Wie ich mich aufmachte, gute Literatur zu suchen

Eine Kritik zu Adam Schwarz‘ Text Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden.

 

Der erste Satz ist immer der schwierigste, wenn es ein guter erster Satz sein soll. Der muss sitzen. Er muss die Leserin und den Leser gefangen nehmen. Er muss beeindrucken.

 

Der erste Satz des Textes, dessen Kritik dieser Text darstellt, lautet: «Es war ein Fehler, mein Bein abzusägen.» Dieser Satz sitzt, weil er so unerwartet ist, beeindruckt mit der ausgefallenen Idee. Das heisst, der erste Satz des Textes ist ein guter Satz. Und das, weil er irritiert: Wer kommt auf die Idee, sich ein Bein abzusägen, und wer kommt auf die Idee, über die offensichtlich schlechte Idee, sich ein Bein abzusägen, zu schreiben? Der Autor des Textes kommt darauf. Aber auch wenn der erste Satz sitzt und gut ist, so würde ich den Text nicht als gut bezeichnen. Ich versuche in der folgenden Kritik darzulegen, warum ich zu diesem Urteil komme.

 

Ich gebe zu, ich habe die Geschichte, die der Autor erzählen will, nicht verstanden. Ist der Text die Beschreibung eines Traumes? Ist der Text eine Fantasy-Geschichte? Hat der Text eine versteckte Botschaft, die ich nicht zu entschlüsseln fähig war? Verstehe ich zu wenig von Literatur, so dass ich die Qualität des Textes nicht erkenne? Ich weiss es nicht. Vielleicht.

 

Zum Inhalt des Textes

 

Der Inhalt des Textes Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden ist einerseits fantasievoll und andererseits ist er absurd bis hin zu unlogisch. Damit diese drei Eigenschaften zusammenpassen, stufe ich den Text als eine Art Traum ein. In einem Traum ist alles möglich, es gibt keine festgeschriebenen Naturgesetze. In einem Traum scheint alles in sich stimmig zu sein und nichts erscheint absurd, sondern Träumende wissen instinktiv, dass alles seine Richtigkeit hat. Da dieser Traum aber in Literatur verpackt wird, muss ich den Schluss ziehen, dass auch die Literatur keine Naturgesetze kennt und absurd und unlogisch daherkommen darf. Mit absurden Ideen in der Literatur kann ich gut leben, so verwandeln sich Menschen durchaus mal in Käfer, mit Unlogik aber nicht.

 

Dass sich ein Mann selbst das Bein abtrennt, damit er eine erotische Beziehung mit ihm führen kann, ist zwar relativ befremdend, aber vorstellbar. Dass die Ex-Freundin ihre Position als Geliebte an Jacques Seite durch ein abgesägtes Bein bedroht sieht, ist ebenfalls durchaus plausibel: Beziehungen sind schon durch weniger spektakuläre Dinge als abgesägte Beine in die Brüche gegangen. Dass es aber «zahnlose Zahnräder» geben soll, ist unlogisch und nicht vorstellbar: Würde ein «zahnloses Zahnrad» als solches erkannt werden? Wäre ein «zahnloses Zahnrad» überhaupt noch ein Zahnrad? Über Maschinen mit ebensolchen Zahnrädern kann jetzt gestritten werden: Würden solche Maschinen überhaupt funktionieren? Wenn ja, dann würde es sich sicherlich um eine sehr komplexe Maschine handeln. Ob Velomechaniker dann noch fähig wären, solche Maschinen zu reparieren, scheint somit fragwürdig. Ein Velo ist schliesslich keine besonders komplexe Maschine.

 

Auch vorstellbar, obwohl absurd, ist, dass es eine Welt gibt, in der es neben «Ghettoblastern», «Anabolika», «Neoprenanzügen» und «Tourismusverantwortlichen» auch «Nachtwächter», «Steinkammern» und «Tintenfässer» geben kann. So erstaunt auch die Unterwasserwelt mit «Meerjungfrauen» und rauchenden «Hechte und Schwarzbarschburschen» nicht wirklich. Absolut unlogisch ist aber, dass der Protagonist, der sich ein Bein abgesägt hat und folglich nur noch einen (!) Fuss besitzt, plötzlich den «Schlamm unter seinen Füssen» (sic!) spürt, als er auf dem Seegrund aufsetzt. Weder Autor noch Lektorat haben diesen offensichtlichen Fehler entdeckt. Logik ist nicht immer ganz einfach. Aber durchaus logisch.

 

Etwas sehr irritierend scheint mir die Beschreibung der Ex-Freundin von Jacques. Es handelt sich dabei um die subjektive Sicht des Protagonisten selbst. Nur frage ich mich dabei, was für ein Frauenbild der Autor des Textes hat, wenn er eine Frau wie folgt beschreibt: Weronika ist eine «strengkatholische Bodybuilderin», deren «Pupillen [sich] weiten», wenn sie jemandem zugetan ist. Ihre körperliche Erscheinung besteht primär aus «enormen Schenkeln» (durch die der Protagonist trotzdem «hindurch zu hechten» vermag und das nota bene auf einem Bein!), «solariumgebräunter Haut», «kräftigen Armen», und «grün lackierten Nägeln». Sie «gurrt», hat einen «Anabolikaatem» und benutzt «Birkenshampoo». Weronika fühlt sich durch das abgeschnittene Bein bedroht und sieht als einzige Möglichkeit, das abgeschnittene Bein ins Wasser zu werfen, um Jacques dazu zu bringen, sie weiterhin zu lieben. Das ist kein Akt von Emanzipation, sondern eher die Verzweiflungstat einer Frau, die anscheinend ohne den geliebten Mann nicht leben kann.

 

Mir scheint, dass der Autor hier auf die Geschichte Die Welt ist eine bösartige Maschine anspielt. Die lächerliche Beschreibung von Weronika erinnert an die Hexe Evelyn und die Vampirin Vlada aus delirium N°04. Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker hätten eine wahre Freude daran, die Frauenfiguren der beiden Geschichten und die Psyche der zwei Autoren zu analysieren. Ein offensichtlich frauenfeindliches Bild ist aber auch ohne psychoanalytische Ausbildung auszumachen. Inwiefern es darüber hinaus ein Fehler war, dass der Protagonist sich das Bein abgeschnitten hat, wie zu Beginn der Geschichte gesagt wird, bleibt auch ein Rätsel. Das Bein verschwand. Aber am Ende der Geschichte findet der Protagonist es wieder und kann endlich seine Liebe zu seinem Bein ausleben. Worin bestand also der Fehler?

 

Wenn sich mir der Inhalt eines Textes nicht erschliesst, so kann er mich aber doch für sich gewinnen, wenn er eine Sprache hat, die überzeugt. Aber die Sprache von Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden überzeugt mit ein paar wenigen Ausnahmen nicht.

 

Zur Sprache des Textes

 

Die Sprache des Textes ist einfach und leicht verständlich. Sie weist keine Besonderheiten auf. Es gibt keine speziellen Satzkonstruktionen und das Vokabular ist nicht sehr ausgefallen. Es irritieren hingegen ein paar Ausdrücke. So z.B. sitzt der Protagonist am See und denkt über sein Leben nach oder: «dahte bein mit beine». Was hier ein mittelhochdeutscher Satz von Walter von der Vogelweide zu suchen hat, ohne ihn in irgendeinen Bezug zu setzten, bleibt mir ein Rätsel und scheint bloss der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Autor das Zitat von Walter von der Vogelweide kennt. Der Ausdruck Femurknochen (der Oberschenkelknochen) scheint hingegen zum Inhalt zu passen, da der Protagonist bestimmt wusste, was es genau war, was sein geliebtes Bein von ihm trennte: nämlich der Oberschenkelknochen – in der Fachsprache auch «Femurknochen» genannt.

 

Gendergerechte Sprache scheint dem Autor nicht wichtig gewesen zu sein. So werden zum Schluss «die Leser» angesprochen. Gendergerechte Sprache ist nicht immer ganz einfach, was auch einen Blick in delirium N°04 zeigt. Da kommt eine «weibliche Studentenschaft» vor. Was der betroffene Autor des Textes Über Schwindel zu einer männlichen Studentinnenschaft sagen würde, ist nicht abschliessend geklärt. Etwas unschön ist, dass den «Meerjungfrauen» «Seemänner» an die Seite gestellt werden. Ein Blick in die Mythologien hätte dem Autor eher den Begriff Wassermann vorgeschlagen. Werden doch gemeinhin Matrosen als Seemänner bezeichnet und nicht das männliche Pendant zur Meerjungfrau.

 

Als geglückte Sprachwitze hingegen würde ich beispielsweise den Namen der Meerjungfrau bezeichnen: «Irène Sirène». Eine Anlehnung an die Sirenen, welche gerne mal mit Meerjungfrauen verwechselt werden. Ebenso gefällt mir die «Sonne als kleiner Unhold» sehr gut. Obwohl hier der Ausdruck «Unholdin» treffender gewesen wäre.

 

Zu den Bezügen des Textes auf vorhergehende Ausgaben des Deliriums

 

Aufgabe der Autorinnen und Autoren von delirium ist es, Bezüge zu vorhergehenden Texten von früheren Ausgaben von delirium herzustellen. Inwiefern und wie sie das tun, bleibt ihnen überlassen. Der Text Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden macht verschiedene Bezüge zu früheren Texten. So ist der Bezug zu delirium N°04 offensichtlich: Das Zitat «War die Welt eine bösartige Maschine» referiert offensichtlich auf den Text Die Welt ist eine bösartige Maschine. Ebenso gab es in früheren Ausgaben schon «Kirchtürme» (Tunnelblick, delirium N°01), «Schiffe» und «Netze» (Jason träumt, delirium N°02). Auch das Bild der «Zürcher Privatbank» (Humorlos, delirium N°04) dürfte den Leserinnen und Lesern von delirium bekannt sein. Dass auch gerne mal «Fahrradfachliteratur» (Gegen Geschwafel, delirium N°04) gelesen wird, ist seit delirium N°04 ebenfalls bekannt. Aber mit Verlaub: Ist der Sinn von Bezügen tatsächlich, einfach ähnliche Bilder zur Sprachillustration zu benutzen? Wäre nicht vielmehr ein inhaltlicher Bezug gemeint? Der einzig nachvollziehbare inhaltliche Bezug ist vom Autor wohl eher ungewollt: Die Qualität des Textes erinnert an die Qualität von Die Welt ist eine bösartige Maschine. Und da stimme ich mit der Kritik Zum ausgebliebenen literarischen Rausch überein.

 

Mein Resümee: Gute Literatur habe ich leider keine gefunden und somit war ich erfolgloser als der Protagonist des Textes. Der findet sein Bein wieder und zum Schluss des Textes zieht er das Fazit, dass er und sein Bein «mega» sind. Das kann ich von mir und schlechter Literatur nicht behaupten. Diese Kritik hier übrigens erhebt keinen Anspruch darauf, Literatur zu sein. Falls die Redaktion denkt, meine Kritik sei völlig verfehlt und werde dem Text nicht gerecht: Ich bin gespannt auf eine Gegenkritik, die als solche deklariert wird!

Susanne Richli

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