Labskaus ist ein Fischgericht und Hummus ist ein Erbsenmus ODER Über Humus

 

„Meist ist davon die Rede, wie es nicht geht, und selten davon, wie es ginge – und wozu oder warum.“

(Neuhelvetisches Sprichwort)

‹Alfred Kerr hat einmal gesagt›: Das ist in bestimmten Kreisen eine gerne angeführte Autorität, die des Selberdenkens enthebt. –  Ob sie übrigens einen ähnlich langen und raumgreifenden Bart hatte wir Karl Marx? – Man muss reden, wie einen die Leute verstehen, verzeiht mir also einen weiteren Verweis auf Kerr. Jedenfalls sei die Aufgabe der Kritik: «aus der Art des Mistes auch die Möglichkeit der Blumen zu fühlen, die auf ihm wachsen könnten.»

Es war von jeher der Sinn der Zeitschrift delirium, diesen Mist oder  – positiver ausgedrückt – diesen Humus zu schaffen, der – unter anderem – Blumen wachsen lässt. Schubkarre um Schubkarre, Seite um Seite führt und führte delirium jenen Mist vors Haus (oder wohl eher vor den Stall) und auf den Misthaufen: Bis diejenige Schicht Humus sich gebildet haben wird, die den Nährboden für noch gänzlich unbekannte Blumen abgibt (Papier vermodert glücklicherweise verhältnismässig rasch: Was sagt uns das übrigens über den Literaturbetrieb?). Selbstredend spriesst zwischen den Blumen auch allerlei Unkraut. Wie sich dann wiederum Kulturpflanzen wie Weizen (ein Nahrungsmittel) zum Unkraut Mohn (Blume und Rauschmittel) verhalten, ist damit natürlich auch noch nicht geklärt. Und wo wachsen Kichererbsen? Nicht zu vergessen: Auch die Innereien der KritikerInnen und LiteratInnen verfaulen endlich, nachdem sie ein Leben lang Labskaus und Hummus verarbeitet und ausgeschieden haben. Wahre Schönheit kommt von innen. Übrig bleiben vielleicht die Knochen: hohle Schädel. Und was kommt danach? – Die Biologie, das hat Kerr mit seiner Metaphorik offenbar schon gemerkt, ist keinesfalls zu vernachlässigen, schon gar nicht hundert Jahre später in einer Zeit grüner Hoffnungen: On the Origin of Species betitelte Charles Darwin sein berühmtes Buch über die Evolutionstheorie.

Noch ist delirium weit davon entfernt, den Mist endgültig geführt zu haben. Aber warten wir ab, welche Spezies auf diesem Mist ihren Ursprung genommen haben wird.

Aber wie geht das vor sich? Geübte DialektikerInnen müssten längst erkannt haben, dass die These nach ihrer Antithese verlangt. Also: Der Mist macht die Blume (was dann wohl die Synthese wäre?). Aus dieser Optik ist es zwingend, dass Alternativen forciert, ja zum Äussersten getrieben werden (wenigstens in der Literatur mit ihrer Kritik scheint dies praktikabel, wenn es auch sonst verheerend ist). Richli und Ersoy ist unter dieser Bedingung zu danken (Ich mag mich an dieser Stelle allerdings nicht entscheiden, was nun der Mist und was die möglichen Blumen sind). Ob bewusst oder nicht: Sie haben offenbar den advocatus diaboli gespielt. Die tragfähigsten Konzeptionen wachsen jedenfalls aus der Opposition, so wäre unter DialektikerInnen zu hoffen.

Allerdings ist von diesen tragfähigeren Konzeptionen im delirium noch wenig zu sehen: Statt die altbekannten Phrasen zu dreschen, wäre es an der Zeit wieder ein wenig Nachzudenken (Eigentlich ist es meist an der Zeit, etwas nachzudenken). Es mangelt mir in dieser Diskussion um den guten Stil in der Kritik und in der Literatur etwas an Argumenten, die allenthalben vorgebrachte Ahnungen und Vorlieben zu stützen vermöchten: Warum genau ist der Logik in der Literatur zu gehorchen oder warum können Mängellisten nicht dienlich sein – abgesehen davon, dass sie langweilig zu lesen seien? Plädieren wir da etwa für einen beinharten Realismus (ich erinnere an die Gebeine und Schädelknochen) oder favorisieren wir untern allen Umständen den flamboyanten Stil wider die Langeweile? Der gegenseitigen Vorhaltungen sind mittlerweile genug. Das zeigt acht häufchen, eine redaktionelle Zusammenfassung des prominentesten Diskussionsstrangs im delirium, deutlich. Die Redundanzen und Verdoppelungen sprechen Bände. – Kerr hat das wohl  etwas missverständlich ausgedrückt. Aber ich verdeutliche es gerne: Steckt die Nasen in den Mist – tief rein, riecht daran, KritikerInnen und LiteratInnen gleichermassen. «Fühlt» ihn nicht nur, sondern schaut, wie der De- und Rekompositionsprozess vor sich geht – Seite für Seite, Ausgabe für Ausgabe. Fragt danach, ob und warum es sich zersetzt. Nehmt von den dekomponierten Resten. Aber denkt nach, um Himmels willen, denkt nach! Denn es ist bezeichnend, dass Texte mit ausgefeilten und begründeten Kritiken, wie diejenigen Suchaneks, Bergers oder Sätteles, kaum zu Diskussionen geführt haben. Ist die allgemeine Denk- und Lesefaulheit daran schuld? Wählen KritikerInnen und LiteratInnen sich halt zum Opfer, was leichter auszuhebeln ist?

 Was ist denn beispielsweise der Sinn von Trash? Genügt eine einfache Spielerei in der Literatur? Reicht es, wenn VerfasserInnen Spass am Schreiben hatten? Wohin soll dieses oder jenes führen? Wozu kann es dienen? Und wie fügt es sich in seine biologische Nische ein? Sind wir schon zufrieden, wenn sich aus etwas Überkomplexem etwas Unterkomplexes ergeben hat? Oder wäre es umgekehrt faszinierender? Plädieren wir für  pöbelhafte Verständlichkeit oder ziehen wir einen dünkelhaften Elitismus vor und warum? Was meint das lapidar-funktionalistische Bonmot: ‹Der Text funktioniert eben›? Und wie zum Teufel sieht eigentlich meine eigene Position aus? Habe ich überhaupt eine und wie wäre sie zu begründen?

Und dann: Geben wir uns nicht zufrieden mit der blossen «Möglichkeit der Blume» – wenn wir schon Blumen haben wollen: Ziehen wir sie, züchten wir sie, bringen wir sie zur Blüte.

Fabian Schwitter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s