Über Windmühlenimperien – Aus dem Notizbuch von Raul Sobasa

Der zweite Teil einer Doppelkritik zu «Über Schwindel» von Sebastien Fanzun. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/15/uber-schwindel/

Den ersten Teil der Doppelkritik von Ariel Hondeg findest du hier.

«[D]ie Kommentare des Literaturkritikers [konstituieren] […] eine Fiktion, in der Auerbach als Autor […] das literarische Subjekt der Essais artikuliert, das nicht mehr mit Montaigne identisch ist.»

Eli Blanchard

In einem Literaturmagazin (meine Enkelin hat mir ja kürzlich dieses Gönnerabo aufgeschwätzt…) bin ich auf einen Text gestossen, der mich stark an einen Brief von Ariel erinnerte; habe lange danach gesucht und ihn schliesslich in einer alten Kartonschachtel wiedergefunden, und in der Tat erzählt der Text genau dieselbe Geschichte, die Ariel einst in Marrakesch mit anhörte, als sie mit Theodor einen Sommer lang dort war. Grosse Verblüffung! War dieser junge Mann etwa das Gegenüber des älteren Herrn, dessen Lebensgeschichte mir Ariel weitererzählte? Oder kennt er Ariel womöglich und hat die Geschichte, nachdem sie ihm von meiner guten Freundin (bei einer Tasse Meerwasser) erzählt wurde, aufgeschrieben? Oder, und dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los, wird der junge Autor die Geschichte erfunden haben, ohne zu wissen, dass sie wahr ist?

«Ironische Ansätze gehen in vordergründigen Effekten und Schiessorgien unter.» 
(Lexikon des Internationalen Films).

Ein einsamer Junge verschreibt sich der Wahrheit. Als Erwachsener beginnt er zu lügen. Für Sex. 
Als erfolgreicher Wissenschaftler gibt er sich Exzessen aller Art hin. Die Lüge nicht mehr ertragend wendet er sich an die Geschäftswelt. Deren überzeugte Ehrlichkeit verängstigt ihn und so widmet er sich letzten Endes und bis an sein Ende der Ehrlichkeit des Geldspiels. Oh süsse, süsse Ironie.



«Die Mischung aus Italowestern und Klamauk gelingt nicht.» (Frieda Schenk)

Gratwanderung zwischen Ironie und Klischee, zwischen im Klischee versteckter und klischeegewordener Ironie. Zum Glück gibt’s einiges auf der Seite des subtil-absurden, ironischen Entlarvens: der Windmühlenverkauf ‹an spanische Exzentriker›, die ‹alpinistische Aufgabe› der ‹endlosen Wendeltreppen›, ein ‹Gelage zur Feier des Dienstagabends› und ein ‹mit kleineren Fasanen gefüllter Fasan›, der Wissenschaftler als Star, der Unternehmer als Hobbyphilosoph und die Adresskartenübergabe im Sterbemoment. Leider gibt’s aber auch auf der anderen Seite einiges, tief drinnen in der Klischeewelt, so dass sich das Gähnen ganz von alleine einstellt: die Darstellung der Frauen, das Konzept ‹Erfolg› bestehend aus medialer Aufmerksamkeit, Partys, Drogen und Sex, der vorwurfsvolle Geisterkopf Montaignes als Verbildlichung des schlechten Gewissens, die Schauplätze. Und oftmals Zweifel: Ist das Dargestellte in seiner Klischiertheit ernst gemeint oder wird das Klischee dargestellt, um es zu unterlaufen?

«Bud Spencer mal ohne Bart und Sympathiebonus.» (Michael Kraus)

Mal werden klischierte Attribute vertauscht, wie beim schwindelnden, über die Stränge schlagenden Wissenschaftler (durchaus vorstellbar) und dem grundehrlichen, kommunistisch geprägten Firmenboss (durchaus nicht vorstellbar), mal werden sie übertrieben gezeichnet, wie bei den Frauen: Elena ist nichts ausser schön, arrogant und ruhmgeil. An anderen Frauenfiguren kommen nur eine Begleiterin (könnte also auch ein Hund sein), die im Gegensatz zum Vater nicht direkt, sondern nur implizit im Wort Eltern erwähnte Mutter und ein Fotomodell vor. Diese Zuspitzung ist nicht neu – und sehr, sehr langweilig. Auch die Aufstiegsgeschichte des zuvor ignorierten Aussenseiters kennen wir zur Genüge, aber immerhin wird sie solide erzählt und immerhin geht’s dann doch noch um (ein wenig) mehr als das.



«Für alle, die einen elementaren Western mit […] einer nervenzerrenden Musik […] und einer souveränen Verachtung von Sinn und Authentizität lieben, ist dieser Film ideal.» (TIME)

Ein Erzähler erzählt uns eine Geschichte, die ihm jemand erzählt hat; in dieser Erzählung geht es um die Erfindung einer Figur, die geschieht, nachdem derjenige, der dem Erzähler seine Geschichte erzählt, eine Erzählung gelesen hat, bei der nicht klar ist, wie viel davon gestohlen wurde, und über dessen Hauptfigur nicht klar ist, ob sie erfunden wurde oder nicht; diese Erzählung innerhalb der Erzählung ist wiederum eine andere Erzählung des Autors, der hier einen Erzähler eine ihm erzählte Geschichte erzählen lässt und damals einen Erzähler über einen Erzähler erzählen liess, was hier in der Erzählung der Erzählung der Erzählung wieder vorkommt. Eine Erzählerin erzählt mir in einem Brief von dieser Erzählung, von der sie mit anhörte, wie sie erzählt wurde. Ich erzähle weiter. (Muss aber erst kurz ein Mindmap machen).

«Parodistische Akzente überwiegen in diesem Film, wenngleich immer wieder Konzessionen ans Klischee gemacht werden.» (Bernd Deck)

Die Lüge werde als Voraussetzung der Erzählung dargestellt, heisst es in einer fiktiven Dissertation über ein fiktives Gedicht eines auch innerhalb der fiktiven Erzählung fiktiven Troubadourdichters. Die Lüge als Voraussetzung der Erzählung bedeutet, Literatur lügt immer und die Wahrheit lässt sich nicht erzählen. Diese positive Konzeption der Lüge, so steht es in der fiktiven Dissertation, werde von Montaigne wiederum aufgegriffen, was nicht nur gelogen ist, weil der Troubadourdichter doppelt fiktiv ist, sondern was auch zwangsläufig als Schwindel auffliegen muss. «En vérité, le mentir est un maudit vice. Nous ne sommes hommes et ne nous tenons les uns aux autres que par la parole», so geht das plötzlich allgegenwärtige (zur Abwechslung mal nicht-fiktive) Zitat nämlich weiter und zeigt, dass bei Montaigne, der in seinen Essais auf die ehrliche Wiedergabe seiner Erfahrungen und Empfindungen Wert legte, die ‹positive› Lüge keinen Platz haben kann. (Dem Lügenden, dessen Kindheit aus der Lektüre Montaignes bestand, müsste eigentlich – auch ohne Zitat – klar gewesen sein, dass seine Erfindung nicht haltbar ist.) (Oh, ich vergas das Klischee: Elena bringt ihn durch ihre Schönheit völlig um den Verstand, das über Jahre angeeignete Wissen muss also verpuffen.) Abgesehen davon, dass der Diskurs über Montaigne und die Figur, die dadurch erschaffen wird, auch Erfindungen sind, und abgesehen davon, dass diese Konzeption der ehrlichen Wiedergabe, wie Montaigne sie dargestellt haben mag (‹der Wahrheit widerspreche ich nie›), nichts darüber sagt, wie ehrlich er tatsächlich geschrieben hat – abgesehen von diesen weiterführenden Verstrickungen also haben wir es mit zwei gegensätzlichen Bildern zu tun: Lüge vs. Ehrlichkeit als Voraussetzung des Erzählens.

«Durchschnittlicher europäischer Rachewestern.» (Kino.de)

Das könnte man zumindest meinen. Allerdings ist auch diese Gegenüberstellung letztlich eine Erfindung des Autors. Er bringt seine Erzählung Auerbach (aus delirium N°02) neu verpackt als Text von Elenas Literaten-Liebhaber in die Erzählung Über Schwindel ein, und dessen ‹Täuschungen und Verwirrungen›, die den jungen Montaigne-Liebhaber dann auf Abwege bringen, werden von ebenjenem der ‹sonnenhellen Ehrlichkeit und genauesten Selbstbetrachtung› Montaignes (und der Troubadouren) gegenübergestellt. Montaigne muss als Gegenkonzeption für die von Fanzun betriebene literarische Fiktions-Potenzierung herhalten und dessen Verhältnis zum Schreiben wird stark vereinfachend auf ‹Ehrlichkeit› reduziert, was nicht so nett ist. Denn wie schon der grosse marokkanische Sufimeister Nattifer Waschib sagte: «Montaigne ist unglaublich schwierig festzulegen». So viel dazu. Auf der anderen Seite passt es besser; die positive Konzeption der Lüge und Über Schwindel verstehen sich hervorragend. Denn Fanzun scheint für sich das Zusammenbringen von Fiktion und ‹Wahrheit›, die Auslotung der Fiktion innerhalb der Fiktion und die Verschachtelung von Erzählebenen entdeckt zu haben – und sich freudig herumspringend in diesem Feld auszutoben. Er zeigt uns, was sich alles durch die Aufhebung der Grenze zwischen Fiktion und Realität, die sowieso auch eine Erfindung ist, eröffnen kann, er zeigt uns, dass alles Reale irgendwie auch fiktiv, alles Fiktive irgendwie auch real sein kann und diese Unterscheidung letztlich vielleicht gar nicht so wichtig ist.

«Kitschig, oberflächlich, banal und absolut verklärt.» (Canis Majoris)

Weil der grosse Ortheo D. Rodwano sagte: «Suche und finde die Wahrheit in der Fiktion», fragen wir uns: Was lehrt uns Über Schwindel? Lesen wir die Lebensgeschichte der Hauptfigur als allgemeine, zeigen sich folgende Wahrheiten: Reiche, gelangweilte Kinder lesen gerne Montaigne. Das Lebensziel eines jungen Mannes ist es, Sex zu haben. Wenn er studiert, dann um sich von diesem Lebensziel abzulenken. Durch Lügen kommt man zu Sex. Models stehen auf Wissenschaftler. Ist dieses Bedürfnis erst mal gesättigt, wird das Streben nach einer höheren Wahrheit zentral. Sexuelle Begierde steht also der Wahrheitsfindung im Weg. Glückspiel hingegen nicht. Lüge nie über deinen Lieblingsphilosophen oder sein Geist wird dich tadeln. Zitate können einen verfolgen. Hobbyphilosophen sind gute Chefs. Ärzte mögen es, wenn man über Stuhlgang schreibt. Eine gescheiterte Karriere ist nicht schlimm, wenn man ein grosses Erbe hat. Wer sich als Kind zuhause fremd fühlte, kann im Kasino ein neues Zuhause finden. Wie schon Michele di Tengomani sagte: «Wir Gebildeten sollten bei einer wichtigen Sentenz merken, dass es sich nicht um einen hübschen Ausspruch handelt, sondern um einen kräftigen Geisselhieb gegen die gewöhnliche Torheit des Urteils.» Und Eric Sauerbach: «Ein Zitat regt immer mehr an als die Geschichte, die dahinter steht.»

«Ein angeblicher Regisseur müht sich recht und schlecht, etwas Schwung in die Angelegenheit zu bringen.» (Bernd Deck)

Also bin ich wieder am Anfang. Wie schon Raul Sobasa sagte: «Analysiere und kommentiere alles, aber erwarte nicht, damit der Wahrheit näher zu kommen. Denn alles, was man finden kann, sind weitere Fragen.» Ob er damit recht hat, müsst ihr selbst entscheiden. Aber die Antwort ist ja.

Raul Sobasa

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