Brief von Ariel Hondeg an Raul Sobasa, aus dessen Nachlass

Der erste Teil einer Doppelkritik zu «Über Schwindel» von Sebastien Fanzun. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/15/uber-schwindel/

Den zweiten Teil der Doppelkritik von Raul Sobasa findest du hier.

Marrakesch, 3. Juni

Lieber Raul,

es ist bereits einige Tage her, dass ich in Gesellschaft meines Mannes im Grand Casino Mamounia war, doch eine Erzählung, deren Zeugin ich dort zufälligerweise geworden bin, will mir nicht mehr aus dem Kopf.

Es war bereits später Nachmittag, als Theodor und ich uns auf die ausladende Terrasse setzten, um uns einen Drink zu genehmigen. Wahrscheinlich liegt es am Klima, dass Theodor, seit wir in Marokko sind, ständig und überall einschläft, und so geschah es auch diesmal, dass er bereits nach kurzer Zeit ruhig atmend und mit geschlossenen Augen in seinem Korbstuhl versank und mich mit meinen Gedanken allein liess. Du denkst jetzt vermutlich, dass ich mich gelangweilt hätte, wie übrigens in den Stunden zuvor, denn es gibt kaum etwas Trostloseres als allein durch ausgeleuchtete Hallen zu taumeln, in denen Menschen, vornehmlich Herren, lethargisch eine Münze nach der anderen in Spielautomaten versenken oder durch die hypnotische Kraft einer kreisenden Kugel um Tische versammelt kleine Plastikplaketten aufeinanderstapeln. Doch kurz nachdem Theodor eingeschlafen war, bemerkte ich zwei Männer, die am Tisch neben uns sassen und sich unterhielten. Der ältere der beiden hatte gerade mit einer Erzählung begonnen und so hörte ich gebannt zu. Es handelte sich um seine Lebensgeschichte, von seiner Kindheit bis zu seiner Ankunft in Marrakesch.

Nachdem sich der Erzähler in seiner Jugend von den drögen Korridoren der elterlichen Wohnung gelangweilt, in die Bibliothek zurückgezogen hat, um dort Montaignes Essais zu verschlingen, entscheidet er sich gegen das Erbe des väterlichen Windmühlenimperiums und für ein Studium der Romanistik an der Sorbonne. Es ist die unerwiderte Liebe zu einer Kommilitonin, die ihn erst Tief in Montaigne und der provenzalischen Trobadordichtung versinken lässt und ihn später, durch die Erkenntnis, dass nur eine Mauer der Ehrlichkeit zwischen ihnen steht, dazu bewegt, diese einzureissen und seine Doktorarbeit zu fälschen. Aufgrund des durchschlagenden Erfolges seiner Dissertation und dem damit verbundenen Ruhm, liegen ihm die akademische Welt und die von ihm angehimmelte Studentin zu Füssen und er kann ein Leben in Saus und Braus, mit Kokain und mit Fasanen gefüllten Fasanen führen. Doch bald verfolgt ihn sein Schwindel in Form eines in goldflammenden Lettern auftauchenden Montaigne-Zitats, das ihn beim Essen und koitalen Abenteuern auf der Universitätstoilette erscheint und er gibt seine Stelle an der Universität auf, um in die Betriebswirtschaft und nach New York zu fliehen. Montaigne verfolgt ihn allerdings auch dort und so verschlägt es ihn schliesslich nach Marrakesch und ins Grand Casino Mamounia, wo er im Roulette die Ahnung einer höheren Ehrlichkeit erfährt.

Als die Erzählung geendet hatte, vergewisserte ich mich, dass Theodor noch immer schlief. Es passiert nicht mehr oft, dass man längere Geschichten erzählt bekommt und so sass ich noch eine Weile mit geschlossenen Augen da, um darüber nachzudenken. Besonders gut hatte mir der Sprachstil gefallen, kunstvoll aber nicht bis in die Unverständlichkeit gekünstelt. Am besten hatte die Bildhaftigkeit der Sprache in Kombination mit der satirisch überspitzten Darstellung des langweiligen Grossbürgertums auf der einen und der koksenden, überbordenden Künstler- und Intellektuellengesellschaft auf der anderen Seite gewirkt – an sich nichts Neues, aber gut erzählt. Auffällig war auch die Vielschichtigkeit der Erzählung gewesen, die Texte – auch fiktive – nacherzählt und zitiert. So ist beispielsweise in die Dissertation des Erzählers wiederum ein Text des (fiktiven) Trobadordichters Raimont Alba Guilhen dou Vydal eingeschrieben. Auch sonst hatten sich diverse Anspielungen auf Weltliteratur gefunden, wobei mir vor allem das erwähnte «wirre Machwerk» des «vielversprechendsten jungen Literaten von Paris» bekannt vorgekommen war. Diese inhaltliche Vielschichtigkeit hatte sich in der Form fortgesetzt, in der Erzählung von den Versen Vydals oder dem mimetisch wiedergegebenen Dialog zwischen Erzähler und Geschäftsmann. Seltsam flach und unbeständig hatte hingegen die Figur der Komilitonin Elena gewirkt, die erst Motivation für den Aufstieg des Protagonisten ist, dann aber plötzlich zwischen Perlwein und Perlhuhn verschwindet und keine weitere Erwähnung mehr findet. Etwas platt war mir auch die Idee der Lüge erschienen, die den Protagonisten in Form von flammenden Menetekel und von Montaignes Kopf verfolgt und an die er schließlich selbst in New York noch durch den Geschäftsmann, bei dem er sich bewirbt – einem großen Liebhaber Montaignes – erinnert wird, sodass schlussendlich nur die Flucht in den Zufall als höhere Form der Ehrlichkeit bleibt.
Schwindeln wir nicht eigentlich alle ständig? Mir fällt da wieder die Geschichte von Rebekka ein, die ihrem Mann bis heute nicht gebeichtet hat, dass er sich damals eigentlich in ihre Zwillingsschwester verliebt hat und trotzdem sind die beiden seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Dieses pedantische Pochen auf das achte Gebot scheint mir also ungerechtfertigt. Aber wir wissen ja beide, dass ältere Herren manchmal zu Moralpredigten neigen. Insgesamt hatte ich mich auf jeden Fall bestens unterhalten gefühlt. Inzwischen war mir vom Nachdenken auch schon schwindelig geworden und ich stand auf, um Theodor zu wecken, den ich zum Glück überzeugen konnte, nicht nochmal zu spielen, und so machten wir uns auf, um die Abendstimmung in der Rue Bab Doukkala zu geniessen.

[…]

Inzwischen ist es spät und ich muss leider aufhören; du wirst aber bald wieder von mir hören. Grüsse auch Monika von mir, bis bald

herzlich deine

Ariel

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s