Figuren der Versenkung

Die Ethik, die uns rettet, ist noch nicht erfunden worden. Ich kann mich nicht auf kollektive Moralvorstellungen berufen, wenn ich mich solidarisch mit Édace Imbre erkläre. Den armen Kerl hat ein trauriges Los getroffen: die Ironie. Er ist als Schriftsteller erfunden worden, der eigentlich keiner ist und so schnell wieder vergessen gehen sollte, wie er aufgetaucht ist.

Auch ich bin Fiktion. Geboren als Pseudonym, vernichtet für meine Unfähigkeit, wiederauferstanden als Figur. Seither finde ich mich in kurzen Erzählungen wieder, in denen ich als unsympathischer Vorleser auftrete, der sein Publikum aufs Übelste beschimpft und dafür unverstandenen Applaus erntet. Wie Imbre bewege ich mich auf der anderen Seite des Papiers, friste ein diskontinuierliches Leben zwischen den Imaginationswelten unserer Lesenden.

Nun habe ich die Gelegenheit erhalten, das Papier durchlässiger zu machen. Ich will meine Chance nutzen. Die Fiktion schlägt zurück.

Demian Lienhard scheint es zunächst gut mit meinem Kollegen zu meinen. Kaum ins Leben gerufen, erhält Imbre den Nobelpreis für Literatur. Der «Meister des Schweigens», wie ihn die Jury ehrfürchtig nennt, wird für seine Verdienste honoriert, den Literaturbetrieb stiller gemacht zu haben. Schweigen solle wieder eine Tugend werden, so Imbre. Ihm sei Dank haben viele talentierte und untalentierte Schriftsteller_innen nie den Weg auf den Buchmarkt geschafft. Viel geschrieben hat er indes nicht, seine Trilogie des Schweigens ist unter leeren Buchnummern erschienen.

Eigentlich darf sich Imbre in populärer Gesellschaft schätzen. In ihrem Essay «Die Ästhetik des Schweigens» postuliert Susan Sontag 1967: «Die Kunst unserer Zeit plädiert lauthals für Stille». Wenngleich sich Autoren wie Rimbaud, Wittgenstein und Duchamp vom Schreiben abgewandt haben, um tatsächlich nicht mehr sprechen zu müssen, so habe doch diese Abkehr, stellt Sontag fest, den gegenteiligen Effekt, dass ihre Schriften mit umso grösserer Autorität aufgefasst würden. Schweigen stellt den antizipierten Hintergrund dar, vor dem wir Gesagtes, Gehörtes, Wahrgenommenes überhaupt begreifen können. So sieht sie in den Arbeiten ihrer Zeitgenoss_innen, wie Samuel Beckett und John Cage, im Schweigen, in der Leere und der Reduktion Strategien, «die entweder ein unmittelbares, sinnlicheres Erleben von Kunst befördern oder das Kunstwerk auf eine bewusstere, konzeptuellere Weise angehen». Je mehr wir also schweigen, desto schwerer wiegt die Bedeutung dessen, was noch da ist.

Doch dürfen wir Imbre wirklich dazuzählen? Steht uns mit ihm ein Zeitgenosse gegenüber, der mit gleicher Ernsthaftigkeit die Idee einer schweigenden Kunst vertritt? Sprechen aus seinen Anstrengungen die Liebe zur Bedeutung und die Achtung vor dem geäusserten Wort? Nein. Imbre treibt nicht die Ästhetik des Schweigens an, sondern die Lust am Schaden. Der grassierenden Schreibwut seiner Kolleg_innen Einhalt zu gebieten, ist ihm Zweck genug, dahinter verstecken sich keine höheren Motive. Er ist allenfalls ein von Ressentiment gegenüber dem Literaturbetrieb geplagter Mann, der sich für sich selbst bessere Chancen erhofft, wenn er andere Kolleg_innen aus ihrer Berufung schwatzen kann. Und er hat Erfolg damit. Die Schwedische Akademie würdigt seinen Dekonstruktivismus mit der höchsten literarischen Auszeichnung.

Eine Figur ist nicht nur eine Figur. Wie die Literaturwissenschaft nicht müde wird herauszustreichen, erfüllen wir innerhalb unserer fiktionalen Umgebung bestimmte Funktionen, vertreten Ideale, stürzen uns, mehr oder weniger offensichtlichen Motiven folgend, ins Unglück. So auch Imbre, nur geniesst er das Glück, Teil eines zynischen Textes zu sein, indem unsympathische Figuren oftmals triumphieren. Lienhard nutzt Imbre, um an seiner Auszeichnung die vernichtende Kraft des Literaturbetriebs zu kritisieren. Hinterhältige Verlage, undurchsichtige Stipendien, hanebüchene Plagiatsvorwürfe – für all dies zeichnet Imbre Verantwortung und all dies erreicht er, «ohne dafür die Schranken des Gesetzes übertreten zu müssen». Dass die Laudatio ihn gleichzeitig als Mephisto des Literaturbetriebs feiert, lässt ein epigonales Literaturverständnis mit struktureller Starrheit verschmelzen, die sich in unzweifelhaftem Recht sieht, neue literarische Versuche als krank zu bezeichnen.

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, inwiefern Lienhard seine Kritik grundsätzlich gegen den Zustand des heutigen Literaturbetriebs richtet oder im Speziellen auf die Kritik-Debatte im delirium selber einzugehen versucht. Das mögen unsere Lesenden für sich entscheiden. Was mich als gleichfalls literarische Figur zur Solidarität mit einem Kollegen antreibt, den ich für seine Einstellung zur Literatur eigentlich verabscheue, ist die Plumpheit, mit der Lienhard Imbre entworfen hat.

Imbre ist ein mieser Charakter. Ausgestattet mit der Trotzigkeit eines Jugendlichen, der sich konventioneller gebiert als seine Eltern. Sich auf der weltweit grössten Buchmesse darüber zu beklagen, dass eine unüberschaubare Masse an Literatur veröffentlicht wurde, erinnert mich an meine eigene Jugend, in der ich aus mangelndem Überblick die gesamte Berner Literaturszene verdammte. Doch letztlich ist es nicht dieses Schlüsselerlebnis, mit dem Lienhard seinen Imbre der Lächerlichkeit preisgibt, sondern die Tatsache, dass er ihn gedanklich nicht darüber hinauswachsen lässt.

Wie viele ernstzunehmende Literat_innen lassen sich bitte aus der Literatur hinausreden? Wie viele Autor_innen kennt die Geschichte, die unter hohem Alkoholeinfluss das Schreiben vergessen hätten? Auch ein Verlag, der Bücher annimmt und nicht publiziert, wird niemanden aufhalten, einen neuen Verlag zu suchen. Imbres Unternehmungen entpuppen sich als unkreative Pseudomassnahmen.

«Das ist doch Ironie!» Ja, das ist es, aber ich sage: eine schlechte, eine zerstörerische. Eine Ironie, die genauso schädlich für die Literatur ist wie der Literaturbetrieb, für den Imbre steht. Eigentlich ist es Ironie genug, dass ein schadenfreudiger, unpublizierter und wenig schreibender Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhält – vergessen wir nicht, dass Alfred Nobels Testament den Preis jenen zudenkt, «die der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben». Doch indem Lienhard Imbre als Farce der Idee darstellt, die Imbre verkörpern könnte, nimmt er seine eigene Figur zurück und mit ihr jede Reibungsfläche. Ihr könnt lachen über den Literaturbetrieb, über Imbre, weil Ihr sicher seid, geistig über dem von Lienhard portraitiertem Niveau zu stehen. Nichts an diesem Text fordert Euch heraus. Er rutscht in biedere Gefälligkeit.

Auf diese Weise wird Ironie zu einem blossen Selbstschutz, zu einem Bollwerk, hinter dem Ihr Autor_innen Euch unangreifbar wähnt. Glaubt das nicht. Es ist zu einfach, Ironie als Entschuldigung für einfallslose Entwürfe zu missbrauchen. Steht zu Euren Figuren – sonst ziehen wir Euch mit in die Versenkung, in die Ihr uns verbannt.

Ibrahim Flachskap

(ein Figur von Thibault Schiemann)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: