Privilegiertes Geschwitter

(Eine Antwort auf Fabian Schwitters Text Wie im kalten Krieg:
https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/10/20/wie-im-kalten-krieg/)

Eigentlich wollte Jesus in Ruhe seinen gefilten Fisch essen, aber wie es sich mit diesen jüdischen Witzen so verhält, kam pointiert alles anders. Am Schabbes hing Jesus am Kreuz und unser schlechtes Gewissen hält sich bis heute. Aber musste er immer alles besser wissen? Weiss es Fabian Schwitter besser?

Dass unsere Welt – politisch, ökonomisch, technisch – zusammenwächst, aber gleichzeitig fragmentiert, ist eine Gegenüberstellung, welche alles und nichts aussagt. Es ist die Stimme einer privilegierten Sicht auf Fortschritt: Alles wird nahbar. Derzeit wähnt sich Europa in der Illusion, den moralischen Zeigefinger erheben zu können und trotzdem hunderttausende von Kriegsflüchtlingen an den Grenzen des «Nöd-würkli-Europa» verrotten zu lassen. In die Schweiz kommt kaum einer dieser Flüchtlinge und trotzdem gewinnt die SVP unter anderem mit dem Stichwort «Asylchaos» die Wahlen. Was läuft schief?

Bärfuss hat etliche Antworten darauf und statt konkret auf diese einzugehen, meint Schwitter sie seien verflacht und man müsse sich irgendwie lokal engagieren. Wer das behauptet, hat nichts verstanden. Ich will das lokale Engagement der Leute sehen, die sich von massenmedialer SVP Werbung zudröhnen lassen, die behauptet, die Eidgenossenschaft werde von Sozialschmarotzern gestürmt. Sich auf mündige Bürger und Bürgerinnen zu verlassen, hat sich dieses Wochenende als definitiv falsch herausgestellt – eine Partei zu wählen, die wohl bald die Schweiz von ihrer Verpflichtung zu den Menschenrechten entbindet, ist in jedem Falle zu verdammen. Aber wo ist der öffentliche Eklat? Wo sind die Massendemonstrationen? Wo sind die öffentlichen Stimmen (ich verweigere mich dem Begriff des öffentlichen Intellektuellen in diesem Essay, ich rede von öffentlichen Bürgern)?

In diesem Kontext ist die Kritik an Bärfuss so peinlich, wie wenn man versuchen würde, die SVP politisch lahmzulegen, indem man den Rotton ihrer Krawatten kritisierte.

Statt sich also daran abzumühen, wie man diesen Bärfuss anhand seiner Art, seinem Schulabschluss oder seiner Literatur dekonstruieren kann, muss man sich fragen, welchen Nerv der Schweiz er getroffen hat, dass sie ihm nicht mal eine würdige Kritik der inhaltlichen Auseinandersetzung erlaubt. Aber genau da liegt der Ursprung des Übels: Die Schweizer Medienlandschaft (ich schliesse Fabian Schwitter da mit ein) kann es sich erlauben, zu versuchen, einen derartigen Essay hysterisch niederzuschreien, als wäre sie ein sechsjähriges Kind. In einer Öffentlichkeit, in welcher starke Stimmen fehlen, die sich öffentlich gegen Diskriminierung, Medienmanipulation und Ungerechtigkeit vehement aussprechen, ist das möglich. Plötzlich werden Menschenrechte zur Ansichtssache, und Muslime zu Terroristen.

Statt sich darüber aufzuregen, was sich denn diese öffentlichen Intellektuellen eigentlich erlauben, wäre es angebracht, sich selber zu fragen, ob das warme Nest zur Erblindung geführt hat. Nur in so einem warmen Nest kann es geschehen, dass eine Bagatellisierung des Wahlwochenendes stattfindet. Nur da kann einem gedachten Nihilismus verfallen werden, der ein politisches Engagement und Interesse für aussichtslos hält, weil: Ach, das Frustrationspotenzial ist einfach zu gross. Dieses Phlegma überlässt das Feld den Falschen. In diesen Wahlen waren es knapp 800’000 Stimmen – wäre es nicht die Energie wert, sich vehement gegen diese Stimmen zu positionieren, statt einen Essay in der FAZ zu bespucken?

Und übrigens, Paris Hilton ist out. It’s Meet the Kardashians now.

Esther Laurencikova

Ein Kommentar

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  1. Der Nachsatz durfte nicht fehlen. Der Promiklatsch ist eben wichtig heute. Da ist mir ein ziemlich peinlicher Lapsus unterlaufen. Paris Hilton… ts… ts… ts… Mist! Fast so peinlich wie meine Kritik am Rotton der SVP-Krawatten. Tja, ich werde über die Bücher gehen und mich spezifischer bilden. So etwas darf einfach nicht passieren!

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