Humorlos

Da hockst du in einem Redaktionsraum einer deutschsprachigen Literaturzeitschrift im dritten Stockwerk, diskutierst Einsendungen und dann fällt irgendwann der Satz: «Es ist schon bemerkenswert, wie handlungsarm, humorlos und unverständlich die meisten Texte sind».
Du greifst dir an den Kopf, raufst dir die Haare und stellst fest: Das ist wohl kaum verwunderlich, wenn der Durchschnitt der Heerscharen von Wannabe-SchriftstellerInnen im Alter von zehn bis hundert Jahren in diesen übersättigten, reichen Ländern auf Koffern voller Geld in einem Tresorraum einer geheimnisvollen Schweizer Bank oder einer Bank des europäischen Exportmeisters Deutschland sitzt. Dieser Typus hockt da allein in seinem Bunker und kann vom Gefunkel gestohlener Goldbarren geblendet nicht recht sehen. So versteht dieser Typus weder sich selbst noch die Welt so richtig. Aber weil er ganz allein ist, muss er sich und seine kleine, Hochsicherheitsfunkelwelt halt ernst nehmen. Er berichtet von der Grosswetterlage zehn Meter unter der Erde und davon, wie auf dieser Welt nichts, aber auch gar nichts passiert. Er hingegen hat ein äusserst tiefes Seelenleben und die einmalige Begabung, diesem Seelenleben Ausdruck verleihen. Selbstredend ist er zehn Meter unter der Erde gegen jede Art von Oberflächlichkeit. – Was soll’s.
Du wanderst also durch diese trübsinnigen Innerlichkeitswüsten und bewunderst selbst induzierte Zeitlosigkeitsorgasmen, weil im Neonlicht die Sonne nie auf- und nie untergeht. Und am Ende ist es dann sogar recht ulkig, wenn die Erlösung von allen asketischen Selbstkasteiungen aus Weihrauchnebel auftaucht und zwischen Schwert und Maschinengewehr in Weltrettungsfantasien à la Lord of the Rings besteht: Kriegerrhetorik von Jünglingen mit weichem Hirn und allzu hartem Penis, die ihre Daddys vermissen (#pickupartist), während nebenan die RedaktorInnen von Charlie Hebdo erschossen werden. Aber Humor liegt immerhin im Auge des Betrachters. «Gott sei Dank!», ruft da der mittlerweile krebskranke Heilige Georg nur.

Fabian Schwitter

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