Relirium 6/16

Als Grossvater hundert Jahre alt wurde, war er schon lange tot. Und das war gut so. Denn am Ende seines Lebens erzählte er bloss noch vom Krieg und das auch noch auf Russisch – er hatte es in der Kriegsgefangenschaft gelernt –, so dass ihn keiner verstand. Wenn man ihn unterbrach, sagte er bloss „Da, da“ und palaverte weiter. Es war grauenhaft langweilig.

Maya Wohlgemuths Text dagegen ist ein Genuss. In 45 Punkten schreibt sie sich einmal durch die Schweizer Kulturszene und zitiert Meinungen zum Jubiläum des Dadaismus. Es zeigt sich Überraschendes: Nicht bloss triumphiert die SVP mit profundem Kunstverständnis, auch der Stadtrat von Zürich glänzt mit Kapriolen. Soweit ich meine bescheidene Erfahrung mit Dadaismus und seiner Rezeption als Beleg anführen kann, habe ich selten etwas spritzigeres über Dadaismus gelesen.

Wer uns liest ist, der ist hip und braucht eigentlich keine Hobbys. Wenn ihr aber dennoch glaubt, es wäre lohnend mehr mit dem Leben anzufangen, als (über) Literatur zu lesen, könnt ihr es ja vielleicht mal mit Töpfern versuchen. Da verbinden sich nämlich „Design und Rotationsymmetrie“ zu einem haptischen Erlebnis.

Wenn man nicht genug von haptischen Erlebnissen bekommen kann, dann geht man in eine Bibliothek. Aber wie lange gibt es solche Institutionen wohl noch? Rafael Ball hat dazu vor einer Woche ein Interview gegeben und meint fern von Provokation und Alltägliches ausformulierend: „Jetzt ist das Internet da. Wer Inhalte sucht, braucht keine Bibliothek mehr.“

Das Interview fand eine Antwort durch Michael Hagner. Der Mann lehrt Wissenschaftsforschung an der ETH und er mag Bibliotheken. Ja, mehr gibt es da eigentlich nicht zu sagen, die Antwort ist beinahe langweilig, aber man kann sich an einer ETH-internen Fehde erfreuen.

Zum Schluss noch dies: Die taz berichtet darüber, wie sich Autoren auf Geheiss der Zeitschrift Merkur Gedanken zu kleinen und grossen Formen gemacht haben. Ein Thema, das unser Hausautor Gian Fermat nicht besser wählen hätte können, zu dem er aber – wie es scheint – viel Schlechteres gesagt hätte.

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