Von götterverlassenen Männern

Eine Kritik zu «Jason Träumt», «Hic Rhodos» und «Stromboli Oktober» von Andreas Fischer.
https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/05/jason-traumt/
https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/05/hic-rhodos/
https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/04/05/stromboli-oktober/

«Zurück aufs Meer, sag ich
Wo der Gewinn dem Gewinner gehört!»

Andreas Fischers drei Gedichte entführen uns in die Mittelmeerregion, dorthin, wo die nächste europäische Revolution entbrennen wird – so sie denn kommen mag. Einige Ferienparadiese sind in nordeuropäischen Köpfen wohl bereits zerstört worden – aber sicherlich weniger an der Zahl, als tatsächlich vor die Immobilienhunde gingen oder von den jüngsten Troikas abgeschrieben wurden. Vermeintlich handeln Fischers Gedichte von Abschieden, Abfahrten und Andenken, von Gestrandeten, Gejagten und Gescheiterten. Hinterrücks aber verknüpfen sie die Abgründe der Antike mit denjenigen, die hinter der Moderne lauern, und mahnen uns, sich’s nur ja nicht zu gemütlich zu machen in unseren Alltagsmythen. Im Folgenden sollen zwei der drei Gedichte aufgegriffen werden. Sowohl Stromboli, Oktober als auch Jason träumt handeln von gottverlassenen Orten und götterverlassenen Männern. Bevor wir uns aber Odysseus auf den Äolischen Inseln und Jason (auf Limnos!?) zuwenden, richten wir den Blick auf Zürich, genauer auf den Pfauen.

Im Dezember im Schauspielhaus: Die Odyssee für Kinder, von und mit den Stärnefoifi. Zum ersten Mal darf mein Gottebueb in einem dieser geschichtsträchtigen roten Samtsessel Platz nehmen. Die zweimal fünfundvierzig Minuten sind beinahe zu lange für ihn, der umso heftiger zappelt und ungeduldiger hin und her schaukelt, je länger das Spektakel dauert. Und ja, ein Spektakel ist es. Ein schauriger Zyklopenschlund, eine Starlett-Kirke, eine fantastische sechsköpfige Skylla und eine Charybdis, die gegen ihren mächtigen Vater Poseidon trötzelt – dies alles lauert im Bühnengrund. Die Irrfahrt des Odysseus wird dabei eingebettet in die Feriengeschichte einer sitzen gelassenen Mutter und eines pubertierenden Jungen, die den Manager-Gatten und Vater am Flughafen der bankrotten Firma überlassen mussten und nun im Hotel Calypso auf ihn warten. Und während wir um Odysseus bangen und einen Freund um den anderen über die Klinge beziehungsweise über Bord springen lassen müssen, berichtet der Hotelboy in der Calypso-Lobby vom Kampf des in der Schweiz gebliebenen Vaters um den Familienbetrieb, von Scheingefechten im Grossraumbüro und zähen Schlachten am Verhandlungstisch. Der Manager-Gatte lässt also auf sich warten, ebenso wie der Beinahe-Götter-Gatte seine Liebsten auf Ithaka warten liess. Und ja, um es hier nun zu verraten: Beide Helden kehren zu ihrer Familie zurück. Mein zappeliger Gottebueb und ich dürfen der glücklichen Vereinigung von Odysseus und seiner Familie beiwohnen – er erscheint nach neunzigminütigem Kampf in Leinenhosen, Hemd und Strohhut, mit Rollkoffer und Sonnenbrille vor dem Hotel Calypso, entschuldigt sich bei seinem Sohn, umgarnt seine Frau und prahlt mit seinen Heldentaten und Ränkespielen im Verhandlungsdschungel und an Skype-Konferenzen. Odysseus, der Listige, umschifft heutzutage also Offshoreklippen und lässt sich von Gewinnmaximierungsstrategien die Sinne verwirren. Nicht so sehr die ewig gleiche Rede vom Vater, der seine Familie sitzen lässt, aber trotzdem ein Held ist (Achtung: Klischees!), sondern vielmehr die Irrfahrten – sei es auf stürmischer See oder in den Untiefen des Finanzmarktes – führen mich zurück zu Fischers Gedichten. Da werden Bilder von Rhodos per Facebook vertrieben, Jason erobert Pfeife rauchend Panama und auf Stromboli harrt Odysseus, der edle Dulder,während das Handy die Wetterlage meldet – Yes!

Nun gut, so flach spannt Fischer den Bogen von der Antike zur Postmoderne dann doch nicht. Vielmehr spiegeln sich die Brüche und Falten unserer Zeit in den wendigen Anachronismen und den flatternden Bildwechseln, die Fischers Gedichte charakterisieren. In zwei kurzen Analysen möchte ich diesen Wind- und Wendungen nachgehen, um diese sodann in einer Synthese mit der Odyssee für Kinder zusammenzuführen. Reisen wir nun also zuerst nach Stromboli.

Eben so, wie ein alter Kahn durch klatschende Wellen zuckelt, so lässt auch Stromboli, Oktober die Leserinnen und Leser immer wieder unvermittelt aufprallen. Rhythmen, Zeiten und Orte werden verschoben, gebrochen und überlagert. Ein dreifaches Enjambement leitet das Gedicht ein, aber bevor wir uns in das Wehen des Windes und Wiegen der Zypressen einpendeln können, bricht das zweimalige «hin – her» abrupt ab und die Zivilisation meldet sich. Der Blick springt auf den Handybildschirm (nicht in den Himmel), gleitet unverzüglich weiter auf den Friedhof, über die Fotos der Toten hinweg und mündet in der Beschreibung des Ferienkoloniealltags. Kaum weckten der halb leere Dorfladen und die flatternde Wäsche in den Gassen Erinnerungen an eigene Ferienerlebnisse, folgt schon wieder ein Sprung. Diesmal ein Zeitenwechsel: Odysseus, vom Winde verweht, wurde zurück auf die Insel getrieben. Unfreiwillig harrt er dort – so wie alle, die noch auf der Insel hausen. «Yes, edler Dulder» – diese Ermutigung gilt für alle, die es bis jetzt auf Stromboli ausgehalten haben. Denn schon sind wir wieder bei den Ferienerinnerungen, ruft das lyrische Ich den Leserinnen und Lesern schöne Frauen und frische Pasta in Erinnerung. Italianità, das Herz glüht – aber nein, nur nicht verweilen! Die Vergänglichkeit lauert! Alle Sinne sind geschärft, Augen, Nase, Ohren werden ein letztes Mal gesättigt mit Farben, Düften und Klängen, dann dreht der Wind, nimmt die Eindrücke mit sich und trägt uns mit zwei Zeilensprüngen vom Meeresufer zu den Berggipfeln hinauf. «Zerkräuselt weisse Gischt» kündigt den ersten Schnee an und das «Knattern des Piaggio-Dreirads» könnte ebenso gut von einem Schneejet im Wallis stammen. Was bleibt, sind aber weder der Lärm noch die Bilder, sondern der Geruch – denn der Wind kehrt zurück. Doppelt fauliger Zitronengeruch und salzige Algen kleben uns zum Ende des Gedichts in der Nase und man wünscht sich, die Stürme mögen toben, um ebenso wie sie Odysseus umhergejagt haben, diesen gärenden Geruch zu vertreiben. Könnten wir uns dem Wind hingeben, wäre es vielleicht möglich, all die Brüche zu überfliegen; wäre es vielleicht möglich, all die Klippen zu umschiffen. Aber ebenso gnadenlos, wie dieser Gedichtwind die sommerlichen Ferienerinnerungen zerzaust, säuselt er uns faulende Verwesung und nagende Einsamkeit ins Ohr. Ein Murmeln und Raunen, dem wir nicht entkommen.

Auch in Jason träumt ist es die Fäulnis, die am Ende in der Luft hängen bleibt. Wieder befinden wir uns am Strand und diesmal werden wir mit dem Sohn des Aison richtiggehend von der Insel gejagt. Dreimal zetert das Gedicht: «Jason! / Zieh die Boote vom Strand! / Jason! / Kehr zu den Lebenden heim! / Jason! / Lass dich nicht irremachen / Vom Ticken und Tacken der Uhren!» Die Abschnitte, die mit den Anrufungen eingeleitet werden, sind weder in Form noch Inhalt vergleichbar, und sie sind auch nicht gleichberechtigt. Der Titel Jason träumt findet nach dem zweiten «Jason!» seinen Anschluss, wenn es heisst: «Sicher / Man kann von mancherlei träumen bei Flaute». Mit dem Bezug zum Titel erhält dieser Abschnitt ein besonderes Gewicht. Und wovon träumt Jason? – Vom dolce far niente, um bei der Italianità zu bleiben. Er träumt den süssen Traum vom Nichtstun, von Antriebslosigkeit, von Mussestunden. Aber auch hier gilt: Bevor wir uns mit Jason zu sicher in diesem Traum wiegen, werden wir aufgeschreckt: «Jason! / […] Zurück aufs Meer, sag ich / Wo der Gewinn dem Gewinner gehört!» Auf Fernes soll Jason sein Fernrohr richten, um nur ja nicht stehen zu bleiben. Nur ja nicht wie die Alten zuhause in der Ewigkeit versumpfen. Die Zeit drängt und der Gewinn lockt – und wer will schon kein Gewinner sein? Selbst wenn die Katastrophe prophezeit wurde und er mit jedem Sieg dem Untergang einen Schritt näher rückt – Getriebener bleibt Getriebener. Im Gegensatz zu diesem stürmenden, jagenden Duktus bleiben die Zeilen in diesem Gedicht seltsam isoliert und einsam. Die Gedankenstriche vor jedem Aufschrei – «Jason!» – sind Atempausen und Abgründe zugleich. Die Gedankenstriche markieren Zeiträume und Fälligkeitsdaten. Aber Zeit – Zeit bleibt Jason keine, denn sie drängt, eilt und flieht. In den markanten Gedankenbrüchen liegt das Potenzial der Musse, der Gedankenfreiheit, der – «Jason!» Es wird schleunigst gekappt. Auch für eine Ausführung dieser redundanten Zeile «Der Gewinn dem Gewinner!» bleibt keine Zeit; einmal wird sie von einem Ausrufezeichen beschnitten, einmal von besagtem Gedankenstrich, auf den prompt ein neuer Imperativ folgt: «Doch die See lässt den Gewinn / dem Gewinner – Richte dein Fernrohr auf Fernes!» Ja, wer will schon kein Gewinner sein.

Hier nun lässt sich Fischers unheimliche Verknüpfung von Antike und Postmoderne, welche in der Einleitung bereits angedeutet wurde, erläutern. In Verbindung mit dem Plot besagter Kinder-Odyssee ergibt sich nach obigen Betrachtungen eine bemerkenswerte Überlagerung: In Fischers Gedicht ist es nicht der listige Odysseus, sondern Jason, der durch die Kapitalmeere gescheucht wird, um sich in der Bereicherung den Untergang einzuhandeln. Aus Schaffe, schaffe, Häusle bauen! flicht uns Fischer einen antiken Strick: Rudre, Rudre, auch wenn am Ende der Weltmeere der heilige Hain von Dodona auf dich wartet! Odysseus, der Listige, verliert zwar all seine Kampfgefährten, doch kehrt er zuletzt unversehrt zu seinen Liebsten zurück. Nicht so Jason, der nach unerhörten Begebenheiten in Dodona von den Wrackteilen seines eigenen Schiffes Argo erschlagen wird. Deshalb leitet die Losung «Der Gewinn dem Gewinner!» wohl nicht von ungefähr Fischers Gedicht ein.

Verfolgt man die etymologische Spur des Gewinns zurück, so stösst man im Deutschen Wörterbuch auf eine verlassene Herkunft des Wortes «gewinnen»: «leidenschaftliches begehren mag die formen der gier, der wut, des leidens annehmen, es wird zu kampf, streit und mühevollem ringen anreizen und je nach dem erfolg wird es äuszerungen der freude oder des schmerzes zur folge haben.» Gewinnen meint demzufolge nicht nur das Resultat einer Handlung, sondern auch die Motivation und Handlungsursache selbst, also das Streben nach Gewinn. Welches Resultat dieses Streben zeitigt, ist jedoch gar nicht so klar, wie es uns die modernen Verheissungen von Mehrwert und Kapitalanreicherung glauben machen. Derart betrachtet, ist der Imperativ, welcher Jason träumt einleitet, folglich zweideutig: «Der Gewinn dem Gewinner!» ist nicht nur eine glücksverheissende Losung, sondern ebenso eine Warnung. Zwar hat sich manch einer aufgemacht, seinen Traum zu leben, aber bevor man losfahre, vergewissere man sich erst, ob man denn den eigenen Traum träumt. Und wer sein Fernrohr nur auf Fernes richtet, übersieht möglicherweise die Klippen in Strandnähe. Ob Jason nun hinauszieht oder nicht – den Zurückgebliebenen bleiben so oder so die Schiffssärge am Strand, seien es die Überreste ihrer eigenen Träume oder die Trümmer der Argonauten-Flotte. Ihre Gerippe sind Mahnmale und sie faulen mit dem Kiel gen Himmel gerichtet. Diese Schiffe sind ausgeschwemmt und so schnell besteigt sie niemand mehr. Wir ahnen, was kommt, und ja, wir werden alle zu edlen Dulderinnen und Duldern – «Yes! […] / So kann es gehen.»

Dolores Zoe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s