Die Welt ist eine bösartige Maschine

«Die Welt ist eine bösartige Maschine», rief Georg und riss sich das Amulett von der Brust. Vor ihm erhob sich ein siebenköpfiger Drache, dessen rote Haut im Feuer glühte. Von Georgs Medaillon gingen helle Strahlen aus, als er es vorsichtig auf seiner Handinnenfläche balancierte. Auch entledigte Georg sich seines weissen Rüschenhemdes, und auf seinem Rücken zeigte sich dasselbe Muster wie auf dem Medaillon: zwei mal zwei gleichseitige, um ein Zentrum angeordnete Trigone, umgrenzt von einem faustgrossen Kreis. Die Bestie kämpfte um ihr Leben, schnappte nach Georg und hieb ihre blutigen Fänge in den Nacken des Kriegers. Georg blutete stark, und doch gab er nicht nach, sondern hielt sein Amulett mit beiden Händen über dem Kopf in die Luft.

Heiss war die Wüste, immer wieder fielen dicke Blutstropfen auf den kristallinen Sand, wo sie kleine Sterne formten.  Aus dem Maul der Bestie krochen blaue Krebse von Oblatengrösse. Blitzschnell bewegten sich die Krustentiere auf den Kämpfenden zu. Und Georg erkannte, dass das gepanzerte Getier Gesichter besass. Alle Krebse wiesen das Antlitz einer kaltäugigen Frau auf, eines Wesens, das Georg als unmenschlich einstufte. Nicht die sieben Häupter der rothäutigen Bestie stellten das Problem dar, sondern die Millionen von auf den Krebsen prangenden Frauenvisagen. Eine hässliche Alte hatte Modell gestanden, dachte Georg, als die Bestie zum zwölften Male in seinen Oberarm biss. Er wusste, dass er das Gefecht nur dann gewinnen konnte, wenn er die Alptraumvision von diesem garstigen Frauenzimmer ins Nirvana schickte. Tot wirkten ihre Augen, verfilzt die Haare, verwarzt die Nase.  Es musste diese Hexe sein, die im Hintergrund die Fäden zog und den siebenschädligen Dämon auf ihn gehetzt hatte. Jahrelang hatte Georg von dem hasserfüllten Weibsbild träumen müssen. In stillen Nächten war es zu ihm gekommen und hatte, während er schlief, Infusionen in seine Ellenbeuge gestochen, um den ängstlichen Jungen mittels eines abscheulichen Giftes Nacht für Nacht in abgründigen Schlaf zu befördern.

Im Laufe der Jahre hatte Georg dann gelernt, seine Träume zu steuern und die darin vorkommenden Protagonisten zu manipulieren. Zudem war ihm klar geworden, dass er im Traum nicht wirklich starb. Heute war die fiese Evelyn, wie er sie nannte, also zurückgekehrt, um dem jungen Mann einen gehörigen Schrecken einzujagen. Nicht zu zählen waren die Krebse, die auf Georgs Beinen, Armen, dem Bauch und sogar auf seinem Kopf herumliefen. Das irre Gelächter der Teufelsbrut sorgte dafür, dass Georgs Kräfte schwanden. Viel zu schnell versiegten sie, sah er sich doch mit der schlimmsten seiner Ängste konfrontiert. Dieses Gesicht! Diese kalten, toten Augen! Ununterbrochen spie die Bestie weitere Krebschen aus und dirigierte sie in Georgs Richtung. Mit dem Schwert köpfte Georg drei Häupter des siebenköpfigen Biestes, blieben also noch vier.

Welches Kraut aber war gegen die winzigen Kreaturen gewachsen, fragte sich Georg. Sein Sturmfeuerzeug nutzte der junge Krieger, um die Gesichtszüge der dämonischen Evelyns zu versengen. Nur für kurze Sekunden funktionierte diese Taktik, dann aber stellte sich heraus, dass Nase, Augen, Wangen und Mund aus Eis gemacht waren. «Evelyn, der Energievampir, tötet die Verzweifelten durch ihre eigene Kälte, rottet die Einsamen mit ihrer erbarmungslosen Niedertracht aus…» Dieser Satz ging Georg durch den Kopf, als er merkte, wie Eiseskälte in seine Glieder fuhr. Weder die feurigen Extremitäten des bestialischen Drachens noch der brennende Wüstensand vermochten Georg zu wärmen. Standhaft versuchte er, von Todesangst erfüllt, in die milchig getrübten Pupillen von Evelyn zu schauen, doch er war nicht in der Lage, den Blickkontakt zu halten. Ihm war zumute, als dränge die Teufelin gezielt in sein pulsierendes Hirn ein, um ihren Erzfeind zu verwirren. Unaufhörlich wisperte sie den Tausenden Krebsen Gemeinheiten zu: «Das ist er! Nun kennt ihr ihn!» Diese Worte trafen sogleich in Georgs Herz, denn mit jenen zwei Sätzen hatte man ihn über Jahre gequält.

Was er auch getan, man hatte den scheuen Jungen einen Aussätzigen geschimpft, einen Verrückten, ein Monstrum, einen Perversen. Sie hassten ihn – so lautete auch der Inhalt eines Briefes, den ihm seine Mitschüler einst hatten zukommen lassen. Es war ein Samstag gewesen, Georg hatte sein Zimmer geputzt, dann kam Mutter mit dem in Edding-Farben verzierten Briefumschlag, der nichts Gutes verhiess. Im Inneren des Kuverts fand Georg zwei Seiten Papier, die eng mit den Worten «Wir hassen Dich! Denk daran, wir hassen Dich!» beschrieben waren. Noch heute lief es Georg eiskalt den Rücken herunter, wenn er an das Schreiben dachte. Es rührte seine Urangst an. Die Angst, anders und seltsam zu sein. Wie lange lag jener Samstag nun schon zurück? Waren es fünf Jahre? In jener Nacht hatte Georg – nicht zum ersten Mal – von Evelyn geträumt, die sich in seine Gedankenwelt einschlich und ihn mit Wortsalven des Abscheus malträtierte. «Siehst Du», hatte die hässliche Fratze von Evelyn geflüstert, «alles, was ich dir gesagt habe, erweist sich als wahr. Sie hassen dich, sie hassen dich, sie h-a-s-s-s-s-s-s-e-n dich!»

Mittlerweile wähnte sich Georg immun gegen Evelyns Giftpfeile, die das Weibsstück zu Hunderten zwischen seinen Rippen hindurch in seine Lungenflügel schleuderte. Doch die essenzielle Panik blieb ihm erhalten, wenn er ehrlich zu sich sein sollte. Er fragte sich, ob Evelyn, das menschgewordene Urböse, bereits bei seiner Geburt da gewesen war. Evelyn stellte für ihn einen dunklen Stern dar, der die Niederkunft seiner Mutter einst überschattet hatte. Feuer und Schwefel schossen aus den Mäulern der nunmehr vierköpfigen Bestie, und Georg stürzte, von Krebsen übermannt, in den glühenden Sand. Sein Amulett, von dem goldene Lichtbahnen ausgingen, richtete Georg auf die krabbelnden Ungeheuer. Endlich gelang es ihm, das eine oder andere zu eliminieren. Allerdings nahm ihr Strom nicht ab. Eher wuchs die Anzahl der im Krebsgang auf ihn zutänzelnden Evelyn-Physiognomien. Geistesgegenwärtig langte Georg in seine Hosentasche, wo er die Weihrauchpistole verwahrte. Olibanum, so hatte ihm seine Mutter einst beigebracht, war das beste Mittel zur Bekämpfung des Bösen. Lag Georg einmal wieder schlaflos im Bett, weil er schlecht geträumt hatte, entzündete seine Mutter das im silbernen Weihrauchfässchen befindliche Gummiharz. Sofort verschwanden Georgs böse Gesichte und der Junge konnte endlich friedlich schlafen.

Jetzt zückte Georg das Geschenk seiner Mutter und richtete den Lauf der Waffe auf die Krebse. Greinend reagierten die mit Evelyns Angesichtern verunstalteten Tierchen und verpufften in der heissen Wüstenluft. Indes wurde Georg immer noch von dem vierköpfigen Ungetüm attackiert. Die Wunden auf seinem Körper waren zahlreich und er verlor viel von seinem roten Lebenselixier. Panisch zielte er, in der Hoffnung auch den roten Drachen mit dem geheiligten Qualm auslöschen zu können, mit seiner Olibanum-Pistole auf jenen. Im Viervierteltakt verschoss die seltsame Waffe Kapseln, die direkt im Brustbereich des Ungeheuers einschlugen. Doch dieses zeigte sich unbeeindruckt. Mit einem weiteren Schwerthieb gelang es Georg, aus dem vier- einen dreiköpfigen Drachen zu machen. Auf dem Sand vor seinen Füssen sah Georg die übrig gebliebenen Hülsen der Krebse. Die Gesichter der bösartigen Evelyn hatten sie verloren. Georg hielt sein Amulett weiterhin in den Fingern und entsandte Lichtstrahlen in die Herzregion des laut brüllenden Drachens. Plötzlich hörte Georg einen leisen Gesang. Zunächst konnte er den Liedtext nicht verstehen, doch dann schwoll die Lautstärke des Singens an: «Wir holen Dich, Du kriegst uns nicht!»

Georg wich einen Schritt zurück und unter seinen Schuhsohlen krachte es. Erschreckt registrierte Georg mikroskopische, mit grünen Eiern gefüllte Nester, welche er soeben mit seinem Lederstiefel zerstört hatte. Unzählige solche Nester entstanden unter den toten Körpern der Krebse. Die Eier in den Gelegen platzten auf, frisch geborenes Getier schlüpfte und stimmte das Lied mit den prägnanten Zeilen an, welches Georg erneut an seine Schulzeit erinnerte. Indes wiesen die Gesichter der kleinen Krebse nicht mehr Evelyns Züge auf, sondern die eines aufgequollenen, schlitzäugigen Weibes. Abrupt vereinigten sich die Myriaden von Schalentieren zu einer imposanten Riesin. Auch deren Antlitz kam Georg bekannt vor, handelte es sich doch um ein weiteres Geschöpf aus seinen Alpträumen, nämlich um Vlada, die spillerige Vampirin.

Es war lächerlich, was sollten die Leute nur von ihm denken, wenn er ständig mit Traumwesen und Drachen zu tun hatte! In seinem Leben gab es keinen Platz für die sogenannte Alltagsrealität, bei ihm überstiegen sich die Dimensionen, und niemand würde ihm folgen können, wenn er davon berichtete. Dennoch würde er genau dies tun: Bericht erstatten, Zeugnis ablegen über die dunklen Mächte, in deren festem Griff sich die Menschheit befand. Nicht alle Menschen verkehrten mit Drachen und Dämonen. Wer es indes tat, der wurde zwangsläufig zu einem Retter der irdischen Rasse. Gott, es war doch alles, wirklich alles möglich, solange es sich als denkbar erwies! Vlada besuchte Georg des Nachts, ihre langen gelben Daumennägel gruben sich in seine Aorta und schröpften den Schlafenden. Jetzt hatte Georg wirklich genug, er würde den Drachen töten und Vlada gleich mit ins Höllenfeuer stossen. Handelte es sich bei diesen durchaus realen Gestalten bloss um Symbole, um Zeichen für das radikale Böse, den ultimativen Hass?

Im Laufe seines Lebens waren die Alptraumfiguren aus Georgs Kindheit zu mächtigen Gegnern geworden, und heute würde sich der Schwertträger endlich von ihnen befreien, sagte er sich. Evelyn hatte das Zeitliche gesegnet, die bösartige Kreatur war Geschichte. Nun galt es, Vlada und den blutenden Drachen zu erledigen. Georg zückte sein Maschinengewehr, lud es mit Weihrauchpatronen und feuerte in einem fort auf Vlada, die vampireske Gigantin. Mit ihren brachialen Klauen griff sie nach Georg, bekam den Winzling jedoch nicht zu fassen. Ein Lasso warf Georg über die vergilbten Nägel von Vladas Hand und zurrte den Strick so fest, wie er konnte. Dann zog er das Wesen in Richtung des Feuer speienden Drachens, der mit seinem brennenden Atem Vlada auf der Stelle erwischte. Während der Drache, der in Vlada offenkundig eine weitere Feindin sah, die fahle und dürre Blutsaugerin in ein Flammenmeer tauchte, näherte sich Georg von hinten und schlug dem überdimensionalen Reptil – eins, zwei, drei – die Häupter ab.

Diese purzelten in den rot gefärbten Wüstensand. Ein Lichtstreif am Horizont verkündete dem Universum das Ende des Kampfes. Und anstelle des Drachens, der unzähligen Krebse mit Evelyns Visage und der Vampirin Vlada befanden sich im Staub vor Georgs Stiefelkappen seine alten Schulfeinde John, Corinna und Mersat. Sie waren es gewesen, die Georg einst den bösen Brief geschickt hatten; sie hatten dafür Sorge getragen, dass sich Georg an jedem einzelnen Schultag wie ein Ausgestossener gefühlt hatte, der er ja auch gewesen war. John, Corinna, Mersat hatten den verhassten Schüler gequält, gehänselt, terrorisiert, indem sie sich sorgfältig ausgeklügelter Psycho-Mechanismen bedient hatten. Hinter den grandiosen Ungeheuern, die Georg im heissen Wüstensand zur Strecke gebracht hatte, verbargen sich also die wahren Monster. Hilflos strampelte das Dreigestirn des Bösen mit Armen und Beinen, doch Georg liess den Strick nicht locker. Seine ehemaligen Folterknechte zogen den Drachentöter mit vereinten Kräften über die vor Hitze ins Fleisch stechenden Sandkörner. Wie Hunde vor einem Schlitten hetzte das infernalische Triumvirat auf einen Abgrund zu, den nur Georg sehen konnte. Als das Henkerstrio sich bereits im freien Fall wiederfand, kappte Georg das Tau und blieb wohlbehalten hoch oben auf den Klippen zurück. Nach einigen Sekunden hörte er ein lautes Platschen.

7 Kommentare

  1. […] erlaubt, darin zu lernen. Besonders die eine Lanze, von irgendeinem strammen Kämpfer geführt: An der hatte sich Mersat letzthin die Handinnenfläche durchbohrt, nachdem er versucht hatte Georg z…, dieser jedoch geschickt auswich. Mersat starrte zuerst ungläubig auf seine triefende Hand, […]

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