Wie ich mich aufmachte, eine gute Kritik zu suchen

Eine Kritik zu Susanne Richlis Kritik wie ich mich aufmachte, gute literatur zu suchen, die ihrerseits entstanden ist zu Adam Schwarz‘ Text Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden.

Ich stehe am Ufer des Zürichsees, wo mir der Wind durch die Haare fährt und die Enten mir böse Blicke zuwerfen, während ich meine Verzweiflung in die tosenden Wellen hinausschreie. «Woher?», platzt es aus mir heraus. «Woher kommt es, dass im delirium nicht die Kurzgeschichten oder Gedichte, sondern stets die Kritiken am meisten Kritik verdienen?»
Dabei denke ich an den Text von Yunus Ersoy (Zum ausgebliebenen literarischen Rausch), aber mehr noch an den von Susanne Richli. Beide legen sie ein bestürzendes Verständnis davon an den Tag, was eine Kritik ist. Da geht es nicht um die Auseinandersetzung mit einem Text, sondern um das Abarbeiten einer Mängelliste, um das kleinliche Aufzählen von echten und vermeintlichen Fehlern. Das wird keinem Werk gerecht und ist stinklangweilig zu lesen. Ihr glaubt mir nicht, liebe Enten? Lasst mich ausführen.

Die Wurzel des Übels besteht darin, dass Richli zur Kurzgeschichte nichts einfällt: «Ich gebe zu, ich habe die Geschichte, die der Autor erzählen will, nicht verstanden.» Sie macht auch nicht den Eindruck, als wolle sie verstehen. Stattdessen verlegt sie sich aufs Erbsenzählen. (Ah, da horchen die Enten auf. Die lieben Erbsen.)

Jedenfalls, Richli kritisiert Schwarz dafür, dass er von einem «zahnlosen Zahnrad» schreibt, denn das könne es ja gar nicht geben, das sei unlogisch und unvorstellbar. Ein Autor benutzt eine Metapher, die nicht der Alltagslogik entspricht? An den Galgen mit dem Schwein!
Im Text steht etwas vom «Schlamm unter seinen Füssen», obwohl die Figur, von der da nie Rede ist, nur einen Fuss hat? In den elektrischen Stuhl mit dem Lektorat!

Oder Richli kreidet Schwarz an, dass seine Geschichte nur oberflächlich auf vorhergehende delirium-Texte Bezug nehme. Hat denn irgendwer vom Magazin jemals vorgeschrieben, in welcher Form und wie tief ein literarischer Text auf die vorherigen Bezug zu nehmen hat, so dass man jeden Beitrag an eben diesen Vorschriften messen müsste? Interessiert das denn überhaupt jemanden (ausser obsessive Kleinkrämer)? Und könnt ihr kurz mal aufhören, Brot zu fressen?

So geht es bei Richli weiter – pure Pedanterie, wohin man blickt. Und das dann, weils so gut passt, in einer ärgerlich seichten Sprache:

«Wenn sich mir der Inhalt eines Textes nicht erschliesst, so kann er mich aber doch für sich gewinnen, wenn er eine Sprache hat, die überzeugt. Aber die Sprache von Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden überzeugt mit ein paar wenigen Ausnahmen nicht.»

Ich frage euch Enten, denn sonst ist ja keiner da: Soll das ein Witz sein? Wirklich aufgeregt habe ich mich dann darüber, wie sich Richli herauszuwinden versucht: «Diese Kritik hier übrigens erhebt keinen Anspruch darauf, Literatur zu sein.» Mit Verlaub, genau darin liegt das Problem. Eine Kritik hat sich der Leserschaft gegenüber genauso zu verantworten wie eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht. Wenn Literatur «schlecht» sein kann, dann eine Kritik ganz genau so.

Richlis letzter Satz ist also glatter Hohn. «Ich bin gespannt auf eine Gegenkritik, die als solche deklariert wird!» Bei allem Respekt: Bevor Richli eine Gegenkritik fordern könnte, müsste sie erst einmal eine Kritik schreiben, die den Namen auch verdient.

Darauf wissen auch die Enten nichts zu erwidern und ich geh zufrieden nach Hause, nachdem ich das delirium im See versenkt habe.

Gregor Schenker

7 Kommentare

  1. Bam!
    Eine Kritik zur Kritik, in seiner Kürze und Beweisführung beinahe schon ein juristisches Fallbeispiel. Dumm nur, dass dies nicht der Präzedenzfall ist.
    «Woher kommt es, dass im delirium nicht die Kurzgeschichten oder Gedichte, sondern stets die Kritiken am meisten Kritik verdienen?» – Vielleicht weil die Redaktion sich schwer tut, ein Verständnis von Kritik zu entwickeln das weiter geht als ein postmodernes „anything goes“?

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    • Lieber Albi
      Dein Vorwurf ist alt und unsere Erklärungen, weshalb „unser“ Kritikverständis letztlich egal ist, inzwischen ebenso. „Die Redaktion müsse, so einer der Vorwürfe, klar machen, wie eine Kritik auszusehen habe. – Nein, muss sie nicht. Es mag vielleicht die Aufgabe hornbebrillter Feuilleton-Redakteure etablierter bürgerlicher Tageszeitungen sein, darüber zu entscheiden, was und wie Kritik ist – und damit auch indirekt darüber, was Literatur zu sein hat –, aber nicht die unsere. Das Haus delirium, hiess es einmal in einer Vorgängerausgabe, habe viele Türen. Das Haus delirium: dieser Möglichkeitsraum, in dem Kritikerinnen und Schreibende aufeinandertreffen, um über dieses Ding, das alle Literatur nennen, aber von dem keiner so genau weiss, was es ist und was es sein sollte, zu reden. Und es sollte dieser Diskurs sein, der über Text, Kritik und Literatur als Ganzes entscheidet, und nicht ein selbst ernanntes Gremium, das im stillen Kämmerchen über Fragen brütet, während die Leserschaft darauf wartet, dass ihnen die Antwort auf die Frage, die grosse Frage nach dem Leben, dem Universum und allem vor die Füsse gespuckt wird.“ – Daniel Grohé, Editorial #5.

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      • Also nicht nur postmodern, sondern auch selbstreferenziell und redundant.
        Bestimmt man denn, wie Kritik sein soll, wenn man verneint, was nicht Kritik ist?
        Die Schwierigkeit der Kritik liegt in ihrer Definition, ihre Herausforderung aber in ihrer Bestimmung. Die Kritik, wie sie im Feuilleton praktiziert wird, bestimmt sich durch ein journalistisches Format. Im Zusammenhang einer Zeitung beantwortet solche Kritik immer auch die Frage des Konsumenten, was er lesen (oder schauen, oder besuchen gehen) soll. Solche Kritik bietet sich dem Leser an und in ihrem Angebot macht sie ihn zum Konsumenten. Andere Kritik wäre möglich, und ist nötig. Nicht nur dadurch, dass das Format des Feuilletons zu seinem Ende kommt, nicht nur, dass solche Kritik journalistisch an den Mechanismus von medialer Öffentlichkeit gebunden ist, sondern auch weil sie weniger an die Literatur als an die Presse und deren Regeln gebunden ist.
        Eine (behauptete) wortgewaltige Stürmerei auf die Bastion der Literatur, wie sie das delirium behauptet („Gegen Literatur“) gilt als Massstab. Die unterschiedlichen Rahmungen (eigenes Magazin, Blog, Veranstaltungen) zeigen auch den Willen dazu auf. Doch die eigenen Verlautbarungen widersprechen dem so behaupteten Projekt. Nicht ‚gegen Literatur‘ mittels eines erneuerten Verständnisses, wie Kritik entstehen, sich formulieren und behaupten kann ist die Stossrichtung, sondern die Nivellierung von Meinung und akademischer Analyse. Nur weil einer eine Meinung hat und die Sprache, sie auszudrücken, sowie sich im Format der (Zeitungs-)Kriik üben möchte, macht ihn das noch nicht zum Kritiker. Häufig künden solche Versuche eher vom Wunsch, Zeitungsschreiberling zu werden. Das Schreiben solcher Kritik vollführt sich somit als unbestimmt, als ungelenkt, und fällt in eurem Magazin noch hinter das journalistische Verfassen von Kritiken zurück. Es ist die Imitation von Kritik.
        Dem Gegenüber könnte man stellen (könnte man!): Vieles. Wenn man den Mut dazu hat. Die Bindung der Kritik an die Kunst, ihre Produktion als Schaffungsprozess. Ihre Bindung an den eigenen Gegenstand, in Form und Inhalt (und nicht in Analyse und Meinung). Kritik, welche ihren Gegenstand überflügelt, Kritik, welche beim Leser die Freude am Unbehagen, die Lust am kreativen Wortstreit; die Sinnlichkeit dabei, Unsinniges von Sinnlichkeit zu trennen und wieder dialektisch zueinander zu führen.
        Das aber lehnt ihr ab. Und lehnt damit einen wesentlichen Zug der Kritik ab. Warum? Das versteht keiner.
        Warum führt ihr keine Kritik-Werkstätten, in denen ihr euch selber die Standards erarbeitet, nach denen ihr Kritik schreiben wollt? (Denn Standards werdet ihr haben, auch wenn ihr sie verneint) Warum fühlt sich das 5. Deliriummagazin immer noch wie das erste an, als kommt ihr nicht vom Fleck, als wäre es euch… egal? Und warum beschleicht mich das Gefühl, dass ihr sowohl jene, die euch Texte zusenden, wie auch jene, die Kritiken dazu schreiben, verheizt, indem ihr ihnen alles durchgehen lässt, anstatt das Gespräch mit ihnen zu suchen?
        Meine Antwort ist Vermutung: Ihr wollt es gar nicht. Euch geht es nicht um Kritik, euch geht es nicht um Literatur, euch geht es nicht um die Diskussion (denn ihr führt sie nicht). Ich weiss nicht, um was es euch geht, und ich glaube, ich will es lieber auch nicht wissen: Ich ahne Schreckliches.

        Wohlgemerkt, ich merke, ihr reagiert mit kindlichem Trotz auf solche Vorstösse, unfähig zu differenzieren.
        Ich zitiere mich selber: „Vielleicht weil sich die Redaktion schwer tut, ein Verständnis von Kritik zu entwickeln das weiter geht als ein postmodernes ‚anything goes‘?“ –
        was bei euch ankommt als:
        „Die Redaktion müsse, so einer der Vorwürfe, klar machen, wie eine Kritik auszusehen habe. “

        Wenn die Diskussion nicht irgendwann geführt wird, werdet ihr das Interesse jener, die sie gerne führen möchten, bald verspielt haben.

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  2. The game of life (by Conway): Da gibt es ‚glider‘ und ‚glider-kanonen‘. ob es enten oder spatzen gibt?

    1. du (greogor) hast recht.

    2. wir lernen.

    3. wozu delirum versenken?

    4. hast du einmal conway’s game of life gespielt?

    5. albrecht: wie verhalten sich marxismus und naturwissenschaft zueinander, sowohl historisch als auch systematisch?

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