls bietet auch er seinen eigenen Raum nur allzu bereitwillig den Wünschen der Anderen zur Erfüllung an:

Alle schienen ihn nach einer Weile zu mögen, […] wahrscheinlich, weil er nicht und somit mehr Raum für die anderen da war. Und das mochten sie, die anderen, sie alle mochten es, Raum einzunehmen, ihren, seinen.

Auch das ist ein Weg, von innen erdrückt zu werden, sein eigenes Innen aufzugeben: «Im anderen sehen, was man sucht. Im anderen suchen, was man ist.»

Die Akte wäre dann nicht bloss eine Protokollierung jener faktischen Urteile und Blicke, denen ein Mensch in Gesellschaft tatsächlich Zeit seines Lebens ausgesetzt ist. Sie konstituiert sich vielmehr – und das ist der entscheidende, weil noch viel beklemmendere Punkt – gerade in der ständigen Projektion und Vor- wegnahme dieser fremden Blicke, in der Verinnerlichung jenes unaufhörlich lesenden Zugriffs der Anderen auf das eigene Selbst.

Damit sind wir beim zweiten Aspekt der bereits angedeuteten Problematik angelangt: Was ist das für ein Leben, das sich als Akte beschreibt und liest, als Text lesen und überschreiben lässt? Die Akte ist, wie wir gesehen haben, ein Schriftstück, in dem «all das über dich steht, was du nicht lesen wirst». Damit sind offenbar die unausgesprochenen Gedanken und Urteile der Anderen gemeint: «Was sie alle denken, wie sie alle urteilen, ohne dass du es erfahren kannst.» Schrift, die man nicht lesen wird. Gedanken und Urteile, die man nicht erfahren kann. Hier ist es wieder, das Gespensterhafte: Unleserliche Zeichen jenseits aller Erfahrbarkeit – und trotzdem entfalten sie einen Imperativ, dem man sich nicht entziehen kann. Aber dieser Imperativ ist nicht nur derjenige Rilkes, sondern auch derjenige Prousts. Bei beiden Autoren findet man denselben Zwang zur Exegese: Du musst dein Leben verstehen!

Der Spuk liebt das Zeichen, weil es so geheimnisvoll ist. Aber auch die Erinnerung lässt sich nur allzu gern von seiner Erklärungskraft verführen. In beiden Fällen ist es dasselbe Spiel, derselbe Tausch, mit dem das Zeichen einen in die Falle lockt. Es verspricht: Wenn du mich entschlüsselst, schliesse ich dir die Wirklichkeit auf. Wenn du mich verstehst, klärt sich deine ganze Existenz. Wenn du mein Geheimnis knackst, werde ich dir die Türen zum Augenblick öffnen. In unserem Fall heisst das: Ich werde dir ein Hervortreten ermöglichen, ein Eintreten ins Leben und ein Auftreten mit eigener Stimme. Das ist es doch, was du willst? Endlich aus der «Verlegenheit, die dich aufspiesst», entlassen werden? Endlich den spottenden Koffer packen und mit ihm durch diese «Tür, die dich verausgabt und sich doch nicht bewegt», ins Offene ausbrechen? Egal wohin, nur hinaus aus dieser Unmöglichkeit:

Die Türen, die verschlossen bleiben, und wie du stets durch Fenster weiterziehst. Wie du dich stets durch Spalten zwängst, um weiterzukommen. Wie es immer ein Fortschleichen bleibt, ein sich Durch- zwängen, ein Weiterschlüpfen, und nie ein Eintre- ten, nie ein Auftreten wird.

Auf diese Weise wird das Leben dazu verführt, sich einem Interpretationsprozess zu verschrei- ben. Darin besteht die Falle: Das Leben soll Lesen werden, weil es, einmal im hermeneutischen Zirkel drin, kaum jemals wieder hinaus-indet. Schliesslich gibt es immer noch etwas mehr zu verstehen, zu deuten, zu interpretieren. Im Reich der Signifikanz wird man mit nichts fertig, wie Gilles Deleuze und Félix Guattari in den Tausend Plateaus (1980) schreiben: Innerhalb der Logik des Zeichens könnte alles signifikant sein, aber nichts nimmt jemals eine feste Bedeutung an, die nicht ihrerseits wieder zu hinterfragen wäre. Man wird also alles lesen müssen, die Zeichen und die Kommentare und die Kommentare der Kommentare. Man wird die Anderen lesen müssen, wobei sie im Gegenzug mich lesen werden, weshalb man auch ihr Lesen meines Lesens lesen sollte, genauso wie dieses Lesen wiederum einem Lektüreprozess unterworfen werden muss. Die Akte wäre dann nichts anderes als die Ablagerung jenes unend- lichen Lesens der Anderen, jenes lebenslangen Erspürens und Vermutens und Adaptierens, das die eigene Lebendigkeit nach und nach unter der Schwere seines exegetischen Imperativs erdrückt.

Das klingt in der Tat nach einem ziemlich dämonischen Dossier. Aber ist die Geschichte dieses Dossiers wirklich ein dämonisches Narrativ, eine Rilke’sche Geistergeschichte? Wie einer der grossen Meister der fantastischen Literatur, H.P. Lovecraft, einmal bemerkt hat, sind nur diejenigen Erzählungen als echte Spukgeschichten anzusehen, in denen die unheimlichen Geschehnisse letztlich nicht doch noch auf natürlich erklärbare Phänomene zurückgeführt werden. Mit anderen Worten: Man hat es nur dann mit einer Spukgeschichte zu tun, wenn man sich tatsächlich zu Recht fürchtet. Basso hingegen erzählt zum Schluss gerade von der Gefahr, welche in der Furcht liegt:

Die Gefahr, sich vor Einflüssen zu fürchten. Davor, in die falsche Strasse einzubiegen, die keine anderen mehr kreuzt, sodass du ewig geradeaus, ewig auf derselben Strasse weiterlaufen musst, in eine Richtung, die dir nicht mehr gefällt. Wie du aus der Angst heraus, in einer solchen Strasse zu enden, absichtlich die offensten und freiesten wählst, um dich dort genauso gefangen zu fühlen. Wie man herbeiführt, was man fürchtet.

Ein eigenartiges Ende für eine vermeintliche Spukgeschichte. Die Erzählung läuft damit gerade nicht auf eine Bestätigung der Furcht, sondern vielmehr auf deren Entlarvung als selbst- erfüllende Prophezeiung hinaus. Wenn Bassos Protagonist am Ende zur Erkenntnis kommt, dass die Akte nichts Dämonisches an sich hat, dass ihre Despotie vielmehr stets von ihm selbst ausging – «Es dauerte lange Zeit, bis er ver- stand, dass er sich immer wieder selbst den Boden unter den Füssen wegzog.» –, dann aller- dings erst an einem Punkt, an dem es bereits zu spät ist. Der mögliche Ausweg ist jetzt nur noch ein hypothetischer, für ihn längst nicht mehr einschlagbarer:

Ausser sich selbst hätte ihm niemand helfen können. Er wollte nicht leben wie irgendeiner und traute sich nicht zu leben wie ein Besonderer. So blieb er ein Jemand, der nicht war.

Das tönt einmal mehr nach dem Pathos Rilkes, aber dem Inhalt nach ist es näher bei Proust: Eine Suche nach der verlorenen Zeit, einfach ohne Happy End. So wie Prousts Erzähler am Ende des sechsten Bandes entdeckt, dass er in der Mutlosigkeit seiner Jugend die Zeichen missverstanden und die Möglichkeit des Glücks verpasst hat, so steht auch Bassos Protagonist am Ende nicht unter dem Rilke’schen Schatten eines abwesenden Gottes, sondern nur unter dem weltlichen Verhängnis seines fehlenden Mutes. Er traut sich nicht zu leben, traut sich nicht die Furcht hinter sich zu lassen und muss darum ihre Prophezeiung erfüllen. Bei Proust setzt an dieser Stelle der siebte Band ein, das finale Wiederfinden der verlorenen Zeit im künstlerischen Ausdruck. Basso hingegen lässt die Geister der Akte gewinnen. Aber es ist ein durchaus aufgeklärter Spuk, der hier siegt: Diese Gespenster können einem nur dann etwas antun, wenn man sich vor ihnen fürchtet.

Stéphane Boutin

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