Ist die Schweiz des Wahnsinns? Schade, wenn nicht . . . ODER: Eine kurze Bemerkung zu dostojewskischen Figuren

(Eine Antwort auf Esther Laurencikovas Text Privilegiertes Geschwitter: https://deliriummagazin.wordpress.com/2015/10/23/privilegiertes-geschwitter/)

Bei Dostojewski – im fünften Buch von «Die Brüder Karamasov» – gibt es einen Grossinquisitor, der keinem Geringeren als dem Sohn Gottes gegenübersteht: Jesus ist zurückgekehrt und weilt wieder unter den Menschen. Was tut der Inquisitor? Zuerst verhaftet er den Gottessohn, dann hält er ihm einen Vortrag. «Warum bist Du gekommen, uns zu stören? (…) tue uns nur den einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! (…) Kam das Wort nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun, jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen! (…) es hat niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig waren als eben die Freiheit.»

Dostojewskis Parabel eines Grossinquisitors, der die Menschheit mit nichts anderem gleichsetzt als mit einem zur Freiheit unfähigen «Ameisenhaufen», ja der die Menschheit (um es mit einer Umkehrung eines Pauluswortes zu sagen) von der Freiheit befreit – wer hat diese Parabel gelesen? Max Weber hat es getan oder Albert Camus; beide sind fasziniert von der Figur, die Jesus zu verbrennen gedenkt und die das Volk in die Arme der Kirche treibt. Ersterer, also Weber, spinnt Dostojewskis Gedanken gar weiter. Der deutsche Gelehrte sagt – im Schlussabschnitt von «Politik als Beruf» –, dass es in der Tat Individuen gebe, die die «Irrationalität der Welt» nicht «ertragen» können: Diese Individuen sind jener Situation, in der etwaige Leute frei für sich und zuweilen unterschiedlich und manchmal sozusagen irrational entscheiden, nicht «gewachsen»; sie können – so wie der Inquisitor – nicht hinnehmen, dass Freiheit zu Chaos führt. Und was tun sie in der Folge? Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu wissen, was dann geschieht.

Man wolle «nicht mehr mit dem Wahnsinn dienen», sagte einer; «der Wahnsinn, die Katatonie, die psychotische Störung können nicht ewig herrschen», sagte ein anderer. «Die Welt ist dumm und gemein», meinte jemand; «sich auf mündige Bürger und Bürgerinnen zu verlassen, hat sich dieses Wochenende als definitiv falsch herausgestellt», meinte jemand anderes. – Wer weiss, von wem diese Aussagen stammen? Aussage Nummer eins kommt von Dostojewskis Grossinquisitor; Nummer zwei von Lukas Bärfuss; Nummer drei von einem Gesinnungsethiker aus Webers Politikschrift; Nummer vier von Esther Laurencikova. Gewiss wäre es ein Leichtes, noch mehr Aussagen realer Personen in Bezug zu Äusserungen von Dostojewskis Grossinquisitor zu stellen – die Kritikerin Laurencikova etwa spricht an einer Stelle sogar davon, dass eine gewisse Partei «zu verdammen» sei.

Allein an dieser Stelle geht es eben genau nicht darum, den Andersdenkenden zu verurteilen. Es ist, so die hier vertretene These, die Schwäche sowohl des Essays von Bärfuss als auch einiger Artikel über diesen Essay, dass besagte Autoren es nicht schaffen, andere, aus freien Stücken zustande gekommene Meinungen, als den eigenen gleichwertig anzusehen. Einige Schreiber – Bärfuss oder Laurencikova zum Beispiel – halten es scheinbar kaum aus, wenn es Leute gibt, die Kraft ihrer Freiheit für etwas anderes votieren als sie selbst; mit wenig Sinn für das humane Chaos sowie mit Blick auf Andersdenkende redet der Eine von «Zwergen» und die Andere von einem «Kind». In Anbetracht dieser Kleinmacherei denkt man freilich just an Nietzsches Zarathrustra: Des Philosophen Prediger findet nämlich, dass «die letzten Menschen» alles klein machen und sich selber sehr gross vorkommen. – Ob Nietzsche Dostojewski gekannt hat? Und wie! Im Widerspruch zu Dostojewskis Grossinquisitor lässt Nietzsche seinen Zarathrustra sagen: «Ehemals war alle Welt irre – sagen die Feinsten und blinzeln.»

( — Aus Gründen des begrenzten Platzes kann in diesem Text nicht ausgeführt werden, wie die Kritik einer bestimmten Meinung m. E. theoretisch aussehen soll. Dass der Standpunkt des Gegenübers als dem eigenen Standpunkt gleichwertig zu betrachten ist, heisst fürwahr nicht, dass man die Position des Gegenübers als der eigenen Position gleichwertig zu erachten hat. Es gilt bloss, das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass man selbst «nur einer» ist und, dass es neben dem eigenen viele andere Mittelpunkte der Welt gibt. «Wer bin ich, und wer bist Du?» – Diese Frage Hans-Georg Gadamers ist, so meine ich, der Ausgangspunkt eines jeden Gespräches genauso wie der Ausgangspunkt einer jeden Kritik. — )

Christian Marty

2 Kommentare

  1. […] «misstrauische Stimmen [ob intellektuell oder nicht] brauchen wir heute so sehr wie damals». Christian Marty resümmiert die vorhergehende Diskussion in einer Parabel: Dostojewski, Max Weber, Lukas Bärfuss […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s