Dazuge-hörig?

Texte beziehen sich bekanntlich, bewusst oder unbewusst, auf vorhergehende Texte, doch ein literarisches Erzeugnis soll stets auch für sich selbst stehen können. Wir kennen das: Die unentbehrliche Frage nach dem Weg, auf welchem der Versuch zu einem Verstehen von Literatur zustande kommen kann oder soll. Im Fall von delirium liegt es dem Kritiker nahe, sich als Methode von der textimmanenten Lektüre ab- und der Intertextualität zuzuwenden: Denn der Bezug zwischen den Ausgaben und der daraus entstehende Diskurs ist, wie wohl die meisten Leser wissen werden, in diesem Magazin Programm. So ist Tatiana Hirschis Gedicht Hörig offensichtlich auf Elsbeth Zweifels und höre sowie auf die dazugehörige Kritik von Hannes Sättele aus delirium N°02 bezogen. Es scheint daher auch sinnvoll, dass sich diese Kritik an den Vorgängern des Gedichts orientieren wird.

 


Die Instanzen

 

Bei der ersten Lektüre von Hörig entsteht unweigerlich der Eindruck, es handle sich um eine Form von Liebesgedicht oder besser, um die Schilderung eines zärtlichen Verhältnisses zwischen einem Ich und einem Du. Doch nirgends wird so recht deutlich, wer oder was die Stelle dieser beiden bereits in der ersten Zeile exponierten Instanzen einnehmen soll. Mit einem Blick auf die dem Gedicht vorangehenden Texte will ich eine Möglichkeit der Besetzung dieser Personalpronomen vorschlagen: In Ein überlebender Mythos von Hannes Sättele wird der Leser des Gedichts vom lyrischen Ich zum Hören aufgefordert und verliert sich immer stärker in der vom Gedicht hervorgerufenen Welt. Zu Beginn noch in einer einsamen Zweisamkeit mit dem lyrischen Ich, zieht sich dieses, gemeinsam mit der poetischen Bildhaftigkeit des Gedichts, bis zur vollständigen Abwesenheit zurück und überlässt den Leser in seinem neu erlangten Zustand sich selbst. Dieser Zustand ist der eines neuen Hörens, durch den ein «unvermittelter Bezug zu Dingen […] auch jenseits der gedichteten Welt» hergestellt werden kann. Bei dem soeben hervorgehobenen Aspekt dieser Kritik knüpft Hirschi an: Das angesprochene Du ist das lyrische Ich aus Elsbeth Zweifels Gedicht, während das lyrische Ich von Hörig das und höre-lesende Subjekt verkörpert. Diese Behauptung soll so nicht im Raum stehen bleiben, sondern verlangt nach einer Legitimation durch das Gedicht. Um sich nun nicht in ein verwirrendes Netz von lyrischem Ich und Du der beiden Gedichte zu verstricken, werden sich diese Begriffe, wenn nicht anders erwähnt, fortan auf Hirschis Gedicht beziehen.

 

Wie soll man sich das lyrische Ich des Gedichts und höre vorstellen? Das einzig denkbare Resultat muss ein «Vages» bleiben und so wird durch das ganze Gedicht Hörig immer wieder von Neuem versucht, das lyrische Du zu «besingen» und irgendwie fassbarer zu machen. Deutlich ist diese Annäherung zum Beispiel in den Beschreibungen und Entwicklungen von Körper und Stimme zu beobachten und so wird der Fokus der Kritik vor allem auf diesen Aspekten liegen. Ferner sind Bezüge des lyrischen Ich zu den Vorgängertexten erkennbar und stützen den vergleichenden Ansatz dieser Kritik.

 


Entwicklung der Körperlichkeit

 

Bereits in der zweiten Strophe erscheint ein Gesicht, das sich nie selbst sehen wird. Vielleicht weil es nicht sehen kann, da es sich um die Physiognomie des Gedichts selbst handelt. «Rabenschwarz beinah das Haar» könnte eine durch die Typografie angeregte Assoziation beschreiben, da die Schrift durch das sie umgebende Weiss nie ganz rabenschwarz erscheint und diese hier auf das Haar des lyrischen Du übertragen wird. So entsteht aus der Materialität des Gedichts langsam eine Gestalt: «Todesfern» ist sie, weil sie eben im Entstehen begriffen ist. Das Du wird aufgefordert, «die Topographie [s]eines Körpers» zu zeichnen, der zwar nirgends verortet werden kann (wie in der zehnten Strophe auch das lyrische Ich), aber doch bereits Form angenommen hat. Darauf folgt in der fünften Strophe das umschlungene Liegen. Bis hier ist also zu beobachten, dass sich das lyrische Du langsam aus seinen Teilen zusammensetzt, bis die Umarmung und somit die Vereinigung der Körper ermöglicht wird. Kaum Gestalt angenommen, wird das lyrische Du zu einem Transformationsprozess aufgefordert, in welchem es «die Hohepriesterin / und das Rad / am Wagen» spielen soll. Nur zum Spiel werden zum letzten Mal «spirituelles Heil und gesellschaftliche Annehmlichkeit», als die vermeintlichen Glücksversprecher in Sätteles Kritik, vorgetäuscht. Weiter interessant scheint mir, dass es in der neunten Strophe der Körper ist, der sich erinnert. Dies zeigt, dass die Erinnerung hier in der gegenständlichen Welt stattfindet und nicht in der gedichteten. Doch kann diese Welt durch das neu erlangte Hören «immer wieder Laut» und dadurch vergegenwärtigt werden. Ansonsten rückt die Körperlichkeit in der zweiten Hälfte des Gedichts zugunsten der Klanglichkeit stärker in den Hintergrund, bis beides in der letzten Strophe noch einmal gegenübergestellt wird, was auch die Relevanz dieser zwei Aspekte deutlich macht.

 


Stimme und Klanglichkeit

 

Stimme und Klanglichkeit vollziehen in Hirschis Gedicht eine etwas unscharfe bzw. «vage» Entwicklung. Zu Beginn spricht das lyrische Ich vom Besingen und Erklingen und bereitet den Leser dadurch gleichsam als Einleitung auf das Gedicht vor. Darauf wird die Möglichkeit aufgestellt, dass die Stimme des lyrischen Du «vielleicht» einmal hörbar wird, doch bleibt sie vorerst «unhörbar», nämlich in Form einer «Elliptischen Echolalie»: Ein wortwörtliches Wiederholen von unvollständigen Sätzen, wie man die zwei logopädischen Fachbegriffe verknüpfen könnte. Nachdem das Nachsprechen – als Symptom einer Sprachstörung – unhörbar blieb, erklingen in der vierten und fünften Strophe «Duftnoten» und ein «Lied». Gleichzeitig wird die «stumme Sprache» gesprochen, die wiederum die unhörbare Echolalie in Erinnerung ruft. Nachdem die Musik wieder verklungen ist, wird die Ruhe des lyrischen Ich in der achten Strophe als eine «vibrierende Saite» verbildlicht. Das Prinzip ist auch hier ein ähnliches: Eine Saite klingt und bewegt sich, wenn sie vibriert, wird an dieser Stelle im Gedicht aber als Ruhe dargestellt. Durch diese Ruhe und durch das Gehör-Schenken in der zehnten Strophe kann das lyrische Ich «sein», kann sogar «ortlos» sein. So beschreibt Hirschi das neue Hören, welches die Texte vor ihr bereits in anderer Form darstellten. Doch was will sie in der darauf folgenden Strophe mit der schon fast nervig übertriebenen Folge von «höre – gehöre – gehört – hörend – betörend – ungehörig hörig» aussagen? Soll dies das «Zähmen der Zungen» sein, das nicht mehr gelingt? Jedenfalls «betört» die Strophe nicht durch Musikalität, sondern steht eher als Fremdkörper im Gedicht.

 


Die Vorgängertexte und das Gedicht

 

Zwei sehr markante Bezüge zu den Vorgängertexten möchte ich zum Schluss noch anführen, um die aufgestellte These nochmals zu stützen. Deutlich ist die semantische Nähe von den «Niederungen» in der fünften Strophe zum «tal» aus und höre zu erkennen. In Verbindung mit der Umarmung verweist diese Strophe zudem auf eine Stelle in Sätteles Kritik, in welcher die Stille der «uns gemeinsam vereinsamten Welt» evoziert wird. Auch die Stelle «Und schenk Gehör ich dir» der zehnten Strophe zeigt einen deutlichen Bezug zu der in Zweifels Gedicht mehrfach wiederholten Aufforderung an den Leser, er solle hören. Gerade in dieser Strophe kommt das Glück, welches dieses Hören auszulösen vermag, deutlich zum Vorschein: Das lyrische Ich ist nicht mehr vom Wort abhängig und scheint «ortlos» in einer ruhevollen Stimmung zu verweilen.

 


Intertextuelles Schreiben

 

Wir haben es hier mit einem sehr vielschichtigen Gedicht zu tun. Diese Schichten konnten keineswegs vollständig berücksichtigt werden und vieles musste unerwähnt bleiben. Grundsätzlich konnte jedoch festgestellt werden, dass Hirschi sich nicht bloss in freier Assoziation von den Vorgängern inspirieren liess. Vielmehr zeigt sich die ganze Entwicklung des Lesers, wie ihn Sättele beschreibt, in ihrem Gedicht mehr oder weniger chronologisch nachvollzogen und an gewissen Stellen ausgedehnt. Es scheint ganz, als hätte Sätteles Gedichtauslegung – ob diese zutrifft oder nicht, ist belanglos – eine neue Tür aufgestossen, in welche Hirschi eingetreten ist. Ihr Gedicht ist also durch und durch ein intertextuelles und ihre Methode ist intertextuelles Schreiben. So könnte man auch hier in Fabian Schwitters Worten sagen: «Damit ist die Aufgabe von delirium mehr als erfüllt». Und doch finde ich, ist an dieser Stelle die Frage angebracht, was mit der Autonomie des einzelnen Gedichts geschehen ist? Kann dieses ohne die vorausgehenden Texte bestehen? Zu prüfen wäre das durch eine erneute, unvoreingenommene Auslegung des Gedichts. Ich bin mir allerdings – trotz des durchaus ergiebigen Verhältnisses zu den Intertexten – nicht sicher, ob Hörig sich von seinen Vorgängern loslösen könnte. Für das auf Intertextualität basierende delirium indessen könnte dies produktive Fragen aufwerfen.

 

 Orlando Schneider

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