Das Herz der Finsternis oder Dann gute Nacht, Schubertherz!

Der titelgebende Verweis auf Sebastien Fanzuns gleichnamigen Essay aus delirium N°02 fordert nahezu obligatorisch die Prüfung von Dominik Holzers Text auf die Richtung des zugrunde liegenden Programms ein: Zeigt sich hier der Wille zur Gestalt? Und wie gross ist die Übereinstimmung zwischen Form und Bedeutung? Der Text gliedert sich in zwei Teile, wobei erst der zweite Teil – analog der Aufgabe, die eine Kritik zu erfüllen hat – die Einordnung des ersten Teils ermöglicht. Dadurch wird die unauflösliche Verquickung zwischen Form und Inhalt erkennbar, gleichzeitig die Unkontrollierbarkeit von Bedeutungen vor Augen geführt und deren Herr-werdung via Formgebung versucht.

Erster Text

Dass ein Gedicht immer auch Verdichtung impliziert, zeigt der erste Text überdeutlich, quasi nicht nur mit dem Zaunpfahl, sondern mit einem ganzen Lattenzaun winkend. Der Form nach als Gedicht in Erscheinung tretend, verweist dieser Text explizit auf seine Dichte, indem er (fast) alle Texte der zweiten Ausgabe von delirium nennt und damit auf engstem Raum komprimiert.

Willkommen!

Das erste Wort des ersten Verses zieht uns schon mitten hinein in die griechische Sagenwelt («Odysseusbitches») und in den folgenden Rausch bzw. Kontext des Gedichts («Delirium»). Sofort hören wir von Jason und reihum erfolgt die Begrüssung einer bunten Publikumsvielfalt, eingeladen zum Spektakel, das sich aus der Zusammensetzung verschiedener Figuren und Zitate vergangener delirium-Texte zu ergeben verspricht: «Mütter bleicher Verlockungen», «Betonengel», «Sebaldwixer», «zeilenstrolchende Mönche», «Tagebuch- und Briefeschreiber» u.v.m.

Der Leser ohne Vorkenntnis der intertextuellen Anspielungen auf vergangene delirium-Texte kratzt sich seinen Weg über eine spiegelnde Oberfläche aus Namen und sexuell-expliziten Beleidigungen. Diese Beleidigungen gelten nicht nur dem Leser, da er durch das «Willkommen Leser» zum Teil der Oberfläche gemacht wird, sondern umfasst zugleich alle «Möchtegerne, Kritiker und Streber, / Schreiberlinge und ihr anderen».

Die gehäuften Willkommensgrüsse lassen das Bild einer Manege entstehen, in der, begleitet von euphorischen Fanfaren und bunten Lichtern, der Zirkusdirektor den Beginn der Vorführung ankündigt, sodass sich die Erwartung eines bunten und vielfältigen Nach-, Neben- und Durcheinanders an Attraktionen herausbildet. Das wiederholte «Willkommen»-geheissen-Werden wirkt dabei wie der Gesang der Sirenen, denen Odysseus auf seiner Reise begegnet und die zwar schöne Lieder singen (Form), deren eigentliche Absicht (Inhalt) jedoch eine tödliche ist.

Ein Bilderregen prasselt nieder. Wir lesen vom lyrischen Ich, das dazu auffordert sein Herz auszuessen, dem die Seele des Lesers schon lange gehört und das in Anklang eines Zeugmas allen ‹Möchtegernen, Kritikern und Strebern, Schreiberlingen und anderen› in einer dadurch erzeugten Gleichzeitigkeit «zu(ge)hört». Durch das Hören im Akt des Lesens entsteht ein Ge-hören, ein Sich-zu-eigen-Machen. Das Sich-zu-eigen-Machen impliziert auch ein Sich-Einverleiben, also ein «Ausessen», zu dem der Leser aufgefordert wird. Ähnlich wie Jason, der auf seinem Lyrikboot wie Odysseus übers Meer treibt (oder getrieben wird), können auch wir nicht anders, als schwankend durch die Verse zu schweifen und dabei dem Gesang des lyrischen Ichs zu lauschen, das bereits im Besitz unserer Seele ist.

Doch dann folgt eine jähe Zäsur, die den Leser aus dem Bilderfluss und dem Textinneren heraus- und hinaufreisst auf eine Meta-Ebene. Dies geschieht durch das Zitat der Aufforderung zur Produktion von «künstlerische[n] Antworten auf die / bereits angeregten Diskussionen in den / Ausgaben N°01 und N°02» von delirium. Darauf folgt der Verweis auf das Wie des Gewinnens, durch den der Leser flugs am Fuss gepackt und zurück zum lyrischen Ich gezerrt wird, das sich an der zurechtgebogenen Homonymie einer der Autorennamen probiert und aus Hannes Sättele ein «Hannes sattelt» macht. Diese Zäsur wirkt wie eine Erklärung oder gar Rechtfertigung für den vorgängigen Gedichtabschnitt – wie eine grosse Fussnote, die jedoch bewirkt, dass das Leseerlebnis unterbrochen wird, der Bilderfluss ins Stocken gerät und das Gedicht den künstlichen Beigeschmack einer Auftragsarbeit erhält. Als könnte es nicht aus sich selbst heraus bestehen und wäre ohne diesen Einschub unverständlich. Aus Angst vor einer möglicherweise zuschreibbaren Schwäche oder Unfähigkeit für sich selbst zu stehen? Oder versteht sich das Zitieren dieser Aufforderung als Teil des Gedichts, so als sei alles, was delirium umfasst, zugleich schon künstlerischer Ausdruck?

In noch grösserer Dichte erfolgt im Anschluss daran ein vierfacher Willkommensgruss des lyrischen Ichs an «Medealecker», «Freunde des Guten und Schönen», «Änäispenetranten» und «Hipsteranuspenetranten». Nach so vielen Willkommenheissungen warten wir gespannt auf den Beginn der Vorstellung. So wirkt das Gedicht im Ganzen wie ein Prolog – verharrt jedoch in diesem Stadium. Es wird erneut zum Verzehr des Herzens, jedoch nun spezifisch des ‹Schubertherzens›, aufgefordert, um es zu vollenden. Und erst in den letzten drei Versen erscheint ein Paarreim, der Form und Stoff nun als Quintessenz des Mäanderns zwischen ebendiesen miteinander eindeutig zu einem ‹tatsächlichen› Gedicht verbindet, wobei diese Verbindung ins Kitschige abgleitet und damit das Gedicht als solches karikiert, indem «Jünglingsherz» und «Dichterschmerz» zusammenfinden.

O(h)rientierungslos
Nachdem die Nacht gefickt wurde, wird sie im Verlauf des Gedichts zwei Mal gut gewünscht. Und die «grenzenlos unvollendeten Schuberterektionen» schliessen zum «Schubertherz» und dessen Vollendung auf. Nebst dem Delirium und Jason stellen die Nacht und Schubert die zentralen und wiederkehrenden Motive des Gedichts dar, zwischen denen Wort- und Textbausteinnetze in losem Zusammenhang aufgespannt werden. Wir fühlen uns wie die Fliege im Spinnennetz – hängen vielleicht auch am seidenen Ariadnefaden – und delirieren tatsächlich, insofern als dass uns beim Lesen schwindlig geworden ist, da wir komplett die Orientierung verloren haben. Und so findet sich die Odyssee, auf die im Gedicht gleich zu Beginn verwiesen wird, gespiegelt in der Leseerfahrung: Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, und auch nicht, wo es hingehen soll.

 

Zweiter Text

Gehörlos

Wir gehen eine Seite weiter und landen mitten in einem Prosatext. Nun ist von einem «Er» die Rede, der über sein Jungsein reflektiert. In einer Art Bewusstseins-Strom in Form eines einzigen, unendlich langen Satzes (so unendlich wie Schuberts Unvollendete und letztlich ironischerweise mit dem unvollendeten Schubertherz und dem danach folgenden Fragezeichen erst zu einem Ende gelangend) wird die Tonalität der Kurzgeschichte Auerbach von Sebastien Fanzun aus delirium N°02 nachahmend umkreist. Dieser «Er», der sich schliesslich als Jason herausstellt, geht eine Strasse entlang und hört nichts, bis er durch die SMS seines Vaters aus seinen Gedanken herausgerissen wird. In der Folge gruppieren sich alle seiner weiteren Sinneswahrnehmungen ausschliesslich um das Hören herum, was an das Gedicht von Elsbeth Zweifel aus delirium N°02 und ihre darin wiederholte Aufforderung «und höre» erinnert:

«[…] und er hörte sein Jungsein auf der Strasse rumplatschen und hörte den Schnee auf dem Holunder und es langweilte ihn schon, dieses sein Jungsein, er wusste haargenau, dass es dasselbe war, wie jedes andere […]»

Nun hört Jason also das Jungsein auf der Strasse, die fallenden Flocken, das Seufzen der Wolken und das Lied des ideenlosen Rappers. Und wieder erfolgen intertextuelle Anspielungen auf vergangene delirium-Texte.

Im Text selbst ist die Kritik als Akt implizit enthalten, indem das vorgängige Gedicht kontextualisiert wird als von einem weissen, vulgären und ideenlosen Rapper stammend. So erfährt es eine Einordnung – wie sie auch eine Kritik leistet – und nimmt den Leser an die Hand. Seine vormalige Orientierungslosigkeit wird beendet, weil Form und Inhalt des Gedichts nun wie ein zusammengehöriges Ganzes wirken.

Teile des Gedichts finden ihr Echo in der Erzählung wieder: Das Delirium stellt sich hier als Betrunkensein dar. Die ‹götterverlassnen Männer› finden sich im ‹gottlosen› Besäufnis von Jason und John. Auch die Odyssee spiegelt sich im Herumirren Jasons auf der Strasse und der Einsicht in die Notwendigkeit zur Heimkehr, die indirekt durch das SMS-Schreiben an den Vater bzw. überhaupt den Gedanken an ihn und die Hinwendung zu ihm stattfindet. Auch die Aufforderung zu «künstlerische[n] Antworten» könnte aus der SMS des Vaters, der darum bittet, ‹etwas von sich hören zu lassen›, gelesen werden, und die künstlerische Antwort darauf aus der SMS, die Jason schreibt und die – genau wie das Gedicht – mit dem Schubertherz und dem Gute-Nacht-Wünschen schliesst.

Zum Ende der Erzählung hin sucht Jason auch den buchstäblichen Ort des Abschlusses und Beendens des Verdauungsvorgangs auf – das WC (schliesslich wurde ja im Gedicht zuvor ein Herz ausgegessen, das irgendwann ausgeschieden werden muss). Somit findet auch das ‹Ausdrücken› in Form der Hervorbringung von literarischen Produktionen, das im Essay Verbuggte Literatur von Cédric Weidmann aus delirium N°02 durch die Metapher des Sitzens auf der Kloschüssel dargestellt wird, ein Echo. Jason schläft jedoch auf dem WC sitzend ein – ‹produziert› vermutlich somit nichts in dieser körperlichen Hinsicht eigenes – und wacht auf, um sich an Teile des Rap-Lieds zu erinnern – re-produziert somit nur bereits Gewesenes. Eine Verdoppelung desjenigen Produktionsvorgangs, der massgebend und grundlegend für das Entstehen der Texte war.

 

Un/vollendung

Das Verfehlen des Austauschs zwischen Vater und Sohn knüpft an die Homonymie in «unerhört» an – Literatur entsteht aus dem Erzählen einer unerhörten Begebenheit. Dominik Holzers Geschichte erzählt jedoch von einem Nicht-Wahrnehmen zwischen Vater und Sohn und damit einem «Un-erhörten» im Sinne des akustischen Unvermögens. Im Zustand der Trunkenheit – also im Delirium, verortet somit zugleich im Alkoholrausch wie im Magazin – lässt Jason von sich hören, reproduziert aber nur Textfetzen, die aufgrund der Form der SMS in einem beschränkten Erklärungsspielraum wie trunkenes, freies Assoziieren wirken. Das Von-sich-hören-Lassen erfolgt somit nur in der Form (SMS) und der Tätigkeit (sich melden via SMS), jedoch ohne tatsächlichen Inhalt (Stoff).

 

Zwischen Form und Inhalt

Wie Dolores Zoe in der zweiten Ausgabe in ihrer Replik auf delirium N°01 schreibt, sei «Oszillieren zwischen Form und Stoff» für den Kritiker nur der erste von zwei Schritten, dem das Gewahr-Werden der eigenen Kritikerhände beim «Nachtasten der dichterischen Gestaltungskraft» folgen sollte, um sich dabei der «Selbstbestimmung der Dichterin oder des Dichters» bewusst zu werden. Diese Selbstbestimmung in Form einer Selbstgesetzgebung kann natürlich nur eingeschränkt oder beschnitten erfolgen, insofern als dass die vorliegende literarische Produktion die Form der ‹künstlerischen Antwort› auf vergangene Diskussionen haben soll. Innerhalb dieser lotet Dominik Holzer die Grenzen jedoch horizontal und vertikal und aus der Nähe (Kritik) und Ferne (Leser) vielgestaltig und vielgestaltend aus. Ein wenig erschlagen ob der Fülle der Bezüge und der Unterschiedlichkeit, in der sie hergestellt werden, bleibt die Kritikerin zurück. Mit tausend Bildern bzw. angerissen Szenen im Kopf, dabei aber – ein wenig wie Jason seinen Vater – den einen einzigen, dafür vertieften Bezug vermissend, da der Erzählteppich in seiner Dichte (Dicht-ung) zwar Halt bietet, dies jedoch auf Kosten grosser Maschen tut. Durch diese würde man dann doch gern ins Offene und in die für das Zu-eigen-Machen oder Sich-zugehörig-Machen notwendigen, interpretationsweiträumigen Leerstellen fallen.

Die Aufteilung des Texts auf zwei Seiten trägt entscheidend zu seiner Wirkung bei. Jeder Textteil für sich allein stehend könnte nicht halb so viel Spannung erzeugen, wie sie der wechselseitige Bezug erst herzustellen vermag. Auch dies ist als Metapher lesbar für die Spannung zwischen Text und Kritik – und die Kraft des Dritten, das im Dazwischen entsteht. Das eine fliesst hemmungslos, das andere lenkt in geordnete Bahnen. Das eine wühlt auf, wenn kontextunwissend konsumiert, während das andere auffängt, verständlich und verstehbar macht und dem Leser ermöglicht, (einen) Sinn zu erschliessen – wenngleich dieser immer auch in der Färbung derjenigen Brille erscheint, die der Kritiker beim Blick auf den Text getragen hat.

Künstlerische Antwort?

Die ausführlichsten ‹künstlerischen Antworten› erhalten die Kurzgeschichte Auerbach von Sebastien Fanzun und das Gedicht Jason träumt von Andreas Fischer. Beide werden gleichsam der aristotelischen Aussage entsprechend «Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile» miteinander zu einem neuen, gemeinsamen Dritten verbunden. Dies in Form einer Vater (Musikwissenschaftler, Schubert-Bezug) und Sohn (Jason) Beziehung, womit der Bezug zu vergangenen Texten auf der inhaltlichen (in der Geschichte als Vater und Sohn) und auf der Form-Ebene (Gedicht: Jason – Prosa: Auerbach-Text-Form) herzustellen versucht wurde.

Die künstlerische Antwort auf Diskussionen aus den vorangegangenen delirium-Ausgaben beschränkt sich im Gedicht – liest man es als für sich und allein stehend – auf die blosse Nennung und Aneinanderreihung von Texttiteln und Wortfolgen bzw. Satzteilen bereits erschienener Texte. Anstatt vertieft inhaltlich den Faden vergangener Texte aufzunehmen, um z.B. Geschichten fortzusetzen, ergötzt sich der Autor wiederholt an Homonymien: die Dichte in der Dichtung des Gedichts, das Delirium als Rausch des Ichs und Medium des Autors, die Unvollendetheit des Herzens und der Sinfonie Schuberts.

Zusammenspiel von Form und Bedeutung

Die Frage danach, wie Form und Bedeutung in Anlehnung an Fanzuns Essay Zur Zweifelhaftigkeit des literarischen Programms tatsächlich zusammenspielen, lässt sich mit einer Formulierung aus ebenjenem Essay beantworten. Das darin entworfene Bild entspricht jenem, das beim Lesen des Texts entstand:

«[Die Literatur] ergreift ihren Gegenstand und stürzt sich, ihren Gegenstand stets eng umschlungen haltend, zusammen mit ihm in den reissenden Strom der Bedeutungen.»

Tatsächlich entfaltet sich eine Assoziationskette im Gedicht, dessen Bedeutung sich wandelt durch die Erklärung in der anschliessenden Erzählung: Nimmt der Leser das Gedicht als in sich geschlossen an (zunächst ohne Kenntnis der anschliessenden Aufklärung), erscheinen «Odysseusbitches», «Schwanzzerreiter» und «Medealecker» als reine Provokation, ja vielleicht sogar Verstörung, die aufgehoben wird durch die Kontextualisierung als Rap-Text.

Das unvollendete Herz

Dass die Frage danach, wer dem Vater das Schubertherz vollenden wird, unbeantwortet den Schlusspunkt gemeinsam mit der darin angedeuteten unerhörten Beziehung zwischen Vater und Sohn in der verzögerten und aneinander vorbeiführenden SMS-Kommunikation bildet, erscheint fast wie eine Aufforderung zum fortgesetzten «Delirieren» im delirium. Scheherazade gleich sollte auch das Erzählen, Kritisieren und Diskutieren im delirium nie zu einem Ende gelangen, da sich Texte und Kritiken in konstanter und wiederholter Wechsel- und Rückbezüglichkeit erst zu jenem Neuen und Dritten entwickeln können, das den programmatischen Anspruch des deliriums erfüllt, einen inspirierenden und inspirierten Ort für konstanten Austausch und Dialog in der literarischen Szene Zürichs darzustellen.

 

Mareike Haase

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