Die Kolumne

«Also, die Kolumne empfand ich als überaus gelungen. Sie erzählt von einer sehr denkwürdigen Lesung eines meiner älteren Protegés, welche ich vor einiger Zeit zu besuchen das Vergnügen hatte. Das Skandalon des Abends, welches auch der Inhalt meiner formvollendeten Kolumne ist, bildete die Unverschämtheit eines Subjekts. Ich erkannte sofort: Das war ein gefährliches Mensch. Sardonisch lächelte es, als es sich geifernd über das Lesepult meines Autors kauerte. Ich habe ihn in der Kolumne absichtlich «ein gefährliches Mensch» genannt. Ein Menschchen, welches auf Buchseiten geifert, vor dem schreckt man nicht bloss zurück, nein, man verachtet es. Speichelfluss gehört kontrolliert!

Aber wie ging das zu? Ein Wilder auf dem Lesepult meines guten Freundes? Das konnte ich nicht zulassen. Geistesgegenwärtig sprang ich auf, riss den Geiferer mit weiten, umfassenden Armen und meinem ganzen Gewicht vom Tisch und landete hart auf ihm. Vielleicht hat er sich eine Rippe gebrochen. Der Saal applaudierte mir nach meiner Heldentat; fast mehr Applaus, als ihn mein alter Protegé erhielt. Die Kolumne war brillant. Es war nicht bloss ein starres Bild für den Kritiker, es war eine Simulation der Kritik.

Ich blätterte wahllos in einem Magazin und leckte einen meiner salzig-schweissigen Finger – zittrig, wie immer nachdem ich etwas Herausragendes geschrieben hatte. Eine wohlige Nervosität, die sich bereits während des Schreibens breit gemacht hatte wie ein dicker Mann in einem Flugzeugsitz. Die Kolumne brauchte ich nicht noch mal durchzulesen, sie war ein Geniestreich. Bereits war die Mail rausgegangen. Morgen würden mir alle meine Redaktionskollegen gratulieren. Die Nervosität potenzierte sich, wenn ich an meine Kollegen dachte, wie sie mir morgen den Bauch pinseln würden. «Ein Meisterwerk!» «Was würden wir nur ohne dich machen.» Ich konnte es förmlich spüren, es regte sich. Ich wurde etwas geil.

Ich strich mir kurz über die obere Hälfte meines Bauches, der durch die Schreibtischkante in zwei Hügel geteilt wurde. Mein Hemd spannte sich, die Knöpfe sprangen beinahe aus ihren Löchern… Die Stimme von Ruth war prägnant zu hören, sie telefonierte mit Beatrice Stoll und sagte:

-Es wird ihr doch wohl etwas einfallen – gelegentlich.

Das brachte mich wieder runter. In meinem Arbeitszimmer zu masturbieren, hätte mich in eine ganz zwiespältige Situation gebracht. Solcherlei Narretei vermieden, dankte ich Ruth für ihre helle Stimme, die jeweils die letzte Silbe jedes zweiten Satzes sich an Höhe überwerfend, die bösesten Vergleiche zulässt. Man müsste ihr zuhören, es wird einem mehr als bloss schwindelig.

Jedoch die trügerische Kunst der fantasievollen Wendungen und Vergleiche ist nicht die meine. Ach, wenn den Menschen nur klar würde, dass bloss weil sie es wagten, zwischen den Worten, den Jahren und nasse Wollfäden das Wörtchen wie zu setzen, dies noch lange keinen vernünftigen Literaten aus ihnen machte, da wäre unsereinem schon geholfen und so manche Zeit gespart. Gerade erst hat einer dieser Schreiberlinge, der Hoffnungen hegte, sich meine umfassenden Beziehungen in die Verlage des Landes zunutze machen zu können, mir einen Text zukommen lassen. In diesem Text waren fantasievoll ausgedrückte Vergleiche Programm. Er handelt von dem Tod der Mutter des Protagonisten und Ich-Erzählers und dank meines Feingespürs für Texte erkannte ich sofort, dass der Autor hier den Tod seiner Mutter behandelte und sich darob einbildete, ich würde meine Kritik ihm und seiner elenden Vergleichssucht gnädig anstimmen, da kein Mensch so herzlos sein würde, einem Halbwaisen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Aber ein wahrer Kritiker bleibt nicht solch Mitleid verhaftet: Ich schrieb ihm, dass seine tote Mutter [ich setzte das «tote» in Klammern, damit er meine Spitzfindigkeit bewundern konnte] es bestimmt nicht wollte, dass ein so bedeutender und viel geschäftiger Mann wie ich, einen solchen Text über sie und ihren tragischen Unfall zu lesen bekam. Nicht meiner Zeit und meinetwegen, sondern ihres Gedenkens und ihretwegen. Er konnte froh sein, überhaupt eine Mail von mir zu erhalten.

Vor ein paar Monaten hatte ein Kollege einer deutschen Zeitung mich – in keinster Weise spöttisch – den Literaturkaiser genannt. Das trifft zu und schmeichelte mir. Ohnehin kennt man mich, in den meisten Feuilletons bin ich eine beinahe monatlich auftretende Referenz. Es gab mir das unglaublich befriedigende Bewusstsein, dass mein Tod eine grössere Menge Nachrufe in der deutschsprachigen Presse nach sich ziehen würde. Alleine die Vorstellung der Tatsache (tausende von Seiten gefüllt mit den Lobpreisungen der fähigsten Schreiber unserer Zeit) hatte mir die Kraft gegeben, mich den noch so verkrüppelten Texten anzunehmen und ihnen ihr gerechtes Urteil zukommen zu lassen.

Manchmal sagt mir der neidische Teil meiner Kollegen, ich sei zu streng: Ich würde immer gleich das ganze Werk lobpreisen oder verdammen, so als würde ich gar nicht differenzieren zwischen den einzelnen Aspekten. Ja, es stimmt, ich unterscheide nicht. Kein Relativsatzrelativieren, kein Zitieren, kein elendes «Seine Form ist klar und rein»-Gesülze – Ich streichle. Ich liebe Literatur viel zu sehr, um sie zu zitieren. Ich glaube, das ist von Benjamin…

Die Tür fiel ins Schloss, Ruth hatte das Haus verlassen. Vielleicht hätte sie sich verabschiedet. Aber sie dachte, ich sei noch in meinem Büro in der Redaktion. Ja, ich hatte mich ins Haus geschlichen. Unser Haus hat zwei, drei Haustüren, genug, um sich unbemerkt reinzuschleichen, und wenn das nicht klappt, steht manchmal auch eines der vielen Fenster offen. Es ist ein kleines und seltsames Vergnügen, das ich mir gönne: Während meine Familie sich allein glaubt, sitze ich direkt im anliegenden Raum und arbeitete. Es geht dann immer am besten, wenn ich sie leben höre. Es klimpert in der Küche, wenn Alex abwäscht, oder er hört laut die Unvollendete, weil er sich sicher ist, niemanden zu stören. Meine besten Artikel schrieb ich dann, wenn alle glaubten, ich sei nicht da und stolz blickte ich auf meine Kolumne. Gott, war sie gut. Allein schon das erste Wort liess meinen Mund trocken werden. Ruth kommt in dieser Nacht nicht mehr nach Hause, […] sie ist geschäftig.

Ich würde noch eine Kritik schreiben müssen für die Ausgabe von übermorgen. Ein Debüt eines jungen Autoren, kaum 26 Jahre alt und hat ein Buch geschrieben, über einen lügenden Akademiker. Meine Kritik würde wohlwollend werden: Er würde es mir danken, denn man weiss, dass was der Literaturkaiser nobilitiert, das wird gekauft. Und es wird in anderen Feuilletons gelobt. Ich stellte mir vor wie mir der junge Autor in vielen Jahren einen Nekrolog voller Dank schreiben würde: «Er ermöglichte meinen Erfolg und meine produktivsten Jahre, meinen Nobelpreis widmete ich ihm und ich lege ihm die Medaille als Beigabe mit ins Grab, denn hätte er sich nicht der Kritik verschrieben, sondern hätte sein Weg auf andere Weise in die Literatur gemündet, die verehrte Jury hätte keine andere Möglichkeit gehabt, als ihm den Nobelpreis zu überreichen.»

An der Tür klingelte es, wahrscheinlich war es Alex. Vielleicht prüfte er bloss, ob jemand zu Hause war. Ich wartete eine Weile, nicht genau wissend, ob ich ihm die Tür öffnen sollte, oder, ob ich lieber inkognito bleiben sollte. Die Antwort gab mir das Geräusch der sich öffnenden Haustür. Eine Frau kicherte oder hustete, dann wurde es stiller. Ich war bereit zu hören, wie sie flüsterte. Wahrscheinlich war es Mia, seine Freundin. Er redete sehr leise und machte kurze Pausen, in denen niemand etwas sagte. Kurz glaubte ich, er hätte mich gerufen und ich unterdrückte die Worte «Ja, Sohn?». Stattdessen stockte ich den Atem und hörte. Mir schien, er rief noch mal und noch ein drittes Mal und dieses Mal rief er laut «Papa» durch die Wohnung nicht wie üblich meinen Taufnamen.

Ich hatte ihn überzeugt, allein zu sein. Er begann wieder von Pausen unterbrochen zu flüstern, so als würde er einen Dialog führen, aber ich hörte Mia nicht antworten. Das verunsicherte mich etwas. Ohnehin hörte ich nichts von ihr. Höchstens vielleicht ein Rascheln, manchmal ein Räuspern, aber sie sagte nichts. Alex wusste, dass Ruth die Nacht nicht zurückkehrte, er hatte sein Mädchen mit dabei, ich hatte genug gelesen, um solche Situationen zu verstehen. Aber es war mir gleich. Mir ging es nicht darum ihn bei solchen Sachen zu stören, oder gar ihn zu ertappen. Ja, ich spürte sogar grossen Stolz auf meinen Sohn, als ich das Bett knarzen hörte.

Noch einmal kam mir grosse Lust, etwas zu schreiben, doch hatte ich nicht mehr die Musse für eine Kritik des jungen Autors. Ich entschied mich, kurzerhand eine von meinen beruflichen Qualitätsansprüchen entbundene Geschichte zu beginnen:

«Die gargantueske Mikrowelle Universum machte laut ‹Bling›. Man weiss es ist angerichtet.» zitierte Corinna aus der zweitvordersten Reihe. Der Lehrer sagte: «Ausgezeichnet.» Der Raum füllte sich bei jedem Wort mit mehr Kohlendioxid. John versuchte zu glauben sein Zwerchfell würde sich auf seinen Befehl zusammenziehen und wieder entspannen. Er nannte das Atmungsdiktatur. Corinna redete weiter. Er sah ihre blonden Haare zum Takt ihrer Abfallprodukte schwanken. Die Wände des Klassenzimmers, fensterlos, waren hölzern mit Schnitzereien bestückt. John meinte, dass sie eine Geschichte erzählten, ähnlich wie die Comics der Prozession, die er in manchen Kirchen lesen konnte.

(Kurz nur hörte ich Mia schreien, dann dämpfte sie sich.)

Die Bilder an der Wand liessen sich in keine Reihenfolge bringen. Manche Gestalten waren beschrieben. So sah John Odysseus umringt von Frauen in einem Bordell, obwohl er sich nicht erklären konnte, welche Szene aus der Odyssee dargestellt wurde. Auch gab es sonst keine Bilder, die Aufschluss geben konnten. Keine Bezüge, keine Linearitäten. Nur Holzfiguren. Grausige Gesichter. Sie standen gefährlich weit von der Wand ab. Keiner hätte einer Schulklasse erlaubt, darin zu lernen. Besonders die eine Lanze, von irgendeinem strammen Kämpfer geführt: An der hatte sich Mersat letzthin die Handinnenfläche durchbohrt, nachdem er versucht hatte Georg zu schlagen, dieser jedoch geschickt auswich. Mersat starrte zuerst ungläubig auf seine triefende Hand, rüttelte ein, zweimal daran herum, dann schrie er. Dabei musste John unentwegt daran denken wie er Postkarten von weit entfernten Orten an das Korkbrett in seinem Zimmer pinnte. Georg aber begann Mersat auszulachen und er hielt ihm spöttisch die andere Wange hin. John konnte den immensen Wunsch in Mersats Heulen hören, Georgs Augen aus seinem Kopf zu drücken. Es war ein Wille, wie ihn bloss ein hassendes und hilfloses Kind haben konnte. Erst der Lehrer entschärfte die Situation. Wieso sich die beiden damals gestritten hatten, war nicht mehr festzustellen. Es musste um Spielzeug gehen.

Jetzt meldete sich Mersat: «Die getrocknete Augenbutter schmeckt nach Meer.» «Richtig», sagte der Lehrer Mühlbern. Corinna notierte sich etwas. «Was noch?» fragte der Lehrer. Mersat meldete sich nochmals: «Die Nasenhaare schlugen kleine Salti und feierten das Kommen des Phlegmas» «Ja, von mir aus.» Corinna schrieb noch mehr.

-Was war die Frage des Lehrers? Stupste Georg John mit einem Bleistift an.

John zuckte mit den Schultern.

-Hast du das Buch gelesen? Fragte Georg.

-Pst, sonst weist man dich aus dem Schulzimmer.

-Egal, noch zwei Minuten und die Stunde ist um. In der Zeit, in der ich durch die Tür gehe, ist die Stunde um. Hast du’s jetzt gelesen?

-Ja.

– Stehen da wirklich solche Sätze drin.

-Du hast die schlimmsten noch nicht gehört. Das ganze Buch ist eine Pest.

Es klingelte – Pause.

-Hast du den Namen des Autoren gesehen?

-Mausel Gruber?, antwortete John.

-Ja, seltsamer Name, sicher ein Pseudonym.

– Glaub ich auch.

An dieser Stelle des Dialogs brach ich hastig ab. Es führte zu nichts. Ich las noch mal mich stärkend meine perfekte Kolumne, dann stellte ich mir vor, durstig zu sein. Leise öffnete ich die Tür und trat auf Zehenspitzen in den dunklen Gang. Aus dem Zimmer meines Sohnes war nichts Lautes zu hören, obwohl die Tür einen beachtlichen Spalt offen stand. Aus Zufall oder Missgeschick fiel mein Blick in das Zimmer. Die Strassenlampe von draussen färbte die Haut Orange. Mia lag begraben unter Alex alle viere von sich gestreckt in seinem Bett. Alex aber bewegte sich kaum. Nur sein Kopf schien zu nicken, als wäre er übereifriger Hörer eines Monologs, in welchem nur wichtige und richtige Dinge gesagt werden. Seine Hände umfassten Mias Kopf oder (ich kniff die Augen etwas zusammen) sie fassten etwas an Mias Kopf. Nun hörte ich doch ein Geräusch von Mia, es musste ein lustvolles gewesen sein, wenn es nicht so unterdrückt klang… Mein Sohn drehte etwas den Kopf, Licht fiel auf seine Fingerspitzen, welche Mias Lid aufzwangen. Seine Zunge bleckte hervor und strich über das starre Auge.»

Samuel Prenner

Dazu gibt es die Kritik Randnotizen von Sofie Gollob.

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