Fasanenhäppchen

Welcher Teufel hat mich nur geritten, als ich dachte, es wäre lustig zu versprechen, diese Kritik zu schreiben? Jetzt schreit sie danach, abgegeben zu werden, und es gibt sie noch gar nicht. «Gute Prosa ist wie eine Fensterscheibe. George Orwell», google ich, und unter «Das wird Sie auch interessieren» buttert das Internet mir noch unter: «Ein Dichter schöpft die Tragik aus seiner eigenen Seele, der Seele, die allen Menschen gleicht. William Butler Yeats.» Wer’s glaubt. Daniel Grohé jedenfalls nicht. Prosa soll da kein Fenster sein, was immer das heissen mag, eher ein Spiegel, aber nicht ein so klargeputzter, dass er die Spiegelung einen Moment vergessen lässt, sondern ein endlos sich spiegelnder, so dass der kleine Unterschied zur Realität, dass rechts links ist und umgekehrt, längst wieder erneut verkehrt worden ist. Gewaschen mit allen Wassern der Metafiktionalität und Autoreferenzialität.

Na toll. Was habe ich da als Kritiker noch verloren? Denn wie es nicht anders sein kann, enthält der Text Thyestes‘ Kinder auch seine eigene Kritik, und zwar eine so geistreiche, wie sie dem Text nur schmeicheln kann: Die Übererfüllung der delirium-Vorgaben wird zur raffinierten kleinen Revolte gewendet. «Ich weiss nicht, was ich von diesem Text halten soll. Die von der Zeitschrift geforderten Bezüge liefert er nicht nur, ja er klatscht sie dem Leser einen nach dem andern ins Gesicht, wie um zu sagen: ‹Schaut her, wie albern eure Vorschriften sind!›» Und natürlich ist diese Kritik des Textes, der an dieser Stelle in dieser Kritik besteht, gestopft voll von solchen Bezügen: Yasmin und Golo kennen wir aus delirium, Raul Sobasa ist delirium-Autor, und die Drohung: «Man sollte diesen Kerl von Enten totwatscheln lassen», haben wir delirium-Leser auch noch in den und um die Ohren.

Aber woher kommt der Knall? So könnte ein Schulaufsatz beginnen. Ein Urknall sozusagen, zu einer Weltentstehung, die zuletzt nichts ist als lauter Spiegelungen und Spiegeleien, in denen ich mich als Leser manchmal von hinten erblicke wie in einem Dalì-Bild und dann wieder aus den Augen verliere? «Ich schrecke aus meinen Gedanken, als ich den Knall höre.» Diese tiefen «Gedanken» kennen wir aber schon; es handelt sich um Folgendes: «Wie nennt man Tagträume um zehn Uhr abends?» Nach dem Knall ist nichts zu sehen. Nichts geschah bis zum Knall, und dann geschieht auch nichts. Er kam vielleicht gar nicht aus dem Gebäude. Er war wohl nur eingebildet, es gab keinen Knall… Toll, eine Geschichte, die sich selbst webt und gleichzeitig auflöst, ein Text aus – mühsames Bild, aber auch das nur Zitat – «nassen Wollfäden», der seine Langweiligkeit selber geistreich reflektiert und dadurch überhaupt nicht mehr langweilig ist.

Hier räume ich meine Sachen zusammen, ordne die spitzen Stifte auf dem Pult und werde die von aussen mit «Kritik» scheinbar für mich verkehrt herum beschriftete Bürotür gleich abschliessen. Voraussehbar war es ja, dass der Kritiker in diesem Text selber noch auftreten muss, und zwar in einer klischeehaften Verzerrung, die meiner bescheidenen Lebensführung und meinem asketischen Lebenswandel Hohn spricht: «Eine Gruppe dicker Kritiker», natürlich sind sie dick, «die am Tisch laut schmatzend die aktuellsten Bücher verreisst, während sie ihre Fasanenhäppchen in Estragon-Sosse tunken.» Was mich ärgert, ist weniger die Tatsache, dass ich weder weiss, wie so ein Häppchen noch wie Estragon-Sauce schmeckt, als vielmehr die Erinnerung: Diese Fasane kamen ja auch schon in delirium vor, und zwar als «mit kleineren Fasanen gefüllte Fasane». Mise-en-abyme auf Schritt und Tritt. Würde mich nicht wundern, wenn jene «zwei dicht beschriebenen Blätter», die Yasmin dem Schmiere stehenden Protagonisten «unter die Nase» hält, genau der Text wäre, den wir hier vor der Nase haben.

Diese Literatur wartet nicht auf das Dazukommen von Kritik. Sie enthält die Kritik, sie realisiert sich als Kritik, und vielleicht war der rätselhafte Knall nur jener, mit dem die Kritik die literarische Überschallmauer durchbrochen hat. Ich brauche hier nur an das Bild zu erinnern, mit dem Friedrich Schlegel das Wesen der Kritik umrissen hat: «Es ist darum bestellt wie in dem bekannten Volksmärchen vom rennenden Hasen und dem Igel, der am Ende der Laufbahn schon da ist und rufet: ‹Ik bin alhier!›», oder an den Witz, mit dem Harold Bloom in seinen Seminaren das Verhältnis von Literatur und Kritik klar zu machen pflegte. «Warum wedelt der Hund mit dem Schwanz? Weil der Hund grösser ist als der Schwanz. Sonst würde der Schwanz mit dem Hund wedeln.» Oder noch eine Formel: «Thyestes‘ Kinder».

Dieser Titel ist natürlich nur ein Köder, den der Autor dem arglosen Kritiker umsichtig ausgeworfen hat, damit er sich darin festbeisst und glücklich ist, einen lockenden Tiefsinn ergründen und ergründeln zu können, während der Text in totaler – aber verspiegelter – Zweidimensionalität längst ungeschoren weg- und davongekommen ist. Um Thyestes‘ Kinder steht es nämlich so. Es sind deren drei. Zwei Söhne, die ihm von seinem Bruder Atreus – als Rache dafür, dass Thyestes ihn mit seiner Frau betrogen hatte – als Mahlzeit vorgesetzt wurden und die er aufass. Und eine Tochter, mit der er einen Sohn, der also auch sein Enkel war, zeugte, damit dieser (es war Aigisthos) nach dem Spruch des Orakels Atreus töten würde. Das dürfte reichen, um zu verstehen, dass Thyestes‘ Kinder ein geistreicher Titel für ein self-consuming artefact wie diesen Text ist.

Ich schliesse die Türe ab und schaue, mehr gewohnte Geste als Neugier, noch kurz aufs Handy. Und bin auf einmal ganz aufmerksam. Ist mir die NZZ mit der Kritik zuvorgekommen? Ich überfliege:

«… fasziniert zunächst durchaus, erweist sich dann aber als banal, repetitiv und ertraglos. Einprägsame Figuren sucht man ebenso vergeblich wie epiphanische Augenblicke. Der junge Autor hat das ernsthafte Problem, … mit seiner planen Art des Erzählens keine symbolischen Prozesse auslösen zu können… wo sich ihm die Fiktion nicht erschliesst, verwirft er sie lieber trotzig ganz. Geschickt … aus seiner literarischen Not eine schriftstellerische Schlaumeierei gemacht… unser Max Frisch: Erst indem er sein Leben… vermochte er es in Literatur zu verw… Was die Wahrnehmung menschlicher Abgründe betrifft… Max… ist dieses Stück Literatur weitgehend laue Luft. … unter die Haut geht sie nicht… daraus lernen? Doch immerhin dies: Kunst ist keine Mode, kein Kinderkram und kein Schaumbad – was oft genug aus Schmerz entsteht, will auch im Zeichen des Schmerzes weitergetragen sein. Wenn Literatur die Horizonte des Daseins weiter aufreissen soll, muss … Frisch…»

Ich scrolle bis zum Ende und wieder hinauf: «Welthaltig ist sein Schreiben trotz der Stofffülle nicht – auf sich selbst fixiert, tigert er im Vorhof der Literatur herum.» Ich muss lachen. «Was, gibt es das noch, den Vorhof der Literatur?»

Noch kurz checken, ob nicht wieder ein kleiner Grosskritiker, ein Literaturpäpstchen das Zeitliche gesegnet hat. Und ob nicht plangemäss schon dieses an- und abläuft: dass, nachdem der vor Weltfülle dicke Körper, aus dem das pralle Leben und die menschlichen Abgründe gewichen sind, aufgefunden worden ist, die Presse von Beteuerungen widerhallt, wie viel und wie Unersetzliches der unermüdliche Popularisator für die Sache der Literatur geleistet habe. Die Wahrheit ist: Niemand hat der Sache der Literatur je so sehr und so gründlich geschadet wie er und seinesgleichen. Wovon er schmatzend geredet hat, das waren Fasanenhäppchen. Literatur war einfach nie das Heiligtum, in dessen Vorhof er kniend anstand. In Literatur fällt man rein und durch.

Heiner Weidmann

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