Die Akte

Die Akte, die es nie gab, in der all das über dich steht, was du nicht lesen wirst. Was sie alle denken, wie sie alle urteilen, ohne dass du es erfahren kannst. Der Versuch, zu dieser Akte zu werden, alles an dir zu registrieren, was dir niemand sagen würde. Dein Blick, der sich dadurch verstellt, der versucht zu erspüren, was nicht ausgesprochen wird. Wie du Winkel wechselst, Winkel annimmst, Winkel in dich aufnimmst und deinen eigenen verlierst. Wie unleserlich die Akte wäre, wenn du sie denn schreiben würdest. Alle blickten ihn an. Er stand vorne an der Wandtafel, klammerte sich an das Blatt Papier in seinen Händen, die nicht aufhören wollten zu zittern. Ihre Blicke sah er zwar nicht, denn er schaute verzweifelt auf das Blatt, doch spüren konnte er sie, wie Stösse, die ihn noch weiter in die Ecke drängten. Er konnte nicht lesen, was dort geschrieben stand, weil sich die Buchstaben vor lauter Zittern ständig auf und ab bewegten. Diese Stütze hätte er gebraucht. Der Koffer, der darauf wartet, dass du gehst. Der seit jeher in einer Ecke steht und den du so oft schon gepackt hättest und mit ihm losgezogen wärst. Wie er im Staub versinkt. Er blickt dich an, wenn der Stuhl, der nur geliehen ist, wie das Vertrauen, dich zum Versinken bringt.

Dich daran hindert, aus den Gedanken aufzustehen. Dann schaust du zur Tür, die dich verausgabt und sich doch nicht bewegt. Wie der Koffer dich beim Aufräumen verspottet. Es läutete an der Tür, er versuchte sich einzureden, dass er es nicht gehört hatte. Es läutete erneut, er blieb sitzen, unfähig sich loszulösen, unfähig, den Gang zur Tür zu meistern, unfähig, dazustehen und hereinzubitten. Er wollte sich nicht erklären müssen, sich selbst am allerwenigsten. Dann war das Klingeln vorbei und doch liess es nicht von ihm. Das Gerede hält an. Nicht, dass es dich etwas angehen würde, aber dass du darum nicht herumkommst. In dieser Stadt, die eine Strasse ist. In der ausser dem Gerede schon lange nichts mehr lebt. Die Stadt, die du verlassen hast, um auf die Welt zu kommen. Wie die Zeit nicht vergisst, sondern verschiebt. Was noch an vielen Ecken haftet und anderswo fehlt. Die Stadt, die dich an den Orten hängen liess, die dich öffneten. Das Verschobene zwischen all dem was war und nicht wurde. Wenn der Boden derselbe, aber das Fallen nicht. Das Gerede hält an, dazu brauchst du nicht hier zu sein. Alle am Tisch hatten sich in kleine Gesprächsgruppen aufgeteilt, weil es so laut war im Lokal und man nur diejenigen, die neben einem sassen, verstehen konnte. Er hörte der Unterhaltung neben ihm zu, ohne daran teilzunehmen, und fragte sich immer mehr, wieso. Er kannte diese Gespräche zu gut und schon beim ersten Hören hatte er gewusst, worum es ging. Und doch war er zurückgekommen, und doch sass er wieder mit denen am Tisch, die er nicht mehr sehen wollte. Die Türen, die verschlossen bleiben, und wie du stets durch Fenster weiterziehst. Wie du dich stets durch Spalten zwängst, um weiterzukommen. Wie es immer ein Fortschleichen bleibt, ein sich Durchzwängen, ein Weiterschlüpfen, und nie ein Eintreten, nie ein Auftreten wird. Die Hände, die du aus allen Fenstern streckst, und was sie dort nicht greifen werden. Wie du an keinem Ort bist, wenn du versuchst, an alle zu gelangen. Wie die Scheiben zerspringen und dein Bild darin. Die Scherben, die du nicht zusammensetzen kannst, obwohl du sie alle siehst, obwohl du sie alle kennst. Wie du dich in allen Teilen erschöpfst. Wie du dich schneidest und fluchst, obwohl das Blut sich nicht zeigt. Die Türen, die verschlossen bleiben, und wie du stets durch Fenster weiterziehst. Wie du dich stets durch Spalten zwängst, um weiterzukommen. Wie es immer ein Fortschleichen bleibt, ein sich Durchzwängen, ein Weiterschlüpfen, und nie ein Eintreten, nie ein Auftreten wird. Die Hände, die du aus allen Fenstern streckst, und was sie dort nicht greifen werden. Wie du an keinem Ort bist, wenn du versuchst, an alle zu gelangen. Wie die Scheiben zerspringen und dein Bild darin. Die Scherben, die du nicht zusammensetzen kannst, obwohl du sie alle siehst, obwohl du sie alle kennst. Wie du dich in allen Teilen erschöpfst. Wie du dich schneidest und fluchst, obwohl das Blut sich nicht zeigt. Es war nicht schwierig gewesen sich mit ihr anzufreunden, denn er wusste genau, wie sie wollte, dass er war, und das konnte er gut. Es war geradezu lächerlich einfach gewesen zu erahnen, was sie erwartete, und er spielte nur zu gern mit, er spielte nur zu gern diesen Menschen für sie, weil er sich so nicht entscheiden musste, was er von sich zeigen kann. Doch mit der Zeit merkte er, wie er auf diesen Menschen eifersüchtig wurde, der auf seiner Bühne stand. Die Verlegenheit, die dich aufspiesst, nichts Besonderes, nur qualvoll. Wie die Anrufe, die man nicht entgegennehmen kann, weil auch die Tasten nur Fenster sind. Wie Schuhe kaufen, die man nie anzieht. Wie Kleider anziehen, die man nie kaufen würde. Wie vorschlagen zu kochen, obwohl man nicht kochen kann. Wie in deinem Bett liegen und weinen. Wie am Boden liegen und weinen, weil man aufwacht. Wie weinen und nicht aufwachen können. Alle schienen ihn nach einer Weile zu mögen, er konnte sich nicht erklären, weshalb. Wahrscheinlich, weil er meist schwieg, und die anderen glaubten, er höre ihnen zu, wahrscheinlich, weil er nie widersprach, und die anderen meinten, er stimme ihnen zu, wahrscheinlich, weil er nicht und somit mehr Raum für die anderen da war. Und das mochten sie, die anderen, sie alle mochten es, Raum einzunehmen, ihren, seinen. Doch mit der Zeit merkte er, dass er es sich lieber anders erklären würde.

Gradlinigkeit sagt nichts über den Winkel aus, leider. Nicht einmal die Weltkarte ist in ihrer Ausrichtung fix. Das Wasser, in dem du schwimmst ohne es zu sehen. Trotz Bildung, trotz Einsicht, trotzdem. Die Empörung, die da ist, und der Trott, der sie zuverlässig erstickt. Wie der Gebrauch die Sprache, wie die Gewohnheit das Denken. Wie du nicht siehst, was dich übersteigt. Wie du in deinem eigenen Saft brätst, wie du gar wirst, wie du weich kochst. Wie du nicht erkennst, was ein Winkel ist, wenn du deinen nicht ablegen kannst. Wie du nicht aus der Box hinaus schaust, in der du aufund angewachsen, mit der du verwachsen und verwoben bist. Wie du nicht siehst, wie Boxen Grenzen ziehen. Eingesessen in deinem Blick. All das, was du dadurch verleumdest. Es waren Menschen, die er nicht kannte, die ihn wirklich berühren konnten. Es waren fremdes Leiden und fremder Schmerz, die ihn verzweifeln liessen. Alle Menschen, deren Leben kein menschliches war, alle Unleben, die noch immer gelebt werden. Das Wissen um sie zerfleischte ihn, er erstarrte ob dieser Ungeheuerlichkeit. Er konnte nichts mehr ertragen, am allerwenigsten, welche Leben ihn führten. Und doch lebte er so weiter wie die anderen, liess sich mitziehen, von dem, was selbstverständlich erscheint, und konnte nicht ausbrechen, nicht durchbrechen, was nicht selbstverständlich sein müsste. Ausblenden, was die Sicht aus den Fugen hob, ausblenden und leben, in Verblendung, sie als Leben ansehen, heisst, all dem, was im Schatten steht, alles Leben abzusehen, das Leben zu nehmen durch Wegsehen.

Menschen als Spiegel aus Milchglas. Im anderen sehen, was man sucht. Im anderen suchen, was man ist. Den anderen sehen und sich nicht verstehen. Verstehen und den anderen nicht sehen. Jeder steht sich selbst am nächsten, doch in dieser Nähe bleibt keiner stehen. Alle, die um ihn herum waren, blieben für ihn da. Der Abstand zu ihnen war immer grösser als zu denen, deren Leid ihn traf. So gross, dass man ihn mit keiner Brücke hätte aufheben können. So fürchtete er in diesen Abstand zu fallen, würde er versuchen, ihn zu übersteigen. Und doch träumte er mit der Zeit immer stärker davon, hervorzutreten. Namenlose, die es so nur in dir selbst gibt. Aber stärker wirken als die, die es gäbe. Die du glaubst, treffen zu müssen. Wie du versuchst Gänge zu graben, um dann wieder am selben Tisch zu sitzen, mit weniger Brot. Das Salz, das es noch nie gab. Wie du doch weitergräbst, in alle Richtungen mit tausend Plänen aber keiner Kraft. Die Stille, die immer versperrt. Es waren die schönsten Träume, die er sich erdichtete. Doch so sehr das Träumen auch Stütze war, es erschwerte ihm alles. Das Danach, in dem er, wie auch im Zuvor, in den Abständen versperrt dastand, wurde durch die Ausflüchte nur noch deutlicher und dieses Aufwachen höhlte ihn aus. Er schmiedete Pläne, er plante, auszubrechen, er versuchte, über die Abstände zu springen, aber nie mit ganzer Kraft. Flüstern, das du nicht bereit bist zu hören, weil du es kennst. Gedrängt zu neuen Tischen in neuen Häusern in anderen Städten. Wie du in den Möglichkeiten stehen bleiben willst. Wie du den Boden meidest, um nicht auftreten zu können. Die Fäden, an denen du dich aufhängst, obwohl sie dich nicht halten. Wie der Puppenspieler, der die Fäden nicht zieht. Wie du überrollt wirst, wie dich verplattet, was du nicht ansiehst. Deine Stimme, die du verlierst. Alles was er wollte, liess er sich von sich nehmen. Er nahm sich Grosses vor und spielte es so ausführlich durch, dass er es nicht mehr zu tun brauchte. Er führte nicht aus, was er sich vornahm, sondern tat, was er nicht wollte. Was er nicht tun wollte, hielt er aus, was er tun könnte, kaum. So lief er stets von neuem los, um Halt zu machen. So räumte er, schweigend, stets von neuem auf. Zu viele Winkel im Schatten, zu viel morsches Holz unter glänzendem Lack. Du bleibst, weil vorne meist hinten liegt. Und es die Brücke, trotz und wegen aller Bemühungen, nicht gibt. Du schwimmst, auch wenn du das Wasser siehst. Im Wissen ums Fallen, entlang einer Ahnung, entfällt nicht, was dich ins Fallen trieb. Hinter den Gedanken, die vergegenwärtigen, wächst jener Zweifel, der ist, weil alles nach aussen stets offen ist, doch von innen gegeben scheint. Es dauerte lange Zeit, bis er verstand, dass er sich immer wieder selbst den Boden unter den Füssen wegzog. Dass er hätte aufblicken müssen damals, vorne an der Wandtafel, dass er hätte aufblicken können und das Zittern sich gelegt hätte. Überstiegen von Einflüssen, die du steuern könntest. Wie du in deiner Box sitzt und dahintreibst. Den Stein, den du umgehst, weil er im Weg liegt, und wie du nicht daran denkst, ihn aufzuheben. Zuflüsse zu einem kümmerlichen Rinnsal, wie dein Leben wächst. Die Gefahr, sich vor Einflüssen zu fürchten. Davor, in die falsche Strasse einzubiegen, die keine anderen mehr kreuzt, sodass du ewig geradeaus, ewig auf derselben Strasse weiterlaufen musst, in eine Richtung, die dir nicht mehr gefällt. Wie du aus der Angst heraus, in einer solchen Strasse zu enden, absichtlich die offensten und freiesten wählst, um dich dort genauso gefangen zu fühlen. Wie man herbeiführt, was man fürchtet. Ausser sich selbst hätte ihm niemand helfen können. Er wollte nicht leben wie irgendeiner und traute sich nicht zu leben wie ein Besonderer. So blieb er ein Jemand, der nicht war.

Dort, wo du entweichst. Das Fenster schliesst und dich verschiebst. Der Rauch, der dort ist, ist hier Nebel. Nebel um Bilder, die sagen: Wach auf. Wie du deine Augen im Rauch nicht offen halten kannst und dich im Nebel verkriechst. So erdrückt dich die Akte von innen, so schreibt sich dein Leben, während du vergehst.

Laura Basso

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