Magazin gegen Literatur?

Warum denn das — hat uns die Literatur etwas getan? Auch das noch. Als hätte die Literatur nicht schon genug auszustehen. Als würde sie in einer Zeit der kurzen Aufmerksamkeiten nicht schon längst den Kürzeren ziehen, als wäre sie in den Augen der Menschen nicht jetzt schon eine verstaubte Angelegenheit, als wäre sie nicht schon immer die erste, die unter staatlichen Budgetkürzungen und unter Streichungen in der Feierabendökonomie zu leiden hätte.

Aber sicher! Sicher: Die Literatur hat uns etwas angetan.
Sie hat uns im Stich gelassen.

Gegen?

Sie versteckt sich hinter alten Gesichtern von alten Menschen, aus denen sie gar nicht mehr herauszugrübeln ist. Und manchmal bricht das Unglück irgendwo über einer kleinen Buchhandlung herein und ein krächzender Autor liest an einem knarzenden Tisch aus seinen Texten. Die Literatur ist dann bei ihm und drückt ihm die Hand, ohne dass man es sieht. Dagegen sind wir. Ganz sicher nicht gegen die Lesung oder den Autor! Aber gegen den Händedruck. Nicht den Händedruck, aber gegen die Hand. Nicht die Hand selbst, gegen die Literatur, der sie gehört. Nicht die Literatur, gegen ihre Unsichtbarkeit.

Gegen??

Es gab mal eine Zeit, da war alles, was man immer links liegen gelassen hatte, ohne dass man ihm je Genugtuung verschafft oder Entschuldigung geboten hätte, ganz glücklich und affirmativ. Der amerikanische Präsident hat sich mit einer «Yes We Can»-Parole emporgeschwungen. Die SP Schweiz hat sich ihren Slogan gegeben: «Ja».
Aber ein bisschen ist das, wie zum Ehemann, den man betrogen hat, zurückzukehren, weil aus dem anderen doch nichts geworden ist, und du schaust ihm dann so zu: wie er Wäsche aufhängt und dich anlächelt, tief verletzt, aber das Lächeln versöhnt: Yes. Ja. Yes we can. Wir können es schaffen.
Das Abnicken ist zur Routine geworden, unsere Atlaswirbel haben die Bewegung eingeschleift. Von weitem sieht die Bewegung an dir aus, als gäbest du schlechten oder erhaltest du guten Oralsex – der Unterschied scheint gar nicht wichtig. Und darum geht es ja: das Miteinander. Die Liebe, und noch so leidenschaftslos. Die Literatur, die allen gehört. Jeder soll lesen dürfen, was er will, alles ist gut, nichts ist schlecht, ausser ein Kritiker hat es uns gesagt, denn der Kritiker steht mit der Literatur in engster Beziehung.
Aber das reicht noch nicht.
Wir wollen nun doch ein bisschen Genugtuung. Und wir wollen sie von der Literatur.
Wir wollen nicht Hass schüren, und es geht nicht um Verachtung oder Abschätzigkeit. Aber nur in der Uneinigkeit merken wir, dass wir, die schreiben und lesen, überhaupt da sind. Es tut kurz ein bisschen weh, aber dann fühlt es sich richtig an.

Gegen??!?

Verhätschelungen am Bachmannpreis, Versöhnlichkeit im Literaturclub und Salbungen im Feuilleton: Das Wichtigste ist, und das gilt es hervorzuheben, dass jemand, gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz, überhaupt schreibt und publiziert. Die Erhabenheit dieser Handlung wird nur von jenen getoppt, die über diese Texte sprechen, solange sie es nett und mit reichlicher Würdigung tun – jene Retter des guten Geschmacks, die Garanten der gelesenen Schrift. Aber die Dringlichkeit, mit der man sich über die Vorteile des Schreibens versichert, scheint jenen ähnlich, die etwas Böses tun und es, unbeholfen, als hätten sie es als kleine Kinder das letzte Mal versucht, verleugnen möchten.

Nicht für?

Indem delirium die Kritik wagt und es wagt, die Kritik allen zugänglich zu machen; indem jeder einen Text einschicken und jeder einen eingeschickten Text mit einem eingeschickten Kritikertext kritisieren kann; indem jeder Text auf einen anderen Text und jede Ausgabe auf eine andere Ausgabe verweist, ist dieses parallele Nebeneinander-Herleben nicht mehr möglich. delirium ist nicht nur der Nährboden für Literatur. Die Zeitschrift kann nicht anders — andere Züchter, etwa von weissen, hübschen, an den Bäuchen kuschlig behaarten Kaninchen, kennen das Problem! — als sie gegeneinander aufzuhetzen. Gegenliteratur entsteht, weil die Literatur eine Richtung hat.

Und delirium leistet noch mehr: Es ist nicht nur Gegenliteratur, es kann Gegeneinanderliteratur sein, wenn nur alle so gar nicht zusammenhalten. Wenn wir alle an anderen Stricken ziehen, oder am gleichen, aber in andere Richtungen. Wenn wir nicht geschlossen, sondern geöffnet nebeneinanderstehen und uns die Rücken entblössen statt decken.
Man sieht: Wir haben gar keine Rhetorik für das, was wir brauchen. Aber wir brauchen die Uneinigkeit.

Also wie jetzt? Nicht für?

Meine Mutter hat gesagt: Wenn man nur ganz fest gegen etwas ist, wenn man nur ganz, ganz fest dagegen ist, dann gibt es vielleicht auch einmal das, wogegen man eigentlich ist.

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