Wie im Kalten Krieg

Was hat es eigentlich mit diesen öffentlichen Intellektuellen auf sich? Braucht es die im 21. Jahrhundert noch?

Der Kalte Krieg ist vorbei. In einer äusserst polarisierten Welt mag es angegangen und sinnvoll gewesen sein, mit Pauken und Trompeten auf das eine oder andere aufmerksam zu machen, in der Hoffnung die Mauer und der Eiserne Vorhang stürzten genauso ein wie die Stadtmauern von Jericho damals. Nun: Die Mauer ist gefallen. Frisch und Dürrenmatt – R.I.P. Wie gesagt: Der Kalte Krieg ist vorbei!

Zudem: Braucht sich ein Intellektueller auch noch in die Phalanx der Profilierungsneurotiker einzureihen? Rundumschläge à la Lukas Bärfuss dienen doch einzig dem durchschaubaren Zweck, selbst ein wenig im Gespräch zu bleiben. Was ihn insofern von Roger Köppel, der nun auch noch ins Parlament muss, unterscheidet, ist mir schleierhaft. Im Übrigen sind Paris Hilton und ihresgleichen wesentlich besser in der gehaltlosen Selbstinszenierung: I’m famous – Hurrah!

Die Welt wächst – politisch, ökonomisch und technisch – zusammen. Gleichzeitig bleibt sie fragmentiert und das ist als Gegengewicht zur Globalisierung unabdingbar. Während bestimmte Probleme wie der Klimawandel bloss global angegangen werden können, müssen die Mehrzahl der Aufgaben lokal angepackt werden. Nicht zuletzt deshalb, weil die Leute vor allem lokal betroffen sind und sich auch lokal identifizieren. Statt mit allgemeinen Thesen (Die Politik ist inhaltsleer geworden/Die Medien sind allesamt gekauft) um sich zu werfen, wäre es also hilfreicher, sich in einem klar definierten Rahmen konkret zu engagieren – oder als UNO-Generalsekretär zu kandidieren. Solche allgemeinen Thesen können nämlich geradesogut kommentiert wie totgeschwiegen werden. Man redet sich dann allenthalben mit dem Hinweis heraus, blosse Wut führe zu Ungenauigkeiten (Kalberer, TA), weshalb nicht weiter auf den Artikel eingegangen werden müsse. Mit Argumenten sei blosser Wut ohnehin kaum beizukommen (Bucheli, NZZ). Eine politische Debatte entspinnt sich daraus nicht und der sachliche Kern von Bärfuss‘ Essay verschwindet einfach. Letztlich heissen solche allgemeinen Thesen genauso wenig wie ein Klamauk-Wahlkampf mit lustigen Youtube-Filmchen statt politischer Positionierung.

Wenn es schon stimmt, dass die Politik zur blossen Maskerade geworden ist, dann wäre solides Basisengagement gefragt. Das könnte bedeuten, sich einer ernsthaften und konkreten politischen Auseinandersetzung zu stellen, wie der WOZ-Redaktor Andreas Fagetti dies getan hat. Um im Kanton Nidwalden eine stille Nationalratswahl zu verhindern, liess sich Fagetti als Gegenkandidat zum bisherigen Mandatsträger der SVP, Weltwoche-Journalist Peter Keller, aufstellen. So etwas fördert, logischerweise, die politische Auseinandersetzung. Schliesslich bedeutet Wahlkampf, mit unzähligen potenziellen Wählerinnen und Wählern zu sprechen und an Podiumsdiskussionen dem Altbekannten wenigstens etwas entgegenzuhalten. Dies, auch wenn Fagetti chancenlos war.

Es wäre vor dem Hintergrund von Flüchtlingsströmen auch angezeigt, sich für integrative Projekte stark zu machen. Eine gewichtige Stimme, wie Bärfuss sie hat, dürfte sich beispielsweise dafür einsetzen, dass die Autonome Schule Zürich (ASZ) eine dauerhafte Bleibe erhielte. Das von Freiwilligen getragenen Projekt leistet einen ungeheuren Beitrag zur Integration von Asylsuchenden und tut damit genau das, was Bärfuss im Grunde fordert. Wozu also dieses trotzköpfige Aufbegehren, das einem Sechsjährigen zusteht, wenn doch eigentlich jede zupackende Hand gebraucht würde?

Abgehalfterte Moralapostel sind in einer Welt, die notwendigerweise von mündigen Bürgerinnen und Bürger ausgehen muss, sinnlos und antiquiert – auch dann, wenn durchaus angenommen werden darf, dass alle menschlichen Handlungen auch eine moralische Seite haben. Diese komische Vorstellung, es müsse ein Gewissen der Nation geben: Ob das dann gerade Bärfuss sein muss?

Fabian Schwitter

3 Kommentare

  1. […] eine Kritik an der Schweizer Medienlandschaft und dam, was man Schweizer Volksgeist nennen möchte. Fabian Schwitter findet, nur ein weiterer destruktiver Text: Das ist zu wenig Politik, das ist zu wenig Machen, und […]

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