Die Farbe des Projekts

Nach seiner unwahrscheinlichen Rückkehr sei ihm aber sogar noch klarer geworden, dass das Herz der Raumfahrt gebildet werde durch das Wissen um die Entfernung und die Liebe zu ihrer Unüberwindbarkeit, sagte mir Duvalier in einer kleinen Wohnung nahe dem Hafen, zwischen engen Wänden und in gedämpftem Licht, gedämpft wie durch Staubwolken fallender Sonnenschein, wie das Geräusch eines Einschlags in der Distanz, wie ein Schrei hinter vorgehaltener Hand. Er sass in einem Stuhl in der Zimmermitte, doch machte er einen eigentümlichen Eindruck auf mich, als wäre sein Sitzen nur scheinbar, eine optische Täuschung; als wiche er während des Gesprächs stetig nach hinten zurück, doch wüchse gleichzeitig in genau dem Masse, um seine perspektivische Verkleinerung auszugleichen und mir den Anschein der Unbeweglichkeit zu geben. Er habe diese Stadt ja verlassen, sagte Duvalier, um in die Ferne hinein zu reisen, die ihm vom Horizont her unaussprechlich zugeschimmert habe, doch ohne sein Zutun noch sein Bemerken sei diese Ferne dabei umgekehrt in ihn hinein gereist, oder eher noch, diese Ferne reise unablässig immer wieder in ihn hinein, sie wüchse von einem unbestimmten Punkt hinter seinem Kopf in sein Gehirn und breche ihm zu den Augen wieder heraus. Selbst die Mauern dieser geradezu lächerlich beengten Wohnung dehnten sich in seinem Blick, rasten vor ihm weg, dass ihm übel werde davon. Die Masse der Kajüte, in welcher er für einen Teil seiner Heimreise einquartiert gewesen sei, seien ihm eigentlich lieber gewesen; nach ebensolchem Dunkel und schweigender Unverrückbarkeit suche er nun irgendwo auf dem Festland.

            Natürlich erinnere er sich an die gemeinsam mit mir verbrachten Wochen, Tage, Abende. Natürlich erinnere er sich an die Tauchgänge bei Cagnes oder beim Cap de Nice, über die torfige Zerfaserung der Felsen hinunter steigend, dorthin, wo das Land sich bricht an schäumenden Gischtschleifen und wie gestocktem Blau, und dann hinab tauchend zuerst in ein traumartiges Grün und weiter unten in ein zweites, verstecktes Blau; vor dem nackten Auge und unter dem blossen Fuss sichtbar die allmähliche Abdunkelung zum ortlosen Stillstand des Grundes, und irgendwo hinter oder über dem Kopf eine zweite, aufragende Entfernung, am Ende derer, vager Erinnerung zufolge, noch immer ein Felsen an der Brandung sich bricht, ein Felsen, ein Landstrich, ein Kontinent. Natürlich erinnere er sich an die in der Tiefe manchmal geübte vollständige Umdrehung des Körpers in der Horizontalen, irgendwo hinter oder unter dem Kopf nun die Abdunkelung, und das Auge hin zum Licht gewandt. Er frage umgekehrt aber mich, ob ich mich an das Gefühl erinnere, man drehe dabei auf einmal nicht sich selbst, sondern die Entfernungen um, so dass man plötzlich sich zu erinnern glaube, was in der Tiefe liege und diese auf einmal heimatlicher scheine als ein Kontinent, dessen Existenz in ortloser Abdunkelung zu existieren aufgehört habe? Dieses Gefühl sei genau diejenige Mischung aus Angst und Erwartung gewesen, die man als Liebe bezeichne.

            Als er von jenem Raumfahrtprogramm zum ersten Mal gehört habe, sei er auf der Stelle begeistert gewesen, nicht nur von der politischen, sondern von der tatsächlich künstlerischen Dimension des Unterfangens. Die Verheimlichung dieses Enthusiasmus gegenüber mir habe ich keineswegs als persönlichen Affront zu werten, sie sei blosse Notwendigkeit gewesen, ebenso wie meine jetzige Verpflichtung, ihn Konstantin Duvalier zu nennen, ein Pseudonym, wohl so gut wie jedes andere. Er würde liebend gerne darauf verzichten, sagte er, die Sache mit den Namen sei ihm längst unheimlich geworden. Die ganze Rückreise hindurch habe er sein Bestes gegeben, den letzten Namen zu vergessen und vergessen zu lassen, ebenso wie er auf der Hinreise seinen vorletzten zu verdrängen versucht habe, aber der letzte wie der vorletzte schienen ihn zu begleiten wie Gespenster, nicht vorhanden und doch nicht abzuschütteln. In Marseille habe ihn akut die Vorstellung befallen, diese beiden Namen plötzlich von allen Lippen zu hören, aus jeder Kehle, ein bizarres monotones Oratorium, eine ganze Stadt in diese paar Silben getaucht. Weniger die mögliche Verbindung dieser Namen zu ihm sei es aber, die ihm unheimlich sei, sondern im Gegenteil die seltsame Zusammenhangslosigkeit dieser schal gewordenen Klangfolgen zu seiner selbst, zu seiner Person, zu seiner Identität: dass all diese Namen sprächen, aber niemals mit seiner Stimme.

            Natürlich erinnere er sich an unsere Gespräche bei Kaffee oder Bier, an unsere stundenlangen Diskussionen, an die gemeinsam besuchten oder abgehaltenen Lesungen, an das treue Kommen zu den Premieren des jeweils anderen. Natürlich erinnere er sich daran, nach einer Aufführung und in vielleicht nicht ganz nüchternem Zustand die hiesige Kulturlandschaft als eine Wüste bezeichnet zu haben, aber das würde er heute nicht wiederholen, denn, so viel wisse er jetzt, die Wüste sei ja doch etwas ganz anderes und etwas, von dem man sich eigentlich keine Vorstellung machen könne. Ob ich mich aber umgekehrt erinnern könne, an einen unserer Spaziergänge entlang der Promenade des Anglais, entlang dessen er mir seine schier unbegrenzte Begeisterung für die antiken Stoffe erläutert habe, die Schlacht bei den Thermopylen etwa, ein lächerliches Häufchen von dreihundert Griechen gegen das persische Heer in seiner Gesamtheit, der Feind unermesslich, der Sieg unnahbar, die Niederlage unausweichlich, die Schönheit unnennbar. Oder Iason und seine wenigen Argonauten, mit ihrem sagenhaft schnellen Boot die Ägäis und die eigene Unsicherheit überwindend gen Kolchis, wo sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit das goldene Vlies an sich nehmen, deren Heimreise sich aber so katastrophisch gestaltet wie diejenige des Odysseus, der nach präzisestem Sieg nach Hause bloss taumelt über zahllose Umwege, als schöbe sein Schiff durch heimliche Tücke eine ewige Entfernung vor sich her. Und ob ich mich auch erinnere, dass an genau diesem Punkt seiner Schilderungen die Hafenkanone krachend den genauen Mittag bezeichnet hatte, ein uralter Brauch, auf dass die Schiffsbesatzungen ihre Chronometer exakt danach stellen konnten; die Explosion als Zentrum des Navigierens.

Er ahne, um nicht zu sagen: er wisse, dass er von den Rändern des Universums, aus dem luftleeren Raum jenseits der menschlichen Auffassung, eine Art Abwesenheit mitgebracht habe, und diese sei ebenjener unbestimmte Punkt hinter seinem Kopf, der eine unablässige Entfernung in ihn einspeise. Vielleicht, dass er eine Nuance zu lange an jener kosmischen Bruchkante verbracht habe, vielleicht, dass überhaupt das Erreichen der Kante unvermeidlich diese Verfassung nach sich ziehe, jedenfalls fühle er sich seither wie beobachtet durch eine Leere, bespäht von einer Absenz. Natürlich habe er, wie ihm im Vorfeld angedeutet worden sei, auch mit physischen Folgen zu leben: Bei bestimmten Bewegungen, insbesondere bei einer Drehung seines Oberkörpers oder auch nur seines Kopfes nach hinten, durchfahre ihn brennender Schmerz; aber damit könne man leben, diese bestimmten Bewegungen seien ja vermeidbar; unvermeidlicher und furchtbarer sei das Gefühl, von einer lidlosen Abwesenheit beobachtet zu werden wie irgendein Insekt.

Und natürlich erinnere er sich an Maral. Natürlich erinnere er sich an das Gefühl ihres Kopfes an seinem, an den Geruch ihrer Haare und an den kleinen Abstand zwischen ihren Vorderzähnen. Er erinnere sich an die Ahnung ihrer Hand in seiner, an ihre erste Frage, an das Sonnenlicht auf ihrer Haut, an seine erste Antwort, er erinnere sich an ihren Wunsch, in Paris Politologie zu studieren und an ihre Art, ihre Locken zurückzuwerfen, er erinnere sich an die feine Melodie ihres Akzents, er erinnere sich an ihre Art, immer mindestens drei Bücher gleichzeitig zu lesen; er erinnere sich vor allem an einen frühen Nachmittag am Strand, als sie ein Eis gegessen habe und wie ihr Ausdruck dabei einer des vollendeten Glücks gewesen sei. In diesem Augenblick habe sich in seinem Herzen ein stiller Platz geöffnet, eine sprachlose Bereitschaft, wie eine Handfläche, in die sich dereinst etwas legen liesse. Ob ich mich aber umgekehrt erinnern könne an den gemeinsamen Ausflug nach Barcelona, ich mit Eveline, und Corinna mit Jean, und er mit Maral; dieser Ausflug, der so schön begonnen habe aber schliesslich doch für vermutlich niemanden so verlaufen sei wie gewünscht, für ihn am allerwenigsten. Kurz nach der Rückkehr habe Maral ihn angerufen, es käme anders, sie ertrügen es nicht mehr, am wenigsten der Vater, der Flug ginge in zwei Wochen, das sei kein Grund zur Traurigkeit, sie könne dort sofort in einer Apotheke anfangen, es gebe keinen Grund zu weinen, sie sehe dann seit Langem wieder einmal jenes Gebirge, das sie nur aus vage traumhaften Erinnerungen frühester Kindheit kenne, und dann sei sie in Tränen ausgebrochen und er habe sich gewünscht, sich ganz in seiner Stimme aufzulösen, um vollständig durch den Äther zu ihr getragen zu werden von sanftestem Windstoss und sich in seiner Gänze an ihre Wange legen zu können wie eine einzige liebende Hand, aber stattdessen habe er irgendetwas gesagt, und sie habe geantwortet, das halte sie für keine gute Idee, und dann habe sie aufgelegt und in jenem stillen Platz in seinem Herzen habe sich ein kleines kaltes Tier unhörbar eingenistet. Auch das sei nicht so verlaufen wie gewünscht. Aber rückblickend sei ja einiges nicht so verlaufen wie gewünscht.

Überhaupt keine Vorstellung mache man sich aber von der Schönheit, am Heck eines Schiffes zu stehen, während der Tag sich langsam schliesst wie eine Muschel, und am Horizont die Küste langsam verschwinden zu sehen, den Landstrich, den Kontinent; unter einem sich eindunkelnden Himmel felsige Küstenstreifen und dahinter das Gebirge, wie die gebleichten Skelette ungeheurer Drachen, in deren geöffnete Hirnschalen hinein die Sonne glühend versinkt; und dann sich umzudrehen und nunmehr bugwärts zu blicken, wo Meer und Himmel trennungslos ineinander zu gehen und sich dem Schauenden einig entgegen zu strecken scheinen wie eine masslose Umarmung, wie das Versprechen einer ungekannten Heimat; wo um den kühlen Mond herum das Licht der Sterne sichtbar werde, sich gruppierend in jene bildhaften Konstellationen, die man für Jahrtausende als Götter angebetet habe, einfach, weil sie da waren und so vieles andere nicht. Nichts sei zu hören als das Brummen der Motoren und der dumpfe Pulsschlag des Ozeans, aber man habe doch die Gewissheit, dass bei nur etwas exakterem Lauschen die tiefen Atemzüge des Alls hörbar würden, das silberne Rauschen zwischen den Sternen; all das läge da wie eine höhere Wahrheit, in Worte gewaltiger Unverständlichkeit gesetzt und in Züge unmenschlicher Dimensionen, in Silben einer Sprache, die dem Leben unzugänglich und deren leichtester Beistrich schon überhoch und scharfkantig sei. Da habe er an die griechischen Krieger denken müssen, als von ihrer winzigen Felsenenge aus die persische Armee sichtbar wurde und an die heute noch stehende spartanische Siegesstele mit ihrem ungeheuren Wort vom Gesetz; und an die Argonauten habe er denken müssen, als sie vor dem Kaukasus standen und ihr Tritt sicherer wurde mit jedem Meter, den sie ins karge und feindliche Gelände taten; und an Tariq ibn Ziyad, der Gibraltar nahm, und Cordoba, und Granada und Toledo, denn so erfüllt war er von Liebe, dass kein Platz blieb in ihm für ein weiteres Gefühl und sei es das geringste; die Ausdehnung Spaniens schien unter seinem Schritt zu verschwinden; er verharrte in liebevollstem Stillstand und das westgotische Imperium stürzte ihm schamvoll entgegen.

Und eine zuvor ungekannte Ehrfurcht habe ihn ergriffen, als in der Ferne die Weltraumbahnhöfe in den Blick gekommen seien, die Startrampen und Kontrolltürme, die Laborkomplexe und Besucherzentren, gleissend unter der Sonne und dem undurchdringlichen Azur des Himmels; von weither herangewehte Rufe der Ermutigung und der Begeisterung. Von den riesigen Einrichtungen und ihrer vielzähligen Besatzung habe ein Glühen in die Umgebung abgestrahlt, dass die Luft geschimmert habe in der mächtigen Farbe des Projekts. Diese Farbigkeit sei ihm vor dem inneren Auge gestanden, während in der Ferne das Krachen der Zündungen widergehallt habe, die erhabene Sprache der Hoffnung und ein Landstrich, getaucht in ihre Silben; sie sei eingegangen in seine Betrachtung der Flammen, der Zündungsfeuer, der Explosionen; Zentren der Navigation und Interpunktion ihrer Berichterstattung. Das Krachen, das Feuer; ausgehend von dieser Urflamme werde in alle Himmelsrichtungen ein Koordinatensystem geschleudert; Distanz werde neu skaliert über diesen Nullpunkt, neu gedacht um ihn herum: fern, nah, gleich daneben. Gewaltiges Aufwolken von Staub und Rauch und wie ein Schwert erhebe sich aus ihm die erhabene Gestalt der Rakete, himmelsinnig, distanzberückt; wie eine Gebetsfahne von den Rändern des Kosmos her gewoben und zu ihnen hin rasend in aller Geschwindigkeit, mit der Eile des sprachlosen Wunsches.

Denn ohne Mass und ohne Grenze sei die Entfernung, und hinfällig das Material, um sie zu überbrücken; so sei die Rakete, berauscht vom ewigen Zurückbleiben hinter dem eigenen Anspruch und nunmehr angetrieben von nichts als diesem, irgendwo zwischen dem staubigen Horizont und dem stahlblauen Himmel unaussprechlich schimmernd verglüht einschliesslich ihrer Besatzung; die Handelnden seien verschwunden, um die Handlung selbst in aller Klarheit nach vorne treten zu lassen: die Hitze der Haut, aber ohne die Haut; die Erregung des Kusses, aber ohne die Küssenden; der untergründige Schlag des Herzens, aber ohne das Herz; der Akt der Liebe bereinigt von seinen Schwerfälligkeiten, und da sei ihm die Obszönität seines Blickes bewusst geworden und dann habe er lachen müssen, und dann weinen, und dann sich im Halbschatten irgendeiner Gasse übergeben. Der Wand entlang sei er verschwitzt zusammengesackt und für unbestimmte Zeit so neben seinem Erbrochenen gesessen, die Augen keusch geschlossen. Er habe geglaubt das Rinnen seines Schweisses über Stirn und Nacken hinab zu hören, eher ein kristallin hohes Knirschen als ein Klang von Flüssigkeit. Aber dahinter habe er das dumpfe Brummen der Wüste gehört, die Resonanz ihrer Ausdehnung, wie die vibrierende Atmung einer ungeheuren Kreatur. Als er aber die Augen geöffnet habe, sei ihm exakt gegenüber ein Esel gestanden, umschwirrt von wohl einem Dutzend Fliegen.

Und dieser Esel habe wiederum ihn angeblickt; den Kopf halb abgedreht, aus schmutzigem Fell heraus mit einem Auge, still und unnahbar wie ein See aus undenkbarer Vorzeit, wie die Insignie einer längst vergessenen Gottheit, und er selber opferhaft dargebracht im Tempel der staubigen Luft und des trockenen Himmels. Denn er habe sich ja gefühlt wie weit offenstehend, als habe sich jedes seiner Gefühle und jede seiner Erinnerungen auf der Oberfläche seiner Haut ausgebreitet, als sei er nach aussen gestülpt mit allem Glück und aller Verletzung, als streife der heisse Wind unmittelbar über sein Innerstes; als wäre seine ganze Existenz diesem Esel unmittelbar anschaulich. So wenig habe er seine Tiefe verteidigen können, dass der Blick des Tieres in die saure, ausgetrocknete Höhlung seines Mundes geradezu körperlich eingedrungen sei; dass er geglaubt habe, die glattrunde Kühle dieses Auges auf seiner Zunge zu spüren und den tröstlichen Geschmack, und den Schauder einer Liebe, die seine eigene gewesen sei. Er habe versucht, den Arm auszustrecken, aber dieser sei ihm gleichsam nicht zugänglich gewesen, als wäre der Arm sehr weit weg und sein Wunsch, ihn zu heben, brauche Jahrzehnte, um zu ihm zu gelangen. Und da habe der Esel langsam wie in Zeitlupe einen winzigen Schritt nach vorne gemacht und begonnen, das Erbrochene aufzulecken.

Sebastien Fanzun

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