Editorial

Es war einmal ein kritischer Leser, der uns vorwarf, die Redaktion würde sich schwer tun, ein Verständnis von Kritik zu entwickeln, das weiter gehe als postmodernes anything goes. Dieser Vorwurf, so kritikgierig wir auch sind, hat mich verärgert. Und was wütend macht, muss wichtig sein. Dann kamen die Fragen: Heisst denn Offenheit immer auch Beliebigkeit? Welche Kriterien wendet man auf Kritiken an, die ihrerseits die «falschen» auf die kritisierten Texte anwenden? Wie geht man damit um, dass Kritiken immer auch Meinungen sind? Gilt es Meinungen, die auf «falschen» Annahmen basieren, zu respektieren oder nicht? Wie bestimmt man die Grenze zwischen «richtig» und «falsch», wie allgemeingültig oder flexibel ist sie anzuwenden, und wie dogmatisch darf eine Literaturzeitschrift eigentlich sein? Sind «falsche» Kriterien Grund genug, eine Kritik nicht abzudrucken, und wenn man sie abdruckt, wem schadet das eigentlich mehr, dem kritisierten Text oder der Kritik selbst? Wem hilft es? Wie soll die Redaktion zu einem einhelligen Kritikverständnis gelangen, wenn schon die Kriterien, die wir an Literatur anlegen, manchmal gänzlich unvereinbar sind? (Anmerkungen zur inneren Zerrissenheit der Redaktion sind an dieser Stelle nicht umsonst sehr beliebt.) Weshalb sollte überhaupt das Kritikverständnis der Redaktion wichtig sein – wichtiger als jenes der KritikerInnen und LeserInnen? Während mich der Vorwurf des Ulks, dem wir gelegentlich begegnen, kalt lässt («Bis heute greift der Reflex, dass mit Kunst, die lustig ist, doch irgendetwas nicht stimmen könne») ist dieser anything-goes-Vorwurf irgendwie… unbequemer. Vielleicht, weil er weder abzuweisen noch wirklich zutreffend ist. Vielleicht auch, weil der Eindruck entsteht, dass er die Aufgabe, derer delirium sich annimmt, verkennt. Würde eine feste Bestimmung dessen, was als «gute» Kritik zählt und was nicht, nicht auch das, was wir voranzutreiben versuchen – nämlich eine Diskussion über die Beurteilung von Literatur und Kritik – beenden? («Bestimmt man denn, wie Kritik sein soll, wenn man verneint, was nicht Kritik ist?» – Natürlich). Und ist diese Diskussion, gerade in der Postmoderne, nicht das eigentlich Notwendige? Nicht zuletzt deshalb, weil die Frage nach Ein-/Ausgrenzung, Definitionsmacht und dem Umgang mit Meinungen bei weitem nicht nur die Literatur betrifft. Der Vorwurf ähnelt für mich der Erwartung, wir hätten uns für etwas zu entscheiden – nicht weil die beste oder überhaupt eine Lösung gefunden worden wäre, sondern weil man mit dem Problem nicht klarkommt. Damit, dass immer wieder von neuem ausgehandelt werden sollte, mit welchen Kriterien und aus welcher Position man urteilt, weil es ausser in radikalisierten Weltbildern (links wie rechts) so etwas wie eindeutige und unveränderliche Kategorien von «gut» und «schlecht» nicht gibt. (Wie weltfremd und gefährlich es ist, sich in konstruierte Klarheit zu flüchten, versteht sich hoffentlich von selbst). Und mal abgesehen davon, dass verbindliche Kriterien für Kritiken das Ende unserer Debatte um Kritik bedeuten würden – wäre das nicht irgendwie auch echt langweilig? delirium heisst: jede Kritik ist eine Überraschung. Man kann Überraschungen generell nicht mögen oder von ihnen enttäuscht werden, aber selbst dann sind sie uns lieber, als Texte, die man gar nicht lesen muss, um zu wissen, was drinsteht. Deshalb präsentieren wir euch auch in dieser Ausgabe wieder fünf Überraschungseier. (Sowie Monster, Raumfahrtprojekte, Nicht-Sonette im Kranz, handlungsarme Einbrüche und einen Literaturvernichter).

Laura Basso

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