Drachen und andere Viecher: Über die Kunst, Literatur zu verreissen

Gegenüber meiner Wohnung liegt eine Schule, deren Gelände auch ein Fussballfeld umfasst. Erst kürzlich sah ich vom Fenster meines Zimmers aus mit an, wie so ein Knirps versuchte, einen Ball ins Tor zu schiessen. Er traf nur die Latte. Da riss ihm ein älterer Schüler den Ball aus den Händen. «Idiot!», brüllte er den Kleinen an. Als er selbst zum Schuss ansetzte, stolperte er jedoch über den Fussball und fiel der Länge nach hin. Während er noch benommen den Kopf schüttelte, packten ihn Maulwürfe bei den Zehen und zerrten ihn unter die Erde.

Aber kommen wir zum Thema: In der letzten Ausgabe des deliriums kritisiert Yunus Ersoy eine Kurzgeschichte von Jens-Philipp Gründler, die den Titel Die Welt ist eine bösartige Maschine trägt. Darin bekämpft ein Held namens Georg groteske Ungeheuer, namentlich einen siebenköpfigen Drachen und ein dürres Vampirweib. Am Ende stellt sich heraus, dass die Monster nur imaginiert sind; sie repräsentieren in der Vorstellungswelt des jugendlichen Protagonisten seine realen Peiniger.

Ersoy wählt für seine Kritik die Überschrift Zum ausgebliebenen literarischen Rausch und macht keinen Hehl daraus, dass ihm Gründlers Geschichte «überhaupt nicht gefällt». Aber: «Vielleicht gelingt es ja, allfällige Leser für die ausgebliebene Lust am Text mit Spass an der Kritik zu entschädigen.» Dieser Versuch misslingt Ersoy allerdings. Wieso nun bleibt neben dem literarischen auch der kritische Rausch aus?

Zunächst einmal ist Ersoys Kritik über weite Strecken eine eintönige Auflistung sprachlicher Mängel – so verwendet er 175 Worte darauf, eine rein formale Kritik an einem Satz von fünfzehn Worten zu üben. Der Rezensent lässt sich darüber aus, dass «Medaillon» und «Amulett» synonym verwendet werden, oder moniert, dass die direkte Rede bei Gründler nicht nur in Anführungszeichen, sondern auch noch kursiv gesetzt ist. Damit mag Ersoy recht haben, tritt aber in die Falle pedantischer Sprachkrämerei à la Bastian Sick.

Mit dem selbsternannten Fürsprecher des Genitivs verbindet ihn zudem die arrogante Haltung des elitären Pseudointellektuellen, der auf Unterlegene herabsieht und sie mit selbstgefälligem Grinsen niedermacht: «Mein erster Einfall für eine Kritik des diesen Seiten vorangehenden Textes war ein exaktes Zitat des zu besprechenden Textes, das sein Original durch Verdoppelung kritisierte, indem es schlicht auf die Sinnlosigkeit einer Zweitlektüre verwiese.»

Das ist der Humor eines Schulhoftyranns, der einem Schwächeren die Shorts herunterzieht, damit alle über die Löcher in seiner Unterhose lachen können. Dabei geht der Haarspalter selbst nicht weniger schludrig vor, indem er unter anderem konsequent Erzähler und Autor verwechselt.

Spass macht eine solche Kritik wirklich nicht. Als positives Gegenbeispiel möchte ich den Artikel von Andreas Hauri in derselben Ausgabe herbeiziehen. Er verbeisst sich in zwei Gedichte von René Oberholzer:

«Im Gedicht Vorzeitiges Ende stutzt man schon nach ein paar Zeilen, ruht mit den Augäpfeln und ist (erst einmal) übel gelaunt. Denn, wie das für Gedichte so üblich ist (wahrlich ein Laster!), kerkern die wenigen Zeilen des Gedichts die Fantasie des Lesenden förmlich ein, bevor man sich dann, sachte und behutsam, aus dem ‹Dichticht› freisäbelt.»

Bei solchen Sätzen möchte man vor Freude einen Rückwärtssalto machen und dabei mit den Füssen einen Lampenschirm kaputtschlagen. Auch Hauri schreibt einen Verriss, vergisst dabei aber nicht den Humor und die Freude am Sprachexperiment, oder allgemein: den Esprit. Gerade das, was den kritisierten Gedichten oder letztlich auch Ersoys Kritik fehlt.

Hauri beweist, dass eine Kritik mehr sein kann als eine blosse Mängelliste. Alfred Kerr, der Schutzheilige aller Theaterkritiker, forderte in den 1920er-Jahren, man müsse die Rezension als eine selbstständige Kunstform verstehen: «Dichtung zerfällt in Epik, Lyrik, Dramatik und Kritik.» So fasst er sein Programm zusammen in der Einleitung zu seinen Gesammelten Schriften.

In der gegenwärtigen Medienlandschaft reduziert man die Kritik auf einen Nachgedanken. Ob in Zeitungen oder im Internet: Rezensenten begnügen sich meist mit Konsumentenberatung. Hier eine Empfehlung, dort eine Reklamation. Ist das Produkt sein Geld wert oder nicht? Dabei kann eine Besprechung selbst eine Geschichte erzählen, Witze machen oder als Gedicht auftreten.

Wenn sie auf eigenen Beinen steht, kann eine gute Kritik auch einem schlechten Werk etwas abgewinnen. Kerr schreibt, der Kritiker müsse es verstehen, «aus der Art des Mistes auch die Möglichkeit der Blumen zu fühlen, die auf ihm wachsen könnten.»

Die Diskussion über die Möglichkeiten der Kritik muss dringend geführt werden – als Mittel gegen fade Kritiken wie Zum ausgebliebenen literarischen Rausch. Statt sich einseitig auf textliche Äusserlichkeiten einzuschiessen, hätte Ersoy der Leserschaft Spass bereiten können, indem er nach den Trouvaillen jenseits der Fehlerliste sucht. So schreibt er: «Doch am meisten stört die parallele Bedienung unterschiedlichster Register.» Auch das beobachtet er richtig, denn Gründler vermengt in der Tat verschiedene Sprechweisen und Begriffe, die nicht zusammenpassen. Aber die Geschichte handelt doch gerade von einem Jungen, der Realität, Traum und Religion durcheinander bringt. Statt der Geschichte einen Fehler vorzuhalten, hätte man sich Gedanken darüber machen können, ob das Chaos System hat.

Spinnt man den Gedanken weiter, könnte man Gründlers Text zum Anlass nehmen, postmoderne Genremischungen zu thematisieren. Ersoy zeigt sich zum Beispiel von der Weihrauchpistole irritiert. Doch in den Feldern von Fantasy und Manga, die Gründler hier referenziert, sind solche Waffen nichts Ungewöhnliches – und es ist immer wieder spannend mitanzusehen, wie sich in popkulturellen Terrarien alte Mythen mit moderner Technik paaren.

Doch Ersoy lässt sich von der Pingeligkeit blenden. Damit ist seine Besprechung eben nicht die «differenzierte und differenzierende Betrachtung», als die er sie selbst anpreist.

Wohlgemerkt, man muss Gündlers Fantasygeschichte nicht zu einem literarischen Leckerbissen verklären. Die Welt ist eine bösartige Maschine ist voller indiskutabler Formulierungen («er verlor viel von seinem roten Lebenselixier») und der Autor tendiert dazu, den Subtext seiner Geschichte zu Tode zu erklären: «Hinter den grandiosen Ungeheuern, die Georg im weissen Wüstensand zur Strecke gebracht hatte, verbargen sich also die wahren Monster.» Ganz zu schweigen von der platten Anspielung auf die Georgslegende, die dem ganzen Text zugrunde liegt. (Gerade darüber verliert Ersoy kein Wort.)

Es bleibt jedoch der Eindruck, dass hier ein unbeholfener Autor einem ebenso unbeholfenen Kritiker zum Frass vorgeworfen wird. Das wahre Monster wäre also die delirium-Redaktion. Sie steckt einen gehbehinderten Gladiator zu einem kranken Löwen in die Arena, um sich am Gemetzel zu erfreuen. Und noch bevor das Blut im Sand versickert ist, verzieht sich die Bestie in die Rubrik «Reinreden», um noch einmal nachzutreten. Dort findet sich der Text Zwei Häufchen. Der dreiköpfige Redaktionsdrache Basso-Weidmann-Prenner macht sich mit einem ironischen Zähnefletschen über den Autoren und seinen Kritiker her, oder was von ihnen übrig geblieben ist: «Die Mobber gehen voraus, wir trippeln seitwärts hinterher. Wir, viele blaue kleine Kritiker, schreien ‹Verrückte, Monstren, Perverse›, aber differenzierend, darum lösen wir uns gemeinhin in Rauch auf.»

Redaktion, ich wünsch dir Maulwürfe an den Hals!

 

Gregor Schenker

 

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