Jack

Kaum wagte ich es den Türgriff senken zu können, so starr war ich vor Erwartung, welcher Mann sich wohl dahinter verbergen würde. Eine Ewigkeit oder vielleicht auch etwas länger stand ich da vor der Tür ohne mich einen Millimeter von der Stelle zu bewegen. Dann endlich öffnete ich langsam die schwere Tür. Im Raum stand Jack, locker an das Pult gelehnt, die Arme über seiner stattlichen Brust verschränkt. Er durchbohrte mich mit seinem glühend-blauen Blick. Meine Hand fuhr automatisch zu meiner Brust. Er hatte mich bestimmt erwartet. Ich sagte nichts, da ich nicht einzuschätzen zu vermögen dachte, welche Wirkungen meine Stimme haben könnte. Er räusperte sich und sagte mit tiefer, eindringlicher Stimme, welche noch lange in meinem Kopf hallte: «Ich habe Ihre Texte gelesen. Sie haben mir ausserordentlich gefallen.»

Ich glaubte zu fühlen in mich zusammenzufallen. Ihm gefielen meine Texte? Ihm? Diesem Bild von einem Mann mit einem Gesicht, wie von einem Engel persönlich ausgestanzt, gefielen meine Texte? Ich stotterte ein: «Danke», hervor, zu mehr reichte es nicht. «Aber eine Frage habe ich noch hier, zu dieser Stelle. Ich finde diese Passage etwas unoriginell, fast schon klischiert, sehen Sie hier diese Stelle.» Er deutete mit seinem langen, saubergepflegten Zeigefinger auf eine Passage meiner Liebesgeschichte. Es war die Stelle, in der sich die Protagonistin und der Held der Geschichte zum ersten Mal küssten. Aber ich hatte bloss noch einen Hauch eines Verdachts, was ich dort geschrieben hatte.

«Was meinen Sie denn?», hörte ich mich. Er fragte mich: „Wissen Sie nicht mehr, was sie dort geschrieben haben?“ Ich atmete schwer ein, und gestand mit gesenktem Blick, dass ich es vergessen hatte. Er legte geschmeidig wie ein Panther seine Hand um meinen Körper. Seine Berührung war heiss und kalt zugleich, oder war ich es vielleicht, die so fühlte? «Dann lassen Sie uns gemeinsam lesen. Vielleicht fällt es Ihnen auf.» So lasen wir in einem langsam sich steigernden Duett die Stelle laut uns gegenseitig vor und ich glaubte erst durch seine Worte mein Geschriebenes wirklich zu verstehen. Seine Stimme goss sich in mich wie heisses Blei.

Wir näherten uns unweigerlich der Stelle, wo sich das Paar endlich küssen würde und mit dieser Erwartung stieg auch meine Erregung. Ich spürte Jacks Blicke auf meinem Gesicht und bemerkte, dass er meinen Text auswendig gelernt hatte. Natürlich, er war ein kluger Mann, sein Gedächtnis war unglaublich, aber, dass er sich dazu hinabliess sein Gedächtnis mit einem meiner Texte zu belasten, das liess mein Herz nur noch schneller klopfen. Ich glaubte kaum zu spüren, dass seine Hand auf meiner ruhte, nur noch zwei Sätze trennten uns von dem entscheidenden Kuss meiner Geschichte. Mein Herz musste den Raum zum Einsturzen bringen, so sehr tobte es. Mir versagte beinahe die Stimme, ich hauchte noch die letzten Silben hervor: «Seine Hände umfassten meine Wangen. Seine Lippen schmeckten nach Salz und Honig.»

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s