Der Autor Lukas Bärfuss schreibt in der FAZ eine Kritik an der Schweizer Medienlandschaft und dem, was man Schweizer Volksgeist nennen möchte. Fabian Schwitter findet, nur ein weiterer destruktiver Text: Das ist zu wenig Politik, das ist zu wenig Machen, und gliedert sich nur in den ewigen Kreislauf des «intellektuellen» Schmähredens ein, dessen Wirkung seiner Meinung nach seit dem Kalten Krieg redundant sei.
Esther Laurencikova hält entschieden dagegen: Im Text «Privilegiertes Geschwitter» weist sie darauf hin, dass Fabian Schwitter sich in den O-Ton der Medienlandschaft einreiht, die den Text von Lukas Bärfuss kritisiere, ohne auch nur auf einen einzigen inhaltlichen Punkt des Textes einzugehen. Sie ist nicht Schwitters Meinung, dass es den öffentlichen Intellektuellen nicht mehr braucht: Die SVP mit ihrer fragwürdigen Politik ist schlicht zu verdammen, davor verschliessen die Schweizer die Augen – «Aber wo ist der Eklat? […] Wo sind die öffentlichen Stimmen?»

Daniel Grohé wirft Schwitter vor, an Bärfuss‘ Text vorbei zu argumentieren und kritisiert insbesondere die Intellektuellenfeindlichkeit in Schwitters Text, «misstrauische Stimmen [ob intellektuell oder nicht] brauchen wir heute so sehr wie damals».
Christian Marty resümmiert die vorhergehende Diskussion in einer Parabel: Dostojewski, Max Weber, Lukas Bärfuss und Esther Laurencikova im Gespräch. Er kritisiert den grossinquisitorischen Ton von Laurencikova und Bärfuss: «Einige Schreiber – Bärfuss oder Laurencikova zum Beispiel – halten es scheinbar kaum aus, wenn es Leute gibt, die Kraft ihrer Freiheit für etwas anderes votieren als sie selbst; mit wenig Sinn für das humane Chaos sowie mit Blick auf Andersdenkende redet der Eine von ‹Zwergen› und die Andere von einem ‹Kind›.»

Zwar haben sich noch einige Reaktionen in den Medien niedergeschlagen, wovon die meisten eigentlich nur marginale Hinzufügungen sind. Interessant sind sicher die Rede von Peter Stamm zur Eröffnung des «Zürich liest» mit dem Titel «Mein Kerngeschäft besteht aus Nichtstun»: «Weshalb auch sollten ausgerechnet Schriftsteller, die sich einen guten Teil ihrer Zeit in fiktiven Welten bewegen, dazu berufen sein, die Realität zu analysieren?» Und das Interview mit Charles Lewinsky: «Es bärfusst nicht in mir», wo er noch etwas biederer, bürgerlicher und weniger elegant das Gleiche wie Stamm sagt: «Schriftsteller haben keinen anderen, besseren Blickwinkel als ‹normale› Leute.»

Carlo Spiller schrieb ausserdem seine Wut von der Seele: Das Netzwerk untergrund., zu dem sich Denkbilder, Delirium, Kleb, Konverter, LitUp!, dieperspektive und Tada Theater bekennen, sei eine billige Farce und eine Heuchelei von Rebellion von Gruppen, die gerne Nideltörtli essen und sich von der Universität finanzieren lassen: «Darum ist statt ‹Netzwerk von Kindern aus der oberen Mittelschicht mit Hang zur schönen Kunst der Literatur, der wir in unserer Freizeit frönen und, die wir unbedingt mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln – und vor allem den staatlichen und gemeinnützigen, denn unseren elterlichen Overlords wollen wir nicht auf der Tasche liegen – unterstützen wollen› der Titel untergrund. rausgekommen.»

Gregor Schenker bekennt sich auf seine Weise und im Namen von Konverter zum untergrund.: Er verurteilt Spillers Verallgemeinerung, weil sich der Konverter niemals habe finanziell unterstützen lassen — unterstreicht aber die Frage, ob zum Beispiel kostenpflichtige delirium-Vernissage noch untergrund. sei. «Kokettieren die untergrund.lerInnen mit dem Wort, während ihnen die Idee von der Kulturkarriere im Hinterkopf steckt wie eine Herpesinfektion, die bloss noch nicht ausgebrochen ist?»

Samuel Prenner hat ausserdem gestern drei Arten der «Sozialkritik in der Literatur» beschrieben. Die erste sei jene der (vermeintlich) realitätsgetreuen Darstellung von prekären sozialen Zusammenhängen. Die zweite jene der metaphorischen «möglichen Welt», die zeigt, wie es sein könnte im Guten und im Schlechten. Und die dritte jene der Auflösung von Dichotomien, um so die Kritik der Begrifflichkeiten als Sozialkritik umzumünzen, wobei aber das, was kritisiert werden soll, untergehe. Alle drei lehnt Prenner ab. Der Literat «kann sich ganz darauf konzentrieren, das mit seiner Literatur zu schaffen, was sie am besten erfüllen kann, nämlich zu unterhalten.»

Noch mehr Zündstoff

In der NZZ wird eine neue Epoche nach der Postmoderne heraufgekündigt: Jene der ernsten Ironie. Beispiele: Gomringer, Leif Randt, Wolfram Lotz. Ironie werde nicht nur um ihrer selbst Willen verwendet, sondern sei als ernstes Mittel der Dringlichkeit (oder so ähnlich) in grosser Konjunktur. «Das Spiel ist aus»

Man beklagt sich über die Prozesse der Filmförderung. Warum sind so viele Filme rückwärtsgerichtete, pathetische und mutlose Nationsverherrlichungen? «Nieder mit Schellen-Ursli»

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