Wie ich mich aufmachte, die Frauenfeindlichkeit zu suchen

Sexismus und Frauenfeindlichkeit sind und bleiben relevant in unserer Gesellschaft, von der Wirtschaft über die Politik bis hin zum Kulturbetrieb. In unserer Sprache und in den Köpfen der Menschen ist das Patriarchat unausweichlich.
Sexismus findet sich überall. Sei es Lohndiskriminierung, Urteile über Mütter, solche die es werden wollen, oder Frauen ohne Kinderwunsch. Unser Alltag ist von explizitem und implizitem Sexismus geprägt. Susanne Richli findet Frauenfeindlichkeit auch in Adam Schwarz’ Text Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden. Nicht nur das: Sie wirft Adam Schwarz selbst eine frauenfeindliche Haltung vor.

Der erste Knackpunkt scheint dabei die Figur der Weronika zu sein. Richli unterstellt Frauenfeindlichkeit in ihrer Beschreibung, insbesondere die Bezeichnung als «strengkatholische Bodybuilderin» mit «enormen Schenkeln» und «kräftigen Armen» hat es ihr angetan – was genau an einer gut gebauten Frau sexistisch sein soll, erklärt sie nur mit der Referenz auf Die Welt ist eine bösartige Maschine, soll heissen, erklärt wird hier gar nichts. Was um Himmels Willen an grünlackierten Nägeln und Anabolikaatem sexistisch sein soll, wird mir auch bei grösster Fantasieanstrengung wohl niemals klar werden. Schliesslich stört sich Richli am Birkenshampoo. Birkenschampoo ist also – im Gegensatz zu was? Eichenshampoo? – gegendert? (Falls irgendjemand Birken- oder Eichenshampoo im Handel findet: Es ist bald Weihnachten, ich würd mich freuen.)

Weiterhin schreibt Richli, diese als frauenfeindlich behauptete Frauenfigur lasse nun in irgendeiner Form Rückschlüsse auf die Psyche des Autors zu. Nicht des Erzählers, nicht des Protagonisten, sondern auf die von Adam Schwarz persönlich. Wenn hier irgendjemand seine eigenen Gendervorstellungen auf den literarischen Text projiziert, dann ist das wohl kaum der Autor von Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden, sondern viel eher seine Kritikerin, die Weronika jenseits von irgendwelchen Belegen eine erbärmlich Motivation unterstellt.
Wenn wir uns nun die andere Frauenfigur Irène Sirène anschauen, fällt ihre äusserliche Beschreibung besonders ins Auge. Der Erzähler bemerkt: «Sie sah aus, wie man sich Meerjungfrauen halt vorstellt: Ein grüner Flossenunterleib, darüber ein Menschenkörper, der in einer Bluse und einem roten Blazer steckte.» Genau so stellt man sich eine Meerjungfrau vor. Es ist ja überhaupt nicht so, als hätten die Unterhaltungsindustrie zum Beispiel mit Disneys Arielle, oder im Laufe der Jahrhunderte unzählige Maler Meerjungfrauen mit nacktem Oberkörper oder Muschelbikinis sexualisiert dargestellt. Niemals haben Dichter Meerjungfrauen als Lustobjekt oder Fantasieerfüllung ohne eigene Handlungsfreiheit beschrieben. Sicher waren sie schon immer Hornbrillen tragende Vertragspartnerinnen.

Sprache ist wichtig. Sie drückt einerseits unsere Einstellungen aus, zeigt, wovon wir beeinflusst werden und wie wir denken. Andererseits beeinflusst Sprache auch unser Denken und unsere Einstellungen. Dieser Kreislauf ist insbesondere im Bezug auf Genderthematiken berechtigterweise vielbeachtet. Davon auszugehen, dass «Seemänner» anstelle von «Meermännern» als ungeschicktes Pendant zu «Meerjungfrauen» gewählt seien und die Doppelbedeutung des Matrosen unbeabsichtigt wäre, ist hingegen blosse Unterstellung.

Quer durch die Kritik zieht sich die Vorstellung, dass die Denkweise des Autors einer fiktionalen Geschichte mit den Äusserungen und Gedanken seiner Figuren übereinstimmen müsse. Selbst wenn Jaques ein chauvinistisches Schwein wäre – wofür es absolut keine Indizien, geschweige denn Beweise gibt –, wäre es skandalös, solche Einstellungen dem Autor persönlich anzudichten. Oder soll Schwarz als nächstes aufgrund seiner ausgereiften Psychose in eine geschlossene Anstalt eingeliefert werden? Schliesslich glaubt er ja offensichtlich, dass Meermenschen auf dem Grund des Genfersees Verträge mit einbeinigen Nachtwächtern abschliessen und ihnen ihre verlorenen Gliedmassen als Willkommensprämien anbieten.

Wenn wir kaum begründet Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wo sie objektiv kaum nachzuvollziehen ist, stellt sich der Feminismus selbst ein Bein. Es ist schwer genug, sich gegen idiotische Aussagen wie «Gleichstellung ist doch schon längst erreicht» und «Frauen geht es doch eh viel besser» zur Wehr zu setzen. Dem Statement «Feministinnen schreien doch immer grundlos Sexismus, damit sie was zu jammern haben» auch noch Munition zu liefern, ist dermassen kontraproduktiv, dass mich diese Kritik erschüttert. Am 11. Dezember mussten Aktivistinnen Geld auf den Paradeplatz regnen lassen, um überhaupt ein Gleichstellungsthema ins Gespräch zu bringen. Es ist nur zu hoffen, dass sich Befürworter*innen der Gleichberechtigung nicht auch noch auf Ignoranz aus den eigenen Reihen einstellen müssen.
Wie ich mich aufmachte, gute Literatur zu suchen hat mich nun doch neugierig gemacht: Wer verbirgt sich hinter dem Autornamen Adam Schwarz? Adam, falls ich dich je mal treffe, hätte ich nur zwei Fragen: Mögen du und Weronika Robert Crumb? Und was hältst du vom Pseudonym Eva Weiss?

Melanie Koller

4 Kommentare

  1. 1. Feminismus ist immer zweischneidig: Wir können feministische Diskussionen auf einer Metaebene führen, aber das Persönliche fällt nie ganz weg. Das zeigt Kollers Kritik auf Richlis Kritik.
    2. „Objektivität“ ist kein hinreichendes Argument. Wer reklamiert sie denn hier für sich? „Objektivität“ ist diejenige Argumentationskeule, mit der in unserer (Wissens)Gesellschaft allenthalben auf subalterne Forderungen und Ideen eingedroschen wird. Woher kommt überhaupt dieser Objektivitätsanspruch? Müssen/Wollen wir ihn erfüllen?
    2. Das Persönliche in der feministischen Debatte ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke – weil sich der Feminismus dadurch eben nicht verakademisieren lässt sondern seine prise Bewegung, Subversion und Politik behält. Ich möchte die Subjektivität und das Persönlichsein in beiden euren Kritiken als Merkmal einer feministischen Debatte bejahen.
    3. Richlis Kritik scheint Anregung gewesen zu sein für eine Auseinandersetzung, wobei diese Auseinandersetzung wiederum zu meinem Kommentar führt. Es lebe die feministische Debatte – wir brauchen mehr davon!

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  2. Ignorieren wir einmal diesen unfreiwililg komischen Beitrag da oben, welcher die Diskussion auf die Eventebene zu ziehen versucht. Nur weil sich widersprechende Argumente wahrgenommen werden, ist noch keine Debatte angestossen. Die Parität zweier Argumente künstlich herzustellen zu versuchen, obwohl sie sich widersprechen, scheint mir kleingeistig und feige. Das auch noch mit Verweis auf eine „Gleichberechtigung“ subjektiver Meinungen unter Relativierung des Objektiven ist dann haarsträubend. Meinungen sind wie Arschlöcher, bekanntermassen. Nur weil man es „subjektiv“ nennt, wird es nicht weniger verschissen, würde ich mal meinen…

    Sowohl Richli wie auch Koller beziehen sich auf den Text von Schwarz. Das ist ihr Objekt. Koller bezieht sich zusätzlich auf die Kritik von Richli. Auch diese ist objektiv vorhanden. Daran gibt es subjektiv nichts daran zu schwurbeln. Wie Koller ausführt, kritisiert Richli den Text von Schwarz einseitig und verfälschend (indem sie z.B. Autor und Erzähler nicht auseinander halten will) und zieht implizit den Vorwurf einer Misogynie. Zitat: „Ein offensichtlich frauenfeindliches Bild ist aber auch ohne psychoanalytische Ausbildung auszumachen.“
    Die Reklamierung einer solchen Haltung durch Richli findet den Widerspruch Kollers, und zwar nicht etwa, weil ihr das „subjektiv“ nicht gefällt, sondern weil – Zitat: „Wenn wir kaum begründet Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wo sie objektiv kaum nachzuvollziehen ist, stellt sich der Feminismus selbst ein Bein.“ – Denn der Text gebe nicht das Material für einen solchen Schluss, wie Koller objektiv anhand der Textpassagen nachzuweisen versucht (im Gegensatz zu subjektiven Eindrücken). Im Gegenteil, es wäre sogar falsch, in die Kerbe des Seximus zu hauen, bzw da es zu einem emanzipativen Gemäkel ohne Grundlage bei Richli gelangt, ist es letzlich sogar gegen das Interesse eine/r/s Jeden, der/die sich emanzipativ versteht. Die Kritik Richlis wird damit – und ab hier führe ich meine eigene Haltung ein – zu einer Trittbrettfahrerei des Emanzipierten. Warum Richli das macht, weiss ich nicht – aber da ihre Kritik auch sonst von normativen Wertungen, Unterstellungen und Verkürzungen lebt, und bloss aufgrund ihrer Länge nicht in den Verdacht gerächt, bloss ein simples „I like“ oder „I dislike“ auszudrücken, sehe ich das Abfallproukt als Teil der Produktion (pseudo-) kritischen Mülls. Es ist schade, dass Richli (übrigens genau wie Ersoy in seinem ausgebliebenen Rausch) sich nicht auf den Text einlässt, sondern eigene Dünkel ins Feld zieht, um die Begründung, warum ihr der Text nicht gefällt, zu finden. Dass sie sich hierbei bis zu einer Sexismuskritik verführen lässt, erzählt leider mehr über sie als über Schwarzens Text (welchen ich übrigens genoss, gerade der Anfang: Gothisch! Düster! Romantisch!).
    Ich schliesse: Ich glaube, es ist kein Problem des Seximus, bzw des Vorwurf desselbigen, das wir bei Richli vorfinden, sondern die Unsicherheit im Umgang mit einem Text, der nicht gefällt, und die Schwierigkeit, darüber zu schreiben. Anstatt die Möglichkeit der „Blume im Misthaufen“ zu suchen, wird die Kritik zum Anlass genommen. Umso erstaunter bin ich einmal mehr über die Deliriumredaktion, dass sie solches als Kritik durchgehen lässt…

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