Nichts neues im Osten, sprach der Westler

Eine Kritik zu «Umbruch» von Christoph Simon. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/15/umbruch/

Eine Geschichte um teilweise Schuld und keinerlei Sühne. Die Anordnung zwingt mir Dostojewski auf: ein junger Mann, ein erfolgloser Student; eine Vermieterin, die stirbt; die Frage von Schuld. Stilistisch gesellt sich ein Quäntchen überbordende Sprachlichkeit dazu. Selbstverständlich bleibt das nur vage Imitatio, Hauch von Original, oder böser: Der Text lebt überhaupt dank der Assoziation. Klar können eineinhalb Seiten nicht mit dem Original verglichen werden. Aber es muss ja nicht zwingend monumental sein.
Ich erinnere mich an den Dostojewskitext von Sorokin in «Der himmelblaue Speck» in diesem Kontext: ein Klontext, der sein eigenes Derivat hervorbringt. Geschrieben von einem Klon Dostojewskis, einem bärtigen Zwerg, dem es himmelblau aus einer der drei oder vier Titten rinnt. Der raffinierte Stoff bringt später dann Stalins Hirn so weit zum Schwellen, dass es das Universum zerstört.

«Putain. Warum spielt der Text überhaupt in der Ukraine?»
Ich unterbrach mein Schreiben und blickte auf.
Mein Kumpel Offro Grigorjewitsch Kynokephal sass mir gegenüber. Er steckte sich noch eine Zigarette an und blätterte weiter in seinem Fussballmagazin, ohne Interesse. Wir sassen in der Garage, wo wir uns wöchentlich trafen.
«Vermutlich weil man hier in der Schweiz alte Damen nicht einfach so umbringt?»
«Die Barbaren im Osten also wieder einmal…» Er rümpfte die Nase. Er war halber Russe. Er hatte von Literatur keine Ahnung. Er hatte den Text von Christoph Simon gelesen, überflogen mehr, geringschätzig auf den Tisch geworfen mit den Worten ‹Schüleraufsatz› und sich seinem Magazin gewidmet.
Ich wusste nichts damit anzufangen.
«Warum eigentlich ein Schüleraufsatz?», bohrte ich nach.
Er nahm den Text wieder in die Hand und las die Stellen vor und kommentierte. «Hier… ‹protestierend guckt er› – das ist doch keine Formulierung. Da entsteht einfach kein sinnvolles Bild, Protestieren und Gucken zugleich, pft… und hier, hör mal –» Er blätterte um, las vor. Er räusperte sich und kommentierte: «Mitten im Satz wechselt er die Erzählperspektive, das Subjekt und die Zeitform. Plötzlich drängt er sich im Konjunktiv orakelnd als Autor, der über diesen anderen Autor Bescheid weiss, selbst im Text nach vorne, beschwört ein ‹wir› und wird damit pathetisch. Aus Vergangenheit wird Präsens, und er schiebt die Vergangenheit unnötig ins Plusquamperfekt.»
Ich guckte zu Offro. Ich wollte protestieren, aber es gelang mir nicht. Er hatte Recht, darin lag eine gewisse Schlampigkeit.
Offro fuhr fort. «Ich habe als Schüler auch solche Bauchaufsätze geschrieben. Weisst du, was mein Lehrer gesagt hat?»
«Was?»
«’Ich unterstütze, dass Sie sich austoben, aber Sie werden einsehen, dass ich Ihnen dafür nicht mehr als eine 3.75 geben kann.› – Knapp ungenügend.»
«Literatur wird nicht benotet.»
«Schüleraufsätze aber schon.»

Der Text spielt in der Ukraine, in Kiew. Dnipro ist ein Stadtteil in Kiew. Sowas findet man ja dank Internet heutzutage schnell heraus. «Mascha w zakone» ist die ukrainische Variante der deutschen Anwaltsserie «Danni Lowinski». Der Wellensittich «Shevchenko» heisst nach dem ukrainischen Fussballspieler, der für Dynamo Kiew, AC Milan und Chelsea gespielt hat. Der Name «Fedak» scheint ohne erkennbaren Hintergrund gewählt. Eine Swiss Fund Data AG existiert, muss hier aber nicht zwingend gemeint sein. Das behandeln wir neutral.
Grigorenko ist ein häufiger ukrainischer Nachname, könnte aber auch auf mehrere Eishockeyspieler verweisen (da wir schon einen Fussballer haben) oder auch auf Piotr Grigorenko, sowjetischer Dissident, der sich auch für eine Autonomie der Krim stark gemacht hat. Vakhovska zuletzt wird wohl der Name der Übersetzerin Christoph Simons ins Ukrainische sein, Projektkoordinatorin der Rosa-Luxemburgstiftung in Kiew.
Der Text ist von einem Schweizer geschrieben («Lavabo» anstatt «Waschbecken»), handelt aber von einem ukrainischen Studenten, bzw. Studienabbrecher, namens Aleksandr.

«Und ich mag den Autor nicht.»
«Du kennst ihn doch gar nicht.»
«Nicht den Autor des Textes», grummelte Offro, «sondern diesen Aleksandr, Putain.»
«Ach so. Ja. Er ist schon eine Nilpe.»
«Er lässt die Frau so lange warten, bis sie alleine geht. Dann beklagt er sich noch bei ihrem Mann. So einem gehört eins links und rechts geschmiert. Und ist dir aufgefallen, dass es ihn keinen Deut schert, dass die Alte stirbt? Sie stirbt im Herbst und es geht an ihm vorbei. Er merkt es erst im Winter, weil er zufällig dort ist. Das heisst, er hat sich nicht gewundert, dass sie am selben Tag nicht zurückgekehrt ist. Auch am folgenden Tag nicht. Irgendwann zieht er aus, es kümmert ihn nicht, wo seine Vermieterin ist. Er fragt nicht nach. Was für eine Art Mensch ist das?»
«So habe ich das gar nicht betrachtet.»
«Weil du dich ja auch nur fürs Literarische interessierst.»

Jeder Text, der von einem Autor handelt, birgt in sich die Gefahr, auf den Autor zurückzufallen. Die Frage also: Wie will man als Autor einen Autor als Gestalt gestalten?
Christoph Simon ist der Autor jenes Autors namens Alexandr, der Drehbücher schreiben möchte und seine Vermieter als Inspiration nimmt, und dieser Text hier handelt von ebenjenem Text. Wer hat ihn geschrieben? Da muss ich wohl «ich» sagen. Oder schreiben.
Ist das verwirrend? Nein, eigentlich nicht im Geringsten.
Nimmt ein Autor als Protagonisten einen Autor, ist der erste Verdacht: typisch. Es gibt eine Vielzahl von Texten über Autoren. Manche sind autobiographisch, bzw. geben sich autobiographisch.

«Und dann diese abschätzige Haltung, die unter dem Text liegt… Versteckte Verachtung. Herr Fedak, konservativer Gabelstaplerfahrer, alter Arbeiterschlag, der Vorurteile gegenüber der Jugend hat und in Kisten nach der Sowjetunion sucht… ernsthaft? Überall Gewalt und stumpfe Menschen, die sich gegenseitig quälen, das ist dieses westliche Bild vom Osten, das ihr euch immer macht. Putain.»
«Zieh mich da nicht mit rein.»
«Nur weil du mal ein bisschen in Moskau gewohnt hast, bist du als Westler noch lange nicht fähig, das zu verstehen, geschweige denn zu beurteilen.»
«Gut. Sonst noch was?»
«Ja, hier… ‹hätten sie einen Hund gehabt, wäre das nicht so leicht passiert› – was soll dieser Brunz? Mit einem Hund wäre es also schwer passiert? Will er mich belehren? Das ist seine Folgerung: Schaff dir einen Hund an? Und was hätte ein Hund verändert? So ein Schwachsinn. Wäre das Messer ins Ohr der Alten etwa mühsamer eingedrungen, wenn irgendwo eine Töle gekläfft hätte?»
Offro schüttelte den Kopf. «Das ist mir zu dumm. Ich gehe jetzt.»
Er drückte die Zigarette aus und nahm die Wodkaflasche mit.

Offro Grigorjewitsch trat auf die Strasse, blickte sich um und zog dann den Mantelaufschlag hoch. Seine Schuhe traten in den frisch gefallenen Schnee. War der Wechsel zwischen den Erzählperspektiven denn so schwierig? Wer mochte das schon sagen… Kritisieren war einfach. Es besser zu machen, gelang einem ja dann doch nicht. Aber musste es die Kritik denn besser machen? Selbst wenn sie könnte: Wozu solche Fingerübungen? «Kritik gehört zur Öffentlichkeit. Wer sich ausstellt, darf sich nicht wundern, wenn er vorgeführt wird…», murmelte er, während er weiterstapfte.
Ein toter Vogel lag vor Kynokephal auf der Strasse. Ihm wurde schlecht und er musste tief einatmen. Die kalte Winterluft schnitt in seine Lungen, peitschte ihn in seinem Innern. Er warf die Wodkaflasche weg und schlug sich fest mit der Faust gegen die Brust.
«Putain, russische Muttererde…», murmelte er, und er fiel vor dem Vogel auf die Knie. Als ob ein sibirischer Bär stürbe, als ob sich Tier vor Tier verneigte… sein furchiges Gesicht war auf den Vogel gerichtet, die Tränen rannen ihm in den Bart und gefroren zu trüben Kristallen.

Ich sass weiter in der Garage und dachte über Offros Worte nach.
Ich fand das dem Text gegenüber nicht gerecht. Es war eine Geschichte mit ihren eigenen kleinen Feinheiten. Ein Spiel mit Klischees und Vorbildern, das der Autor spielte, während sein Protagonist – selbst auch Autor – in seinem eigenen Leben keine Rolle spielte.

Da knüpfen sich Fragen von Schuld, Verantwortung, von Beteiligung und Gleichgültigkeit an, die en passant gestellt werden, indem sie eben nicht gestellt werden: Nur wir als Leser stellen sie uns. Die Banalität der Grausamkeit, der man nicht habhaft werden kann.
Denn der junge Autor ist eigentlich mit seiner Vermieterin verabredet, verschuldet ihr Gehen, wofür er sich, laut den Worten des Vermieters, nicht schuldig fühlen soll. Er kriegt es nicht einmal mit, er ist dort und doch nicht dort. Er ist kein Zeuge, obwohl er massgeblich in der Kette der Ereignisse steht. Eine quasiexistentialistische Folge, die vorführt, wie alle doch eigentlich Gefangene ihrer selbst sind, so wie der Vogel – und zuletzt der Tod auf sie wartet, wie auf den Vogel. Jetzt könnte man diese Walze von Assoziationen noch in einen Zusammenhang mit der politischen Krise in der Ukraine stellen und in dem machtlosen Blick desjenigen, der nicht sehen kann, weil es gerade nicht passt, einen Verweis auf die westliche Haltung der Boulevardmedien entdecken, diese Spirale von unschuldig schuldig sein, von unbeteiligter Beteiligung usw.

Aber irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.
Ich konnte den Text nicht mehr ansehen, ohne an die Worte Offros zu denken. Ohne die Unzulänglichkeiten wie rot unterstrichen hervortreten zu sehen. Seine Worte hatten den Text zerstört.
Es ging doch nicht um Grammatik, sondern um Literatur. «Kritik sollte nicht urteilen, sondern einen Dialog eröffnen», murmelte ich alleine vor mich hin. Ich befürchtete, dass die Kritik länger als der Text werden würde.

Albrecht Füller

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