Der falsche Kapitän und das falsche Meer

Eine Kritik zu Marianna Lanz‘ Gedichten käpt’n und meer.

Die technische Analyse ist schnell gemacht: 2 Gedichte, 59 Worte, 48 Zeilen, 342 Zeichen – die Themen: der Kapitän und das Meer.

Der Käpt’n:

Der Boss auf dem Schiff, der Lebensbewahrer in stürmischen Zeiten. Bärtig, knorrig, rau, stark, wortkarg, braun gefurchte Haut, technisch versiert. Als Vermittler zwischen Schiff und der Natur steht er oben an Deck, schaut durch das Fernglas, schaut auf den Kompass – die Mannschaft fest im Griff. Das Schiff gehorcht ihm, die Crew auch, zusammen bahnen sie sich einen Weg und bezwingen den Horizont tausende Male ohne es zu merken. Ein kleines Schiff in mitten des endlosen Ozeans, unbezwingbar dank eines Käpt’ns, der immer die Kontrolle bewahrt.

So sollte es sein.

Ist es aber nicht.

Zumindest nicht im Gedicht.

Da muss ziemlich was schief gelaufen sein, wenn der Käpt’n in der Kajüte hängt und kotzt, wenn der Kahn schlingert, wenn statt Fische Plastik gefangen wird, wenn dringend eine Insel gefunden werden muss.

Der Kahn ist offenbar führerlos, die unsichtbare Hand der Natur übernimmt das Steuer, die unmündige Mannschaft steht rum und weiss nicht, was zu tun ist. Scheint eine aussichtslose Situation zu sein.

Eine schöne Metapher, das herrenlose Schiff. Alles treibt. Irgendwie. Zufällig. Doch was ist mit den Machtstrukturen? Warum hat die Crew «keine Ahnung von knoten und Tau»? Die Geschichte lehrt uns eigentlich das Gegenteil: Bei einem allmächtigen Führer ist dessen Installation heikel, nicht dessen Absetzung. Normalerweise muss der Führer unterdrücken – tritt von oben nach unten, bis der Deckel doch noch gesprengt wird.

Ein allmächtiger gottähnlicher Kapitän hängt in der Kajüte und kotzt. Dumm gelaufen. Das herrenlose Schiff und das Meer, eine alte Metapher. Und doch immer noch aktuell. Wie sagte Immanuel Kant im 18. Jahrhundert? «… der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.» Wenn der Käpt’n nach unten tritt, weichen wir aus und bauen unseren eigenen Kahn. Wenn dann einer in der Kajüte hängt und kotzt, ist das auch egal.

Das Meer

Das Meer: Flach, weit, fast unendlich, sehnsüchtig, unzähmbar, nass – der Himmel auf Erden? Das grosse Wasser ist da, es war schon immer da – schon vor den Menschen, schon vor dem Leben. Nicht selten wird die Erde nach ihm benannt, obwohl wir es noch nicht zivilisiert haben: Der blaue Planet.

Das Meer im Gedicht allerdings besteht aus vielem. Nur nicht aus Wasser. Dafür aus allem, was sich am Meer tummelt. Brüste, Lippen, Plastik, Schirme, Sand und so weiter. Das Meer neben dem Meer sozusagen. Eigentlich befreiend dank der Endlosigkeit, scheint das Meer eine homogene Einheit zu sein. Der Schein trügt. Je näher die Betrachterin geht, je mehr chemisches Wissen sie hat, desto eher erkennt sie: Das Meer besteht aus vielen kleinen Wassermolekülen (und einer schrecklich grossen Menge Müll).

Weil das richtige Meer schon immer da war, nimmt es uns keinen Platz weg. Das Meer neben dem Meer – das Meer direkt am Meer, bestehend aus Beinen, Kippen, Stühlen hingegen schon. Es ist zu viel, zu mächtig, störend. Eintauchen ist schwierig, ist unangenehm, ist einengend.

Ein Meer ist offenbar nur dann schön, wenn die Einzelteile nicht erkannt werden können. Das Meer neben dem Meer. So ähnlich und doch so falsch. So nah und doch so fern. Gleiches ist nicht gleich.

Simon Jacoby

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