Jede Odyssee führt in den Wald

Fast gebetartig antwortet der Vater dem Sohn auf die Frage seines Ursprungs: «Ja, mein Sohn». Es bleibt uns verwehrt, die genauen Fragen des Sohnes in Erfahrung zu bringen. Die griechischen Götter, der Glaube des Vaters und die Herkunft des Sohnes sind die Ausgangsthemen des Textes, welche der Vater zu Beginn wiederholt, um daraus einen Exkurs über ebendiese Götter, den christlichen Glauben und seine Ehe mit Magdalena zu entfalten. Mit trockenem Humor und schönen Urlaubsbildern liest sich Genealogien leicht und unterhaltend. Aber Achtung – die Querverweise und undeutlichen Anspielungen führen den Leser auf eine Odyssee, auf der man schnell die Orientierung verliert und sich irgendwo in einem unübersichtlichen Wald zwischen Athen, Nazareth und der Schweiz wiederfindet. Meret Bachmann verfolgt einen Stammbaum, der unsere Kultur aus ungewohnter Perspektive zeigt.


Die Wurzel

Wie es der Titel vermuten lässt, wird im Text eine Art Familiengeschichte wiedergegeben. Diese Geschichte bleibt jedoch in Fragmenten. Es werden wenige Momentaufnahmen aus der Kindheit, dem Griechenlandaufenthalt und der Hochzeit der werdenden Eltern gezeigt. Also kaum genügend Bodenhaftung und Informationen, um den Text als Genealogie zu bezeichnen. Wie sollen wir also diese Familiengeschichte komplettieren? Dafür gibt es das kollektive Gedächtnis, die Geschichte, die Überlieferung, das «Götter Gedächtnis». Wenn uns in der Genealogie von Vater, Mutter und Sohn etwas fehlt, dann ist sogleich ein interkontextueller Verweis zur Stelle, der die Gedanken auf eine neue Fährte bringt. Einfach ist das nicht, aber Genealogien sollen auch nicht einfach sein, das wissen wir dank der griechischen Mythologie.


Der Stamm

Seine zitternden Hände brachen die Hostie und der Pfarrer pappte das geschmacklose Gebäck auf die Zunge. Der Vater wandte sich bald ab von der Kirche, der Pfarrer starb. Warum sich der Vater von der Religion lossagte? Das bleibt vorerst unklar. Denn eine leichte Sehnsucht nach Göttern und Religion scheint in Vaters Monolog immer wieder durchzudringen – nicht fordernd oder flehend, sondern äusserst subtil. «Wenigstens einen Gott. Einen, den letzten» hatte der Vater damals in der Kirche noch. Später, am Ende des Textes, vergleicht er die Geburt des Sohnes mit «Götterblut» und der Götterspeise «Ambrosia», die «honigsüss» sei.

Ein wenig mehr über die religiöse Ausrichtung erfahren wir bei Magdalena, der Namensvetterin von Maria Magdalena, die Jüngerin von Jesus und Zeugin von dessen Auferstehen war. Von einigen Quellen wird sie sogar als die Gefährtin Jesu ausgegeben. Abgesehen vom Namen werden weitere verwirrende Parallelen zur Geschichte von Jesus erkennbar. So wird Magdalena wie Maria, die Gottesmutter, nicht nur unverheiratet, sondern metaphysisch schwanger. Als Zeugungsgrund wird im Text suggeriert, Magdalena wäre durch die Sonne und den ungeschützten Augenkontakt schwanger geworden:

«In der Schweiz war es nie so göttlich wie damals in Griechenland. Dass die Sonne krebserregend sei, erfuhren wir auch erst hinterher. Und dass wir Brillen hätten tragen sollen, um die Augen zu schützen, in die wir uns so tief geblickt hatten. Ja, mein Sohn, da war sie schon schwanger.»

Die Vereinigung der beiden biblischen Figuren, der Mutter und der Gefährtin Jesu, in einer Person lässt nicht nur Verwirrendes, sondern geradezu Verstörendes erahnen. – Erstaunlicherweise will sich Magdalena dann doch kirchlich trauen lassen, obwohl sie gar nicht an Gott glaubt: «Magdalena war es wichtig, auch wenn sie nicht an Gott glaubte, an keinen. Sie wusste ja, dass er schon tot war.» Warum also die Trauung? Und gab es früher einen Gott, aber jetzt nicht mehr? Wie überall im Text bleibt uns die Autorin klare Antworten schuldig.


Die Krone

Gott ist tot. Nietzsche lässt grüssen, fragt sich aber zugleich über die Schwammigkeit der Aussagen, welche einen toten Gott unglaubwürdig machen. Denn im Text finden sich gleichwohl Indizien für und gegen den Tod Gottes. Nicht zuletzt bei profanen Aussagen verwendet der Vater plötzlich Adjektive wie «göttlich» und er vergleicht die getrunkene Weinmenge in Griechenland mit jener, welche in der Kirche getrunken worden war. Sakrale Elemente wie die Hochzeit kommen hingegen äusserst unpoetisch, leidenschaftslos und realistisch daher:

«[D]ie Pfarrerin trug schwarze Hosen und sprach den runden Bauch nicht an. Aber vom neuen Leben sprach die Pfarrerin in der kühlen Kirche und vom Glauben aneinander. Magdalena glänzte, meine Hände waren etwas feucht. Ich war furchtbar nervös.»

Ganz anders jedoch die Zeilen über Griechenland und den Strandurlaub, in welchem der besagte Sohn wohl gezeugt worden ist. Da spricht der Vater «göttlich» und wesentlich lyrischer:

«Die dunklen Haare wurden heiss wie eine Herdplatte und mit weissen Zähnen strahlten wir uns an, küssten uns mit sandigen Lippen und waren die Ersten und Einzigen. Eine Perle fing sich in ihren Brauen, wir schwitzten. Das Salz der Erde an einem Strand voller Touristen. In der Schweiz war es nie so göttlich wie damals in Griechenland.»

Der Wald

Was geschah nun nach der Hochzeit? Was hat es mit der Sonne, die «krebserregend» ist, und den fehlenden Sonnenbrillen auf sich? Will dieser Text überhaupt direkt eine Botschaft vermitteln oder geht es vielmehr um ein kafkaeskes Bild, bei dem nicht klar ist, ob es nun die Götter sind, welche die Fäden in der Hand halten, oder doch das Paar – Magdalena und der Vater –, welches ein uneheliches Kind zur Welt bringt, gezeugt unter freiem Himmel bei Oliven und Wein an der Geburtsstätte von Zeus & Co.? Oder sind es schlussendlich doch die Bienchen, welche das Leben bringen, und die UV-Strahlen der Sonne, welche es dann wieder nehmen?

Mit Genealogien gelingt es Bachmann ein äusserst verwirrendes und anregendes Gedankenlabyrinth zu erschaffen, welches aber nur auf den ersten Blick auflösbar scheint. Denn jeder Pfad führt tiefer in den Wald des Unverständnisses. Immer mit der Hoffnung, dass man in den schicken Sätzen und schönen Bildern einen tieferen Sinn entdeckt, um den Finger darauf halten und sagen zu können: «Da! Da ist der Wendepunkt! Da kommt die wirkliche Einstellung des Vaters zutage». Dieser Punkt kommt nicht, was vielleicht auch die Leistung des Textes ausmacht. Bei Themen wie Religion, Geburt und Existenz ist es schwierig und daher lobenswert, für einmal nicht die Welt erklären zu wollen. Schliesslich führen alle Wege ans Ziel – tiefer in den Wald hinein.

 

Conradin Zellweger

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