Auf den Spuren der Alten

Eine Kritik zu Carlo Spillers Gedicht Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten

Oft reicht ein gut gewählter Titel aus, um das Kopfkino zu starten. Wir kennen das: Bücher werden in Buchhandlungen zuerst wegen ihres ansprechenden Covers und des passenden Titels in die Hand genommen. Gute Titel verkaufen Literatur. «Sonettenkranz ohne Sonette in stund zwölf Gedichten» versetzt mich in das Italien des achtzehnten Jahrhunderts: Ein passionierter Dichter sitzt bei spärlichem Kerzenschein vornübergebeugt über einem Stück Pergament und arbeitet nächtelang an seinem perfekten Gedicht, das sowohl Gefühl vermitteln als auch den kunstästhetischen Gesetzen folgen soll. Auch wenn die Konstruktion des Gedichts viel Zeit einnimmt, ist er danach auf das formvollendete Produkt stolz. Die Szenerie wechselt in die Moderne: Da sehe ich Expressionisten, die eine uralte und bewährte Form aufnehmen und mit ihr spielen. Noch nie dagewesene und schockierende Inhalte werden in alte Strukturen gepresst. Das Ergebnis ist zwar nicht schön, aber effektiv. Das vorliegende Gedicht scheint also eine wichtige Vorgeschichte im Gepäck zu haben.

Sonettenkränze gehören zu den wohl komplexesten Gedichtformen, welche die Literatur kennt. Erfunden wurden sie wahrscheinlich in Italien und orientieren sich an der Struktur der Rosenkränze, weshalb sie stets aus 14 Einzelsonetten und einer Meisterstrophe bestehen. Zudem sind die letzte Zeile der vorangehenden Strophe und die erste Zeile der folgenden stets identisch. Dadurch entsteht ein ringförmiger Aufbau.
Der «Sonettenkranz ohne Sonette» nennt seine Form also gleich zu Beginn selbst. Die Leserin hat nun die Aufgabe, die traditionelle Form zu suchen und das zu finden, was von ihr abweicht. Ziemlich schnell fällt auf, dass das Gedicht in freien Versen verfasst ist und aus diesem Grund auch kein klassisches Reimschema eingehalten werden kann. Hingegen folgen die Verse metrischen Regeln. Die Strophen sind alle verschieden lang, und deren gibt es bloss zwölf Stück. Jedoch werden die Strophen durch die Wiederholung des letzten Verses im ersten Vers der nächsten Strophe miteinander verbunden. Spillers Sonettenkranz erscheint folglich als Kettenstruktur. Auch schliesst der Kranz mit der sogenannten Meisterstrophe, welche alle letzten und ersten Verse nochmals vereint. Einige klassische Elemente sind also vorhanden, andere wiederum nicht.
Die Lektüre wird so plötzlich zum Spiel, der Leser fiebert mit: Was wurde von der traditionellen Form übernommen, was wurde verworfen? Jede Strophe wird zu einer neuen Überraschung. Am Schluss lädt die Meisterstrophe ein, den ganzen Text nochmals zu lesen.

Das soll auch getan werden, diesmal mit Blick auf den Inhalt. Das Gedicht vereint drei verschiedene Ebenen: das lyrische Ich, das aus dem Fenster schaut, zwei Freunde, die sich Geschichten erzählen, und die Protagonisten ebendieser Geschichten. Die Strophen lassen durch ihre Form die einzelnen Welten ineinander fliessen. Der Blick schweift vom Dichter über die spazierenden Freunde zum Treiben während eines lauen Sommerabends. Die Bewegung in die Ferne endet wieder im Haus des Dichters. Es ist eine Assoziationskette, jede Strophe gibt der nächsten ein Stichwort, welches jene aufnimmt und mit bildstarker Sprache ausformuliert. In der zehnten Strophe fällt dann auch der Begriff «Gedankenstrom», der diese erzählende Reise durch verschiedene Orte treffend bezeichnet. Das Gedicht wandert in die Ferne, beschreibt eine ausgiebige Weite und Wärme in den Geschichten der beiden Freunde, um dann am Schluss wieder in die Enge und Kälte der Dichterrealität zurückzukommen. Dadurch entsteht eine Parallelisierung von Inhalt und Form: Der Inhalt scheint sich von der strikten, einengenden Form zu befreien, Flügel zu bekommen, muss sich ihr dann aber wieder fügen.
Es ist genau diese Kombination von Inhalt und Form, die den Reiz des Gedichts ausmacht. Das Gedicht ist selbst ein Ausbruch aus den strengen Regeln der Poetik, es zeigt auf, wie weit ein Text gehen kann, um immer noch als Dichtung wahrgenommen zu werden. Dieses höhere Ziel tröstet dann auch über einige unglückliche, unverständliche Formulierungen hinweg (etwa die Güterzüge in der zehnten Strophe, die «voller Kies vorüber donnern / um das Streckenende hinaus zu zögern»).

Das Verdienst von Spillers Gedicht ist, dass Form gleichzeitig aufgebaut und zerstört wird. Im gleichen Moment, in dem im Gedicht eine bekannte Gedichtform anklingt, wird diese durch die abweichenden Elemente wieder verworfen. Das Spezielle dieses Textes tritt hervor. Es zeugt von einer Liebe zur Poetik, wenn mit solcher spielerischen Leichtigkeit mit Worten umgegangen werden kann. In diesem Sinn bestätigen sich die Assoziationen, die ich zu Beginn beim Titel hatte: Das Gedicht reiht sich in die Tradition der Sonettisten ein und führt die Geschichte dieser Gedichtform um einen Schritt weiter.

Patrizia Huber

Du möchtest mehr über Patrizia Huber wissen? Hier ist ihr Einspieler aus der Vernissage von delirium N°6:

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