relirium 7/16

Mehr als 504 Buchtitel werden jeden Tag gedruckt – nur in Grossbritannien. Nicht nur das: Grossbritannien ist das Land mit den meisten Buchpuplikationen pro Bevölkerung (in Millionen).

In der Schweiz, so rechnet delirium nach, erschienen im Jahr 2013 rund 12156 Buchpublikationen. Das ergibt etwa 1500 Bücher pro Million Einwohner. Diese Zahl mag im internationalen Vergleich nicht sehr gross sein (es zeigt natürlich auch die Strukturen auf dem Verlagsmarkt), aber es entspricht dem Gefühl: Tausende neue Bücher jeden Monat. Jeder kann heute eins schreiben.

Fabian Schwitter hat in Über das Töpfern dieses Problem dargelegt. Jeder sei heutzutage sein eigener Künstler, denn „Kreativität ist das Credo der Gegenwart“. Allerdings, so bemerkt Schwitter, bedrängt das auch die Künstler, deren Kunst nun in eine Reihe neben andere kreativen Innovationen gestellt wird. Kreativität soll verwertet werden, auch Kunst soll (nur?) dazu führen, eine bessere Gesellschaft zu produzieren.
Schwitter kritisiert entschieden die hochnäsige Nostalgie: „Auf die ‹Literatur›, gegen die delirium arbeitet, gemünzt: Wie schön war es damals, als beispielsweise Schriftstellende noch etwas wert waren – als ihre Werke noch zählten und nicht bloss deren Verkaufszahlen. Wie schön war es, als die vielen Lesenden noch wussten, welche die wenigen guten Werke sind und nichts zu tun brauchten, als diese zu lesen.“
Heute sei das anders; Schwitter gliedert die heutige Produktionswut von Literatur in eine Art Ökosystem-Erzählung ein: Das Feuillton, die Kritik, käme mit dieser Masse nicht mehr nach — es „hyperventiliert“. „Unweigerlich entsteht der Eindruck, es spiele eigentlich keine Rolle, ob dieses oder jenes Buch überhaupt geschrieben worden ist – geschweige denn gelesen werden sollte.“
Schwitters Frage dazu: „Müssen und dürfen alle kreativ sein?“

Ausserdem:

Umberto Eco ist tot! Der Mann konnte natürlich was: er hat die Trivialliteratur der Akademiker erfunden. Die Linderung müde zerlesener Augen unersättlicher Besserwisser. von demher irgendwie im Geiste deliriums. Die Nachrufe, die, wie alle wissen, die Kulturjournalisten alle schon vor dem Tod der jeweiligen „Künstler“ zusammengeschrieben haben, um möglichst schnell die Klicks einzuheimsen, könnt ihr euch selbst zusammenbellen.
Aber, weils so schön war, erinnern wir uns alle an Siegfried Unselds Beinhartsein:

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Ach ja, Harper Lee ist mitgestorben. Auch aus der haben sie zum Ende des Lebens noch einmal ein Buch rausgequetscht. Wie kreativ. David Bowie-Style.

Das Leuchten des Alltags“ klingt auch wie ein NZZ-typischer Nachgesang, aber solche Titel haben ausser toten Literaturikonen nur noch lebende, weisshaarige, männliche Schweizer verdient, sollten sie den Grand Prix Literatur erhalten: der Tessiner Alberto Nessi wird nun späte Lobhudelung zu teil.

Ganz im Gegensatz zu Peter Handke, der sich nun mit Magenkrämpfen anhören muss, wie ihn ein Tagi-Redaktor, Martin Ebel, nicht so gut findet. Nun gut, niemand von uns hätte dagegen etwas einzuwenden.
Und was hat diese erfreuliche neue Serie im Tagi zu bedeuten: „Wöchentlich stellen TA-Journalisten in der Serie Künstler aus dem Kanon vor, mit denen sie wenig anfangen können.“ — Bewegt sich die Feuilleton-Kritik aus der Comfort Zone? Versucht sie ihre „Hyperventilation“ zu überwinden, von der Schwitter spricht? Oder muss man sich den Hauptsatz zu herzen nehmen, der das Feuilleton immer schon abschliessend beschrieben hat: „Journalisten stellen Künstler aus dem Kanon vor“?

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