Acht Häufchen

Marx bemerkt irgendwo, dass alle grossen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich sozusagen einmal als Tragödie und einmal als Farce ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: auch delirium-Texte.

 

Was bisher geschah

 

  1. Häufchen («Die Welt ist eine bösartige Maschine»)

Jens-Philipp Gründler schrieb eine Geschichte über Georg, der in einer Wüste Ungeheuer wie die Eisvampirin Vlada bekämpft und besiegt. Die Symbolik der Geschichte war klar: Mersat, Corina und John hatten Georg in der Schule gemobbt, und waren im Traum als Ungeheuer verkörpert, an denen er sich rächte.

Zwei Hauptgründe haben die Redaktion dazu bewegt, den Text aufzunehmen. Zum einen eröffnete er das Feld des Trash einem Heft, in dem sich fast alle Texte für intellektuell und filigrane Atemschaukeln halten. Zum anderen hatte er einen der aufregendsten Bezüge aller Zeiten: Die bösartige Maschine ist eine vollkommen neugeprägte Wendung. Mit Ausnahme eines einzigen Artikels im ganzen Internet ist die Phrase unbekannt: «Mykki Blanco ist eine bösartige Maschine» auf Noisey. Mykki Blanco war die rahmende Figur an der Vernissage zum delirium N°03 gewesen.

 

  1. Häufchen («Zum ausgebliebenen literarischen Rausch»)

Yunus Ersoy schrieb auf diesen Text eine Kritik mit dem Schlüsselsatz: «Wie kritisiert man einen Text, der einem überhaupt nicht gefällt…?» Sie bezog sich auf rein sprachlogischer Ebene auf den Trash-Text und zeigte, dass mit ungenauer Verwendung von Wörtern wie Amulett und Talisman jede Wirkung verloren ginge. «Mein erster Einfall für eine Kritik des diesen Seiten vorangehenden Textes war ein exaktes Zitat des zu besprechenden Textes, das sein Original durch Verdoppelung kritisierte, indem es schlicht auf die Sinnlosigkeit einer Zweitlektüre verwiese.»

 

  1. Häufchen («Zwei Häufchen»)

Wir waren über diese trockene Zergliederung so schockiert, dass wir «Zwei Häufchen» schrieben — das dritte Häufchen in der Debatte. Der Text war eine Collage aus Sätzen von Gründler und Ersoy, wo, zugegeben kryptisch, «viele blaue kleine Kritiker» auf Texte losgingen und sie mit dem Zweihänder in 2 Häufchen aufteilten: Gute und schlechte Literatur. Es war eine Kritik an Ersoy und Gründler zugleich, indem sie Sätze aus beiden Texten verdoppelte.

 

  1. Häufchen («Drachen und andere Viecher: Über die Kunst, Literatur zu verreissen»)

In Ausgabe N°5 hat Gregor Schenker einen sehr präzisen Überblick zu dieser kleinen Auseinandersetzung verfasst. Seine Kritik dabei war klar: Gründler war schlecht, aber Ersoy noch schlechter, und die Bösen sei die delirium-Redaktion, von der sich wir drei höhnisch in einem eigenen Text darüber lustig machten, während sie zwei unbeholfene Autoren gegeneinander aufhetzt.

Er verdoppelt die Kritik von Yunus, indem er ihr erbsenzählerisches Gehabe auf erbsenzählerische Weise kritisiert: «so verwendet er [=Yunus] 175 Worte darauf, eine rein formale Kritik an einem Satz von fünfzehn Worten zu üben» oder indem Schenker den Satz «Mein erster Einfall für eine Kritik des diesen Seiten vorangehenden Textes…» vollständig auszitiert. (Nach Ersoys angedrohter Verdoppelung, und unserer Collage, bereits eine Verdreifachung).

 

  1. Häufchen («Wie ich mich aufmachte, ein abgesägtes Körperteil wiederzufinden»)

Noch jemand griff im N°05 das Thema auf: Adam Schwarz übernimmt in seiner Kurzgeschichte Gründlers Trash-Stil. Er gab damit dem Trash, der von Ersoy so streng abgefertigt wurde, eine zweite Chance.

 

  1. Häufchen («Wie ich mich aufmachte, gute Literatur zu suchen»)

Susanne Richli macht diese Chance zunichte und schlägt Redaktion und Schenker ein Schnippchen. Sie verdoppelt wie ein Echo, nach der Verdoppelung durch Schwarz, nun die Kritik von Ersoy und gibt zu verstehen, dass sie jene nicht für unangemessen gehalten habe. Sie zeigt erneut sprachliche und logische Mängel auf, um ein hartes Urteil zu fällen.

 

  1. Häufchen («Wie ich mich aufmachte, eine gute Kritik zu suchen»)

Darüber ist Schenker gar nicht glücklich. Die Redaktion des deliriums ignoriert Schenkers 4. Häufchen und wiederholt ihre alten Fehler. Richlis Kritik sieht er als endgültiges Scheitern der Kritik-Kultur im delirium.

 

Full Circle

 

Dies ist das 8. Häufchen: Eigentlich ist es der zwölfte Text um den Themenkomplex, wenn man «Etwas, das passiert ist», und «humorlos» aus N°04 dazu zählte, ebenso wie Melanie Kollers Kritik an Richli und die in N°06 erscheinende Kritik von Maya Wohlgemut. Aber es ist das Achte Häufchen, das sich an der Kette der Verdoppelungen und Spiegelungen beteiligt, und es beteiligt sich, um die Verdoppelung zu vervollständigen:

Häufchen 1-4 bestanden aus einer Kurzgeschichte, aus der Kritik der Kurzgeschichte und aus der Kritik der Kritik der Kurzgeschichte, und schliesslich, durch Schenker, aus einer Kritik an allen Texten 1-3.

Häufchen 5-8 sind nun das Gleiche, verdoppelt: Die Kurzgeschichte (Schwarz), die Kritik der Kurzgeschichte (Richli) und die Kritik der Kritik der Kurzgeschichte (Schenker) werden mit der Kritik des Themenkomplexes abgerundet.

Denn Schenker fällt zu Richlis eigenartiger, geheimnisvoller Verdoppelung nichts anderes ein, als seine Metakritik zu verdoppeln. Dabei sind der Fall Richli und der Fall Ersoy nicht der gleiche. Wir erinnern uns daran, die Idee stammt aus Ersoys Kritik: Einen Text, den man dermassen schlecht findet, dass man ihn nicht kritisieren kann, nur mit seiner Verdoppelung zu kritisieren. Dieser zweifelhaften Methode haben wir uns alle schuldig gemacht. Ist es vielleicht so, dass der Trash eine Überbelastung üblicher Kritikformen provoziert und die Originalität vollständig ausschaltet? Kann man Trash nicht anders kritisieren, als ihn zu kopieren?

 

Die Welt ist eine bösartige Maschine

 

Richlis Identifizierung von Autor und Erzähler zog Kritik auf sich, jedoch hätte man vielleicht besser daran getan, zu untersuchen, inwiefern dieser Kurzschluss in der Kritik geschieht. Richli erklärt diese neue Identifizierung in einer überraschenden Bottom-Up-Argumentation, die schon in ihrer Frage jene Grenze verwischt: «Wer kommt auf die Idee, sich ein Bein abzusägen, und wer kommt auf die Idee, über die offensichtlich schlechte Idee, sich ein Bein abzusägen, zu schreiben? Der Autor des Textes kommt darauf.» Die Identifizierung wird mit der Ähnlichkeit des originellen Gedankens gerechtfertigt. Auf die Idee zu kommen, sich ein Bein abzusägen und auf die Idee kommen, über jemanden zu schreiben, der sich ein Bein absägt, sind in bestimmter Weise das Gleiche? Wenn das keine berauschende These ist, deren genauere Betrachtung sich lohnt!

Schenker lässt sich keinen Zentimeter auf Richli ein, ihre Unterscheidung zwischen Unlogik und Absurdität kümmert ihn nicht, vielmehr nervt er sich, dass sie etwas wie «ein zahnloses Zahnrad» überhaupt kritisiert. Die Unterscheidung leuchtet aber ein und ihre Kritik ist zentral für das Verständnis, was «Die Welt ist eine bösartige Maschine», die in dieser Metapher auftritt, überhaupt sein soll. Die Phrase, durch Gründlers Text nicht erklärt, geistert weiter, wenn Adam Schwarz sie in den Text einbaut («War die Welt eine bösartige Maschine, so war ich darin wohl ein zahnloses Zahnrad. Deswegen wäre ich gerne Velomechaniker geworden, dann hätte ich sie nämlich reparieren können», heisst es in Adam Schwarz’ Text.) Und Richli versucht, sie zu verstehen. «Über Maschinen mit ebensolchen Zahnrädern kann jetzt gestritten werden: Würden solche Maschinen überhaupt funktionieren? Wenn ja, dann würde es sich sicherlich um eine sehr komplexe Maschine handeln. Ob Velomechaniker dann noch fähig wären, solche Maschinen zu reparieren, scheint somit fragwürdig. Ein Velo ist schliesslich keine besonders komplexe Maschine.»

Vielleicht hätte man diesem Absatz ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, denn hier, da sich Richli ja mit den Arten von Bezügen kritisch auseinandergesetzt hat, kann es nur um den Grund des Textes gehen, um seinen Anfangspunkt («Der Autor des Textes kommt darauf»), welcher durch die undeutliche Maschine gegeben ist. (Sicher ist, dass die Velomechanikerin Livia und die Debatte von «Besserwisser» und «Gegen Geschwafel» im Hintergrund der Überlegung stehen: Es geht hier also um eine Frage des Proletariats, eine Systemfrage, ohne zu viel Klares und damit etwas Falsches zu sagen). Indem ausserdem Richli in diesem Absatz tut, was sie bei Schwarz kritisiert, nämlich etwas Unlogisches (und nicht nur etwas Absurdes) imaginieren — sie lässt sich auf das unlogische Bild ein —, wird ihre Kritik auf eine andere Ebene gehoben, sie sagt, vielleicht zynisch, das wäre nicht eine unlogische, sondern eine sicherlich sehr komplexe Maschine, die mit zahnlosen Zahnrädern betrieben wird. Als wäre die sehr komplexe Maschine jener Moment, in dem die Unlogik ihre Aufhebung fände, eine der Unlogik und der Logik übergeordnete überlogische Mechanik.

 

Unnachgiebige Madenhacker

 

Die bösartige Maschine ist mehr als nur ein Nebenschauplatz, sonst wäre sie kaum in allen Häufchen aufgetreten. Richli schreibt in ihrer Kritik: «Inwiefern es darüber hinaus ein Fehler war, dass der Protagonist sich das Bein abgeschnitten hat, wie zu Beginn der Geschichte gesagt wird, bleibt auch ein Räsel. Das Bein verschwand. Aber am Ende der Geschichte findet der Protagonist es wieder und kann endlich seine Liebe zu seinem Bein ausleben. Wo war also der Fehler?» Ist das nicht vielleicht die zentrale Frage? Sie stellt sich schon bei Gründler: Worin besteht die Bösartigkeit der Welt-Maschine, die angekündigt wird, wenn Georg sogar im Traum noch Vergeltung findet? In welchem Verhältnis steht dieser Titel zur Erzählung?

Schenker kümmert sich nicht darum. Unnachgiebig liest er alles zu seiner Entrüstung. Etwas gekonnter zwar, aber ebenso unnachgiebig wie Ersoy Gründler und Richli Schwarz gelesen haben.

Schreiben ist eine Angreifbarkeit. Ein Teil des Witzes von delirium ist, sich dieser explizit und nicht im Schleier vermeintlicher Unverbindlichkeit, die letzten Endes noch betroffener macht, auszuliefern. Es ist die Soziologie der Texte: Literatur braucht immer ihre Kritik. Die Vorstellung vom unkritisierten Text, der durch seinen Gehalt bezirzt, ist ein schlechtes Traumbild früherer Jahrhunderte. Der Text ist auf seine Kritik angewiesen, um zu bestehen, wie die trägen Nashörner auf die Madenhacker angewiesen sind, die ihre Flanken blutig schlagen.

Diese Abhängigkeit von der Kritik hat sich jene oft zu Nutze gemacht und kein Blatt vor den Mund genommen. Das ist wichtig: Der Text darf sich nicht über jede Form seiner Kritisierbarkeit erhaben fühlen. Aber es braucht die grosszügige Heuristik. Es braucht das grosse Zugeständnis an einen Text, um ihn abzufertigen: Es braucht ein bisschen Liebe hinter jedem Degenstreich.

Vielleicht gibt es zwei Häufchen, gute und schlechte Literatur. Aber machen wir erst ein paar Häufchen, wir können sie später ordnen. Viel zu oft haben all diese Kritiken die Texte als das gelesen, was sie sind: Kurze Fetzen von epigonaler Sprache, zur Selbstprofilierung abgedruckt in einem Magazin, das noch in den Kinderschuhen steckt. Und nicht als das, was sie sein wollen: Eigene Welten mit eigener Logik, systematisch unterschätzt. Denn sie sind noch viel mehr, als sie auf den achten Blick scheinen.

Das Rätsel um die bösartige Maschine ist hartnäckig und verworren. Man würde sich wünschen, manche Kritiker würden sich mehr um seine Lösung bekümmern, als unbezahlte Lektorate durchzuwälzen oder Unliebsamen Tiere an den Hals zu wünschen.

Laura Basso, Samuel Prenner, Cédric Weidmann

6 Kommentare

  1. Schenker verdoppelt nicht, er wiederholt (ein nicht kleiner Unterschied). Er beharrt. Das macht ihn störend, streitbar, diskutabel. Das macht ihn lesens- und liebenswert.

    Das Wohlwollen, dass ihr den kritisierten Kritikern entgegen bringt, wäre seinerseits den Kritikern, die so verteidigt werden, zu wünschen. Das Verhältnis zwischen Kritiker und seinem Objekt sollte von der rührenden Brutalität eines Elternteils sein, der sein Kind liebend erzieht. Wie Schenker schön ausgeführt hat, ist bei Ersoy/Richli nicht diese Fürsorge, sondern die Grausamkeit eines Schulhoftyranns vorhanden.
    Entsprechend sind die Kapriolen lobenswert, die ihr anstellt, um die Mängel eurer geschätzten Kritiker zu erklären (auch wenn an ihnen noch geschliffen werden könnte, nein: müsste), indem ihr die Debatte zu einem langfädigen Narrativ mutiert. Hier zeigt sich elterliche Fürsorge der Redaktion (jedoch kein Wille zur Erziehung). Aber

    Fragen des Proletariats haben noch nirgends eine Erwähnung, Auführung oder Erläuterung in eurem Magazin erfahren. Auch ein Marx Zitat zum Anschein kann diese Tatsache nicht verschleieren.

    Das Retten einer unkreativen Kritik durch akademische Verbrämung und die Überführung von Streitfragen der Unsinnlichkeit ins Intelligible löst die Streitfragen nicht: Es ignoriert sie und erklärt sie zur Niedrigkeit. Das ist eine Lösung, auch wenn sie selber unsinnlich und lustlos ist. Aber: Es ist eine Lösung.

    Von daher: Schön zu sehen, dass die Redaktion ihren neutralen Standpunkt aufgegeben hat. Zu sehen wird noch sein, ob dieser Firnis ein neuer Film des Oberflächlichen nicht übersteigt oder Grundlage für etwas anderes sein wird, das noch zu wachsen hat. Der Kritiker, der auch Gärtner ist, ist gespannt.

    Harte Worte: „Die Vorstellung vom unkritisierten Text, der durch seinen Gehalt bezirzt, ist ein schlechtes Traumbild früherer Jahrhunderte.“ – Nachzufragen wäre, was hier kritisiert heisst. Die Fähigkeit, zu Krisiieren macht noch nicht Kritik aus. Und ich glaube euch den Satz nicht. Es wäre ein unglaublich akademisches und unsinnliches Verhätlnis, das ihr zum Lesen, zum Text, zur Literatur hättet, wenn ihr solche gehaltbezirzenden Traumbilder selber nie erfahren habt. Und irgendwie müsste man da ein bisschen Mitleid fühlen…

    Doch halten wir fest, als minimales sine qua no, das künftige Verhältnis, das die Redaktion von den Kritikern erwartet, gegenüber den Texten einzunehmen:
    „Eigene Welten mit eigener Logik, systematisch unterschätzt. Denn sie sind noch viel mehr, als sie auf den achten Blick scheinen.“

    Löblich. Daran sei die Arbeit der Kritiker fürderhin zu messen und die Redaktion als verantwortliche Institution erinnert.

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  2. Jesses, vor lauter Häufchen sieht man kaum noch die Wiese. Ich will nicht mehr als das Folgende: Kritiken lesen, die sprachlich und/oder inhaltlich spannend sind — und die zu ihrer Verteidigung keine intellektuellen Kapriolen gleich dreier RedakteurInnen benötigen.

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    • Das wünschen wir uns auch.
      Die Abneigung gegen „Kapriolen“ zeigt mir allerdings auch eine Verkrampfung, eine fast intellektuellenfeindliche Haltung: Als wären Kapriolen etwas, wovor man zurückscheuen müsste. Man darf diese Dinge, Texte, Maschinen auch ein wenig mit Humor nehmen. Und geniessen.

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