Über das Töpfern

Töpfern also. Töpfern ist die neue Beschäftigung der fantasievollen Urbanität, die viel ausprobiert, immer wieder die Tätigkeit wechselt und eigentlich wenig – oder vielmehr gleichermassen alles und nichts – kann. Töpfern, so ist dem relirium zu entnehmen, ist das neuerdings angesagte Betätigungsfeld der «Hipsteria» (Elisabeth Rank).

Dieses neue Betätigungsfeld der kreativ-urbanen Hobbyindividualisten ist jedoch nicht bloss ein privates Vergnügen zur – obendrein in Form von Gebrauchsgegenständen nützlichen – Selbstentfaltung. Das Töpfern oder zumindest die Arbeit mit Ton wurde bereits künstlerisch (und ökonomisch) verwertet, noch bevor Elisabeth Rank sich im Zeit-Magazin – berechtigterweise? – darüber lustig machen konnte. Der Künstler Urs Fischer nämlich liess 2013 Laien (ich denke an Ranks Hipster) mit Lehm hantieren, um die Produkte dann hinterher unter seinem Namen in einer Ausstellung zu präsentieren: «Die YES (seit 2011) betitelte Installation wurde von 1.500 freiwilligen Helfern erstellt, die mit ihren Händen in den Wochen vor der Ausstellung Skulpturen formten. Belohnt wurden sie dafür mit einer gemeinschaftlichen warmen Mahlzeit pro Tag und einer namentlichen Nennung im Wandtext in der Eingangshalle.» (Jonathan Griffin) Mehr als seine Idee und natürlich sein Renommee, ohne das die Laien wohl nicht handanlegend ins Los Angeles Museum of Contemporary Art gelassen worden wären, hat Fischer nicht beigesteuert.

Und das führt direkt zu einem Essay des deutschen Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich, der in Fischers Installation «die Umwandlung der Museen in Kreativitätsagenturen» in vollem Gang sieht. Der Künstler sei die inspirierende Muse, die Laien sein «Medium». Dennoch wollte im Falle von Fischers Installation wohl «der als Muse fungierende Künstler als eigentlicher Urheber der kreativen Leistung gewürdigt werden». Letztlich konstatiert Ullrich, dass «Künstler als Befreier und Animateure fremder Kreativität auf blosse Dienstleister reduziert werden» und so gesehen wäre Fischers Installation dann ein Akt der künstlerischen «Selbstbehauptung». Das Fazit aber: «Statt ihre Kreativität ganz für sich nutzen und in grosse Werke umsetzen zu können, haben sie sie [die Künstler eben die Kreativität und nicht die Werke] weiterzugeben und zu verteilen.»

Ullrich beklagte ganz allgemein die «Tyrannei der Kreativität». Die Situation ist schnell erklärt. Kreativität ist, zumindest im Privaten und ganz im Sinn der «Hipsteria», das Credo der Gegenwart: Alle sind (kleine) Künstler. Das zwingt auch alle dazu, sich ständig nach Inspiration umzusehen und an der Selbstentfaltung – und insofern vielleicht Selbstoptimierung – zu arbeiten. Die Konsequenz, welche Ullrich ausmacht: die «Ich-AG – ebenso unabhängige wie ungesicherte kreative Projektmacher» – als Leitfigur der heutigen Gesellschaft.

Im Öffentlichen bzw. in der Wirtschaft heisst Kreativität längst Innovation. Dass alle dazu angehalten sind, im Zeichen der Selbstoptimierung die eigene Kreativität zu entdecken, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kreativität bloss ein ökonomisches Verwertungsgut geworden ist – und vielleicht immer schon war. Kreativität oder eben Innovation steigert die Produktivität. Getreu dem liberalen Leitsatz jedenfalls soll die kreative Optimierung aller Einzelnen letztlich zu einer besseren (und vor allem reicheren) Gesellschaft beitragen. Zu Recht beklagen sich natürlich die Künstlerinnen und Künstler über diese Situation. Schliesslich degradiert sie das unter allen Kreativen und Innovativen zur Bedeutungslosigkeit. Ihre wertvollste und wohl einzige Ressource – wie man annehmen möchte: die Kreativität – findet andernorts längst ein breiteres Wirkungsfeld. Die Kreativität hinkt der Innovation hinterher.

Dass Künstler im Gegensatz zu Ullrichs Feststellung immer schon angehalten waren, ihre Kreativität weiterzugeben, steht ausser Frage. Schliesslich hat noch kaum ein Künstler bloss für sich gearbeitet. Geändert hat sich vielleicht die Art und Weise: Ideen oder eben Inspiration statt Werke. Daran ist natürlich nicht zuletzt die Kunst selbst schuld, indem sie aufhörte, Werke zu produzieren, und sich stattdessen Konzepten und mehr oder weniger ephemeren Erscheinungen – wie Installationen und Performances – zuwandte. So gesehen ist Ullrichs Klage bloss ein nostalgischer Seufzer, der den Statusverlust der Kunstschaffenden betrauert. Auf die ‹Literatur›, gegen die delirium arbeitet, gemünzt: Wie schön war es damals, als beispielsweise Schriftstellende noch etwas wert waren – als ihre Werke noch zählten und nicht bloss deren Verkaufszahlen. Wie schön war es, als die vielen Lesenden noch wussten, welche die wenigen guten Werke sind und nichts zu tun brauchten, als diese zu lesen.

Eine Ebene über der an sich unbedenklichen Selbstentfaltung mittels privater Basteleien wie Töpfern verschlägt es einem angesichts der Masse an literarischen Büchern den Atem. Folgerichtig verkommen auch die Reflexionsinstrumente dieser kreativen Produkte, wie das Feuilleton, zu nichtssagenden Phrasenkatalogen. Hyperventilierend versuchen sie mit der Produktion Schritt zu halten. Eine Rezension gleicht der anderen. Unweigerlich entsteht der Eindruck, es spiele eigentlich keine Rolle, ob dieses oder jenes Buch überhaupt geschrieben worden ist – geschweige denn gelesen werden sollte.

Es ist jedoch kein Wunder, dass jeder und jede Künstler oder Künstlerin sein will. Solange die Figur des Künstlers bzw. der Künstlerin als gesellschaftliche Ausnahmeerscheinung (lange vor dem Selbstoptimierungscredo entstanden) angehimmelt wird, solange den Kunstschaffenden, eben den Personen und nicht den Werken, alle Aufmerksamkeit zuteilwird, werden es alle – und wohl zu Recht – versuchen.

Oder anders: Wer möchte nicht auch eine Celebrity, d.h. eine Gefeierte oder ein Gefeierter, sein und meldet sich daher bei Casting- und Realityshows an? Wem ist es also zu verübeln, den eigenen claim to fame in den Ring zu werfen? Oder wenigstens um ein Mindestmass an Anerkennung für die eigene Individualität zu buhlen? – Und weiter gefragt: Was kann angesichts dieser kreativen Verschwendung noch die Bedeutung von Kunst sein? Gibt es daneben noch so etwas wie Kunst? Oder ist Kunst als gesamtgesellschaftliches Phänomen gar nicht mehr nötig?

Oder noch einmal anders: Müssen und dürfen alle kreativ sein? Kann die grosse Masse nicht einfach bloss konsumieren? Oder sich sogar für das Gemeinwesen engagieren, weil sie keine Zeit für die Produktion von Kunst erübrigen muss? Wer sind die Rezipierenden, wenn es bloss Produzierende gibt? Können alle beides sein? – Sind die töpfernden Hipster bloss auf die Bestätigung ihrer gehegten und gepflegten Individualität auf Instagram aus? Oder lässt sich die Aneignung von Fähigkeiten wie Töpfern als Gegenstrategie zum kapitalistischen Konsumismus verstehen? Bräuchte ich eben keine Produkte mehr zu kaufen, wenn ich über die nötige Zeit und die Fähigkeit dazu verfügte, Alltagsgegenstände selbst herzustellen?

Nun töpfert also die «Hipsteria». So weit, so gut: Wie soll man sich jedoch dazu verhalten? Zu diesen Leit- und Nebenfiguren? Künstler, Hipster, Konsumenten, Produzenten, Ich-AGs, Gross-Aktiengesellschaften – wie verhalten sie sich zueinander? Was geschieht wenn man diese Figur so positioniert und jene anders? Wenn die eine im Scheinwerferlicht steht und die andere nicht? Was ist sie für ein Figurenkabinett, unsere Zeit, und was könnte sie für ein Figurenkabinett sein? Figurenkabinett: So ist doch noch eine Hintertüre zu Kunst und Literatur aufgegangen. Bloss: Welche Bedeutung können und sollen Kunst und Literatur haben? Wie und wo passieren Kunst und Literatur: heute?

Ein Kommentar

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  1. Albrecht Füller Februar 27, 2016 — 1:31 pm

    „Scheiss auf Kunst, ich will Revolte!“ :

    https://konverter.files.wordpress.com/2011/03/elendimkunststudentenmilieu.pdf

    Vorallem ist nochmals darauf hinzuweisen, dass die Schmach all jener aufstiegswilligen Kreativen darin besteht, dass sie die Selbstverwaltung ihrer Selbstausbeutung mit Illusionen beladen haben. Noch jeder Prolet, der sich ein Lotterie-Ticket kauft, weiss besser um die Unwahrscheinlichkeit seiner Chancen eines Ausstiegs aus dem Elend der Arbeitswelt. „Kunst“ und „Kreativität“ halten hier als Muster einer Selbstdisziplinierung der Arbeitssklaven anfang des 21. Jahrhunderts her.
    Und wie Ullrich kurz erwähnt, besteht der Unterschied heutiger solcher Forderungen des „Kunst für Alle“ zu früheren Forderungen darin, dass sie nicht mehr an das Projekt einer gesellschaftlichen Revolutionierung gebunden sind. Im Umkehrschluss (und aufgrund unserer Aktivitäten) heisst das, dass aus diesem Dilemma eigener kreativer Betätigung angesichts kapitalistischer Vereinnahmung derselben nur ein Ausweg besteht, indem die Revolutionierung, bzw Politisierung des Ästhetischen zur Grundlage genommen wird. Davor – und den entsprechenden Konsequenzen – fürchtet sich das kreative Prekariat hingegen. Die einzige Partei, welche dieses Milieu kennt, ist die Party.

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  1. relirium | delirium

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