Amazonen und Monster

Das Romandebüt Tekeli-li des Jungautors Cédric Weidmann ist eine Reise in ferne Länder – und bleibt dabei literarisch vor der Haustür.

Rezension

Cédric Weidmann, ein junger Zürcher Autor, der bislang mit Kurzgeschichten und Gedichten hervorgetreten ist, wagt sich in seinem ersten Roman Tekeli-li auf unbekanntes Terrain. Und das wortwörtlich: Denn der Leser sieht sich von den ersten Seiten an in eine seltsame Marswelt versetzt, in der Könige, Prinzessinnen und Klassenkampf herrschen. Was zunächst wie eine Verirrung anmutet, entpuppt sich als Spiel mit literarischen Fiktionen; Tekeli-li, so lautet der Name eines von Weidmann fingierten Science-Fiction-Magazins im Geiste Perry Rhodans, welches allmonatlich erscheint. In einer der amerikanisierten «Storys» kämpft «Zahïra, die Sternenjägerin» gegen die Invasion der «Grocks», einer Horde von menschenähnlichen Echsen. Alle vier Wochen werden die jungen Leser mit einer Fortsetzung bedient, die von neuen Abenteuern erzählt. Autor der Reihe ist der aus Ungarn stammende Schundproduzent Jens Steinmann, ein Alter Ego Weidmanns. Ein solch editorisch verschachtelter, wenn auch uninspirierter Rückgriff auf die in der Populärliteratur so beliebten Schwert- und Hexenmärchen mit schwer zu übersehenden völkischen Untertönen dient dem Autor als Vehikel der eigentlichen Geschichte. In dieser führt Herr Isler, Protagonist des Romans und Gymnasiallehrer, ein tristes Leben zwischen aufmüpfigen Schülern und unangenehmen Lehrerkollegen. Den einzigen Trost spenden ihm seine zahme Python namens Anna und das erwähnte Science-Fiction-Magazin, welches er jeden Monat im Comicladen kauft und auf dem Nachhauseweg verschlingt. Nach und nach nimmt ihn die Sternenjägerin gefangen; er beginnt zu halluzinieren und wird in absurde Unfälle verwickelt. Fortwährend vermischen sich Alltag und Marswelt. So nimmt die Python Anna in der Marsgeschichte die Form einer bösen Echsenkönigin an, und zuletzt landet Isler auf der Suche nach Jens Steinmann in einem ungarischen Städtchen, in dem einst eine Marskapsel abgestürzt sein soll.

Cédric Weidmann versucht, mit anspielungsreichen Ideen auf der literaturgeschichtlichen (Meta-)Ebene zu verkehren. Das funktioniert an manchen Stellen ganz gut, indem er in der Marsgeschichte beispielsweise einen Diplomaten auftreten lässt, der die platten Charaktere dazu auffordert, das herrschende politische System infrage zu stellen. Andere Anspielungen überfrachten den Text. So ist das Kunstwort «Tekeli-li» offenbar keine Erfindung des Autors, sondern geht auf Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft zurück, welche die phantastische Literatur mit ihren Romanen Arthur Gordon Pym und Berge des Wahnsinns entscheidend mitgeprägt haben. In beiden Texten übernimmt die Lautmalerei die Funktion einer Art Beschwörungsformel. Dass Cédric Weidmann den Wahlspruch der Phantasten zum Titel eines Schundmagazins verkommen lässt, mag einerseits als ironischer Kommentar zur Geschichte der Phantastik gelesen werden, wird andererseits am Leser klanglos vorbeigehen, sofern er sich nicht ausführlicher mit dem Thema beschäftigt hat. Ebenso fragwürdig bleibt die Figur von Herrn Islers Sohn, der, gefüttert mit Anabolika, welche ihm die Mutter verabreicht, zu einem Monstrum heranwächst und den Protagonisten verfolgt. In einer Wendung Don Quijotescher Prägung hält Isler das ungarische Bauernmädchen, das ihn vor seinem eigenen Sohn rettet, für die Amazone Zahïra und verspricht sich ihr mit Leib und Seele. Ob die vielen tiefenpsychologischen Probleme, die der Autor damit aufwirft, gewollt sind, bleibt offen. Auf jeden Fall scheint Cédric Weidmann die Verehrung der Amazone mit seinen Figuren zu teilen – von einer Begegnung mit der Frau auf Augenhöhe, wie noch bei Max Frisch, ist der Autor leider weit entfernt. Wo Weidmann seine Phantasmagorie nicht mit Inhalt füllen kann, lässt er sein Alter Ego Jens Steinmann Interviews geben oder die Topographie des Mars-Fantasielandes erklären. Auch hier ein Rückgriff auf überholte literarische Stilmittel der Postmoderne. Sprachlich bewegt sich der Autor ebenfalls auf längst ausgetretenen Pfaden. Wo Frisch seine feministischen Inhalte in knappe Sätze verpackte, setzt Weidmann auf eine mit Substantivierungen überladene Sprache, die mühsam zu lesen ist. Das fällt besonders dort ins Gewicht, wo sie in der Konsequenz die simplen Stilmittel eines Perry Rhodan imitieren sollte, aber mit gedrechselten Worten scheitert. Ungewollte Komik bietet auch die Szene, in der Herr Isler in der Dusche von seiner Python überrascht wird. «Die Schlange hatte sich schneller um ihn gewunden, als er reagieren konnte. Sie drohte ihn zu würgen. Hektisch riss er sie weg, doch sie liess sich nicht abschütteln. Schon spürte er, wie sie ihm die Luft abschnürte. Seine Hände fuchtelten, bekamen das Radio zu fassen. Heftig schlug er ihr damit auf den Kopf». Der Anblick einer ausser Kontrolle geratenen Potenz endet sozusagen mit der Selbstkastration.

Tekeli-li ist der Versuch einer Annäherung an die Klippen der Fantasie. Vieles ist schon gesagt worden über die Gefahr der Bücher, der Einbildungskraft. Don Quijote kämpfte gegen Windmühlen, Madame Bovary gegen die bürgerliche Gesellschaft. Der Kampf Zahïras gegen mutierte Echsen erscheint uns dagegen fad und abgeschmackt. Gymnasiallehrer Isler lässt sich von seiner Begeisterung für nationalistisches Gedankengut hinwegtreiben, gerät also nur in den Leerlauf von pubertären Träumen, die keinerlei gesellschaftlichen Zündstoff haben. Mit Weidmanns Amazonenverehrung wird über das Reaktionäre hinaus nichts oder kaum etwas gesagt. An anderer Stelle hat der Autor angekündigt, ein Konkurrenzheft gegen das studentische Literaturmagazin delirium gründen zu wollen, mit der Devise: «Abenteuer statt Kritik». Titel: Tekeli-li. Ob es ihm gelingt, sei dahingestellt.

Z.

Janos Moser

Zu diesen Text gibt es die Kritik Tekeli-li Bd. 44: Horror im Tentakelwald von Gregor Schenker.

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