‹Der halb richtige Schluss›

– An einer der Lesungen, welche von den Redaktoren von delirium veranstaltet wurde, sagte ein Autor eines literarischen Beitrages, er danke seinem Kritiker für seine Ausführungen. Er habe sich in dieser Kritik sehr verstanden gefühlt. Der vorliegende Text ist in der Überzeugung geschrieben worden, dass solche Sätze als Antwort auf eine Kritik unmöglich sind, ja, dass es sogar an blanken Unsinn grenzen muss, so etwas zu sagen, und dass entweder der Kritiker, der Autor oder – viel wahrscheinlicher – beide schrecklich missverstanden wurden.

«Man hätte nicht sagen können, dass seine Lesungen besonders aufregend waren, bevor der Kannibale kam.» – Es gibt die verbreitete Vorstellung, einer der schreibt, müsse etwas erlebt haben, um davon erzählen zu können. ‹Etwas erlebt›: In der diffusen Formulierung steckt eines der Mysterien des Autors, an welchem die Zuhörer seiner Lesungen nur zu gern Anteil hätten. Sie stellen ihm Fragen, als gäbe es dort etwas zu offenbaren, träfen sie doch nur das Zauberwort. Was meinen denn die Leute, wenn sie nach diesem Erlebten fragen? Es ist dieselbe Überzeugung, welche dem gängigen Satz «Wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen» zugrunde liegt. Jene, dass Erzählen etwas Aussergewöhnliches Darstellen heisst. Der Alltag lässt sich nicht erzählen. Eine klebrig gefestigte Überzeugung, wie eine Gewohnheit eingenistet – nicht in den Köpfen (Forschung hat ergeben, dass in den Köpfen nur Hirne sind) – aber in vielem Fragen, Reden und Schreiben.

«Es war vielmehr ein Lebensstil.» – Herodot schreibt eine Geschichte: Psammenit der Ägypterkönig wird von Kambyses dem Perserkönig besiegt und gefangen genommen. Der abgesetzte Herrscher soll nun gedemütigt werden. Man bindet ihn neben eine Strasse, über welche der persische Triumphzug führt. Zunächst tritt die Tochter des Psammenit an ihm vorbei. Sie ist schäbig bekleidet, ihr Schicksal als Dienstmagd steht fest. Psammenit lässt aber seine Tochter wortlos und ohne ein Zeichen der Trauer vorüberziehen. Als Nächstes zieht sein Sohn auf dem Weg zur Hinrichtung an ihm vorbei. Das ganze Volk der Ägypter jammert ob des Schmerzes, der seiner Herrscherfamilie widerfährt, doch Psammenit bleibt stumm. Kein Zucken geht durch ihn. Als Drittes schleppt sich sein Gefolge vorbei, und als der gefallene Herrscher einen alten und armen Mann aus den Reihen seiner Diener erkennt, da gibt Psammenit alle Zeichen der Trauer zu erkennen. Herodot erzählt diese Geschichte nicht darauf hin, dass der Ägypterkönig bei seinen Angehörigen stoisch bleibt. Vielmehr arbeitet die Geschichte auf den Ausbruch der Trauer hin. Um dies zu erreichen, muss zunächst eine Gewohnheit etabliert werden, um danach zur Abweichung zu kommen. Das letzte Moment, welches das Unerklärliche der Geschichte ist, ist auch dasjenige Moment, welches erratisch von aller Wiederholung, Gewohnheit und vom Alltäglichen entfernt ist.

«Leider war es da noch nicht zu Ende.» – Am Ende der Erzählung steht die Pointe. Man erkennt das Ende, denn es wird darauf hingearbeitet. Das ist alles doch sehr klassisch.

«‹Dieses pure Böse›» – Einer erklärt einem Andern, wie Kritik funktioniert: «Es gibt eine einfache und gleichzeitig bestechend effiziente Form von Kritik. Es braucht dazu nicht viel, keine besonderen Fähigkeiten oder dergleichen. Du musst nur den richtigen Ausschnitt desjenigen, was du kritisieren willst, an der richtigen Stelle wiederholen. Das Zitat selbst ist eigentlich schon die Kritik.» «Das Zitat selbst ist eigentlich schon die Kritik», wiederholte der Andere für sich, wie er es zu tun pflegte, um das Gespräch zu verstehen.

«[S]ie waren nichts Besonderes, aber er mochte das Besondere ohnehin nicht» – Im Französischunterricht wird vermittelt: Für die Dinge, welche man in der Vergangenheit aus Gewohnheit tat oder immer noch tut, verwendet man das imparfait. Sollte sich aber etwas Unvorhergesehenes zutragen, dann verwendet man das passé composé. So wird auch eine Geschichte vollendet. Indem man diese Dinge zusammenstellt.

«‹Diese totale innere Leere›» – Es gibt eine schwarz-weisse Filmaufnahme. Ein Mann sitzt auf einer weissen Gartenbank auf der Wiese. Rechts neben ihm schwanken die Äste eines Baumes ins Bild. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, sein Arm liegt ausgebreitet auf der Lehne der Bank. Er sagt: «Ich bin kein Geschichtenerzähler. Geschichten hasse ich im Grund. Ich bin ein Geschichtenzerstörer, ich bin ein typischer Geschichtenzerstörer. In meiner Arbeit, wenn sich irgendwo Anzeichen einer Geschichte bilden oder wenn ich in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe, dann schiess ich sie ab.» Dieser Mann, der schreibt, tut dies nicht auf eine besondere Pointe hin. Er versucht, den Alltag zur Literatur zu machen. Seine Texte sind geprägt von Protagonisten, die ihren Gewohnheiten nachgehen, sie sitzen in Museen und betrachten Bilder, oder aber pflegen es, zu spazieren. Solche Kniffe verhindern, dass eine Geschichte zu ihrer Vollendung kommt. Man fragt sich, wie ernst man solche Angriffe aufs Geschichtenerzählen nehmen soll. Man fragt sich auch, ob man überhaupt noch wie Herodot eine Geschichte erzählen kann.

 

 Samuel Prenner

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