Deine Mutter ist beleidigt

Böhmermanns Schmähkritik muss man im Kontext lesen, um es nicht als Beleidigung zu verstehen? Bullshit. Wir müssen aufhören, Beleidigungen überhaupt zu verstehen.

Das Gedicht, das Erdogan ‹wüst beschimpft›, ‹unter der Gürtellinie trifft›, ‹herabwürdigt›— die Phrasen sind ja beelendend genug; ich selbst weiss nicht einmal, ob ich aus juristischen Gründen oder aus Gründen der öffentlichen Mythenbildung hier nicht daraus zitieren darf —, hat nun zu über 100 Anträgen auf Strafverfolgung geführt. Es sei, je nach Auffassung, «bewusst verletzend», «rassistisch» oder einfach «geschmacklos».

Nun, es sei zwar eine Beleidigung aber, und das ist das grosse Aber der selbsterklärten Aufklärungsritter, man müsse den Text in seinem Kontext sehen. (Einen Kontext, den man aufgrund einer Selbstzensur des ZDF gar nicht mehr einsehen kann, aber hier gibt’s eine Transkription.) Es sei schliesslich eine Satiresendung und Böhmermann habe vor Verlesung des Gedichts gesagt, dass das Extra3-Video, das im Vorfeld Rummel gemacht habe, in Deutschland nicht strafbar sei, dafür das, was er gleich tun werde. Er lachte während der Lesung des Gedichts und betonte immer wieder, das sei in Deutschland verboten.

Verboten ist es. Die Strafanträge beziehen sich daher entweder auf den Tatbestand der «Beleidigung» oder den «Schah-Paragraphen», den man aus den tiefen Katakomben juristischer Gesetzesleichen ausgegraben hat, der das letzte Mal bei der Beleidigung von Micheline Calmy-Rey durch einen in Bayern wohnhaften Schweizer in Anwendung gekommen ist, und der vermutlich bis 2018 abgeschafft werden wird. Der Schah-Paragraph sei nicht mehr nötig, schliesslich schütze der Tatbestand der Beleidigung genug. Aus dem gleichen Grund gehöre «Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens» (§ 188 StGB) und «Verunglimpfung» (§ 90 StGB) abgeschafft.

Fick dich, Ehrverletzung

Niemand aber denkt daran, den Strafbestand der Beleidigung abzuschaffen? Warum eigentlich nicht? Wir haben genug Ehrdelikte.

«Verleumdung» (§187 StGB) betrifft denjenigen, der «wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist». Etwas Ähnliches ist der Tatbestand der «Üblen Nachrede» (§186 StGB). Hierbei muss der Täter allerdings gar nicht erst lügen, sondern die Herabwürdigung des Opfers mit Unterstellungen vorantreiben, auch «wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist». Beides ist einer Beleidigung weit überlegen, weil es den rhetorischen Kniff braucht, Tatsachen zu fingieren, die nicht existieren. Diese Strafbestände eignen sich dazu, den beabsichtigten Schaden am persönlichen Marktwert, also im sozialen und ökonomischen Kapital, zu strafen.

Beleidigung hingegen ist einzig und nur die Verletzung einer als dürümumwickelten Ehre verstandenen Beleidigbarkeit. Mit ‹dürümumwickelt› möchte ich niemanden beleidigen: aber es ist das Klischee im Klischee, das man anderen, etwa Türken, zutraut und an sich selber selbst dann nicht erkennt, wenn man zum Beispiel damit Böhmermann verteidigt.

Die verbale Beleidigung gründet auf der Idee, dass Worte Tätlichkeiten darstellen können, etwas, was durch Hate Speech in der amerikanischen Schwarzenbewegung noch populärer wurde. Es ist ein Konstrukt, das gerade Linke für sich beanspruchen, weil es erstens einem Foucaultschen Hegemonie-Gedanken entspricht: Wer die Macht über die Sprache hat, kann beleidigen. Und weil es zweitens mit einer Idee von Menschenwürde übereinstimmt, die sie unbedingt hochhalten. «Die Konjunktur der Beleidigung ist daher nicht unbedingt ein Indiz für den Verfall der Sitten, sondern zuerst einmal ein Langzeiteffekt der antiautoritären Wende seit den sechziger Jahren, in denen es immer auch darum ging, das unverstellte Selbst zu befreien.»

Ich beleidige dich!

Die Aussage, die wir immer wieder hören: ‹Ja, das Gedicht von Böhmermann ist eine Beleidigung, aber man muss den Kontext in Betracht ziehen›, ist schon aus einfachen Gründen Unsinn. Sie würde bedeuten, dass das Gedicht, die Textoberfläche selbst, eine Beleidigung darstellen kann. Das ist nicht wahr. Ist «Du Scheiss-XY» eine Beleidigung? «Arschgesicht»? Nein, nicht einfach so.

Wie es keine antisemitischen Texte, keine kranken Texte gibt, so gibt es auch keine beleidigenden Wörter oder Aussagen, solange sie nicht in einem Kontext geäussert worden sind. Es dürfte eigentlich allen klar sein, dass Beleidigungen performativ funktionieren, und daher eine Beleidigung, die man sich ausserhalb eines Kontext geäussert vorstellt, nichts anderes ist, als ein um seinen potenziellen Beleidigungscharakter entledigtes Zeichen.

Zum einen ist das juristisch auch so festgelegt: «Ausschlaggebend sind nicht die Worte, die man verwendet, sondern vielmehr ist der Vorsatz entscheidend.» Und: «Die Kundgabe erfordert, dass der Adressat der Beleidigung die Aussage zur Kenntnis nimmt. Darüber hinaus muss das Opfer den Sinn der Aussage erfassen, da ansonsten seine Ehre nicht angegriffen wird.» (Wikipedia) Das ist auf der Grundlage von irgendwelchen Wörtern nicht gegeben: Sie haben weder Adressaten noch sie vorsätzlich aussprechende «Täter».

Zum anderen war noch Ende des 18. Jahrhunderts das Verb «beleidigen» als performatives Verb gebräuchlich: «Ich beleidige dich» war eine brutale Ehrverletzung und zog nicht selten ein Duell nach sich. (Vgl. John L. Austins Beispiele zu Burschenschaften) Heute würde man darüber lachen. «Beleidigen» hat damit zwar keinen inhärenten Beleidigungscharakter, kann aber einen Beleidiger davon erlösen, mühsam einen rhetorischen Kontext aufzubauen, der eine Beleidigung erst ermöglicht — wie es Böhmermann tun musste. Die Beleidigung entsteht erst im Kontext. Ein Kontext kann eine Beleidigung nicht mässigen oder entschärfen.

Wer ist ein Ziegenficker?

Auch am Beispiel des Gedichts zeigen sich diese Schwierigkeiten. Böhmermann reiht eine geraume Anzahl von überexpliziten «Beleidigungen» (oder eben als Beleidigungen ausgegebene Wörter) aneinander, die keine besondere Kohärenz aufweisen. Die Beleidigung wird lächerlich. Er imaginiert Erdogan als «Ziegenficker», geschmacklos , weil es offenbar ein rassistisches Klischee erfüllt. Aber ist dieses Klischee schon lange etabliert? Gegen wen richtet es sich genau? Gegen Türken, gegen Berber, gegen Muslime ? Oder macht es diese Beliebigkeit zur noch grösseren Beleidigung? Man könnte lange erklären und tiefe Argumentstrukturen aufbauen, um die Herkunft und Bedeutung dieses beleidigenden Klischees zu erklären. Damit hätte man natürlich nichts anderes gemacht, als es neu etabliert.

Noch schwieriger ist aber die Idee, dass Beleidigungen metaphorische oder vergleichende Herabwürdigungen sind. Es ist nichts Neues, aber geht immer wieder vergessen, dass die Zuschreibung einer Beleidigung meistens einen weiteren Verlierer produziert. Dazu gehört die systematische Herabwürdigung all derjenigen, die wirklich ‹Ziegenficker› sind (Ziegen, Schafe, aber auch Menschen). Das Gleiche traf und trifft auf die Wörter «Schwuchtel», «Behinderte» und so weiter zu, wenn man sie als Beleidigungen, insbesondere juristisch, taxiert. (Auch folgender Satz zum Gesetzeseintrag setzt eine solche perverse Hierarchie schon voraus: «Der ethische oder soziale Wert des Beleidigten muss geringer dargestellt werden, als er tatsächlich ist.»)

Beispiele für Beleidigungen: «Ein Gericht urteilte, die Bezeichnung von Bankiers als ‹mafia-vergleichbare Gestalten› sei unzulässig.» «Eine Beleidigung kann etwa dann vorliegen, wenn man jemanden herabwertend mit ‹Du› anspricht»

Aber beleidigt werden zu können ist nicht so leicht, die Soldaten kann man etwa beleidigen, aber nicht die Polizei. ( «Als hinreichend überschaubar wurden unter anderem die deutschen Ärzte, die Großgrundbesitzer, die Angehörigen der GSG 9, die deutschen Juden und alle im Dienst befindlichen Soldaten. Nicht beleidigungsfähig sind dagegen die Polizei oder die Christen als solche».)

Warum Beleidigungen verstehen?

Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Bewunderung für Menschen, die sich von Wörtern beleidigt fühlen können — ihnen ist Sprache noch Bedeutung — und der Überzeugung, dass es eine Zeit geben muss, in der sprachliche Beleidigungen keine Tätlichkeiten mehr darstellen. Ehre und Sprache müssen neu gedacht werden. Aufgeklärte Menschen müssen das Instrumentarium entwickeln können, ihre Ehre anders zu strukturieren, als Ballone, die jede sprachliche Spitze zum Platzen bringt.

Man vergesse Folgendes nicht: Der Versuch der Beleidigung ist nicht strafbar. Aber jede Sprache ist immer nur ein Versuch, und wird nie Beleidigung, wenn das Opfer sie nicht als solche «versteht». Es ist also ganz einfach. Man muss aufhören, alles so schnell zu verstehen. Vielleicht auch ein «Du Arschloch».

Beleidigung gehört abgeschafft.

 

Cédric Weidmann

2 Kommentare

  1. Ganz einverstanden. Folgender Fall zum Nachdenken:

    Was passiert, wenn ich Erdogan nun ‚Sultan‘ an den Kopf werfe? (Das Beispiel kann beliebig und nach Kontext angepasst werden, z.B. Putin und Zar…)

    Offensichtlich mindert diese Zuschreibung Erdogans sozialen Wert nicht – im Gegenteil. Nun verkehrt sich die Situation jedoch. Erdogan könnte trotz allem schmerzlich getroffen – eben ‚verletzt‘ – sein: 1. Die Zeit der Sultane ist vorbei und Erdogan wird kaum je mehr Sultan werden können (vorausgesetzt er würde das wollen). 2. Er wird schmerzlich daran erinnert werden, wie gross die Differenz zwischen seiner Position und jener eines Sultans ist. 3. … Die psychologischen Verwicklungen können nach Gutdünken weitergeführt werden.

    Man hat es halt nicht leicht als Z… Und übrigens: Die Neuseeländer treiben es nachweislich mit ihren Schafen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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