Hypercapitalism reloaded – The game is the name of the game

Cédric Weidmann lobt Mockingjay – Part 2 zurecht. Durch seine Lektüre wird die Protagonistin Katniss Everdeen fleischgewordener Hyperkapitalismus. Fälschlicherweise deutet er dies als ein neues System. Dabei ist es doch das alte, das sich durch internalisierte Kritik selber optimiert und adaptiert. Was den Kapitalismus ja schon immer ausgemacht hat.

Dystopische Blockbuster in postapokaliptischen Szenarien feiern Hochkunjunktur (Interstellar, The Maze Runner, und Divergent, sind nur eine kleine Handlese). Überwältigungsgeilheit meets Zukunftsangst. So auch der letzte Teil der Hungergames-Tetralogie. Dieser sticht aber aus dem Meer überproduzierter Epen hervor, weil er das Genre der dystopischen Heldenstreifen auf eine neue Ebene hebt. Er stellt sich nicht gegen Dystopienarrative, wie Weidmann schreibt. Denn er zeigt nicht die Welt, wie sie sein könnte, wenn es so weitergeht, wie es jetzt ist. Er zeigt die Welt, wie sie ist. Eine Dystopie in ihrer wirkungsmächtigsten Form. Weil der Konjunktiv (sein könnte) zum Indikativ (ist) wird, kann man sich auch nicht mehr ohne Unbehagen auf sein mittlerweile fünffränkiges Glacé konzentrieren.

Und diese Welt, wie ist sie? Sie ist nicht, wie sie ist. Sie ist, wie sie gezeigt wird.

Daraus folgt, dass die Macht bei jenem liegt, der die Deutungshoheit über die Re-präsentation der Wirklichkeit hat. An diesem Punkt vernachlässigt Weidmann Figuren, die mindestens so raffiniert erzählt sind, wie die Protagonistin selbst.

Die Rede ist vorerst von der selbsternannten Präsidentin der Rebellen: Madam Coin. Nach dem Sieg der Rebellen beruft sie einen Rat der überlebenden Sieger ein. Zuvor war sie nur Rädelsführerin. Im ersten Film überraschte sie mit zittriger Stimme und Mauerblümchenimage. Als selbsternannte Präsidentin des ganzen Landes hat sie sich nun kaum verändert. Ihr grauer Zweiteiler ist etwas körperbetonter (ohne sexy zu sein) und ihre grauen, unglaublich geraden Haare sind kürzer (sie ist immer noch eine Frau, und muss als solche eine neue Frisur haben, da sie ja einen neuen Lebensabschnitt antritt, und Frauen zeigen neue Lebensabschnitte halt nun mal anhand ihres Haarschnitts).

Sobald die Sieger an der ehemaligen Tafelrunde der Aristokraten versammelt sind, zeigt sich, dass Coin nicht das geringste Interesse an einer neuen demokratischen Ordnung hat. Sie will das Klassensystem beibehalten, mit umgekehrten Vorzeichen. Die Aristokraten als neue Arbeiter. Die Hungergames sollen mit ihren Kindern weitergeführt werden. Der ursprüngliche Bösewicht, President Snow, hat in der vorhergehenden Sequenz deutlich gemacht, dass Katniss und er an der Nase herumgeführt worden seien. „I’ve been watching you, and you’ve been watching me.“ Derweil konnte Madam Coin im Hintergrund alles zu ihrem Vorteil vorbereiten.

Spätestens hier wird klar: Katniss war immer nur eine Schachfigur. Katniss‘ Aufmüpfigkeit, obwohl von Coin verurteilt, wird immer sofort im Interesse von Coin umfunktioniert. Das darf natürlich nicht sein. Katniss streckt die verkappte Bösewichtin elegant nieder und kehrt zurück in ihre Provinz, wo sie eigentlich ja immer bleiben wollte.

Der Film hat aber durchgespielt, was als Veranschaulichung poststrukturalistischer Machtanalyse betrachtet werden kann. Die Macht manifestiert sich nicht mehr bei einer Person oder einer Institution. Sie ist verstreut, depersonalisiert. Sie ist eine Hydra, der man zwar den, bzw. einen, Kopf abhauen kann, aber ob das nun jener von Snow oder von Coin ist, spielt keine Rolle. Das System ist ein rhizomatisches Geflecht, das sich selbständig fortpflanzt. Es gibt kein Ausserhalb: Coin, die nie innerhalb der dekadenten Gesellschaft war, ist noch perfider als Snow. Sie schreckt nicht davor zurück, unzählige ihrer eigenen Leute zu opfern. Das Game of Thrones ist das eigentliche Hungergame.

Zu bemerken ist, wie das Wort game an den zentralen Stellen des Filmes verwendet wird. Spannender noch, dass der gamemaker der Rebellen, Plutarch, von Phillip Seymour Hoffman gespielt ist. Dass der Schauspieler 2014 gestorben ist, verstärkt die Wirkungskraft des Filmes. Plutarch können keine Charaktereigenschaften zugeschrieben werden, er ist keine Figur, er ist das pure System. Noch aus dem Jenseits zieht er die Fäden. In seiner Absenz ist er gespenstisch präsent. Das System ist nicht zu töten, weil es nicht mehr an einen Menschen gebunden ist. Ecce: Perpetuum mobile.

Der Film verhüllt das nicht, die gamemaker sind Programmierer, Berater, jene, die das Spiel bestimmen, hüben wie drüben. Nach Coins Tod sucht Plutarch alias die Machtmaschine neue Platzhalter, neue Zahnräder, die die Maschine verbessern und dabei zugrunde gehen, damit es wieder Platz gibt für noch adaptiertere, noch optimierendere Zahnrädchen. Dies wird auch an der Funktion der Stimme ersichtlich, die Weidmann zwar erwähnt, aber nicht ausbuchstabiert.

Die Stimmen in Mockingjay sind stets grösser als der, dem sie entspringen. Mikrophone sind weitgehend verschwunden, die Stimmen von Snow und Coin füllen ohne sichtbare Technik Arena und Stadt. Stimmen sind manifestierte Identität. Identitäten sind aber auch nur Betriebssyteme.

Schon im vorigen Film löst sich die Stimme von der Protagonistin ab. Dort singt Katniss das Lied der Revolution („The Hanging Tree“, sehr zu empfehlen). Es wird von den Spotttölpeln aufgenommen und fortgetragen. Ihre Stimme wird zum Revolutionskatalystor instrumentalisiert. Es geht noch weiter. Peeta erhielt ein reset, ihm wurde Snows Sicht injiziert. Deshalb würgt er Katniss am Ende des vorigen Filmes fast zu Tode. Dabei drückt er ihr die Stimme aus dem Leib: zu Beginn des neuen Filmes kann Katniss nicht einmal ihren Namen sagen. Darauf wird sie von Ärztin und Plutarch neu programmiert (virtuos beschrieben von Weidmann).

Einige Minuten später finden wir uns in dem Konflikt, dass die Leute in District 2 zu Snow halten. Auf die Frage, was geschieht, wenn diese Loyalisten nicht zu den Rebellen überlaufen, antwortet die graue lady: „Then we’ll need a compelling voice, that will persuade them.“ Natürlich ist damit Katniss‘ Stimme gemeint, die ja kurz zuvor im Interesse von Plutarch geformt wurde.

Schlussendlich ist auch Coin nur Plutarchs Sprachrohr. Die Rede, die sie am Schluss des dritten Films hält, spricht Plutarch stumm mit, – ihre Stimme ist nur eine von vielen seines Arsenals. Er lässt Coin dies sogar in jener Rede sagen: „We are one people, one army, one voice.“ Welche Stimme das ist, ist offensichtlich.

Die Individuen sind von der invisible hand geführt werden. Allen voran weiss das Katniss: «I’m a slave of Snow.» Aber gerade Snow ist nicht der absolute Macht-haber. Auch er wurde, wie erwähnt, von Coin an der Nase herumgeführt. Auch er hat seine gamemaker. Katniss vernichtet mit Coin also bei Weitem nicht das Spiel. Im Gegenteil. In einer Diktatur macht die innovative Selbstausbeutung nicht so viel Spass, da muss etwas Egalitäreres her. Das Spiel bekommt einen neuen look. That’s all. Plutarch-Hoffman und sein Spinnennetz überleben.

Und das Happy End? Ist kitschig (im landläufigen Sinn), aber nicht Kitsch. Kitsch, so Kundera, sei die absolute Verleugnung von Scheisse. Die Kundera’sche Scheisse kommt sehr wohl vor: Katniss hat immer noch Alpträume. Katniss wollte immer nur in Frieden leben. Peng. Sie hat so gut gespielt, wie sie konnte, und sie hat sich eine kleinbürgerliche Familie in auenländischer Provinz verdient. Mit zwei Sprösslingen, sensiblem Ehemann und Blümchenkleid. Und wie hat sie es dorthin geschafft, wie hält sie die Schrecken des Lebens aus? Sie verrät uns und ihrem Säugling das Geheimrezept. Es ist ein an Scheherazade gemahnendes Vorgehen: Erzählen, um zu überleben: „But I’ll tell you how I survive it. I make a list in my head, of all the good things I’ve seen someone do. It’s like a game, I do it over and over.“

Ein Kenner der Antike wird sagen: das hat doch der historische Plutarch auch gemacht! Beispielhafte Biographien erzählt. Wie aber nennt Katniss ihr Erzählen? Nicht eine Erzählung, sondern ein Spiel. Und was tut sie mit Plutarchs Spiel? Sie gibt es ihrem Säugling weiter. Das neue ist das alte, over and over.

Capitalism, and film, at its best.

Dominik Holzer

6 Kommentare

  1. Das sind sehr schöne Bemerkungen, zur Stimme, zum Spiel.

    Für eine „Das System ist das System, das System gewinnt immer“-Lesart, ist mir die Geschichte aber zu schade. So etwas wäre sehr leicht zu zeigen gewesen, ohne sich in alle Himmelsrichtungen zu verrenken. Katniss hätte auch eine moralische Person sein können, eine mit Charakter und eigener Stimme, die das Beste will und scheitert, wenn es nur darum ginge, dass das System das System bleibe. Ich halte daran fest, dass ich glaube, dass Hunger Games jenen typischen Dystopiegeschichten — wo das System ja immer das System bleibt, nur ein, zwei Figuren sich nicht richtig dazu bekennen können, man denke an den Klassiker, an 1984 — etwas Entscheidendes zu erwidern hat:

    Es gibt noch Heldentum, das System kann überwunden und besiegt werden. Du musst nur bereit sein, deinen Körper, deine Stimme und jede Ideologie zu opfern.

    Genau das tut Katniss. Dass in der Zwischenzeit im Kapitol das System weiter „herrscht“, stimmt zwar nach der Erzähllogik. Aber die Erzählperspektive verschwendet (nur im Film, im Buch gar keine!) nur wenig Aufmerksamkeit darauf. Noch mehr als das ist aber die Siedleridylle der letzten Szene nicht unter die Herrschaft dieses Systems zu ordnen, sondern verkündet seinen endgültigen Untergang. Das verlorene, zusammengeschrumpfte Amerika scheint für jemanden wie Katniss wieder zum Wilden Westen zu werden. Plutarch ist träge, und Philipp Seymour Hoffmann ist gestorben. Wenn das Neue Kapitol nicht schon dem Untergang verschrieben ist, den Katniss heraufkündigt, wie ich das sehe, dann ist das Neue Kapitol einfach sehr, sehr unsexy und öde.

    Inwiefern die Dystopie hier ein Indikativ und kein Konjunktiv sei, erschliesst sich mir daher nicht ganz.

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    • Dass das System überwunden wird, sehe ich nicht.
      Wie du sagst, hat Katniss weder eine eigene Stimme, noch einen eigenen Körper, noch eine eigene Ideologie.
      Wo machst du das Heldenhafte fest? An der Überwindung all dessen?

      Dass das System immer gewinnt, ist tatsächlich leicht zu zeigen.
      Es muss aber auch immer wieder gezeigt werden.
      Manche Dinge sind so banal, dass unser Denkapparat angesichts der Banalität beleidigt trödelt.

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    • Also irgendwo muss dann doch die Bremse gezogen werden. „Hunger Games“ und „1984“ sind ja wohl keineswegs im selben Atemzug zu nennen. Erstere sind eine Blockbluster-Reihe, aufgebröselt von einer auf Jugendliche gerichteten Romanreihe, in welche das Kapital investiert hat und fetten Gewinn eingeholt hat, unter anderem auch mit massig Merchandise. Kapitalismusverweise und -analysen sollten sich wohl eher durch die Verhältnisse der Filmreihe, ihrer Entstehung und Vermarktung, und nicht durch die Inhalte erschliessen. Denn die Inhalte sind auf maximale Marktauglichkeit getrimmt, und nicht auf untergründige Zeitgeistkritik (egal ob ungewollt oder gewollt). Diese vielfachen Verweise, die ihr hier bemüht, wirken: Bemüht. Die „Hunger Games“ Reihe bleibt ein profitorientiertes Unterfangen, dessen Produkt man magen kann oder nicht – so wie man den Arsch von Jennifer Lawrence sexy finden kann oder nicht. Das ist dem Geschmack des Konsumenten überlassen. „1984“ hingegen ist die Formulierung einer Kritik am stalinistischen Terror und allgemein diktatorischer Denkensart, welche sich mittels Propaganda perpetuiert und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der Perspektive einer proletarischen Erhebung allgemein sowie spezifisch gegen eine Partei, welche propagandistisch behauptet, die Interessen des Proletariats zu vertreten. Formuliert durch einen Anarchisten, der über mehrere Jahrzehnte Teil solcher Diskussionen war, im Bürgerkrieg diesen Gegensatz schemerzhaft erleben musste.
      In „1984“ flossen Jahrzehnte Auseinandersetzung innerhalb der Linken, und Orwell verstand es, diese gleichzeitig in die sich anbahnende Entwicklung einer technokratischen Gesellschaft ohne effektive personalisierte Herrschaft nach dem 2. Weltkrieg zu transzendieren.
      „Hunger Games“ dagegen ist ein Produkt, das sich selber verkaufen will. Von Anfang an.
      Als geistige Spielerei finde ich es ja auch amüsant, da und dort ein bisschen Medienkritik zu sehen und die Ironie in dem Ganzen. Wenn z.B. Jennifer Lawrence als Jennifer Lawrence da steht, um die Katniss zu spielen, die wir ebenso wie das virtuelle Aufnahmestudio von ihr erwarten. Aber auch da wäre man wohl besser bedient, mit der Spektakeltheorie Debords zu kommen, und sie als eine dieser „leeren Hüllen“ eines Stars zu sehen, die als Agentin für das Spektakel dient. Aber ich würde mich davor hüten, diesen Film als etwas zu erklären versuchen, das er a.) nicht ist b.) nicht darstellt c.) nicht sein will d.) und was auch Niemanden interessiert, der den Film schauen geht.
      Mich interessiert nämlich nur Frau Lawrencens Hinterteil in diesem gespannten Latex. Und oberflächliche (und zudem verzerrende) Verweise auf eine nicht vorhandene „kommunistische Bewegung“ oder eine „umgekehrte Klassengesellschaft“ vermiesen mir bloss meinen Voyeurismus in der heimeligen Atmosphäre passiver Zuschauerschaft.

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  2. Ein blödes Detail stört mich: „Interstellar“ ist sicher ein postapokalyptisches Szenario, aber wo ist da die Dystopie, besonders im Sinne von „Hunger Games“, „Divergent“ und „Maze Runner“? Da hätt ich jetzt eher „Ender’s Game“ hinzugerechnet. Oder allenfalls „Mad Max: Fury Road“.

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    • Hehe… gute Bemerkung. Wenn jedes Untergangsszenario zu den Dystopien gezählt würde, wären Filme wie „Armageddon“, „Independence Day“ und „2012“ ebenfalls Dystopien… 😀

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