Dilettantismus? Wirklich? Wirklich.

Kürzlich wurde im Rahmen der offenen literarischen Bühne treppentexte ein neuerlicher – und sicher berechtigter – Versuch unternommen, das Netzwerk untergrund. wirklich zu einem Untergrund zu konstituieren. Zu diesem Zweck wurde mit einem Manifest der Begriff des Dilettantismus in die Runde geworfen. Im Jubiläumsjahr Dadas mit seinen vielen Manifesten sinnigerweise ein weiteres Manifest. Um dann noch einen drauf zu geben, fand am Montag, 28. März 2016, der Gründungskongress der ‚Dilettantischen Internationalen‘ statt.

Dilettantismus also. Der Dilettant bzw. der Dilettantismus ist vor allem ein provokativer Gegenbegriff zu Konzepten wie Expertentum und Professionalität, soweit diese beiden bedeuten, dass mit einem besonderen Wissen bzw. aufgrund eines Berufsausweises entweder als Autorität Deutungshoheit beansprucht werden darf (ExpertInnenen) oder Geld verdient wird (Professionelle). Gemünzt auf untergrund. bedeutet dies vor allem, keine Aspirationen auf Teilhabe am anerkannten Kunst- bzw. Literaturbetrieb zu hegen. Insofern ist der Dilettantismus gegen all jene innerhalb des Netzwerks untergrund. gerichtet, die untergrund. vielleicht doch als Sprungbrett zu ‚Höherem‘ betrachten. Den Dilettantismus als Gegenkonzept zu Expertentum und Professionalität ins Spiel zu bringen, muss jedoch keinesfalls bedeuten, das Loblied der Unfähigkeit zu singen. Im Gegenteil: Hinter dem Begriff des Dilettantismus verbirgt sich eher ein Weg zum Erwerb von Fähigkeiten, der eine Alternative zum gängigen Karrieremechanismus bildet.

Es liegt auf der Hand, dass nicht alle ExpertInnen ihren Namen auch wirklich verdienen. Der WOZ-Redaktor Andreas Fagetti hat kürzlich in einem Artikel (leider nur im Print verfügbar) wunderbar seinen Werdegang zum Experten für organisierte Kriminalität, d.h. vor allem für die Mafia, geschildert. Ausschlaggebend war im Zuge der Verhaftungen mehrerer ´Ndrangheta-Mitglieder in der Schweiz der scheinbar vorhandene Wunsch der Öffentlichkeit nach kompetenter Auskunft über Mafia-Aktivitäten in der Schweiz. So werden dann auf die Schnelle, weil gerade kein besonders Kompetenter ausfindig gemacht werden kann, ExpertInnen erfunden, auch wenn – wie im Falle Fagettis – diese bloss über Kenntnisse verfügen, die nicht über ein oder zwei rudimentäre Zeitungsartikel zum Thema hinausgehen. Ebenso liegt es auf der Hand, dass Professionalität weniger einzig auf besondere Fähigkeiten zurückzuführen ist, als vielmehr auf das Innehaben einer bestimmten Position (heutzutage verbunden mit irgendeinem amtlichen Fähigkeitszeugnis). ExpertInnen und Professionelle treten jedenfalls als Autoritäten auf: ob berechtigterweise oder nicht.

DilettantInnen gehen von einer anderen Situation aus. Was sie antreibt, ist der Wunsch etwas zu tun, was sie – noch – nicht zu beherrschen scheinen. Um sich eine Fähigkeit anzueignen, greifen sie jedoch nicht auf die anerkannten Bildungsinstitutionen und Beglaubigungsmechanismen zurück, sondern gehorchen dem Credo des learning-by-doing. Im besten Fall holen sie sich bei den Nächst-Besten, die gerade zur Verfügung stehen und über grössere Fähigkeiten verfügen, Rat. Ein Beispiel: Wenn ich Geigen spielen lernen will, so organisiere ich mir eine Geige und versuche ich mich darin. Wenn ich nicht mehr weiterkomme, lasse ich mir von anderen zeigen, wie es gehen könnte. Ob ich aber ‚anerkannte‘ GeigenlehrerInnen dafür brauche? Es braucht also kaum gesagt zu werden, dass auch diese Ratgebenden durchaus DilettantInnen sein können – also Leute, die nicht über die öffentliche anerkannte Befähigung verfügen. Zentral ist jedoch, dass es um den Erwerb von Fähigkeiten geht. Ums Üben kommen also auch DilettantInnen nicht herum. Ihr Ziel bleibt auf jeden Fall, Fähigkeiten zu erwerben und vorhandene Fähigkeiten auszubauen – im besten Fall auf dem kollektivistischen Weg der gegenseitigen Hilfe. Dem Leitsatz gehorchend: Alle können etwas, was andere nicht können.

Gerade im Bereich der Kunst hat der dilettantische Kampfruf alle Berechtigung. Denn warum sollte so etwas Tolles, wie das Schaffen von künstlerischen – manche würden lieber sagen ‚kreativen‘, aber dieses Wort ist eigentlich auch schon diskreditiert – Gegenständen sogenannt Fähigen vorbehalten sein? Kunst ist zu wertvoll, um sie zu limitieren und dann – wie Tonfiguren – einfach zu verscherbeln. Aber: Kunst entbehrt deshalb noch lange nicht des Anspruchs, auch ‚gute Kunst‘ sein zu wollen. Und Kunstschaffende müssen diesem Anspruch genügen wollen, gerade weil nicht klar ist, was gute Kunst ist. Sich hinter Trash-Allüren zu verstecken, genügt dannzumal noch nicht und bringt bloss den Vorwurf einer doch recht biederen Selbstgefälligkeit ein. Da hilft dann auch das Anknüpfen an linke Traditionen wie das Ausrufen von ‚Internationalen‘ wenig – zumal mit dem Verweis, die ‚Situationistische Internationale‘ sei auch nur ein Haufen Versoffener gewesen. Etwas mehr als ein nostalgischer Saufabend mit dem grossspurigen Titel ‚Gründungskongress‘, der wehmütig vergangenen Bewegungen hinterhertrauert, wäre auf jeden Fall zu erwarten.

Aber: Ich bin gespannt, welche Wege der Dilettantismus zu seiner Selbsterfindung beschreiten wird. Die Möglichkeiten innerhalb der momentanen Aufmerksamkeitsökonomie dürften beschränkt sein, umso entschlossener wären sie zu ergreifen.

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