Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Über die letzte Ausgabe wurde eifrig gestritten und diskutiert. Man ging sich gegenseitig an die Gurgel, die Redaktion wurde übel beschimpft und es wird gemunkelt, dass sogar die Ausschreitung auf der Zürcher Binz-Brache vor einigen Wochen aus einem Disput über eine Kritik im delirium entstanden sei. Die Redaktion müsse, so einer der Vorwürfe, klar machen, wie eine Kritik auszusehen habe. – Nein, muss sie nicht. Es mag vielleicht die Aufgabe hornbebrillter Feuilleton-Redakteure etablierter bürgerlicher Tageszeitungen sein, darüber zu entscheiden, was und wie Kritik ist – und damit auch indirekt darüber, was Literatur zu sein hat –, aber nicht die unsere. Das Haus delirium, hiess es einmal in einer Vorgängerausgabe, habe viele Türen. Das Haus delirium: dieser Möglichkeitsraum, in dem Kritikerinnen und Schreibende aufeinandertreffen, um über dieses Ding, das alle Literatur nennen, aber von dem keiner so genau weiss, was es ist und was es sein sollte, zu reden. Und es sollte dieser Diskurs sein, der über Text, Kritik und Literatur als Ganzes entscheidet, und nicht ein selbst ernanntes Gremium, das im stillen Kämmerchen über Fragen brütet, während die Leserschaft darauf wartet, dass ihnen die Antwort auf die Frage, die grosse Frage nach dem Leben, dem Universum und allem vor die Füsse gespuckt wird. Bedauerlicherweise blieben viel zu viele der vielen Türen viel zu lange verschlossen und der Diskurs wurde zwangsläufig zu einem redaktionell geführten – zumindest weitgehend.

Nun aber liegt sie endlich vor euch: die lang erwartete fünfte Ausgabe. Und noch immer rattern und knacken die Räder der bösartigen Weltmaschine im Hintergrund und treiben das Gespräch an.  Es ist ein schönes Heft geworden. Gebt uns mehr davon!, können wir da nur sagen. Schickt uns eure abgesägten Beine, eure Trauermärsche, eure Allmachtsfantasien und eure Entwürfe – schickt uns Meer. Aber gebt uns auch Kritik, gebt uns eure Pamphlete und Schmähbriefe. Hier könnt ihr endlich mal allen reinreden. delirium ist mehr als nur eine Zeitschrift. Es ist ein ständig wachsender Raum. Und nie war es einfacher, einen Eingang zu finden.

Daniel Grohé

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