Am Text vorbeigeschossen

(Eine Antwort auf Fabian Schwitters Text Wie im Kalten Krieg: https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/10/20/wie-im-kalten-krieg/)

Wenn man in der Schweiz nach Wahlen oder Abstimmungen seinen Unmut über das Ergebnis äussert, bekommt man in der Regel – vor allem als Ausländer – erklärt, dass man das politische System, einzigartig und filigran wie ein Schweizer Uhrwerk, nicht verstehe. Das Resultat sei Wille des Volkes, heisst es, und dieser Wille müsse akzeptiert und umgesetzt werden. Dabei geht vergessen, dass akzeptieren und annehmen zwei Paar Schuhe sind und, dass auch ein angenommener Entscheid kritisiert werden kann und muss – zumindest in einer funktionierenden Demokratie. Ganz ähnlich versucht auch Fabian Schwitter in seiner Antwort auf Lukas Bärfuss’ Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der FAZ die Welt zu erklären und pauschalisiert dabei ähnlich pump, wie er es Bärfuss vorwirft.

Ob es die öffentlichen Intellektuellen überhaupt noch brauche, fragt er gleich in seiner Einleitung, und man sieht sich nach der Lektüre des Textes dazu genötigt, heftig den Kopf zu schütteln und zu verneinen – denn was sonst ist es, was Schwitter hier zu sein versucht? Im Kalten Krieg mit seinen klaren Fronten, heisst es weiter, sei es als Intellektueller vielleicht sinnvoll gewesen, im Stile Frischs, Grass’ oder Dürrenmatts laut seine Meinung kund zu tun, doch heute, da die Welt, in der wir leben, ach so viel komplizierter sei, lange das nicht mehr. Statt sich selbst zu inszenieren und mit Thesen um sich zu werfen, die so allgemein sind, dass sich ohnehin niemand verpflichtet sieht, dazu Stellung zu beziehen, fordert er Engagement in konkreten politischen Projekten. Statt trotzköpfig aufzubegehren gelte es zuzupacken. «Abgehalfterte Moralapostel sind in einer Welt, die notwendigerweise von mündigen Bürgerinnen und Bürgern ausgehen muss, sinnlos und antiquiert», schreibt er und man fragt sich, wie das Vertrauen auf mündige Bürger mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammenhängt.

Von den plumpen Vorwürfen Schwitters, die sich kaum je auf den Text Bärfuss’ beziehen lassen und wozu sich Schwitter – seines Zeichens doch immerhin Literaturwissenschaftler – auch an keiner Stelle genötigt sieht, einmal abgesehen, scheint ihm auch dessen wesentlicher Punkt entgangen zu sein. Denn nicht «allgemeine Thesen», dass alle Medien gekauft seien oder die Politik inhaltsleer geworden ist, stehen im Zentrum des Essays, sondern, dass eine Reihe von Medien von Exponenten einer Partei, die sich ganz aussen am rechten Rand des politischen Spektrums befindet, finanziert wird, dass es ebendieser Partei gelingt aus einem inhaltsleeren Wahlkampf mit rassistischen Parolen und damit, Ressentiments zu schüren, als glorreiche Siegerin hervorzugehen – und, dass trotzdem kaum jemand seine Stimme erhebt.

Mit unverständlicher Gelassenheit wird zugesehen, wie rechtsextreme Diskurse in die Öffentlichkeit getragen werden und zwar in so grosser Zahl, dass wir, schon völlig abgestumpft, gar nicht mehr richtig mitbekommen, wenn neue Plakate, die in ihrer Aussage so radikal sind, dass sich selbst die deutsche NPD davon inspirieren lässt, auftauchen. Vom faschistoiden «Blocher stärken! SVP wählen!», ganz zu schweigen. Gerade hier fehlt es an Leuten, die sich öffentlich zur Wehr setzen und Missstände aufzeigen, wie es Bärfuss in seinem Artikel tut. Ob das dann Intellektuelle sind oder nichts, tut nichts zu Sache. Allein die Vielzahl der Reaktionen darauf, die in ihrer Inhaltslosigkeit für sich sprechen, zeigt wie dringend der Text nötig war.

Doch genug der mahnenden Zeigefinger. Nicht nur Schwitters fast schon intellektuellenfeindliche Haltung, die sonst auch eher bei Exponenten anderer politischer Couleur zu finden ist – der Intellektuelle, der sich öffentlich äussert, ist Störenfried und Moralist – ist fehl am Platz, sondern auch sein krampfhafter Versuch, Bärfuss ins Dürrenmatt-Frisch-Förmchen zu pressen, der zwar auch von anderen Autoren immer wieder unternommen, aber dadurch nicht richtiger wird. «Die Politiker müssen immer mit dem Misstrauen des Souverän rechnen», sagt Roger Köppel in seiner Antwort auf den Essay in der FAZ und meint damit eine Besonderheit der direkten Demokratie. Es mag sein, dass es nicht mehr die Zeit für moralisierende und verheissungsvoll-mahnende Gedichte über globale Konflikte ist, doch misstrauische Stimmen brauchen wir heute so sehr wie damals.

Daniel Grohé

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