Zwei Häufchen

Eine Kritik an «Zum ausgebliebenen literarischen Rausch» von Yunus Ersoy. https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/05/14/zum-ausgebliebenen-literarischen-rausch/

Wir gebären uns infantil. Wir sind viele kleine Kritiker im Krebsgang. Unsere Mutter, die wir sind, bringt uns einen mit Rotstift verzierten Briefumschlag, der nichts Gutes verheisst. Uns läuft es heute noch eiskalt den Rücken hinunter, wenn wir an das Schreiben denken. Wir versuchen es so differenziert und differenzierend wie möglich zu öffnen. Es geht nicht. Wir nehmen das Schwert zu Hilfe. Zuerst den Zweihänder, dann das Katana. Erst schlagen wir die «Trigone» ab, dann den Irrsinn. In der Ecke wimmert der Komplex in seinem Rüschenhemd und hält sich die schmerzende Ellenbeuge. Wir berauschen uns daran. Wir sind gut. Es ist geil. Spass am Text.
Der Literaturbetrieb ist eine bösartige Maschine. Fast nichts ist heutzutage mehr im Bestreben von delirium (danke dafür!). Alles ist schlecht. Meistens sind es gerade die Worte. Oder der Held ist sehr dumm. Oder die grafische, grammatikalische und sprachliche Verfasstheit. Oder das Klischee. Oder die wechselnde Perspektive. Oder es ist Trivialliteratur, die die bösartige Maschine gemeinhin hervorbringt.
Wir planten den literarischen Vollrausch (über Schwindel hinaus) und gelangten nicht einmal zu einer beschwipsten Perspektive. Wir sind zu lesefest und bleiben nüchtern. Früher war alles anders (veraltete Dativwendung), heute ist es zum x-ten Male neu. Trennen und herrschen!
Während wir den Brief teilen, lächeln wir. Wir machen zwei Häufchen. Wenn wir die oblatengrossen Schalentieraugen zusammenkneifen und dabei ein bisschen schielen, sieht es gar nicht mehr so unordentlich aus. Jetzt haben wir Lust am Aufräumen! (Zwang ist auch ein Psycho-Mechanismus.)
Im kristallinen Sand hat die Eisvampirin ihre Wortschatzkisten vergraben. Sie sind leer, damit das Wort «Trash» wie der Knall einer Olibanumpistole in ihnen hallt. Das muss nicht jeden glücklich machen, bringt aber Spass an der Lust.
Die Mobber gehen voraus, wir trippeln seitwärts hinterher. Wir, viele blaue kleine Kritiker, schreien «Verrückte, Monstren, Perverse», aber differenzierend, deshalb lösen wir uns gemeinhin in Rauch auf.
Wenn das Ende eines Textes genau wie den Protagonisten vom Feind den Leser vom Text befreit und die Nabelschnur kappt, ist das eine Geburt.

Laura Basso, Cédric Weidmann, Samuel Prenner

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