Sozialkritik in der Literatur

Man unterstellt der Literatur bisweilen böswillig, sie wäre sozialkritisch. Fragt man interessiert nach dieser Meinung – wie sie einem wiederfahren oder in den Sinn gekommen sei, dann sind sie etwas verunsichert. Nicht gerne werden Fragen nach solchen Meinungen gehört. Nichtsdestotrotz sagen sie: «Beim Schreiben ist der Schreiber frei im Denken.» Was für ein schöner Satz. So schön, man möchte sagen: «Dieser Satz ist so schön, lass uns gemeinsam frei denkend in den Sonnenuntergang schreiben.» Oder vielleicht sogar noch verwirrendere Dinge, damit man bloss nicht daran zweifeln muss, dass Literatur doch so kritisch ist.

Wenn Literatur sozialkritisch ist, so gibt es – und man gewähre mir, dem fröhlichen Typisieren nachzugehen – drei Versuche der Kritik. Wie so oft, wenn das Denken allzu frei ist, sind die Versuche nicht sonderlich ausgefuchst und allgemein eher simpler Natur: Der erste ist der plumpeste von allen und wird gerne praktiziert von den primitivsten Höhlenmenschen des Literaturbetriebs. Sie klatschen ihre farbbekleckerten Hände an die Höhlenwand und lachen. Ich werde diese Möglichkeit im Folgenden, um ihrer Plumpheit gerecht zu werden, Sozialkritik durch Mimesis nennen. Die Sozialkritik durch Mimesis funktioniert folgendermassen: Der sozialkritisch veranlagte Schriftsteller beschreibt uns eine Welt, die er sich selbst häufig durch Recherche erarbeitet hat. Er schreibt mit dem Glauben, sein Text müsse der Spiegel der echten Welt sein und er hält ihn direkt auf einen beliebigen sozialen Missstand. Er schreibt darüber, dass die Hutu die Tutsi abschlachteten oder, dass die Weber arme Menschen in unsäglichen Verhältnissen lebend sind. Die geschilderten Umstände sind grausam, weil die Welt grausam ist, und das Ziel solcher Schilderung ist in einem ersten basalen Schritt: In der  Welt, in der du lebst, geschehen schlimme Dinge. Manchmal wagt sich der Höhlenmenschschriftsteller auch keck hervor und sagt: «Du, lieber Leser, bist daran schuld.» Nicht unähnlich wie der Internettroll sagt: «Die Neger sind daran schuld»; «Die Kanaken sind daran schuld» oder «Die Nazis sind daran schuld».

Das ist, es wird doch wohl keiner leugnen, eine Form der Sozialkritik. Ja, nur ist die Literatur der denkbar falsche Ort für solches Schreiben. Stattdessen möchte man dem Literaten sagen, er solle doch in den Journalismus gehen, denn, sollte er so schreiben, wird sich sein Text wohl auch wie eine Reportage verstanden wissen wollen. Er entzieht sich damit nämlich der Attacke blutrünstiger Germanisten, die bloss darauf lauern, an seinem Text nachzuweisen, dass er eben nicht Abbild der echten Welt ist, sondern eine von vielen möglichen Welten und sowieso literarische Texte sind immer mögliche Welten, das ist sozusagen Bedingung, dass Literatur eine Welt entwirft. Nur solch ein primitver Versuch, wie oben ausgeführt, ist damit gescheitert. Traurig eigentlich, es sah doch so gut aus, als beschrieben wurde, dass all die Tutsi mit Macheten getötet wurden.

Aber es kommt der zweite Versuch daher, vielleicht bietet er ja die Möglichkeit sozialkritischer Literatur: Literatur also entwirft eine mögliche Welt, man gesteht es den Germanisten zu, dies erkannt zu haben. Ich werde den zweiten Versuch also Versuch der möglichen Welten nennen. Idee dabei ist, die Verbindung zwischen realer Welt und der literarisch ermöglichten Welt, welche die Kritik benötigt, nicht durch das Bild des Spiegels zu veranschaulichen, sondern einen Entwurf zu zeigen. Die entworfene Welt des literarischen Textes zeigt, was alles möglich ist. Das wäre der Raum für Utopien, die natürlich genauso sozialkritisch sein können. Der Schriftsteller sagt: «Sieh nur, da ist eine Welt möglich, in der niemand Hunger leidet, ich denke sie mir schön.» Und damit lässt er den Leser zurück mit der Frage: «Wieso leidet in der realen Welt jemand Hunger, wenn es anders möglich ist?» Der Schreiber kann natürlich auch eine mögliche Welt mit Missständen entwerfen, so dass der Leser denkt: «Oh, die Umstände dieser Welt ähneln der meinen, das bedeutet wohl in meiner gibt es auch allerlei Schlechtigkeiten.»

Dass alles auch ganz anders sein könnte und, dass es andere Welten gibt, zwar ähnlich der unsrigen aber dennoch mit grausamen Zügen, dies ist auch ein kritischer Teil der Rolle des Historikers oder des Hobbyhistorikers. Das kritische Potential eines Hitlervergleichs ähnelt dem kritischen Potential einer möglichen Welt eines literarischen Textes. Wenn man dem ersten Schreibenden also zurufen will: «Werd doch Journalist!», so möchte man dem zweiten Literaten nun zurufen: «Schreib doch Historie!» Als Historiker (und ich fasse die Berufsgruppe sehr offen) hat man nämlich den unglaublichen Vorteil klar und deutlich zu erklären, welche sozialkritischen Punkte man behandeln will, während dem Literaten in seinem Literaturschaffen solches verwehrt ist. Wenn dem Literaten also vorschwebt, in solcher Weise sozialkritisch zu sein, muss man ihn an die Hand nehmen und ihm sagen, es wäre kein effizienter Weg der Kritik.

Zu nennen ist der dritte Versuch, der den Literaten in letzter Konsequenz als einziger noch bleibt. Ich werde ihn im folgenden den Versuch der auflösenden Dichotomien nenen. Man behauptet, da die Literatur nun einmal nicht von dieser Welt handelt, dass sie doch wenigstens durch ihre Sprachkritik sozialkritisch wirkt. Sprachkritisch ist sie, da sie, so redet man von ihr, bestimmte Differenzierungen unserer Sprache «auflöst», «zerbricht», «aufweicht» – es sind dies die typischen und gewohnheitsmässigen Metaphern, welche man an solcher Stelle verwendet. Ein Beispiel wäre die literarische Gestalt des Hermaphroditen, der sofort diagnostiziert wird, wenn ein «weibliches» Atribut auf ein «männliches» Objekt angewendet wird oder umgekehrt. Da unterstellt man dann dem Text, er würde die begriffliche Zweiteilung von Mann und Frau eben verwischen. Man kann das auch auf andere Begriffsteilungen anwenden: Mensch-Tier, Objekt-Subjekt, Politisches-Privates oder was einem gerade so in den Kram passt.

Jedoch sehen wir uns das ganze nüchtern an, dann muss auch dieser Versuch ineffizient bleiben. Ja, sogar kontraproduktiv ist der Versuch in gewissem Sinne: Wir werden bei wichtigen Fragen der Kritik ungenau. Denn wir wissen eigentlich nicht zu benennen, welche Differenzierungen hier mit welchen Argumenten «aufgeweicht» werden: Ich glaube, unser Zwang, dabei dann immer zu Metaphern zu greifen, ist ein Symptom dafür, dass wir eigentlich nicht wissen, was hier wie kritisiert wird. Sehen wir uns doch im Sinne des obigen Beispiels die kritische Kraft der Biologie und Psychologie: Dort lässt sich einfach sagen: Die Zweiteilung in männlich und weiblich ist schlicht falsch, weil man diese Differenzierung unter einer ganzen Reihe von Erkenntnissen nicht aufrechterhalten kann. Das ist klar, das ist deutlich: das ist Kritik von Dichotomien. Dagegen betrachte man die vagen Andeutungen von irgendwelchen pseudokritischen Literaten, so wird man – sofern man denn wirklich willig ist, sozialkritisch zu sein – schnell erkennen, an wen man sich zu richten hat.

Der Literat sollte deswegen nun nicht verzweifeln: Auch wenn sein Werk sich nicht besonders eignet sozialkritisch zu sein, so sollte er dies als Chance begreifen: Er ist entlastet von solchen Wünschen, welche ja zum Teil auch das unbedachte Feuilleton und am Ende gar er selber, an ihn stellt. Er kann sich ganz darauf konzentrieren, das mit seiner Literatur zu schaffen, was sie am besten erfüllen kann, nämlich zu unterhalten. Manchmal ist es wunderbar einfach.

Ein Kommentar

  1. […] Samuel Prenner hat ausserdem gestern drei Arten der «Sozialkritik in der Literatur» beschrieben. Die erste sei jene der (vermeintlich) realitätsgetreuen Darstellung von prekären sozialen Zusammenhängen. Die zweite jene der metaphorischen «möglichen Welt», die zeigt, wie es sein könnte im Guten und im Schlechten. Und die dritte jene der Auflösung von Dichotomien, um so die Kritik der Begrifflichkeiten als Sozialkritik umzumünzen, wobei aber das, was kritisiert werden soll, untergehe. Alle drei lehnt Prenner ab. Der Literat «kann sich ganz darauf konzentrieren, das mit seiner Literatur zu schaffen, was sie am besten erfüllen kann, nämlich zu unterhalten.» […]

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