Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden

Es war ein Fehler, mein Bein abzusägen. Nicht etwa wegen des dumpfen Schmerzes, den mir die Säge verursachte, als sie auf meinen Femurknochen traf – das war es mir wert, wenn ich es nur endlich in den Händen halten konnte. Genau wie es die wenigen Tage wert waren, die ich, Jacques Destouches, Nachtwächter von Lausanne, mit ihm verbringen konnte, mit der schönen Rundung der Wade, der Härte der Kniescheibe und der Plätte des Fusses. Nein, ein Fehler war es bloss, weil mein Bein nach wenigen Tagen verschwand. Hatte ich es schlecht behandelt? Hatte ich es nicht jeden Morgen mit pH-neutraler Seife gewaschen und abends in den Kühlschrank gelegt? Ich will dem geschätzten Leser nicht verhehlen, dass mich das Ungemach traf, während mich das Schicksal bereits anderweitig auf die Probe stellte.

 

Mein Beruf, von dem ich geglaubt hatte, er sei meine Berufung – nämlich von zehn Uhr abends bis zwei Uhr morgens die Zeit vom Kirchturm zu krächzen – war mir zuwider geworden. War die Welt eine bösartige Maschine, so war ich darin wohl ein zahnloses Zahnrad. Deswegen wäre ich gerne Velomechaniker geworden, dann hätte ich sie nämlich reparieren können. Weil ich während der Arbeitszeit Fahrradfachliteratur las, verpasste ich es öfters, die Zeit auszurufen. Der Tourismusverantwortliche drohte mir bereits mit der Entlassung.

 

Ich musste über mein Leben nachdenken. Was blieb mir also übrig, ausser mich auf eine Reise zu machen, wenn auch nur eine kurze, runter zum See nämlich. Der Gang zur Metro war einbeinig etwas mühselig, aber er glückte mir schliesslich doch.

 

Kaum hatte ich mich hingesetzt, schon sprach die Computerstimme: Ouchy, und ich humpelte zum Ufer, vorbei am Eiscremestand von Louis, der nun, Mitte Oktober, letzte Profite zu machen hoffte. Ich kaufte mir aber keines, denn mein Kalorienbedarf ist seit dem Abtrennen des Beins merklich gesunken. Ich ging zu den Schiffen hin, die tagein, tagaus ihr Netz über den See spannten, vorbei an Horden von Liebespaaren, deren Zungen sich in immer neue Verknotungen ergaben.

 

Es tat mir nicht gut, das zu sehen, es tat mir nicht gut, zu hören, wie das Wasser stets von Neuem gegen die Mauer klatschte, es tat mir nicht gut, in dieser Stadt zu leben. Aber ich war nun einmal ihr Nachtwächter.

 

Indessen fand ich den Ort, nach dem ich gesucht hatte, meinen happy place. Einen Abschnitt gleich neben dem Restaurant Le Lacustre. Auf den Felsbrocken, die es dort gab, konnte man sitzen, um ins Wasser zu sehen. Was genau war, was ich nun vorgab zu tun. Ich sass auf einem Steine, und dahte bein mit beine – genauer Stumpf mit Bein. Jedenfalls werden mich die Spaziergänger so gesehen haben. Ich lauschte den Gesprächsfetzen, die wie Flugblätter durch die Luft wirbelten. … in Gold machen lohnt sich heute nicht mehr … ein Ekzem, weisst du, es zieht sich über meinen ganzen Rücken … seit drei Wochen kenne ich sie erst, aber ich weiss, sie ist es … Eine heitere Versammlung unnötiger Nöte. Nichts gegenüber dem Verlust eines Beines! Hätte ich es nur im Krieg verloren, oder unter einem Mähdrescher. Die ganze Nation wäre des Mitleides voll. So aber war ich ganz allein.

Ich hörte, wie jemand meinen Namen gurrte. Als ich mich umdrehte, sah ich einen kräftigen Arm, unter dessen solariumgebräunter Haut jede Muskelfaser schimmerte und der in einer breiten Hand mit grün lackierten Nägeln endete. Es war Weronika. Die einzige strengkatholische Bodybuilderin der Schweiz. Und meine Ex. Neben ihr zwei Hünen, wohl ihre Trainingspartner.

 

Du Armer, wie geht es deiner Wunde?, fragte sie und ich sah, wie sich ihre Pupillen weiteten, wie zum Zeichen, dass sie mir weiterhin zugeneigt war.

 

Ganz gut, sagte ich und wich ihrem Blick aus.

Sie neigte ihren Kopf an mein Ohr. Ihr Haar roch nach Birkenshampoo. Wir müssen reden, Jacques, flüsterte sie.

 

Ich meinte, sie könne heute Abend zu mir kommen und – Fade-Out, Fade-in – schon war es so weit. Die Sonne, dieser kleine Unhold, hatte sich in den See verkrochen. Ich sass im Turmzimmer und wartete auf den Schichtbeginn. Eine kleine Steinkammer, in der ein Holztischlein stand, darauf ein paar Stösse Papier und ein Tintenfass, darunter ein Ghettoblaster, aus dem Walgesang zu hören war. Der entspannte. Und Entspannung hätte ich bitter nötig gehabt. Aber sie war mir nicht beschieden. Schon war es zehn, schon klingelte eine schwarze Box an der Wand und hiess mich, mein Nachtwerk zu tun. Ich stellte mich auf die Brüstung. Ich stützte die Hände auf den Stein, beugte mich über die Stadt und rief, nun sei es zehn Uhr. Dabei tastete ich mich einmal rund um den Turm herum, damit es wirklich alle Bürger hörten. Gerade sah ich in Richtung des Hermitage-Parks, als Weronika die Tür aufschlug.

 

Sie trug weisse Turnschuhe und ein kurzes Kleid mit Blumenmuster, sodass ihre enormen Schenkel gut zu sehen waren. Sie wollte mich wohl verhöhnen.

 

Guten Abend, sagte sie und rückte auf mich zu. Abend, sagte ich und rief noch einmal, dass es nun zehn Uhr sei.

 

Da spürte ich die Wärme ihres Anabolikaatems in meinem Nacken. Jacques, wollen wir es nicht noch einmal versuchen?

 

Ich drehte mich um und verzog das Gesicht, aber nichts da, schon näherten sich ihre Lippen den meinen. Ich zog den Kopf zurück. Ich muss die Zeit ausrufen, verdammt noch mal!

 

Das ist mir egal.

 

Ich versuchte, ihr auszuweichen, doch sie drückte mich mit ihrem Körper gegen die Brüstung. Irgendwie gelang es mir aber doch, mich zu ducken und zwischen ihren Beinen hindurch zu hechten, um ins Zimmer zu flüchten.

 

Du hast dich kein bisschen geändert!

 

Wieso auch?

 

Ich dachte, du würdest ohne Bein wieder zu Sinnen kommen, sagte sie, und ich sah, wie ihre Augen anfingen zu glänzen. Ich habe meinen Eltern gesagt, wir wären verlobt!

 

… Du warst das also?

 

Ja. Es liegt auf dem Grund des Sees. Es tut mir leid.

 

***

 

Es dauerte Tage, bis ich mich wieder nach draussen traute. Tage, in denen ich mich von Instantnudeln ernährte, die ich, da ich nicht einmal einen Wasserkocher besitze, mit lauwarmem Wasser aufgoss. Aber die Sonne scheint auch, wenn man sie nicht sieht, und so raffte ich mich am Wochenende auf, es zu suchen.

 

Man stelle sich meine Erscheinung vor, wie ich, auf Krücken gestützt, auf die Mathilda humpelte, die Lausanne auf dem Wasserweg mit Thonon verbindet, auf dem Rücken ein grosser Rucksack. Ich kämpfte mich zum Aussendeck vor und liess mich auf eine der weissen Bänke fallen.

 

Etwa zehn Minuten nachdem wir losgefahren waren, werden die Ausflügler gesehen haben, wie ich samt Rucksack auf dem WC verschwand. Sie werden sich nichts gedacht haben. So entging ihnen, dass ich mich auf der Toilette umzog, dass ich einen Neoprenanzug überstreifte und meinen Schuh gegen eine Schwimmflosse tauschte.

 

Nun galt es, schnell zu sein: Ich hüpfte durch den Gang aufs Deck wie ein Frosch, der dem Zorn des Kochs nur halb entkommen war. Ein paar Köpfe drehten sich nach mir um, aber man sah gleich wieder weg, um nicht unhöflich zu sein. Schon lehnte ich mich über die Reling und sah dem Wasser zu, wie es über den Schiffsbauch klatschte, zog mich hoch, und liess mich fallen. Hinter mir hörte ich die Leute schreien, aber ich machte mir keine Sorgen, denn ich wusste, dass es zu lange dauern würde, das Schiff anzuhalten, sodass dem Kapitän gar keine andere Wahl blieb, als weiterzufahren, immer weiter.

 

Ich war also abgetaucht. Der See umarmte mich. Ein paar Fische schossen vorbei, doch die grauen Gesellen hatten keine Lust auf ein Gespräch. Algen waberten durch mein Gesichtsfeld. Der Druck in meiner Lunge stieg und stieg, und ehe ich mich versah, war ich gezwungen, den Kopf, diese Fleischknochenboje, wieder über Wasser zu halten. Das Schiff war bereits weit entfernt, ein grosser Ikea-Schrank, der aufs Land zutrieb. Ich nahm ein paar Atemzüge und tauchte erneut hinunter. Da schlich ein fetter Wels an mir vorbei. Er besah mich skeptisch, war ich doch nur Gast in seinen Gefilden.

 

Ich suche mein Bein, sagte ich.

 

Er riss seinen Leib herum und schwamm zielstrebig in die Tiefe. Ich folgte.

 

Seltsam: Hatte ich anfänglich gespürt, wie mir die Luft ausging, so verschwand nun jedes Bedürfnis, zu atmen. Das Herz, das vorher so wild in meiner Brust geflattert hatte wie ein Kanarienvogel im Käfig, gab endlich Ruhe. Der Genfersee weist eine mittlere Tiefe von 154 Metern auf. Die werde ich wohl alle bewältigt haben, denn ich kam auf dem Grund an.

 

Die Gegend besass einen eigentümlichen architektonischen Reiz. Stalagmitische Gebilde zogen sich hoch wie Kirchtürme. Jemand hatte lauter dreieckige Fenster hineingearbeitet, aus denen es rosa und rot schimmerte. Als ich meinen Blick davon löste, war der Wels bereits verschwunden. Mir blieb nur der Schlamm unter meinen Füssen. So unternahm ich einige zaghafte Hopser. Das ging gut und bald war ich im Zentrum angelangt, das vor Kurzem renoviert und mit einem neuen Kopfsteinpflaster versehen worden war. Nur Bewohner waren kaum welche zu sehen, bis auf ein paar junge Hechte und Schwarzbarschburschen, die in einer Ecke Kippen rauchten.

 

Herr Destouches?, fragte eine Stimme. Es war eine Meerjungfrau. Sie sah aus, wie man sich Meerjungfrauen halt vorstellt: ein grüner Flossenunterleib, darüber ein Menschenkörper, der in einer Bluse und einem roten Blazer steckte. Das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Auf dem Gesicht eine Hornbrille von Armani.

 

Irène Sirène heisse sie, sagte sie, und ich möge ihr bitte folgen. Wir haben ein Angebot für Sie, Herr Destouches.

 

Wir gingen durch eine Allee, die von Grünalgenhecken gesäumt wurde. Meerjungfrauen und Seemänner führten ihre Seesterne Gassi.

 

Schliesslich blieben wir vor einem Hochhaus stehen, das ganz aus orangem Kristall bestand. Irène presste ihre Hand auf einen Bildschirm. Eine Tür glitt auf.

 

Drinnen sah es aus wie in einer Zürcher Privatbank, leise Harfenmusik lag in der Luft. Irène führte mich in einen Fahrstuhl, der geräuschlos nach oben glitt, und dann in einen Büroraum mit Marmorschreibtisch.

 

Wir nahmen Platz. Ich sah, dass über ihr etwas an der Wand hing, als handelte es sich um eine Jagdtrophäe: mein Bein. Zugegeben, es war aufgequollen und grün angelaufen, aber doch ganz unverkennbar das meine.

 

Irène war meinem Blick gefolgt und setzte ihr nachsichtigstes Lächeln auf. Das ist unsere Willkommensprämie, sagte sie. Herr Destouches, Ihnen gefällt doch unsere kleine Stadt, nicht wahr?

Ja, aber ich weiss nicht einmal, wie sie heisst.

 

Antisanne natürlich! Sie haben bestimmt von uns gelesen. Wir sind eine blühende Gemeinschaft mit vitalen Möglichkeiten, grosszügigen Grünflächen und viel Wachstumspotenzial. Selbst die Hummerliga erwägt, ihren Firmensitz hierher zu verlegen. Nur etwas fehlt unserer Stadt noch.

Ich seufzte. Etwa ein Nachtwächter?

 

Genau! Ich merke, wir haben Ihr Interesse geweckt, Herr Destouches, sagte die Meerjungfrau und leckte sich die Lippen. Und ehe ich mich versah, lag vor mir ein Vertrag. Ich krakelte ein Kreuz darauf, Irène schüttelte mir die Hand und meinte: Dann darf ich Ihnen gleich Ihre Prämie überreichen.

 

***

 

Und mehr gibt es nicht zu erzählen, geschätzte Leser. Ich lebe nun im Kirchturm von Antisanne in einer glücklichen Beziehung mit meinem Bein. Wir haben es gut. Wir streiten nie. Wir sind mega. Die Antisanner akzeptieren unsere Beziehung.

 

Nur manchmal – manchmal strecke ich den Kopf aus dem Fenster, lasse ein paar Luftblasen hochblubbern und denke daran, dass es doch schön gewesen wäre, Velomechaniker zu werden.

 

Zu diesem Text gibt es die Kritik Wie ich mich aufmachte, gute Literatur zu suchen von Susanne Richli.

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