Das Unbehagen in der Natur (1)

In einem Brief an seinen Freund Sigmund Freud versucht der französische Schriftsteller und Pazifist Romain Rolland Freuds kritischen religiösen Ansichten in Die Zukunft einer Illusion (1927) ein nicht näher bestimmtes Gefühl eines «Unbegrenzten» und «Schrankenlosen» entgegenzuhalten. Eine nicht näher bestimmte subjektive Tatsache, eine «Ewigkeit», aufgrund derer sich Rolland zufolge Millionen von Menschen religiös heissen dürfen, auch wenn sie dabei jeden Glauben und jede Illusion ablehnen. Rolland beschreibt es als ein gleichsam «ozeanisches Gefühl»:

[…] Mais j’aurais aimé à vous voir faire l’analyse du sentiment religieux spontané ou, plus exactement, de la sensation religieuse qui est (…) le fait simple et direct de la sensation de l’éternel (qui peut très bien n’être pas éternel, mais simplement sans bornes perceptibles, et comme océanique).


Auch meine konfessionslose Wenigkeit versucht sich zuweilen Rollands „ozeanischem Gefühl» zu nähern und damit den religiösen Millionen anzugehören. Der Zugang gestaltet sich nach einigem hin und her liberal und sehr materialistisch: Den von Rolland postulierten Affekt vermute ich nämlich schon seit geraumer Zeit im breiten Angebot virtueller Naturklänge eines bekannten Musikdienstes. Nature Sounds. Dem Zweck des «Schrankenlosen» entsprechend, gehören «Healing Sea», «Sound from a Grove» und buchstäblich natürlich «Ocean Rain» zu den meist gespielten Titeln von Nature Sounds. Kein freudsches Eiapopeia des Himmels also, als vielmehr der akustische Reflex des Ozeanischen in Form von kostenpflichtigen Wellengeräuschen. Die Ahnung des Ozeanischen liegt dabei im Zeitraum von nicht mehr als vier oder fünf Wellen virtueller Dünung. Es sind jeweils die letzten wenigen Wellen, bevor man dem Schlaf verfällt. Die wenigen für deren Dauer es tatsächlich gelingen kann, die Anforderungen der Kultur als etwas Erhabenes, das hoch über dem triebhaften Individuum abläuft, zu verkennen. Es ist das letzte Rauschen der digitalisierten Brandung am Rande des Bewusstseins, durch das man sich, ganz im Sinne Rollands, für kurze Zeit von den freudschen Sublimierungsleistungen des Subjekts losgesprochen fühlen kann. Die Wohltat dieses vorübergehenden Trugs liegt darin, dass man die Natur für einen Moment nicht als einen urmenschlichen Konflikt oder gar verinnerlichten Kulturfaktor an und in sich erleiden muss. Stattdessen wird der elementare Destruktionstrieb durch das Tosen des Titels «Storm Waves» für die Zahlenden zum distanzierten auditiven Genuss aufbereitet und sogar die wogende Rhythmik des freudschen Libidotriebs beginnt in der scheinbar endlosen Serialität von «Calm Beach» allmählich zu verebben. Leider sind die fünf letzten Wellen bald einmal gebrochen und das damit verbundene Aufschimmern des «ozeanischen Gefühls» währt nur kurz und unwiederbringlich vor dem lautlosen Schlaf. Das Gewoge von «3-D Sounds of the Celtic Sea» beginnt sich unerwartet zu überschlagen und kündet wirr vom Ende einer behaglichen Frist des «ozeanischen Gefühls», das in Lethes abschließender freak wave unaufhaltbar heranrollt…

Luca Thanei

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