Getretener Quark wird breit, nicht stark

Eine Kritik zu «Vorzeitiges Ende» und «Blindes Vertrauen» von René Oberholzer. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/16/vorzeitiges-ende/ https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/16/blindes-vertrauen/

Eigentlich, ja eigentlich müsste es viel mehr Gedichte geben. Ich meine zu behaupten, dass sie, die Gedichte, uns viel öfters begegnen sollten, den Tag durch – auch abends. Man kennt sie, hat schon von jenen gehört und über so manches gelästert. Eine Studie hat jüngst ergeben, dass die meisten unter uns, wenn sie denn an ein Gedicht denken, an den Erlkönig denken, dem eigentlichen Action-Drama aus dem Dänischen.

Nicht, dass ein Gedicht besonders wichtig wäre. Gedichte sind vom Prinzip her unwichtig. Doch wird man sich den Annehmlichkeiten von Gedichten erst einmal bewusst, stellt man unverfroren fest, dass sie im Grunde, diese Gedichte, an jeder Ecke stehen müssten. Sie sind kurz, schnell gelesen und wollen, wie poplige Teenager, (un-)verstanden sein. Man wirft ihnen jeweils glaubhaft vor, Ausdruckskraft zu besitzen (ja, so ist das). Indes räumt man ihnen auch kess ein, dass sie sich diese bodenlose Frechheit zu eigen gemacht haben, an unsere Gefühle zu appellieren. Empfindsamkeit in uns auszulösen. Uns in Freude, Tränen und Rührung ausbrechen zu lassen. Und dies, wenn möglich, dann auch so oft wie nur möglich! Die besonders wirkmächtige Lyrik unter den Gedichten heftet sich an die empfindsamsten Gemüter unter uns, so heisst es, oder umgekehrt heften sich meist empfindsame Gemüter an besonders wirkmächtige Gedichte ran. Solch eine Herleitung, wie also A zu B gefunden hat, ist ein Streit um des Kaisers Bart und führt uns hier nur auf Irrwege (was auch Gedichte gelegentlich zu tun pflegen). Gedichte können auch furchtbar nerven, die meisten tun es. Viele unter uns können mit Gedichten überhaupt gar nichts anfangen. Aber das liegt nicht an den Gedichten selbst, da diese ja vom Prinzip her unwichtig sind.

Das weitaus grösste Faszinosum jedoch, das von einem Gedicht überhaupt ausgehen kann, betrifft die letzte Zeile. Die letzte Zeile führt uns unweigerlich und unausweichlich zu diesem einen Moment heran, in dem der Lesende innehält und die Augäpfel ruhend rasten lässt, durchatmet, in sich geht. Viele sind sich bei diesem kurzen Innehalten, in diesem einen Augenblick vollends bewusst, so, in anständiger Art und Weise, wie es sich verdammt noch mal gehört, dem Gedicht eine gewisse Ehre anzudichten. Spötter sprechen hier von Verdichtung. Etwas auf sich ruhen zu lassen, nicht gleich zum nächsten Gedicht zu springen (was vor allem bei den Gedichtbänden sehr schwierig ist), gehört beim Lesen von Gedichten, wie die Feder zum Indianer, einfach dazu. Andere sprechen hier vom G-Punkt des Gedichts. Ein paar wenige wiederum sprechen von ihrem G-Punkt, den das Gedicht dann bei ihnen gefunden hat. Finden oder empfinden, das sind im Grunde die beiden Teufelshörner, an denen man sich normalerweise tagsüber, aber auch nachts, festzuhalten versucht, liest man ein Gedicht und beendet es mit dem Innehalten, diesem einen bewussten Augenblick, nach gelesener letzter Zeile. Viele verlieren sich auch beim Innehalten, ein durchaus gängiges Phänomen. Sie pausieren dann stutzig und können gelegentlich vor lauter Grübeln auch gereizt und giftig reagieren. Andere wiederum lesen die letzte Zeile erst gar nicht, damit sie nicht innehalten müssen. Sie (über-)fliegen dann und sind froh, nicht allzu viel dabei zu empfinden.

Im Gedicht Vorzeitiges Ende stutzt man schon nach ein paar Zeilen, ruht mit den Augäpfeln und ist (erst einmal) übel gelaunt. Denn, wie das für Gedichte so üblich ist (wahrlich ein Laster!), kerkern die wenigen Zeilen des Gedichts die Fantasie des Lesenden förmlich ein, bevor man sich dann, sachte und behutsam, aus dem «Dichticht» freisäbelt.

Ich lese von einer Möwe, die durch den weissen Sand trippelt, einem Wind, der die Sonnenschirme flattern lässt, einem Meer, das in der Ferne verdunkelt, einer Wolke, die sich nicht bewegt, einem Hund, der gestreichelt wird, einer Frau, die aus dem Wasser steigt, und von einem Schreibenden, der das Schreiben einstellt, bis – «sich die Lage beruhigt hat».
Mir, dem Lesenden, kommt das schrecklich harmlos vor und mich umgibt der Gedanke, dass hier etwas stinkt, in dieser vom Autoren gedichteten Meer am Strand Szenerie. Und zwar gewaltig. Boshaft versuche ich den Zwist, den dieses Gedicht mit dieser Meer am Strand Szenerie zwingenderweise in sich haben muss, zu lösen. Ihm, diesem Gedicht also, auf die Schliche zu kommen. Die ausladende Ausführlichkeit am Strand ist Käse. Wenn schon (und auch dann gleicht die Möglichkeit einem Mauseloch), dann müsste die Möwe den Hund streicheln, die Wolke dunkel aus dem Wasser steigen und nicht der Wind, sondern die Frau durch die Zähne pfeifen, damit die Sonnenschirme im Meer flattern, der Schreibende innehält und das Schreiben eingestellt wird, bis – «sich die Lage beruhigt hat».

Käse also in jener Hinsicht, dass mir nicht annährend glaubhaft beschrieben wird, was den Schreibenden im Gedicht, in dieser Meer am Strand Szenerie, von seiner Schreibtätigkeit abhalten lässt. Was ersichtlich wird und deswegen auch durchaus sympathisch wirkt, ist, dass es sich bei dem mit Konzentrationsschwäche gesegneten Schreibenden im Gedicht kaum um einen westlichen Touristen handelt. Einem also, der sich mit Peoplezeitschriften und Flip Flops bewaffnet unter Sonnenschirmen fläzt und wie ein Seelöwe daliegt. Diesem alles-inklusive-Hotelgast, der scharf auf den kaffeebraunen Popo der Animateurin ist, sich tagsüber seinen dicken bleichen Bauch bräunen lässt und seiner nervigen Liebsten den Rücken mit fettig-milchiger Sonnencreme einschmiert, bis die nächste Runde Strandboccia oder Happy Hour an der Poolbar losgeht. Von welcher es sich übrigens vergnüglich gleich im Sitzen ins Wasser pinkeln lässt. Nein, so ein Schmutzfink ist der Schreibende aus unserem Gedicht Vorzeitiges Ende nicht. Sichtlich handelt es sich beim Schreibenden im Gedicht um einen Schmutzfink ganz anderer Art, bei dem sämtliche Stützen der Konzentration einbrechen, wenn Nacktheit auf seine Netzhaut trifft. Nacktheit, die ich pauschal und ohne viel darüber nachzudenken, der aus dem Wasser kommenden, in einen Bikini gehüllten Dame, einfach mal unterstelle.

Nennen wir sie Badenixe, denn das ist offensichtlich der grösste Fehler, der dem Autor von Vorzeitiges Ende unterlaufen ist. Er, dieser Autor, benennt nichts. Die Frau hat keine Kurven, der Hund keine Tollwut und die Möwe hat kein schwarz verschmiertes Gefieder, wegen eines Öltankers, der auf dem Meer ausgelaufen ist. Die trippelnde Möwe sowie die Frau (die eigentlich trippeln müsste, Herrgott!) sind Uniform-Möwen und Uniform-Frauen. Generalisierbar. Er spricht oder schreibt mit und von Beliebigkeit, was wiederum beim Leser eine unendliche Ödnis hervorruft, wofür ich nicht das Meer am Strand verantwortlich machen kann. Keine scharfen Töne. Der Schreibende, der das Schreiben einstellt, weil er grad nicht mit der Situation rund um ihn herum klarkommt, wirkt banal und uninteressant. Wenn es sich bei ihm, dem Schreibenden im Gedicht, in dieser langweiligen Meer am Strand Szenerie, nicht um einen Autisten handelt, der fiebrig seinen Blick kaum mehr von dem ihm Dargebotenen abzuwenden vermag, ob Fell (Hund), Feder (Möwe) oder Haut (Frau), und daher sichtlich bemüht ist, seine Schreibtätigkeit einzustellen, bis «sich die Lage beruhigt hat» – kann man dem Gedicht nichts abgewinnen. Es wirkt zu larmoyant, etwas geschmäcklerisch, diese Anmerkung sei mir erlaubt. Denn der bemühte Versuch seitens des Autors, eine Bedrohungskulisse, ein Chaos in einer Idylle mit Alltäglichkeiten zu versehen, ist gescheitert, da sich der Autor des Gedichts (nicht der konzentrationsschwächelnde Schreibende im Gedicht, um Himmels willen, lassen wir diesen armen Kerl in Ruh!) eher wie ein Klugscheisser anhört als ein Wortakrobat, ein dichtender Architekt, der mit Strandszenen umzugehen weiss. Strandszenen sind aber auch schwierig.

Soll also heissen, an Naivität wurde zu viel zusammengekratzt, um daraus eine halbwegs, naja, wie soll ich sagen – um in den Worten des Autors zu bleiben – ‹unruhige› Lage zu schaffen, die niemanden zwingt abzuwarten, geschweige denn, irgendeine Tätigkeit einzustellen. Der Sex, der durch die Frau kurz angesprochen wird, holt ihm ein paar «du hast es gut gemeint Punkte» ein, ist aber im Grunde, in einer Welt (ach, was rede ich: in unserer Welt!), die vom Schmuddelkapitalismus durchdrungen ist, keine Lorbeere wert. Für den Hund (über die trippelnde Möwe will ich hier kein Wort mehr verlieren), gelten die einfachen Gesetzmässigkeiten: Mensch streichelt Hund: schlechte Story, Hund streichelt Mensch: gute Story. Es wurde also verpatzt, den Lesenden in die Strandszenerie einzulullen. Ich wünsche mir Widerspruch und Wahnsinn, Häme und das Denken in Kategorien, ansonsten besitzt das Gedicht das Charisma eines alten Bademantels, der an den Ärmelenden grau und ausgefranst ist. Diese Überlegungen manifestieren sich, je öfter ich das Gedicht Vorzeitiges Ende durchlese und jeweils, wie es sich für ein Gedicht verdammt noch mal gehört, innehalte, die Augäpfel ruhend rasten lasse, durchatme und in mich gehe.

Die Sache mit dem Witz? Der Autor hat noch ein zweites Gedicht geschrieben: Blindes Vertrauen. Es handelt sich hierbei um einen Blindenwitz, in dem ein Blinder einen Blindenhund namens Alfie besitzt. Herrchen und Hündchen in einer Slapstick Manier waren diesem Heft sechs Zeilen wert. Über Humor sollte man bekanntlich nicht streiten.

Andreas Hauri

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