Fern-sehen

In Samuel Prenners Kurzgeschichte stolpert man – über einen gleichsam starken und seltsamen Satz: Autofahren und Fernsehen seien die beiden Dinge, die Ferdi wirklich gut könne, so pflegt er zu sagen. Der Widerspruch dieser Aussage ist im Satz schon durch die Artikulationsweise markiert: «mit selbstironischem Lächeln und gleichzeitig einem Stolz in der Stimme» wird er hervorgebracht. Auch der Widerstand, den er darstellt, ist schon vorweggenommen: Der Satz findet seinen Weg ins Ausgesprochene nur im Durchbrechen eines Hindernisses, über das « Gehege seiner Zähne ». Der Stolperstein, den der Satz für den Leser darstellt, liegt darin, dass Autofahren und Fernsehen gewöhnlich Aktivitäten sind, die – vorausgesetzt, man lässt sich in Bezug auf das Autofahren nicht auf das Wiederkäuen abgegraster Gender-Clichés ein – nicht an besondere Fähigkeiten gebunden sind: Autofahren und Fernsehen, das macht man einfach.

Texttunnel

Ein genauerer, durch das Stocken geschärfter und zugleich vom Umgangssprachlichen entfremdender Blick auf das Autofahren und Fernsehen verleiht Ferdis Aussage allerdings in Bezug auf die Geschichte als Ganzes eine bemerkenswerte Plausibilität. Dass Ferdis Aussage eine Selbstbezüglichkeit impliziert, ist schon im Text angelegt: « Er sagte den Satz besonders gerne beim Fernsehgucken und beim Autofahren ». Nun kann eine solche Selbstbezüglichkeit aber nicht nur auf der erzählerischen Ebene festgemacht werden. Der Text bezieht sich in diesem Moment auch auf sich selbst als Text, darauf, wie er als solcher strukturiert ist und funktioniert. Fern-Sehen und Auto-Fahren sind genau das, was der Leser in Bezug auf Prenners Text nie gut machen kann, weil es ihm von Beginn an verwehrt wird.

Die Geschichte eröffnet keinen Panorama-Blick in die Ferne; vielmehr ist unsere Sicht, wie der Titel schon sagt, von allen Seiten beschränkt: Wir sehen nur einzeln beleuchtete Fragmente, wissen weder, wie diese miteinander verbunden sind, noch, wohin uns der Erzählverlauf führen könnte. Erst nach und nach, durch bruchstückhafte Informationspartikel fügt sich die Geschichte zusammen. Dabei sind wir auf die Erzählinstanz angewiesen, die uns diese Bruchstücke allmählich liefert. Durch die Tunnelstruktur des Texts werden die im Dunkeln tappenden Leser also streng geführt, was ein Gefühl der Autonomie oder der freien, selbstbestimmten Beweglichkeit von Beginn an verunmöglicht. All dies ist schon dem ersten beleuchteten Textfleck zu entnehmen.

Hohles Symbol

Das zweite Fragment führt uns an einen völlig anderen Schauplatz. Während wir vorher einen sehr engen Fokus hatten, eine bestimmte Anekdote angesiedelt in einer Familienszene, so dehnt sich das Blickfeld nun und der zeitliche Horizont wird breiter. Zuerst schien es sich um die Beschreibung eines konkreten Orts zu handeln – während der Gestus des ersten Abschnitts trotz Verwendung des Imperfekts durch die Dialogsequenzen präsentisch war, siedelt sich die zweite Szene klar in einer Vergangenheit an und eine Entwicklung über längere Zeit wird erzählt: Das besagte Dorf wird im Laufe der Zeit von den sich verbindenden Bergseen verschluckt, sichtbar übrig bleibt – und jetzt kommt der Moment, in dem sich die Erzählung auch in eine Tiefendimension ausweitet – ein aus dem Wasser ragender Kirchturm. Wenn sich schon hier eine Sinnbildlichkeit zu entfalten scheint, so wird dies in der näheren Skizzierung des Turms noch verschärft: Anstelle des Ziffernblatts ist nur noch ein schwarzes Loch zu sehen. An dieser Stelle wird klar, dass es sich nicht mehr ausschliesslich um eine Beschreibung handelt:

Am merkwürdigsten empfinde ich aber immer das klaffende Loch in der Mitte des Ziffernblatts, wo die Zeiger einst mit dem Uhrwerk verbunden gewesen waren, nun aber ist nur noch dieses Loch da.

Das «klaffende Loch in der Mitte des Ziffernblatts» schreit nach einer Bedeutung hinter der Beschreibung – mit diesem Loch hat es ganz klar etwas auf sich. Wir werden also sozusagen auf- gerufen, das Dahinter dieser scheinbar symboldurchdrungenen Schilderung zu entschlüsseln.

An dieser Stelle ist das Ins-Stocken-Geraten skeptischer gefärbt. Obwohl das Bild des dunklen Lochs auf dem Ziffernblatt eine eigentümliche Schönheit hat, macht sich ein Verdacht breit: War die erste Szene erfrischend eigensinnig, droht die mit schwerer Sinnbildlichkeit durchtränkte zweite Passage ins Konventionelle abzurutschen. Wie sollen wir das klaffende Loch lesen? Traditionell symbolisch – also, frei nach Goethe, im Besonderen das Allgemeine suchend? Das Loch als Leere, die Ediths Tod schon proleptisch vorwegnimmt? Als Verbildlichung des Verlusts, den dieser Tod für den Erzähler bedeutet? Oder als die durch diesen Tod ausgelöste Aufhebung der Zeit für den Sohn nach dem traumatischen Einschnitt? So verführerisch einfach solche Lesarten sind, so unbefriedigend bleiben sie auch längerfristig gesehen. Und vielleicht ist das genau die Falle, die der Text bewusst stellt. Vielleicht ist es gerade verfehlt, hinter der Beschreibung eine Bedeutung zu suchen – beziehungsweise könnte gerade das Fehlen einer verborgenen Bedeutung der Punkt sein. Immerhin handelt es sich bei dem vermeintlichen Symbol ja um ein Loch, und noch mehr um eine fehlende Verbindung zu einem Dahinter, dem Uhrwerk.

Wenn wir den Text ernst nehmen, ist es also auch zu einfach, sich schlicht mit dem Nichts, mit der Leerstelle zufrieden zu geben. Es ist möglicherweise eher eine fehlende, oder vielleicht unterbrochene Verbindung, nach der wir Ausschau halten sollten. Bewegt man sich weiter der Textoberfläche entlang, anstatt nach einer Tiefendimension suchend an der Stelle zu verharren, so stösst man nur wenig später wieder auf das Loch im Ziffernblatt. Diesmal aus der Perspektive des Erzählers, der sich vorstellt, den Kirchturm von innen zu betrachten.

Konsequent gedacht, wird das dunkle Loch nun zum lichtdurchlassenden, hellen Punkt. Die vom Loch ausgehende Konnotation wandelt sich also ins Gegenteil und das Unterfangen, ihm eine eindeutige Bedeutung zuzuschreiben, wird untergraben. In derselben Textpassage wird auch das fehlende Uhrwerk nochmals angesprochen: Die an die innere Wand des Kirchenturms schwappenden Wellen werden zum Echo des bereits lange verstummten Uhrwerks. Als Wiederhall scheint das Uhrwerk also greifbar zu sein.

In nachhallender Weise findet sich das Wort «Loch» auch mehrfach im weiteren Textverlauf. In der Beschreibung der nie benutzten, also in gewisser Weise sinnentleerten Bunker folgt der Blick des Erzählers einer Schiessscharte, die in einem Loch endet. Wieder öffnet sich die Frage nach einem verborgenen Dahinter: «lange Gänge» werden vermutet, Tunnels, die gegraben wurden, «um sicher zu sein». Blickt man auf diese Stelle vom Ende der Erzählung her zurück, breitet sich eine beklemmende Traurigkeit darin aus. Die Hoffnung nach Sicherheit durch einen Tunnel, dessen Schutzfunktion aber nie in Anspruch genommen wurde, steht im harschen Gegensatz zum todesbringenden Tunnel, an dessen Wände Ediths Körper zerschellt. Ediths toter Körper ist auch der Ort, an dem das Echo des Lochs zum letzten Mal explizit hörbar wird: Die Zahnlücke, sichtbar durch den leicht geöffneten Mund, wird zum dunklen Loch, was «fast» den Anschein gibt, als wäre die Tote «im Begriff etwas zu sagen». Wieder wird im Loch eine verborgene Bedeutung antizipiert: Es sieht fast so aus, als würde Edith durch ihre eigene Leiche hindurch noch etwas sagen; etwas, das uns oder dem Erzähler vielleicht den festen Boden geben würde, den er unter sich vermisst, als er durch die zu Bunkern ausgehölten Waldlandschaften streift.

Natürlich sagt sie schliesslich nichts – aber das «fast» eröffnet eine Dimension der Möglichkeit, in der das Unmögliche, und trotzdem heimlich Erhoffte, passieren könnte, oder pas- sieren kann. Anstelle einer stabilisierenden Bedeutung hinter dem Motiv des Lochs tut sich also, erstens, ein Möglichkeitsrahmen auf, der durchaus befreiend ist. Betrachtet man die Textstelle, in der es um die Art und Weise geht, wie Edith von Mann und Sohn gerufen wird, scheint es gerade die Verfestigung einer bestimmten Artikulation des Namens zu sein, die Edith einer weiten Bandbreite ihrer Persönlichkeit beraubt. Sie wird durch eine eindeutige Zuschreibung, die sich im quengelnd langgezogenen «E» zuspitzt, auf ihre Funktion als dienende Frau/Mutter reduziert. Im Zuge einer Bedeutungsauffächerung, wie sie durch das Bild des Lochs erprobt wird, wäre die Möglichkeit, «Edith, du bist so schön» zu sagen, wieder gegeben.

Zweitens konstituiert sich aus der mit dem Loch verbundenen Offenheit ein Raum, der, wenn auch nicht gefüllt, für die Erzählung strukturgebend ist. Entsprechend ist auch die Architektur des Texts als Tunnel (der ja auch ein Loch ist) angelegt, und zwar nicht nur in Bezug auf die Leserführung. Das zentrale Ereignis der Geschichte, Ediths Unfall, passiert dort und bleibt auch weitgehend im Dunklen dieses Orts. Wie auch bei der Kirchturmruine, ist es nur die Vorstellung des Erzählers, die uns den Blick von Innen gewährt – der Hergang des Unfalls begegnet uns nur in der imaginierten Fassung von jemandem, der selbst nicht da war.

Versprengte Zeit

Um dieses unzugängliche, nur annäherbare Ereignis dreht sich die ganze Geschichte – es ist der Fluchtpunkt auf den alles zu- und von dem alles wegstrebt. Das anfangs ungelenk wirkende, absatzeinleitende «danach» wird nach der Beschreibung des Unfalls, wie ihn der Erzähler sich vorstellt, entschlüsselt als «in diesem Moment ist danach». Die zeitliche Paradoxie dieser Formulierung ist bezeichnend: «Danach» ist zwar dieser in der Vergangenheit angelegte Moment von Ediths Tod. Es ist aber zugleich auch jeder andere Moment im Text, der sich um Ediths Tod dreht. Der Punkt des Todes ist zuvor und danach gleichzeitig, die Zeit zieht sich – sich selbst aufhebend – in den Tunnel zurück und wird von dort her wieder organisiert oder besser gesagt: versprengt, denn eine chronologische Zeitfolge haben wir in der Erzählung nie.

Auch inhaltlich gesehen scheinen die verschiedenen Erzählungsfetzen wie aus dem jegliche Orientierung verwehrenden Ort des Tunnels hervorgesprengt: Jedes einzelne Fragment hat einen Bezug zu Ediths Tod, die Anordnung im Text ist aber willkürlich. Es ist genau diese Sprengung, durch die sich am Ende des Texts eine positivere Note abgewinnen lässt, als er explizit preisgibt. Im Text gibt es eine Stelle, an der das Sprengen explizit erwähnt wird: als zerstörerische Kraft, die aber auch Raum für einen neuen Anfang schafft. Das vom See begrabene alte Dorf wird in kleine Teile gesprengt, mit denen dann ein neues Dorf aufgebaut wird. In Bezug auf das Loch-Motiv impliziert die Aufsplitterung der Bedeutungen analog nicht nur ein destruktives sondern auch ein produktives Potenzial und betrachtet man die Erzählung als Ganze, lässt sich am Schluss in der Ferne, vom Tunnel her, so etwas wie ein schwacher und in diesem Sinne ehrlicher, nicht illusorisch überblendender Lichtblick erkennen: Der vom Verlust seiner Frau gezeichnete Ferdi wird vom Erzähler zum ersten Mal als «mein Vater» bezeichnet.

Stefanie Heine

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