Die Farbe des Projekts

Nach seiner unwahrscheinlichen Rückkehr sei ihm aber sogar noch klarer geworden, dass das Herz der Raumfahrt gebildet werde durch das Wissen um die Entfernung und die Liebe zu ihrer Unüberwindbarkeit, sagte mir Duvalier in einer kleinen Wohnung nahe dem Hafen, zwischen engen Wänden und in gedämpftem Licht, gedämpft wie durch Staubwolken fallender Sonnenschein, wie das Geräusch eines Einschlags in der Distanz, wie ein Schrei hinter vorgehaltener Hand. Er sass in einem Stuhl in der Zimmermitte, doch machte er einen eigentümlichen Eindruck auf mich, als wäre sein Sitzen nur scheinbar, eine optische Täuschung; als wiche er während des Gesprächs stetig nach hinten zurück, doch wüchse gleichzeitig in genau dem Masse, um seine perspektivische Verkleinerung auszugleichen und mir den Anschein der Unbeweglichkeit zu geben. Er habe diese Stadt ja verlassen, sagte Duvalier, um in die Ferne hinein zu reisen, die ihm vom Horizont her unaussprechlich zugeschimmert habe, doch ohne sein Zutun noch sein Bemerken sei diese Ferne dabei umgekehrt in ihn hinein gereist, oder eher noch, diese Ferne reise unablässig immer wieder in ihn hinein, sie wüchse von einem unbestimmten Punkt hinter seinem Kopf in sein Gehirn und breche ihm zu den Augen wieder heraus. Selbst die Mauern dieser geradezu lächerlich beengten Wohnung dehnten sich in seinem Blick, rasten vor ihm weg, dass ihm übel werde davon. Die Masse der Kajüte, in welcher er für einen Teil seiner Heimreise einquartiert gewesen sei, seien ihm eigentlich lieber gewesen; nach ebensolchem Dunkel und schweigender Unverrückbarkeit suche er nun irgendwo auf dem Festland.

            Natürlich erinnere er sich an die gemeinsam mit mir verbrachten Wochen, Tage, Abende. Natürlich erinnere er sich an die Tauchgänge bei Cagnes oder beim Cap de Nice, über die torfige Zerfaserung der Felsen hinunter steigend, dorthin, wo das Land sich bricht an schäumenden Gischtschleifen und wie gestocktem Blau, und dann hinab tauchend zuerst in ein traumartiges Grün und weiter unten in ein zweites, verstecktes Blau; vor dem nackten Auge und unter dem blossen Fuss sichtbar die allmähliche Abdunkelung zum ortlosen Stillstand des Grundes, und irgendwo hinter oder über dem Kopf eine zweite, aufragende Entfernung, am Ende derer, vager Erinnerung zufolge, noch immer ein Felsen an der Brandung sich bricht, ein Felsen, ein Landstrich, ein Kontinent. Natürlich erinnere er sich an die in der Tiefe manchmal geübte vollständige Umdrehung des Körpers in der Horizontalen, irgendwo hinter oder unter dem Kopf nun die Abdunkelung, und das Auge hin zum Licht gewandt. Er frage umgekehrt aber mich, ob ich mich an das Gefühl erinnere, man drehe dabei auf einmal nicht sich selbst, sondern die Entfernungen um, so dass man plötzlich sich zu erinnern glaube, was in der Tiefe liege und diese auf einmal heimatlicher scheine als ein Kontinent, dessen Existenz in ortloser Abdunkelung zu existieren aufgehört habe? Dieses Gefühl sei genau diejenige Mischung aus Angst und Erwartung gewesen, die man als Liebe bezeichne.

            Als er von jenem Raumfahrtprogramm zum ersten Mal gehört habe, sei er auf der Stelle begeistert gewesen, nicht nur von der politischen, sondern von der tatsächlich künstlerischen Dimension des Unterfangens. Die Verheimlichung dieses Enthusiasmus gegenüber mir habe ich keineswegs als persönlichen Affront zu werten, sie sei blosse Notwendigkeit gewesen, ebenso wie meine jetzige Verpflichtung, ihn Konstantin Duvalier zu nennen, ein Pseudonym, wohl so gut wie jedes andere. Er würde liebend gerne darauf verzichten, sagte er, die Sache mit den Namen sei ihm längst unheimlich geworden. Die ganze Rückreise hindurch habe er sein Bestes gegeben, den letzten Namen zu vergessen und vergessen zu lassen, ebenso wie er auf der Hinreise seinen vorletzten zu verdrängen versucht habe, aber der letzte wie der vorletzte schienen ihn zu begleiten wie Gespenster, nicht vorhanden und doch nicht abzuschütteln. In Marseille habe ihn akut die Vorstellung befallen, diese beiden Namen plötzlich von allen Lippen zu hören, aus jeder Kehle, ein bizarres monotones Oratorium, eine ganze Stadt in diese paar Silben getaucht. Weniger die mögliche Verbindung dieser Namen zu ihm sei es aber, die ihm unheimlich sei, sondern im Gegenteil die seltsame Zusammenhangslosigkeit dieser schal gewordenen Klangfolgen zu seiner selbst, zu seiner Person, zu seiner Identität: dass all diese Namen sprächen, aber niemals mit seiner Stimme.

            Natürlich erinnere er sich an unsere Gespräche bei Kaffee oder Bier, an unsere stundenlangen Diskussionen, an die gemeinsam besuchten oder abgehaltenen Lesungen, an das treue Kommen zu den Premieren des jeweils anderen. Natürlich erinnere er sich daran, nach einer Aufführung und in vielleicht nicht ganz nüchternem Zustand die hiesige Kulturlandschaft als eine Wüste bezeichnet zu haben, aber das würde er heute nicht wiederholen, denn, so viel wisse er jetzt, die Wüste sei ja doch etwas ganz anderes und etwas, von dem man sich eigentlich keine Vorstellung machen könne. Ob ich mich aber umgekehrt erinnern könne, an einen unserer Spaziergänge entlang der Promenade des Anglais, entlang dessen er mir seine schier unbegrenzte Begeisterung für die antiken Stoffe erläutert habe, die Schlacht bei den Thermopylen etwa, ein lächerliches Häufchen von dreihundert Griechen gegen das persische Heer in seiner Gesamtheit, der Feind unermesslich, der Sieg unnahbar, die Niederlage unausweichlich, die Schönheit unnennbar. Oder Iason und seine wenigen Argonauten, mit ihrem sagenhaft schnellen Boot die Ägäis und die eigene Unsicherheit überwindend gen Kolchis, wo sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit das goldene Vlies an sich nehmen, deren Heimreise sich aber so katastrophisch gestaltet wie diejenige des Odysseus, der nach präzisestem Sieg nach Hause bloss taumelt über zahllose Umwege, als schöbe sein Schiff durch heimliche Tücke eine ewige Entfernung vor sich her. Und ob ich mich auch erinnere, dass an genau diesem Punkt seiner Schilderungen die Hafenkanone krachend den genauen Mittag bezeichnet hatte, ein uralter Brauch, auf dass die Schiffsbesatzungen ihre Chronometer exakt danach stellen konnten; die Explosion als Zentrum des Navigierens.

Er ahne, um nicht zu sagen: er wisse, dass er von den Rändern des Universums, aus dem luftleeren Raum jenseits der menschlichen Auffassung, eine Art Abwesenheit mitgebracht habe, und diese sei ebenjener unbestimmte Punkt hinter seinem Kopf, der eine unablässige Entfernung in ihn einspeise. Vielleicht, dass er eine Nuance zu lange an jener kosmischen Bruchkante verbracht habe, vielleicht, dass überhaupt das Erreichen der Kante unvermeidlich diese Verfassung nach sich ziehe, jedenfalls fühle er sich seither wie beobachtet durch eine Leere, bespäht von einer Absenz. Natürlich habe er, wie ihm im Vorfeld angedeutet worden sei, auch mit physischen Folgen zu leben: Bei bestimmten Bewegungen, insbesondere bei einer Drehung seines Oberkörpers oder auch nur seines Kopfes nach hinten, durchfahre ihn brennender Schmerz; aber damit könne man leben, diese bestimmten Bewegungen seien ja vermeidbar; unvermeidlicher und furchtbarer sei das Gefühl, von einer lidlosen Abwesenheit beobachtet zu werden wie irgendein Insekt.

Und natürlich erinnere er sich an Maral. Natürlich erinnere er sich an das Gefühl ihres Kopfes an seinem, an den Geruch ihrer Haare und an den kleinen Abstand zwischen ihren Vorderzähnen. Er erinnere sich an die Ahnung ihrer Hand in seiner, an ihre erste Frage, an das Sonnenlicht auf ihrer Haut, an seine erste Antwort, er erinnere sich an ihren Wunsch, in Paris Politologie zu studieren und an ihre Art, ihre Locken zurückzuwerfen, er erinnere sich an die feine Melodie ihres Akzents, er erinnere sich an ihre Art, immer mindestens drei Bücher gleichzeitig zu lesen; er erinnere sich vor allem an einen frühen Nachmittag am Strand, als sie ein Eis gegessen habe und wie ihr Ausdruck dabei einer des vollendeten Glücks gewesen sei. In diesem Augenblick habe sich in seinem Herzen ein stiller Platz geöffnet, eine sprachlose Bereitschaft, wie eine Handfläche, in die sich dereinst etwas legen liesse. Ob ich mich aber umgekehrt erinnern könne an den gemeinsamen Ausflug nach Barcelona, ich mit Eveline, und Corinna mit Jean, und er mit Maral; dieser Ausflug, der so schön begonnen habe aber schliesslich doch für vermutlich niemanden so verlaufen sei wie gewünscht, für ihn am allerwenigsten. Kurz nach der Rückkehr habe Maral ihn angerufen, es käme anders, sie ertrügen es nicht mehr, am wenigsten der Vater, der Flug ginge in zwei Wochen, das sei kein Grund zur Traurigkeit, sie könne dort sofort in einer Apotheke anfangen, es gebe keinen Grund zu weinen, sie sehe dann seit Langem wieder einmal jenes Gebirge, das sie nur aus vage traumhaften Erinnerungen frühester Kindheit kenne, und dann sei sie in Tränen ausgebrochen und er habe sich gewünscht, sich ganz in seiner Stimme aufzulösen, um vollständig durch den Äther zu ihr getragen zu werden von sanftestem Windstoss und sich in seiner Gänze an ihre Wange legen zu können wie eine einzige liebende Hand, aber stattdessen habe er irgendetwas gesagt, und sie habe geantwortet, das halte sie für keine gute Idee, und dann habe sie aufgelegt und in jenem stillen Platz in seinem Herzen habe sich ein kleines kaltes Tier unhörbar eingenistet. Auch das sei nicht so verlaufen wie gewünscht. Aber rückblickend sei ja einiges nicht so verlaufen wie gewünscht.

Überhaupt keine Vorstellung mache man sich aber von der Schönheit, am Heck eines Schiffes zu stehen, während der Tag sich langsam schliesst wie eine Muschel, und am Horizont die Küste langsam verschwinden zu sehen, den Landstrich, den Kontinent; unter einem sich eindunkelnden Himmel felsige Küstenstreifen und dahinter das Gebirge, wie die gebleichten Skelette ungeheurer Drachen, in deren geöffnete Hirnschalen hinein die Sonne glühend versinkt; und dann sich umzudrehen und nunmehr bugwärts zu blicken, wo Meer und Himmel trennungslos ineinander zu gehen und sich dem Schauenden einig entgegen zu strecken scheinen wie eine masslose Umarmung, wie das Versprechen einer ungekannten Heimat; wo um den kühlen Mond herum das Licht der Sterne sichtbar werde, sich gruppierend in jene bildhaften Konstellationen, die man für Jahrtausende als Götter angebetet habe, einfach, weil sie da waren und so vieles andere nicht. Nichts sei zu hören als das Brummen der Motoren und der dumpfe Pulsschlag des Ozeans, aber man habe doch die Gewissheit, dass bei nur etwas exakterem Lauschen die tiefen Atemzüge des Alls hörbar würden, das silberne Rauschen zwischen den Sternen; all das läge da wie eine höhere Wahrheit, in Worte gewaltiger Unverständlichkeit gesetzt und in Züge unmenschlicher Dimensionen, in Silben einer Sprache, die dem Leben unzugänglich und deren leichtester Beistrich schon überhoch und scharfkantig sei. Da habe er an die griechischen Krieger denken müssen, als von ihrer winzigen Felsenenge aus die persische Armee sichtbar wurde und an die heute noch stehende spartanische Siegesstele mit ihrem ungeheuren Wort vom Gesetz; und an die Argonauten habe er denken müssen, als sie vor dem Kaukasus standen und ihr Tritt sicherer wurde mit jedem Meter, den sie ins karge und feindliche Gelände taten; und an Tariq ibn Ziyad, der Gibraltar nahm, und Cordoba, und Granada und Toledo, denn so erfüllt war er von Liebe, dass kein Platz blieb in ihm für ein weiteres Gefühl und sei es das geringste; die Ausdehnung Spaniens schien unter seinem Schritt zu verschwinden; er verharrte in liebevollstem Stillstand und das westgotische Imperium stürzte ihm schamvoll entgegen.

Und eine zuvor ungekannte Ehrfurcht habe ihn ergriffen, als in der Ferne die Weltraumbahnhöfe in den Blick gekommen seien, die Startrampen und Kontrolltürme, die Laborkomplexe und Besucherzentren, gleissend unter der Sonne und dem undurchdringlichen Azur des Himmels; von weither herangewehte Rufe der Ermutigung und der Begeisterung. Von den riesigen Einrichtungen und ihrer vielzähligen Besatzung habe ein Glühen in die Umgebung abgestrahlt, dass die Luft geschimmert habe in der mächtigen Farbe des Projekts. Diese Farbigkeit sei ihm vor dem inneren Auge gestanden, während in der Ferne das Krachen der Zündungen widergehallt habe, die erhabene Sprache der Hoffnung und ein Landstrich, getaucht in ihre Silben; sie sei eingegangen in seine Betrachtung der Flammen, der Zündungsfeuer, der Explosionen; Zentren der Navigation und Interpunktion ihrer Berichterstattung. Das Krachen, das Feuer; ausgehend von dieser Urflamme werde in alle Himmelsrichtungen ein Koordinatensystem geschleudert; Distanz werde neu skaliert über diesen Nullpunkt, neu gedacht um ihn herum: fern, nah, gleich daneben. Gewaltiges Aufwolken von Staub und Rauch und wie ein Schwert erhebe sich aus ihm die erhabene Gestalt der Rakete, himmelsinnig, distanzberückt; wie eine Gebetsfahne von den Rändern des Kosmos her gewoben und zu ihnen hin rasend in aller Geschwindigkeit, mit der Eile des sprachlosen Wunsches.

Denn ohne Mass und ohne Grenze sei die Entfernung, und hinfällig das Material, um sie zu überbrücken; so sei die Rakete, berauscht vom ewigen Zurückbleiben hinter dem eigenen Anspruch und nunmehr angetrieben von nichts als diesem, irgendwo zwischen dem staubigen Horizont und dem stahlblauen Himmel unaussprechlich schimmernd verglüht einschliesslich ihrer Besatzung; die Handelnden seien verschwunden, um die Handlung selbst in aller Klarheit nach vorne treten zu lassen: die Hitze der Haut, aber ohne die Haut; die Erregung des Kusses, aber ohne die Küssenden; der untergründige Schlag des Herzens, aber ohne das Herz; der Akt der Liebe bereinigt von seinen Schwerfälligkeiten, und da sei ihm die Obszönität seines Blickes bewusst geworden und dann habe er lachen müssen, und dann weinen, und dann sich im Halbschatten irgendeiner Gasse übergeben. Der Wand entlang sei er verschwitzt zusammengesackt und für unbestimmte Zeit so neben seinem Erbrochenen gesessen, die Augen keusch geschlossen. Er habe geglaubt das Rinnen seines Schweisses über Stirn und Nacken hinab zu hören, eher ein kristallin hohes Knirschen als ein Klang von Flüssigkeit. Aber dahinter habe er das dumpfe Brummen der Wüste gehört, die Resonanz ihrer Ausdehnung, wie die vibrierende Atmung einer ungeheuren Kreatur. Als er aber die Augen geöffnet habe, sei ihm exakt gegenüber ein Esel gestanden, umschwirrt von wohl einem Dutzend Fliegen.

Und dieser Esel habe wiederum ihn angeblickt; den Kopf halb abgedreht, aus schmutzigem Fell heraus mit einem Auge, still und unnahbar wie ein See aus undenkbarer Vorzeit, wie die Insignie einer längst vergessenen Gottheit, und er selber opferhaft dargebracht im Tempel der staubigen Luft und des trockenen Himmels. Denn er habe sich ja gefühlt wie weit offenstehend, als habe sich jedes seiner Gefühle und jede seiner Erinnerungen auf der Oberfläche seiner Haut ausgebreitet, als sei er nach aussen gestülpt mit allem Glück und aller Verletzung, als streife der heisse Wind unmittelbar über sein Innerstes; als wäre seine ganze Existenz diesem Esel unmittelbar anschaulich. So wenig habe er seine Tiefe verteidigen können, dass der Blick des Tieres in die saure, ausgetrocknete Höhlung seines Mundes geradezu körperlich eingedrungen sei; dass er geglaubt habe, die glattrunde Kühle dieses Auges auf seiner Zunge zu spüren und den tröstlichen Geschmack, und den Schauder einer Liebe, die seine eigene gewesen sei. Er habe versucht, den Arm auszustrecken, aber dieser sei ihm gleichsam nicht zugänglich gewesen, als wäre der Arm sehr weit weg und sein Wunsch, ihn zu heben, brauche Jahrzehnte, um zu ihm zu gelangen. Und da habe der Esel langsam wie in Zeitlupe einen winzigen Schritt nach vorne gemacht und begonnen, das Erbrochene aufzulecken.

Sebastien Fanzun

Ein Kommentar

  1. […] Also habe er die Verlegung sofort angenommen und, nach langem Weg durch kleiner und kleiner werdende Dörfer, entlang ausdünnendem Wald über eine kaum befestigte Strasse bergan schleichend, den Aussenposten erreicht. Natürlich seien da Warnungen gewesen: die Ungeschütztheit gegenüber Wind und Wetter, der gerade in diesen geographischen Ausläufern traditionell und belastend geringe Rückhalt der ansässigen Bevölkerung, die Lebenswidrigkeit der Landschaft, schliesslich die Leere und die Einsamkeit. Aber dann, was seien Warnungen, wenn man sonst in keine Richtung weiterweiss. Zwischen zwei schroff gipfelwärts jagenden Hängen habe das Hirtendorf gelegen, etwas erhöht dahinter ihre Befestigungen, und das Dorf wie die Festung mittig durchschneidend die Passstrasse. Diese Strasse sei er hoch gekommen am ersten Tag, und vom Turm aus habe er deren weiteren Verlauf jenseits der Passhöhe immer und immer wieder beobachtet, als könnten sich die Windungen von einem Tag auf den anderen neu formen, als sei schon der Weg hinunter ins meistens dick übernebelte Feindesland möglicherweise selber ein Feind. Aber natürlich sei sie völlig unverändert geblieben, in nach unten grosszügiger werdenden Schwüngen habe sie sich irgendwann in der Ferne oder Tiefe verloren, ohne dass ihre Gestalt sich je mehr verändert hätte als durch Wettereinflüsse. Überhaupt das Wetter, ob sie sich das vorstellen könne, das Wetter in dieser Höhe: ungeheure weisse und graue Wolkengebäude, die aus scheinbar allen Richtungen sich zusammenschieben und sich knapp über dem eigenen Kopf ballen zu etwas wie einem Versprechen oder einer Drohung, die Luft dicht und schwer und nur da und dort durchstossen von den Rufen der Hirten, die ihre über alle Hänge verstreuten Tiere zusammentreiben; die Gewitter, die den Himmel splittern lassen wie ein Gefäss, in wenigen Minuten ganze Sturzbäche über das Gestein giessen und die Passstrasse da und dort in einen Fluss verwandeln, und die Welt ist nichts als das Wasser, das in dicken Fäden vom Turmdach rinnt, das Glimmen der Zigarette und der Donner, der im engen Tal ohrenbetäubend schlägt. Abendstimmungen, wenn die dunklen Wolkenhaufen sich nach und nach zerfasern und den Blick frei lassen auf einen mandarinenfarbenen Himmel, und die Sonne, die in einer tintigen Korona untergeht zwischen den letzten Wolkenfäden und der unbedingt schwarzen Linie eines Grats, und man selber zwischen den noch feuchtdunklen Felsen stehend und sich wundernd, dass so ein Anblick kein Geräusch macht. Im Winter ein schneidender Wind, der dünne Schneefahnen über die Hänge weht, wie Spinnweben, die, an den glatten Graten kaum befestigt, eisig in den wie stählernen Himmel lodern; morgens das blasse Sonnenlicht, das schwachen orangen Schimmer über die frostigen Gebirgsflächen legt, das einen allseits umgebende silberne Glitzern und die saubere kalte Luft, anfangsfrisch, wie ein Windstoss direkt in den Lungenflügeln. Und sie will ihm erzählen von den Alpen, vom Gewicht des Rucksacks, von der Gestalt ihres Bruders ein paar Meter vor ihr, ein wippender Rücken in knallrotem Overall, will erzählen vom Knirschen des Schnees unter ihren Füssen, von den gleissend hellblauen Gletscherebenen, von ihrem Überholmanöver und dem lobend-erstaunten Lachen ihres Bruders, vom wie atemlosen Gang auf dem Grat, von den Umarmungen auf dem Gipfel, vom berückenden Rundumblick auf ein Meer aus Stein und Schnee, vom kleinen Körper eines erfrorenen Hasen beim Abstieg. Sie will erzählen von den endlosen und einschläfernden Litaneien an der Universität, vom Geruch eines Kaffees auf dem Domplatz, will erzählen von der Idee, ein Leben könne an einem Wunsch emporwachsen wie eine Kletterpflanze, wenn der Wunsch nur gross genug ist, von der liebevollen Verständnislosigkeit der Eltern, vom Stand des Euro, vom Preis eines Flugtickets und vom Wert einer Freundin, will erzählen, wie sie zum ersten Mal Stendhal las an einem verschneiten Bahnhof in Ungarn, wie sie zum ersten Mal die schottischen Highlands sah, wie New York sie beglückte und Los Angeles sie verwirrte, will noch einmal und erst recht erzählen vom Wert einer Freundin, will also erzählen von Valerie, will erzählen vom Schrumpfen der Heimat im engen Flugzeugfenster, vom Mittelmeer und allem, was damit für sie zusammenhängt, will erzählen vom gemeinsamen Blick über das Flughafengebäude und die dahinter eng sich drängenden Häuser der Vororte, und davon, wie sie sich umarmt hatten nach der Landung, vom Blau des Himmels und der merklich ausgestrahlten Sicherheit Valeries, aber stattdessen schweigt sie und lässt ihn noch ein Glas Wein herbeinicken, draussen vor dem grossen Fenster die Lichter der Stadt und darüber der sehr dunkle Nachthimmel. Was sie sich aber wohl nicht vorstellen könne, sagt er, das sei die unglaubliche Langeweile, sorgfältig in Form geprägt durch die akkurate Rhythmisierung aller Abläufe. Keine Meditation sei der schieren Konzentrationsförderung ebenbürtig, die eine Aufgabe wie die seine zugleich verlange und gewährleiste. Von der nahtlosen Gestalt seines Alltags sei jede Belanglosigkeit abgeflossen. Wenige, aber fast beängstigend detailreiche und selbst in der Erinnerung geradezu unmittelbar wirkungsvolle Bilder seien es, zu denen sich seine Aufenthalte in der Festung zusammenschöben. Die Passstrasse, die Regenfäden, die Sonnenuntergänge, die Schneefahnen; der Dampf seines Atems vor seinem Gesicht, der Anblick von einer Gruppe Ziegen, die über Geröll hinabsteigt zu einem kaum nennenswerten Rinnsal, von Bergschafen, die in einer Mulde zusammengedrängt das Ende des Gewitters abwarten; der Anblick einer dünnen Reifschicht auf der schieren Farbexplosion einer Hochlandweide, der Klang eines Schusses in einem schmalen Bergtal, der Geruch von Fleischsuppe in einer Winternacht. – Und dabei habe ja doch eigentlich kein Bild häufiger vor seinen Augen gestanden als dasjenige seines Büros, des unscheinbaren Zimmers mit Holzboden und Holzwänden, seines Schreibpults, an dem er die berückenden Wetterlagen ebenso wie die zwischen den Wolkenbahnen sichtbare Leblosigkeit des Feindeslandes gleich jenseits der Passhöhe und die scheinbar stündlich wachsende Verachtung der örtlichen Bevölkerung unbeirrbar zu gleichförmigen Berichten geschmiedet habe; sein Büro, von dem aus er seinen eigentlich lächerlichen Haufen von achtzehn Soldaten kommandiert, von dem aus er ihre Expeditionen angeordnet und ihre Verfehlungen bestraft habe. Mit diesen Bildern seines gewöhnlichen Tagesablaufs verbunden sei aber der Anblick seines Adjutanten in der Tür, hinter ihm Schneetreiben, einzelne Flocken fallen ins Büro, und wie der Adjutant sagt, es sei offenbar ein Leopard in der Gegend, drei Ziegen und ein Schaf seien in den vergangenen Tagen schon verschwunden, aber letzte Nacht sei nun ein Hirte getötet worden, die Dorfbewohner seien sehr verängstigt, très, très effrayés, mon capitaine, und was jetzt zu tun sei. Eine einzelne Flocke sei bis auf sein Pult geweht worden, er habe sie beim Schmelzen beobachtet, ein feuchter Fleck auf seinem Buch. Und er fragt, ob sie Pound kenne, das Lied an der Brücke von Ten-Shin und die Klage des Grenzwächters, den Vers vom Kummer, der wie Regen fällt, und denjenigen von den Hunden und ihrem nutzlosen Warngebell. Und sie will ihm erzählen von den vergangenen Wochen, will ihm erzählen, wie der Wüste entgegen die fahlgrünen Bäume wie vom dazwischenliegenden Boden immer weiter auseinandergeschoben und schliesslich alleinstehend von ihm verschluckt werden, und wie man glaube, pudriges Sonnenlicht zu atmen. Sie will ihm erzählen, wie sie die toten Menschen gesehen habe, wie dunkle schlanke Brauen auf dem staubblonden Feld und darüber die Krähen, will ihm von jenem zu einem erdschwarzen Gerüst hinuntergebrannten Lastwagen erzählen, will ihm erzählen, wie man immer wieder in den Rückspiegel schaue, um zu überprüfen, ob man noch da ist. Sie will ihm erzählen, wie Valerie glaube, dass der Mensch mit dem aufrechten Gang nicht nur eine Stellung erhalten, sondern sich auch zu einer Haltung verpflichtet habe. Sie will ihm erzählen von der Fahrt über die Ebenen, grosse Staubwolken beiderseits des Wagens, und wie sie immer wieder hinübergesehen habe zu ihrer Freundin, wie die Abendsonne durch den Staub und das schmutzige Fenster auf Valeries Haar fiel und auf ihr halb abgewandtes, nachdenkliches Lächeln, und wie sie dachte, ah, mon amour, und wie sie das sagen wollte oder zumindest etwas Ähnliches oder ne me quitte jamais, und wie sie aber stattdessen weiter geschwiegen und auch die Hand nicht ausgestreckt habe, sie zu berühren, als hielte sie etwas mit Gewalt davon zurück, obwohl doch nichts sie gehalten habe ausser ihr selber, wie sie schweigend gesessen hatte, bis die Sonne ganz untergegangen und der Wagen am Ziel angekommen war, und wie sie da und später erkannt hatte, was das ist, Versagen. Aber stattdessen sagt sie: Ich hätte nichts gegen. Und er sagt: Wir könnten. Ich kenne. Die Uferpromenade ist um diese Zeit wie ausgestorben, ein oder zwei schweigende Gestalten ziehen an ihnen vorbei, ansonsten könnten sie ebenso gut die einzigen Menschen in der Stadt sein. Was die Regierung anderswo an Fehlern begeht, versucht sie hier wiedergutzumachen; so zieht sich die Promenade makellos hin und scheint zwischen Stadt und Meer und Sternen unaufhörlich sich hinzuziehen, als wäre da nie eine Grenze. Und er erzählt von nervösen Berichten, von ebenso angstvollen wie angsteinflössenden Beschreibungen. Gegenüber vom Leuchtturm ergreift er erstmals ihre Hand und sie fragt sich, ob sie erschauern soll oder nicht. Er erzählt vom Glimmen der Kinderaugen im Halbdunkel, von Stimmengewirr, vom Zusammenfluss von Erfahrung und Legende, er erzählt von Respekt und Beispiel, von Strategie und Anschauung und von Mondlicht zwischen niedrigen Lehmhütten. Und er fragt, ob sie schon einmal Blut auf Schnee gesehen habe. Und er fragt: Ob sie wisse, was das sei, ein Leopard. Dass sie es sich vorstellen könne, sei unmöglich. Ob sie je Bewegung gesehen habe, die schon geschehen ist, wenn man sie erst gerade zu bemerken beginnt. Ob sie je einen Sprung gesehen habe, der ruht. Eine Gewalt, die sich duckt. Ein Stück Nacht, das sich umdreht. Einen Schatten mit Zähnen. Einen Gang, als werde mit jedem Fussfall der ganze Körper neu erfunden. Es sei einer jener Morgen gewesen, bei denen man glaubt, sie öffneten einen Tag, den kein gewöhnlicher Abend wieder zu schliessen vermag, auf die irgendeine ungeahnte Dämmerung folgen müsse. Der frühe Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, sei die bevorzugte Jagdzeit des Leoparden. Alleine sei er aufgebrochen, der eigene Atem als dünne Wolke vor dem Gesicht und um ihn herum dieses besondere, traumartige Dunkelblau eines Morgens im Hochgebirge. Die Passstrasse habe sich wie gewohnt hinunter geschlängelt ins Feindesland, dessen Gestalt sich ihm auch an jenem Morgen nur zwischen den darüber liegenden Wolkenbahnen dargeboten habe, wie es inmitten der Rundungen und Spitzen weiterer Berge als graubraunes Band allmählich abflache zum Unbekannten hinunter, von dieser Entfernung aus gesehen glatt wie Leder und trügerisch friedlich. Er sei auf einem schmalen, steilen Fussweg hoch gegangen, bis hinter ihm Dorf und Festung deutlich geschrumpft erschienen seien, die Gebäude verstreut und wehrlos, und er habe umgekehrt geahnt, wie winzig und einsam er von unten aus gesehen erscheinen musste. Unter seinen Füssen die kleinen Steine knirschend aneinander reibend, vor ihm dunkelgrauer Hang, der sich oben irgendwo als Grat verloren habe. Da und dort dürre Flechten, immer wieder grosse Brocken von Geröll, die ihm die Sicht versperrt hätten, und er natürlich das Gewehr umklammernd, ruhig und ohne eigentliche Angst, mehr ratlos, als habe sich hier der Lauf seines Lebens auf einmal verlangsamt, ohne ganz innezuhalten, aber doch so, als böte sich ihm hier und jetzt die Gelegenheit, einen für gewöhnlich unverständlich schnellen Prozess in allen Einzelheiten zu beobachten, und er habe sich gedacht, dass es doch eine sehr seltsame Ironie sei, dass er zugleich auch mehr denn je das Gefühl habe, die Welt nur durch einen Nebel wahrzunehmen oder sogar aus Nebel zu bestehen, zusammengewachsen zu sein als Destillat der Hochgebirgswolken, und er sagt, dass er sich nie so erwartungsvoll und ahnungslos zugleich gefühlt habe. […]

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